"Stalin"

Werke

Band 5

GENOSSE Lenin IN ERHOLUNG
NOTIZEN

Mir scheint, man sollte jetzt nicht über das Thema "Genosse Lenin in Erholung" schreiben, zu einer Zeit, da diese Erholung zu Ende geht und Genosse Lenin bald wieder zur Arbeit zurückkehrt. Außerdem habe ich so viele und so wertvolle Eindrücke, dass es nicht ganz zweckmäßig ist, über sie in Form einer kurzen Notiz zu schreiben, wie dies die Redaktion der "Prawda" verlangt. Dennoch muss darüber geschrieben werden, denn die Redaktion besteht darauf.

Ich begegnete gelegentlich an der Front alten Kämpfern, die einige Tage und Nächte "in einer Tour" ohne Rast und Schlaf in ununterbrochenen Kämpfen gestanden hatten, dann wie Schatten aus dem Kampf zurückkehrten, hinsanken wie umgemäht, "volle achtzehn Stunden" durchschliefen und sich dann nach der Rast erfrischt zu neuen Kämpfen erhoben, ohne die sie "nicht leben können". Als ich im Juli, nach anderthalb Monaten, Genossen Lenin zum erstenmal wiedersah, machte er auf mich eben den Eindruck eines alten Kämpfers, der sich nach aufreibenden ununterbrochenen Kämpfen hat erholen können und nach der Erholung frischer geworden ist. Frisch und wiederhergestellt, aber mit Spuren der Ermüdung, der Überanstrengung.

"Ich darf keine Zeitungen lesen", bemerkt Genosse Lenin ironisch, "ich darf nicht über Politik sprechen, ich mache sorgfältig einen Bogen um jedes Stück Papier, das auf dem Tisch herumliegt, aus Furcht, es könnte eine Zeitung sein und es könnte zu einem Disziplinbruch kommen."

Ich muss lachen und spende der Diszipliniertheit des Genossen Lenin höchstes Lob. Zugleich aber machen wir uns über die Ärzte lustig, die nicht verstehen können, dass es Berufspolitikern, denen eine Zusammenkunft gewährt ist, unmöglich ist, nicht über Politik zu sprechen.

Der Heißhunger, mit dem Genosse Lenin Fragen stellt, und sein Arbeitsdrang, sein unüberwindlicher Arbeitsdrang sind erstaunlich. Man sieht, dass er ausgehungert ist. Der Prozess gegen die Sozialrevolutionäre[39], Genua und Haag[40], die Ernteaussichten, die Industrie und die Finanzen - alle diese Fragen kommen der Reihe nach zur Sprache. Er beeilt sich nicht, seine Meinung zu sagen, und klagt, er sei hinter den Ereignissen zurückgeblieben. Er stellt hauptsächlich Fragen und lässt sich kein Wort entgehen. Sehr lebendig wurde er, als er erfuhr, dass die Ernteaussichten gut sind.

Ein ganz anderes Bild bot sich mir nach einem Monat. Dieses Mal fand ich Genossen Lenin von einem Berg von Büchern und Zeitungen umgeben (man hatte ihm erlaubt, unbeschränkt zu lesen und über Politik zu sprechen). Von Ermüdung und Überanstrengung keine Spur mehr. Die Anzeichen nervösen Arbeitsdranges sind verschwunden, der Heißhunger ist gestillt. Ruhe und Sicherheit sind völlig zurückgekehrt. Es ist unser alter Lenin , der, ein Auge zugekniffen, den Gesprächspartner verschmitzt anblickt...

Daher ist auch unser Gespräch diesmal lebhafter.

Die innere Lage... Die Ernte... Der Zustand der Industrie... Der Rubelkurs ... Der Staatshaushalt...

"Die Lage ist schwer. Aber die schwersten Tage liegen hinter uns. Die Ernte macht die Sache von Grund aus leichter. Nach der guten Ernte muss eine Besserung in Industrie und Finanzen eintreten. Es handelt sich jetzt darum, den Staat von unnützen Ausgaben zu befreien, und zwar durch Einschränkung und qualitative Verbesserung unserer Institutionen und Betriebe. Dabei ist besondere Festigkeit notwendig, und dann kommen wir durch, kommen wir sicher durch."

Die außenpolitische Lage... Die Entente... Die Haltung Frankreichs... England und Deutschland... Die Rolle Amerikas... "Gierig sind sie, und sie hassen einander tief. Sie werden sich in die Haare geraten. Wir brauchen uns nicht zu beeilen. Unser Weg ist richtig: Wir sind für Frieden und Verständigung, aber wir sind gegen Knechtschaft und knechtende Bedingungen der Verständigung. Wir müssen das Steuer fest in der Hand halten und unseren Kurs verfolgen, wir dürfen uns weder durch Schmeicheleien noch durch Einschüchterungen beeinflussen lassen."

Die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, ihre wütende Agitation gegen Sowjetrußland...

"Ja, sie haben sich zum Ziel gesetzt, Sowjetrußland zu diskreditieren. Sie erleichtern den Imperialisten den Kampf gegen Sowjetrußland. Sie sind in den Sumpf des Kapitalismus geraten und gleiten in den Abgrund. Mögen sie nur zappeln. Für die Arbeiterklasse sind sie schon lange tot."

Die weiße Presse... Die Emigration... Die unglaublichen Legenden, dass Lenin gestorben sei, mit Beschreibung von Einzelheiten...

Genosse Lenin lächelt und bemerkt: "Mögen sie nur lügen und sich trösten, man soll Sterbenden nicht den letzten Trost nehmen."

15. September 1922.

Genosse Lenin in Erholung.
Illustrierte Beilage der "Prawda" Nr. 215,
24. September 1922.
Unterschrift: J. Stalin.

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