"Stalin"

Werke

Band 5

ZUM ZEHNTEN JAHRESTAG DER "PRAWDA"

(Erinnerungen)

1. DIE LENA-TAGE

Die Lena-Tage waren das Resultat des Stolypinschen Regimes der "Befriedung". Die jungen Parteimitglieder haben natürlich die Herrlichkeiten dieses Regimes nicht erlebt und erinnern sich ihrer nicht. Was die Alten betrifft, so erinnern sie sich wohl der Strafexpeditionen verfluchten Angedenkens, der räuberischen Überfälle auf die Arbeiterorganisationen, der Massenauspeitschung der Bauern und - als Deckmantel für all das - der Puma der Schwarzhunderter und Kadetten. Knebelung des gesellschaftlichen Denkens, allgemeine Ermüdung und Apathie, Not und Verzweiflung unter den Arbeitern, geduckte und eingeschüchterte Bauern und allgemeines Wüten der polizeilich-gutsherrlich-kapitalistischen Meute - dies waren die charakteristischen Züge der Stolypinschen "Befriedung".

Einem oberflächlichen Beobachter hätte es scheinen können, die Epoche der Revolutionen sei endgültig vorbei, eine Periode "konstitutioneller" Entwicklung Rußlands nach preußischer Manier sei angebrochen. Die menschewistischen Liquidatoren schrien das offen aus und predigten, es sei notwendig, eine Stolypinsche legale Arbeiterpartei zu organisieren. Ja, einige alte "Bolschewiki", deren Herz dieser Predigt aufgetan war, verließen beizeiten die Reihen unserer Partei. Der Triumph der Knute und des Obskurantismus war vollständig. "Grauenhafte Verödung" - so wurde damals das politische Leben Rußlands charakterisiert.

Die Lena-Tage brachen wie ein Gewittersturm in diese "grauenhafte Verödung" ein und entrollten für alle ein neues Bild. Es stellte sich heraus, dass das Stolypinregime gar nicht so stabil war, dass die Duma bei den Massen auf Verachtung stieß und die Arbeiterklasse genügend Energie in sich angesammelt hatte, um sich in den Kampf um eine neue Revolution stürzen zu können. Die Niederschießung von Arbeitern in einem entlegenen Winkel Sibiriens (Bodaibo an der Lena) genügte, damit Rußland von einer Streikwelle erfasst wurde, das Petersburger Proletariat auf die Straße ging und mit einem Streich den prahlerischen Minister Makarow mit seiner frechen Losung "So war es und so wird´s bleiben" hinwegfegte. Das waren die ersten Vorboten der einsetzenden machtvollen Bewegung. Die "Swesda"[36] hatte recht, als sie damals rief: "Wir leben, unser rotes Blut kocht vom Feuer unverbrauchter Kräfte..." Der Aufschwung einer neuen revolutionären Bewegung war da.

In den Wogen dieser Bewegung wurde auch die proletarische Massenzeitung "Prawda" geboren.

2. DIE GRÜNDUNG DER "PRAWDA"

Es war Mitte April 1912, abends, in der Wohnung des Genossen Poletajew, wo zwei Dumaabgeordnete (Pokrowski und Poletajew), zwei Literaten (Olminski und Baturin) und ich, Mitglied des ZK (ich, als Illegaler, saß bei dem "immunen" Poletajew im "Asyl"), uns über die Plattform der "Prawda" verständigten und die erste Nummer der Zeitung zusammenstellten. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Demjan Bjedny und Danilow, engste Mitarbeiter der "Prawda", an dieser Beratung teilnahmen.

Die technischen und materiellen Voraussetzungen für die Zeitung waren bereits gegeben, dank der Agitation der "Swesda", den Sympathien der breiten Massen der Arbeiter und den freiwilligen Massenspenden für die "Prawda" in den Werken und Fabriken. Die "Prawda" war wahrlich das Resultat der Anstrengungen der Arbeiterklasse Rußlands und vor allem Petersburgs. Ohne diese Anstrengungen hätte sie nicht existieren können.

Die Physiognomie der "Prawda" war klar: Die "Prawda" war berufen, die Plattform der "Swesda" unter den Massen zu popularisieren. "Wer die ´Swesda´ liest", schrieb die "Prawda" gleich in der ersten Nummer, "und ihre Mitarbeiter kennt, die auch die Mitarbeiter der ´Prawda´ sind, der begreift unschwer, in welcher Richtung die ´Prawda´ arbeiten wird."[37] Der Unterschied zwischen der "Swesda" und der "Prawda" bestand bloß darin, dass den Leserkreis der "Prawda" zum Unterschied vom dem der "Swesda" nicht nur die fortgeschrittenen Arbeiter, sondern die breiten Massen der Arbeiterklasse bildeten. Die "Prawda" sollte den fortgeschrittenen Arbeitern helfen, die zu neuem Kampf erwachten, aber politisch zurückgebliebenen breiten Schichten der russischen Arbeiterklasse um das Banner der Partei zu scharen. Gerade darum betrachtete die "Prawda" es damals als eine ihrer Aufgaben, Literaten aus der Mitte der Arbeiter selbst heranzubilden und sie in die Leitung der Zeitung einzubeziehen.

"Wir möchten", schrieb die "Prawda" gleich in der ersten Nummer, "dass sich die Arbeiter nicht auf die Sympathie beschränken, sondern an der Leitung unserer Zeitung aktiv mitarbeiten. Mögen die Arbeiter nicht sagen, Schriftstellerei sei für sie eine ´ungewohnte´ Arbeit: Die Arbeiterliteraten fallen nicht fertig vom Himmel, sie werden nur nach und nach, im Laufe der literarischen Arbeit herangebildet. Man muss nur mutig uns Werk gehen: ein paar Mal wird man stolpern, und dann lernt man schreiben ..."[38]

3. DIE ORGANISATORISCHE BEDEUTUNG
DER "PRAWDA"

Die "Prawda" erblickte das Licht der Welt in einer Entwicklungsperiode unserer Partei, in der die illegalen Organisationen ganz in den Händen der Bolschewiki waren (die Menschewiki waren daraus geflüchtet), während die Organisationen in ihren legalen Formen - Dumafraktion, Presse, Krankenkassen, Versicherungskassen, Gewerkschaften - noch nicht ganz den Menschewiki abgerungen waren. Es war die Periode des entschlossenen Kampfes der Bolschewiki für die Vertreibung der Liquidatoren (Menschewiki) aus den legalen Organisationen der Arbeiter-klasse. Die Losung, die Menschewiki "von ihren Posten abzusetzen", war damals die populärste Losung der Arbeiterbewegung. Auf den Seiten der "Prawda" wimmelte es von Meldungen darüber, dass Liquidatoren, die sich eine Zeitlang in den Versicherungsorganisationen, Krankenkassen und Gewerkschaften eingenistet hatten, daraus vertrieben wurden. Alle sechs Abgeordnetensitze der Arbeiterkurie wurden den Menschewiki abgerungen. In dem gleichen oder fast in dem gleichen hoffnungslosen Zustand befand sich auch die menschewistische Presse. Es war ein wahrhaft heroischer Kampf der bolschewistisch gestimmten Arbeiter um die Partei, denn die Agenten des Zarismus schliefen nicht, sie verfolgten die Bolschewiki und trachteten, sie zu vernichten; ohne legale Deckung war die in die Illegalität getriebene Partei nicht imstande, sich weiter zu entwickeln. Mehr noch, ohne Eroberung der legalen Organisationen hätte die Partei unter den damaligen politischen Verhältnissen nicht ihre Fühler nach den breiten Massen ausstrecken und diese um ihr Banner scharen können, wäre sie den Massen entfremdet worden und hätte sich in einen abgekapselten Zirkel verwandelt, der im eigenen Saft schmort.

Im Mittelpunkt dieses Kampfes für das Parteiprinzip, für die Schaffung einer Massenpartei der Arbeiter stand die "Prawda". Sie war nicht bloß eine Zeitung, die die Erfolge der Bolschewiki bei der Eroberung der legalen Arbeiterorganisationen zusammenfassend beleuchtete - sie war zugleich auch das organisierende Zentrum, das diese Organisationen um die illegalen Stützpunkte der Partei zusammenschloss und die Arbeiterbewegung auf ein bestimmtes Ziel hinlenkte. Genosse Lenin hatte schon in "Was tun?" (1902) geschrieben, dass eine richtig geführte gesamt-russische Kampf Zeitung nicht nur ein kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator sein muss. Eben zu einer solchen Zeitung wurde die "Prawda" in der Periode des Kampfes gegen die Liquidatoren, für die Erhaltung der illegalen Parteiorganisationen und die Eroberung der legalen Arbeiterorganisationen. Wenn es wahr ist, dass wir ohne den Sieg: über die Liquidatoren nicht die Partei besäßen, die stark durch ihre Geschlossenheit und unbesiegbar durch ihre Treue gegenüber dem Proletariat ist, die Partei, die den Oktober 1917 organisiert hat - so ist es ebenso wahr, dass die beharrliche und selbstlose Arbeit der alten "Prawda" diesen Sieg über die Liquidatoren in hohem Grade vorbereitet und beschleunigt hat. In diesem Sinne war die alte "Prawda" zweifellos der Vorbote der künftigen ruhmreichen Siege des russischen Proletariats.

"Prawda" Nr.98,
5. Mai 1922.
Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis