"Stalin"

Werke

Band 5

ZUR FRAGE DER STRATEGIE UND TAKTIK
DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN[51]

Dem vorliegenden Artikel liegen Vorträge "Über die Strategie und Taktik der russischen Kommunisten" zugrunde, die ich zu verschiedenen Zeiten im Arbeiterklub des Stadtbezirks Presnja und vor der Fraktion der Kommunisten in der Swerdlow-Universität[52] gehalten habe. Wenn ich mich entschlossen habe, ihn zu veröffentlichen, so nicht nur, weil ich verpflichtet zu sein glaube, den Wünschen der Presnjaer Genossen und der Swerdlowstudenten entgegenzukommen, sondern auch, weil mir der Artikel selbst für die junge Generation unserer Parteiarbeiter nicht ohne Nutzen zu sein scheint. Ich halte es jedoch für notwendig, den Vorbehalt zu machen, dass der Artikel keinen Anspruch erhebt, irgendetwas wesentlich Neues im Vergleich zu dem zu bringen, was von unseren führenden Genossen schon einige Male in der russischen Parteipresse gesagt worden ist. Der vorliegende Artikel muss als eine gedrängte und schematische Darlegung der Grundansichten des Genossen Lenin betrachtet werden.

I
EINLEITENDE BEGRIFFE

1. Zwei Seiten der Arbeiterbewegung

Die politische Strategie befasst sich, ebenso wie die Taktik auch, mit der Arbeiterbewegung. Aber die Arbeiterbewegung selbst besteht aus zwei Elementen: dem objektiven oder spontanen Element und dem subjektiven oder bewussten Element. Das objektive, spontane Element bildet diejenige Gruppe von Prozessen, die unabhängig vom bewussten und regulierenden Willen des Proletariats vor sich gehen. Die ökonomische Entwicklung des Landes, die Entwicklung des Kapitalismus, der Zerfall der alten Staatsmacht, die spontanen Bewegungen des Proletariats und der Klassen, die es umgeben, die Zusammenstöße der Klassen und anderes - das alles sind Erscheinungen, deren Entwicklung nicht vom Willen des Proletariats abhängt, das bildet die objektive Seite der Bewegung. Die Strategie hat mit diesen Prozessen nichts zu tun, denn sie kann sie weder aufheben noch ändern, sie kann nur mit ihnen rechnen und von ihnen ausgehen. Dies ist ein Gebiet, das durch die Theorie des Marxismus und das Programm des Marxismus erforscht wird.

Aber die Bewegung hat noch eine subjektive, bewusste Seite. Die subjektive Seite der Bewegung bildet die Widerspiegelung der spontanen Prozesse der Bewegung in den Köpfen der Arbeiter, bildet die bewusste und planmäßige Bewegung des Proletariats auf ein bestimmtes Ziel hin. Diese Seite der Bewegung ist eigentlich gerade dadurch von Interesse für uns, dass sie, zum Unterschied von der objektiven Seite der Bewegung, vollständig der lenkenden Einwirkung der Strategie und Taktik unterliegt. Ist die Strategie nicht imstande, irgend etwas am Verlauf der objektiven Prozesse der Bewegung zu ändern, so ist umgekehrt hier, auf der subjektiven, bewussten Seite der Bewegung der Anwendungsbereich der Strategie breit und mannigfaltig, denn die Strategie kann die Bewegung beschleunigen oder verzögern, kann sie auf den kürzesten Weg leiten oder auf einen schwierigeren und schmerzhafteren Weg ablenken, je nach der Vollkommenheit oder den Mängeln der Strategie selbst.

Beschleunigung oder Verzögerung der Bewegung, ihre Erleichterung oder Hemmung - das sind die Sphäre und der Anwendungsbereich der politischen Strategie und Taktik.

2. Die Theorie und das Programm des Marxismus

Die Strategie selbst befasst sich nicht mit der Erforschung der objektiven Prozesse der Bewegung. Nichtsdestoweniger ist sie verpflichtet, diese Prozesse zu kennen und sie richtig einzuschätzen, wenn sie bei der Leitung der Bewegung nicht gröbste und verderbliche Fehler begehen will. Mit der Erforschung der objektiven Prozesse der Bewegung befasst sich vor allem die Theorie des Marxismus und dann auch das Programm des Marxismus. Darum muss sich die Strategie voll und ganz auf die Ergebnisse der Theorie und des Programms des Marxismus Mützen.

Die Theorie des Marxismus, die die objektiven Prozesse des Kapitalismus in ihrer Entwicklung und ihrem Absterben erforscht, gelangt zu dem Schluss, dass der Sturz der Bourgeoisie und die Ergreifung der Macht durch das Proletariat unvermeidlich sind, dass der Kapitalismus unweigerlich durch den Sozialismus abgelöst wird. Die proletarische Strategie kann nur dann als wirklich marxistisch bezeichnet werden, wenn diese wichtigste Schlussfolgerung der Theorie des Marxismus ihrer Arbeit zugrunde gelegt wird.

Das Programm des Marxismus legt, ausgehend von den Ergebnissen der Theorie, die Ziele der proletarischen Bewegung fest, die in den Programmpunkten wissenschaftlich formuliert sind. Das Programm kann entweder auf die ganze Periode der kapitalistischen Entwicklung berechnet sein, wobei es den Sturz des Kapitalismus und die Organisierung der sozialistischen Produktion im Auge hat, oder auf eine bestimmte Phase In der Entwicklung des Kapitalismus, zum Beispiel auf die Beseitigung der Überreste des feudal-absolutistischen Regimes und die Schaffung von Bedingungen für eine freie Entwicklung des Kapitalismus. Dementsprechend kann das Programm aus zwei Teilen bestehen: einem Maximal- und einem Minimalprogramm. Es versteht sich von selbst, dass eine Strategie, die auf den Minimalteil des Programms berechnet ist, sich unbedingt von der Strategie unterscheiden muss, die auf seinen Maximalteil berechnet ist, wobei die Strategie nur dann als wirklich marxistisch bezeichnet werden kann, wenn sie sich in ihrem Wirken von den im Programm des Marxismus formulierten Zielen der Bewegung leiten lässt.

3. Die Strategie

Die wichtigste Aufgabe der Strategie ist die Festlegung der Grundrichtung, in der die Bewegung der Arbeiterklasse verlaufen soll und in der es für das Proletariat am vorteilhaftesten ist, zur Erreichung der im Programm gestellten Ziele den Hauptschlag gegen den Gegner zu führe Der Plan der Strategie ist der Plan der Organisierung des entscheidenden Schlages in der Richtung, in der dieser Schlag am schnellsten ein Höchstmaß von Resultaten ergeben kann.

Die Grundzüge der politischen Strategie ließen sich ohne besondere Mühe umreißen, wenn man zu einer Analogie mit der militärischen Strategie griffe, zum Beispiel in der Periode des Bürgerkriegs zur Zeit des Kampfes gegen Denikin. Alle erinnern sich an das Ende des Jahres 1919, als Denikin vor Tula stand. Zu jener Zeit kam es unter den Militärs zu interessanten Diskussionen darüber, von wo aus der entscheidende Stoß gegen die Armeen Denikins geführt werden sollte. Ein Teil der Militärs schlug vor, als Hauptrichtung des Stoßes die Linie Zarizyn-Noworosijsk zu wählen. Der andere Teil dagegen schlug vor, den entscheidend Stoß auf der Linie Woronesh-Rostow zu führen, um durch den Vormarsch auf dieser Linie die Armee Denikins in zwei Teile zu spalten und dann jeden dieser Teile einzeln zusammenzuschlagen. Der erste Plan hatte zweifellos seine positive Seite in dem Sinne, dass durch die Einnah von Noworossijsk, worauf der Plan berechnet war, den Armeen Denikins der Rückzugsweg abgeschnitten worden wäre. Er war jedoch einerseits unvorteilhaft, weil er unsern Vormarsch durch Bezirke (das Dongebiet vorsah, die der Sowjetmacht feindlich gesinnt waren, und somit große Opfer erforderte; anderseits war er gefährlich, weil er den Armeen Denikins den Weg über Tula, Serpuchow nach Moskau geöffnet hätte. Der zweite Plan des Hauptstoßes war der einzig richtige, denn er sah einerseits den Vormarsch unserer Hauptgruppe durch Gebiete (Gouvernement Woronesh-Donezbecken) vor, die mit der Sowjetmacht sympathisierten, und erforderte infolgedessen keine besonderen Opfer; anderseits durchkreuzte er die Operationen der Hauptgruppe der Denikintruppen, die auf Moskau marschierten. Die meisten Militärs sprachen sich für den zweiten Plan aus, und dadurch wurde der Ausgang des Krieges gegen Denikin entschieden.

Mit anderen Worten: Die Richtung des Hauptschlags festlegen bedeutet, den Charakter der Operationen für die ganze Periode des Krieges vorausbestimmen, somit also zu neun Zehnteln den Ausgang des ganzen Krieges vorausbestimmen. Darin besteht die Aufgabe der Strategie.

Das gleiche ist über die politische Strategie zu sagen. Der erste ernsthafte Zusammenstoß zwischen den politischen Führern des Proletariats Rußlands in der Frage der Hauptrichtung der proletarischen Bewegung Land zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, zur Zeit des Russisch-japanischen Krieges, statt. Bekanntlich vertrat ein Teil unserer Partei (die Menschewiki) damals die Ansicht, dass die Hauptrichtung der Bewegung des Proletariats in seinem Kampf gegen den Zarismus auf der Linie des Blocks zwischen dem Proletariat und der liberalen Bourgeoisie verlaufen müsse, so dass die Bauernschaft als ein höchst wichtiger revolutionärer Faktor aus dem Plan ausgeschlossen oder fast ausgeschlossen wurde, während die führende Rolle in der revolutionären Gesamtbewegung der liberalen Bourgeoisie eingeräumt wurde. Der andere Teil der Partei (die Bolschewiki) behauptete dagegen, dass der Hauptschlag auf der Linie des Blocks des Proletariats mit der Bauernschaft erfolgen müsse, wobei die Rolle des Führers der revolutionären Gesamtbewegung dem Proletariat eingeräumt, die liberale Bourgeoisie aber neutralisiert werden müsse.

Betrachtet man in Analogie zu dem Krieg gegen Denikin unsere gesamte revolutionäre Bewegung vom ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts bis zur Februarrevolution 1917 als einen Krieg der Arbeiter und Bauern gegen den Zarismus und die Gutsbesitzer, so ist es klar, dass das Schicksal des Zarismus und der Gutsbesitzer in vieler Hinsicht von der Annahme des einen oder des anderen strategischen Plans (des menschewistischen oder des bolschewistischen), von der Festlegung der einen oder der anderen Hauptrichtung der revolutionären Bewegung abhing.

Wie während des Krieges gegen Denikin die militärische Strategie durch die Festlegung der Hauptrichtung des Stoßes zu neun Zehnteln den Charakter aller weiteren Operationen, bis zur Erledigung Denikins, bestimmte, so hat auch hier, auf dem Gebiet des revolutionären Kampfes gegen den Zarismus, unsere politische Strategie durch die Festlegung der Hauptrichtung der revolutionären Bewegung im Geiste des bolschewistischen Plans den Charakter der Arbeit unserer Partei für die ganze Periode des offenen Kampfes gegen den Zarismus von der Zeit des Russisch-Japanischen Krieges bis zur Februarrevolution von 1917 bestimmt.

Die Aufgabe der politischen Strategie besteht vor allem darin, ausgehend von der Theorie und dem Programm des Marxismus und unter Berücksichtigung der Erfahrungen des revolutionären Kampfes der Arbeiter aller Länder, die Hauptrichtung der proletarischen Bewegung des gegebenen Landes für die gegebene historische Periode richtig festzulegen.

4. Die Taktik

Die Taktik ist ein Teil der Strategie, ihr untergeordnet und in ihrem Dienst stehend. Die Taktik befasst sich nicht mit dem Kriege als Ganzem, sondern mit seinen einzelnen Episoden, mit den Kämpfen, mit den Schlachten. Will die Strategie den Krieg gewinnen oder, sagen wir, den Kampf, gegen den Zarismus zu Ende führen, so will dagegen die Taktik diese oder jene Schlachten, diese oder jene Kämpfe gewinnen, diese oder jene Kampagnen, diese oder jene Aktionen erfolgreich durchführen, die mehr oder minder der konkreten Kampflage in jedem gegebenen Moment entsprechen.

Die wichtigste Aufgabe der Taktik ist die Festlegung der Mittel und Wege, der Formen und Methoden des Kampfes, die der konkreten Situation im gegebenen Augenblick am besten entsprechen und den strategischen Erfolg am sichersten vorbereiten. Deshalb dürfen die taktischen Aktionen, ihre Resultate nicht an und für sich, nicht vom Standpunkt des unmittelbaren Effekts gewertet werden, sondern vom Standpunkt der Aufgaben und Möglichkeiten der Strategie.

Es gibt Augenblicke, da taktische Erfolge die Durchführung der strategischen Aufgaben erleichtern. So lagen die Dinge zum Beispiel an der Denikinfront Ende 1919 bei der Befreiung von Orel und Woronesh durch unsere Truppen, als die Erfolge unserer Kavallerie vor Woronesh und unserer Infanterie vor Orel eine günstige Situation für einen Vorstoß auf Rostow schufen. So lagen die Dinge im August 1917 in Rußland, als der Übergang des Petrograder und des Moskauer Sowjets auf die Seite der Menschewiki eine neue politische Situation schuf, die in der Folge den Oktobervorstoß unserer Partei erleichterte.

Es gibt auch Augenblicke, da taktische Erfolge, die ihrem unmittelbaren Effekt nach glänzend sind, aber den strategischen Möglichkeiten nicht entsprechen, eine "unerwartete" Situation schaffen, die für den ganzen Feldzug verhängnisvoll wird. So lagen die Dinge mit Denikin Ende 1919, als er, hingerissen durch den leichten Erfolg des raschen und effektvollen Vormarschs auf Moskau, seine Front von der Wolga bis zum Dnjepr ausdehnte und dadurch den Untergang seiner Armeen einleitete. So lagen die Dinge 1920 während des Krieges gegen die Polen, als wir, die Kraft des nationalen Moments in Polen unterschätzend und durch den leichten Erfolg eines effektvollen Vormarschs hingerissen, die unsere Kräfte übersteigende Aufgabe auf uns nahmen, über Warschau nach Europa durchzubrechen, die gewaltige Mehrheit der polnischen Bevölkerung gegen die Sowjettruppen aufbrachten und dadurch eine Situation schufen, die die Erfolge der Sowjettruppen vor Minsk und Shitomir zunichte machte und dem Prestige der Sowjetmacht im Westen Abbruch tat.

Schließlich gibt es noch Augenblicke, da man auf den taktischen Erfolg verzichten, taktische Nachteile und Verluste bewusst in Kauf nehmen muss, um sich strategische Vorteile für die Zukunft zu sichern. Das kommt des Öfteren im Kriege vor, wenn die eine Seite, um die Kader ihrer Truppen zu retten und sie dem Schlag überlegener Kräfte des Gegners zu entziehen, einen planmäßigen Rückzug beginnt und kampflos ganze Städte und Gebiete aufgibt, um Zeit zu gewinnen und Kräfte für neue entscheidende Kämpfe in der Zukunft zu sammeln. So lagen die Dinge in Rußland 1918 während der deutschen Offensive, als unsere Partei gezwungen war, auf den Brester Frieden, der vom Standpunkt des unmittelbaren politischen Effekts damals ein gewaltiger Nachteil war, einzugehen, um das Bündnis mit der nach Frieden lechzenden Bauernschaft zu bewahren, eine Atempause zu erhalten, eine neue Armee zu schaffen und sich dadurch strategische Vorteile für die Zukunft zu sichern.

Mit anderen Worten: Die Taktik kann sich nicht Augenblicksinteressen unterwerfen, sie darf sich nicht von Erwägungen des unmittelbaren politischen Effekts leiten lassen, noch viel weniger darf sie sich von der festen Erde lösen und Luftschlösser bauen - die Taktik muss entsprechend den Aufgaben und Möglichkeiten der Strategie aufgebaut werden.

Die Aufgabe der Taktik besteht vor allem darin, geleitet von den Weisungen der Strategie und unter Berücksichtigung der Erfahrungen des revolutionären Kampfes der Arbeiter aller Länder, diejenigen Formen und Methoden des Kampfes festzulegen, die der konkreten Kampflage in jedem gegebenen Augenblick am besten entsprechen.

5. Die Kampfformen

Die Methoden der Kriegführung, die Formen des Krieges sind nicht immer gleich. Sie ändern sich je nach den Entwicklungsbedingungen, vor allem je nach der Entwicklung der Produktion. Unter Dschingis Chan wurde der Krieg anders geführt als unter Napoleon III., im 20. Jahrhundert wird er anders geführt als im 19. Jahrhundert.

Die Kunst der Kriegführung besteht unter den heutigen Verhältnisse darin, alle Formen des Krieges zu meistern und sich alle Errungenschaften der Wissenschaft auf diesem Gebiet anzueignen, sie sachkundig auszunutzen, sie geschickt zu kombinieren oder je nach der Situation rechtzeitig die eine oder andere dieser Formen anzuwenden.

Das gleiche ist über die Kampfformen auf politischem Gebiet zu sage Die politischen Kampfformen sind noch mannigfaltiger als die Form der Kriegführung. Sie wechseln je nach der Entwicklung der Wirtschaf der gesellschaftlichen Zustände, der Kultur, je nach dem Zustand d Klassen, dem Wechselverhältnis der kämpfenden Kräfte, dem Charakter der Staatsmacht und schließlich je nach den internationalen Beziehung usw. Die illegale Kampfform unter dein Absolutismus, verbunden mit Teilstreiks und Arbeiterdemonstrationen; die offene Kampfform unter "legalen Möglichkeiten" und politische Massenstreiks der Arbeiter; die parlamentarische Kampfform, sagen wir, in der Duma und die außer-parlamentarische Massenaktion, die sich zuweilen bis zu bewaffneten Aufständen steigert; schließlich die staatlichen Kampfformen nach der Machtergreifung durch das Proletariat, wenn dieses die Möglichkeit gewinnt, sich sämtliche staatlichen Mittel und Kräfte einschließlich der Armee zu sichern - das sind im großen und ganzen die Kampfformen, die durch die Praxis des revolutionären Kampfes des Proletariats hervorgebracht wurden.

Die Aufgabe der Partei besteht darin, alle Kampfformen zu meistern, sie auf dem Schlachtfeld sachkundig zu kombinieren und den Kampf geschickt auf die Formen zuzuspitzen, die in der gegebenen Situation besonders zweckmäßig sind.

6. Die Organisationsformen

Die Organisationsformen der Armeen, die Truppenarten und Waffengattungen werden gewöhnlich den Formen und Methoden der Kriegsführung angepasst. Mit der Veränderung der letzteren ändern sich auch die ersteren. Im Bewegungskrieg wird der Erfolg häufig durch den Masseneinsatz von Kavallerie entschieden. Im Stellungskrieg dagegen spielt die Kavallerie entweder überhaupt keine oder nur eine untergeordnete Rolle: schwere Artillerie und Flieger, Giftgase und Tanks entscheiden alles.

Die Aufgabe der Kriegskunst besteht darin, sich alle Waffengattungen zu sichern, sie bis zur Vollkommenheit zu entwickeln und ihre Operationen sachkundig zu kombinieren.

Das gleiche ist über die Organisationsformen auf politischem Gebiet zusagen. Hier werden, ebenso wie auf militärischem Gebiet, die Organisationsformen den Kampfformen angepasst. Konspirative Organisationen von Berufsrevolutionären in der Epoche des Absolutismus; Bildungs-, Gewerkschafts-, Genossenschafts- und Parlamentsorganisationen (die Dumafraktion und andere) in der Epoche der Duma; Betriebskomitees, Bauernkomitees, Streikkomitees, Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, revolutionäre Militärkomitees und eine starke proletarische Partei, die alle diese Organisationsformen in der Periode der Massenaktionen und -aufstände miteinander verknüpft; schließlich die staatliche Form der Organisation des Proletariats in der Periode, in der die Macht in den Händen der Arbeiterklasse konzentriert ist - das sind im allgemeinen die Organisationsformen, auf die sich das Proletariat in seinem Kampf gegen die Bourgeoisie unter bestimmten Bedingungen stützen kann und stützen muss.

Die Aufgabe der Partei besteht darin, alle diese Organisationsformen zu meistern, sie bis zur Vollkommenheit zu entwickeln und die Arbeit dieser Organisationen in jedem gegebenen Moment geschickt zu kombinieren.

7. Die Losung. Die Direktive

Treffend formulierte Beschlüsse, die die Ziele des Krieges oder einer einzelnen Schlacht wiedergeben und bei den Truppen populär sind, sind an der Front mitunter von entscheidender Bedeutung als ein Mittel, die Armee zum Handeln zu begeistern, ihre Moral aufrechtzuerhalten usw. Entsprechende Befehle, Losungen oder Aufrufe an die Truppen sind für den ganzen Verlauf des Krieges von ebenso großer Bedeutung wie eine erstklassige schwere Artillerie oder erstklassige Schnelltanks.

Von noch größerer Bedeutung sind die Losungen auf politischem Gebiet, wo man es mit einer Dutzende und Hunderte Millionen zählenden Bevölkerung, mit ihren mannigfaltigen Forderungen und Bedürfnissen zu tun hat.

Eine Losung ist die knappe und klare Formulierung der näheren oder der ferneren Ziele des Kampfes, die von der führenden Gruppe, sagen wir, des Proletariats, seiner Partei, ausgegeben wird. Es gibt verschiedene Losungen, entsprechend den verschiedenartigen Zielen des Kampfes, die entweder eine ganze historische Periode oder einzelne Stadien und Episoden der gegebenen historischen Periode umfassen. Die Losung "Nieder mit der Selbstherrschaft", die zuerst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Gruppe "Befreiung der Arbeit"[53] aufgestellt wurde, war eine Propagandalosung, denn sie zielte darauf ab, die standhaftesten und beharrlichsten Kämpfer einzeln und in Gruppen für die Partei zu gewinnen. In der Periode des Russisch-Japanischen Krieges, in der die Brüchigkeit der Selbstherrschaft für die breiten Schichten der Arbeiterklasse mehr oder weniger sichtbar wurde, wurde diese Losung zu einer Agitationslosung, denn nunmehr zielte sie bereits auf die Gewinnung der Millionenmassen der Werktätigen ab. In der Periode vor der Februarrevolution von 1917, als der Zarismus in den Augen der Massen bereits endgültig Bankrott gemacht hatte, wurde die Losung "Nieder mit der Selbstherrschaft" bereits aus einer Agitationslosung zu einer Aktionslosung, denn sie war darauf berechnet, die Millionenmassen zum Sturmangriff gegen den Zarismus in Bewegung zu setzen. In den Tagen der Februarrevolution wurde diese Losung dann zu einer Direktive der Partei, das heißt zu der direkten Aufforderung, in einem bestimmten Zeitpunkt sich bestimmter Institutionen und bestimmter Stellungen im System des Zarismus zu bemächtigen, denn nun handelte es sich bereits darum, den Zarismus zu stürzen, ihn zu vernichten. Eine Direktive ist der direkte Appell der Partei, zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort in Aktion zu treten, der bindend für alle Parteimitglieder ist und gewöhnlich von breiten Massen der Werktätigen aufgegriffen wird, wenn der Appell die Forderungen der Massen richtig und treffend formuliert, wenn die Zeit für ihn wirklich reif ist.

Losungen mit Direktiven oder eine Agitationslosung mit einer Aktionslosung zu verwechseln ist ebenso gefährlich, wie vorzeitige oder verspätete Aktionen gefährlich, ja manchmal verhängnisvoll sind. Im April 1917 war die Losung "Alle Macht den Sowjets" eine Agitationslosung. Die bekannte im April 1917 in Petrograd unter der Losung "Alle Macht den Sowjets" veranstaltete Demonstration, als die Demonstranten den Winterpalast umstellten, war ein Versuch, ein vorzeitiger und deshalb verderblicher Versuch, diese Losung in eine Aktionslosung[54] zu verwandeln. Es war ein höchst gefährliches Beispiel für die Verwechslung einer Agitationslosung mit einer Aktionslosung. Die Partei hatte recht, als sie die Initiatoren dieser Demonstration verurteilte, denn sie wusste, dass die zur Umwandlung dieser Losung in eine Aktionslosung erforderlichen Bedingungen noch nicht eingetreten waren, dass eine vorzeitige Aktion des Proletariats zur Zerschlagung seiner Kräfte führen kann.

Anderseits gibt es Fälle, wo die Partei vor die Notwendigkeit gestellt wird, "in 24 Stunden" eine bereits beschlossene und akut gewordene Losung (oder Direktive) aufzuheben oder abzuändern, um ihre Reihen vor einer vom Gegner gestellten Falle zu schützen, oder die Durchführung der Direktive vorübergehend auf einen günstigeren Zeitpunkt zu verschieben. Einen solchen Fall gab es in Petrograd im Juni 1917, als eine sorgfältig vorbereitete und auf den 9. Juni angesetzte Demonstration der Arbeiter und Soldaten durch das ZK unserer Partei angesichts der veränderten Situation "plötzlich" abgesagt wurde.

Die Aufgabe der Partei besteht darin, geschickt und rechtzeitig die Agitationslosungen in Aktionslosungen oder die Aktionslosungen in bestimmte konkrete Direktiven zu verwandeln oder, wenn dies die Situation erfordert, die nötige Elastizität und Entschlossenheit an den Tag zu legen, um rechtzeitig von der Durchführung dieser oder jener Losungen Abstand zu nehmen, auch wenn sie populär, auch wenn sie akut geworden sind.

II
DER STRATEGISCHE PLAN

1. Historische Wendungen. Strategische Pläne

Die Strategie der Partei ist nichts Konstantes, ein für allemal Gegebenes. Sie verändert sich je nach den historischen Wendungen, den historischen Verlagerungen. Diese Veränderungen finden ihren Ausdruck darin, dass für jede einzelne historische Wendung ein besonderer, ihr entsprechender strategischer Plan ausgearbeitet wird, der während der ganzen Periode von der einen Wendung bis zur andern in Kraft bleibt. Im strategischen Plan ist die Richtung des Hauptschlags der revolutionären Kräfte festgelegt und das Schema für die entsprechende Verteilung der Millionenmassen an der sozialen Front enthalten. Natürlich kann ein strategischer Plan, der für eine bestimmte historische Periode mit ihren Besonderheiten tauglich ist, nicht für eine andere historische Periode mit ganz anderen Besonderheiten taugen. Jeder historischen Wendung entspricht ein für sie notwendiger und ihren Aufgaben angepasster strategischer Plan.

Dasselbe lässt sich auch in bezug auf das Kriegswesen feststellen. Der für den Krieg gegen Koltschak ausgearbeitete strategische Plan konnte nicht für den Krieg gegen Denikin taugen, für den ein neuer strategischer Plan nötig war. Dieser Plan aber taugte seinerseits nicht für den Krieg, sagen wir, gegen die Polen im Jahre 1920, denn sowohl die Richtungen der Hauptstöße als auch die Schemata für die Verteilung der wichtigsten Kampfkräfte mussten notwendigerweise in allen diesen drei Fällen verschieden sein.

Rußlands neuere Geschichte kennt drei grundlegende historische Wendungen, die in der Geschichte unserer Partei zu drei verschiedenen strategischen Plänen geführt haben. Wir halten es für notwendig, sie in kurzen Umrissen darzustellen, um zu illustrieren, wie sich die strategischen Pläne der Partei überhaupt, je nach den neuen historischen Verlagerungen, verändern.

2. Die erste historische Wendung und der Kurs auf die bürgerlich-
demokratische Revolution in Rußland

Diese Wendung setzte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein, in der Periode des Russisch-Japanischen Krieges, als die Niederlage der Zarenarmeen und die grandiosen politischen Streiks der russischen Ar-heiter alle Bevölkerungsklassen aufrüttelten und in die Arena des politischen Kampfes drängten. Diese Wendung kam in den Tagen der Februarrevolution von 1917 zum Abschluss.

In dieser Periode lagen in unserer Partei zwei strategische Pläne gegeneinander im Kampf: der Plan der Menschewiki (Plechanow-Martow 1905) und der Plan der Bolschewiki (Genosse Lenin 1905).

Die menschewistische Strategie plante den Hauptschlag gegen den Zarismus auf der Linie einer Koalition der liberalen Bourgeoisie mit dem Proletariat. Davon ausgehend, dass die Revolution damals als eine bürgerliche Revolution galt, überließ dieser Plan der liberalen Bourgeoisie die Rolle des Hegemons (Führers) der Bewegung und verurteilte das Proletariat zur Rolle der "äußersten linken Opposition", zur Rolle eines "Antreibers" der Bourgeoisie, wobei die Bauernschaft als eine der wichtigsten revolutionären Kräfte aus dem Gesichtsfeld ausgeschlossen oder fast ausgeschlossen wurde. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass dieser Plan, da er in einem Lande wie Rußland die vielen Millionen Bauern aus dem Spiel ausschloss, hoffnungslos utopisch war; da er aber das Schicksal der Revolution in die Hände der liberalen Bourgeoisie legte (Hegemonie der Bourgeoisie), war er reaktionär, denn die liberale Bourgeoisie war nicht an einem vollständigen Siege der Revolution interessiert und stets bereit, die Bewegung durch einen Kompromiss mit dem Zarismus zu beenden.

Die bolschewistische Strategie (siehe die "Zwei Taktiken"[55] des Genossen Lenin ) plante den Hauptschlag der Revolution gegen den Zarismus auf der Linie einer Koalition des Proletariats mit der Bauernschaft unter Neutralisierung der liberalen Bourgeoisie. Davon ausgehend, dass die liberale Bourgeoisie an einem vollständigen Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht interessiert ist, dass sie dem Siege der Revolution einen Kompromiss mit dem Zarismus auf Kosten der Arbeite und Bauern vorzieht, wies dieser Plan dem Proletariat, als der einzige konsequent revolutionären Klasse in Rußland, die Rolle des Hegemon der revolutionären Bewegung zu. Dieser Plan ist nicht nur in der Hinsicht bemerkenswert, dass er die Triebkräfte der Revolution richtig in Rechnung stellte, sondern auch weil er im Keime die Idee der Diktatur d Proletariats (Hegemonie des Proletariats) in sich barg, weil er die nächst folgende, höhere Phase der Revolution in Rußland genial voraussah und den Übergang zu ihr erleichterte.

Die darauf folgende Entwicklung der Revolution bis zum Februar 1917 hat die Richtigkeit dieses strategischen Planes voll und ganz bestätigt.

3. Die zweite historische Wendung und der Kurs auf die Diktatur
des Proletariats in Rußland

Die zweite Wendung begann mit der Februarrevolution 1917, nach dem Sturz des Zarismus, als der imperialistische Krieg die tödlichen Gebrechen des Kapitalismus in der ganzen Welt bloßgelegt hatte; als die liberale Bourgeoisie, unfähig, die faktische Verwaltung des Landes in ihre Hände zu nehmen, gezwungen war, sich auf die Behauptung der formalen Macht zu beschränken (Provisorische Regierung); als die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die die faktische Macht erhalten hatten, weder Erfahrung besaßen noch gewillt waren, von ihr den notwendigen Gebrauch zu machen; als die Soldaten an der Front und die Arbeiter und Bauern im Hinterland unter der Last des Krieges und der wirtschaftlichen Zerrüttung stöhnten; als das Regime der "Doppelherrschaft" und der "Kontaktkommission"[56], von inneren Widersprüchen zerrissen und weder zum Kriege noch zum Frieden fähig, nicht nur keinen "Ausweg aus der Sackgasse" fand, sondern die Situation nur noch mehr verwirrte. Diese Periode endete mit der Oktoberrevolution 1917.

In dieser Periode lagen innerhalb der Sowjets zwei strategische Pläne gegeneinander im Kampf: der Plan der Menschewiki und Sozialrevolutionäre und der Plan der Bolschewiki.

Die Strategie der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die in der ersten Zeit zwischen den Sowjets und der Provisorischen Regierung, zwischen Revolution und Konterrevolution hin und her pendelte, gewann endgültig Gestalt zur Zeit der Eröffnung der Demokratischen Beratung (September 1917). Sie war darauf eingestellt, die Sowjets allmählich, aber beharrlich von der Macht abzudrängen und die ganze Macht im Lande in den Händen eines "Vorparlaments", des Vorbilds eines künftigen bürgerlichen Parlaments, zu konzentrieren. Die Fragen von Krieg und Frieden, die Agrarfrage, die Arbeiterfrage und die nationale Frage vertagte man bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung, die ihrerseits auf unbestimmte Zeit vertagt wurde. "Alle Macht der Konstituierenden Versammlung" - so formulierten die Sozialrevolutionäre und Menschewiki ihren strategischen Plan. Es war ein Plan zur Vorbereitung der bürgerlichen Diktatur, einer zwar geschniegelten und gebügelten, einer "völlig demokratischen", aber doch einer bürgerlichen Diktatur.

Die bolschewistische Strategie (siehe die im April 1917 veröffentlichten "Thesen"[57] des Genossen Lenin ) plante den Hauptschlag auf der Linie der Beseitigung der Macht der Bourgeoisie durch die vereinten Kräfte des Proletariats und der armen Bauernschaft, auf der Linie der Organisierung der Diktatur des Proletariats in Gestalt der Sowjetrepublik. Bruch mit dem Imperialismus und Ausscheiden aus dem Kriege; Befreiung der unterjochten Nationalitäten des ehemaligen Russischen Reichs; Expropriation der Gutsbesitzer und der Kapitalisten; Vorbereitung der Bedingungen für die Organisierung einer sozialistischen Wirtschaft - das waren die Elemente des strategischen Planes der Bolschewiki in dieser Periode. "Alle Macht den Sowjets" - so formulierten damals die Bolschewiki ihren strategischen Plan. Er war nicht nur in der Hinsicht wichtig, dass er die Triebkräfte der neuen, proletarischen Revolution in Rußland richtig in Rechnung stellte, sondern auch in der Hinsicht, dass er die Auslösung der revolutionären Bewegung im Westen erleichterte und beschleunigte.

Die darauf folgende Entwicklung der Ereignisse bis zum Oktoberumsturz hat die Richtigkeit dieses strategischen Planes voll und ganz bestätigt.

4. Die dritte historische "Wendung und der Kurs auf die proletarische
Revolution in Europa

Die dritte Wendung begann mit dem Oktoberumsturz, als der auf Leben und Tod geführte Kampf der beiden imperialistischen Gruppen des Westens seinen Höhepunkt erreicht hatte; als im Westen offensichtlich eine revolutionäre Krise heranreifte; als die bankrott gewordene und in Widersprüchen verstrickte bürgerliche Staatsmacht in Rußland unter den Schlägen der proletarischen Revolution zusammengebrochen war; als sich die siegreiche proletarische Revolution durch ihren Bruch mit dem Imperialismus und ihr Ausscheiden aus dem Kriege geschworene Feinde in Gestalt der imperialistischen Koalitionen des Westens zugezogen hatte; als die gesetzgeberischen Akte der neuen Regierung, der Sowjetregierung, über den Frieden, die Konfiskation des gutsherrlichen Bodens, die Expropriation der Kapitalisten und die Befreiung der unterdrückten Nationalitäten ihr das Vertrauen von Millionen Werktätigen der ganzen Welt eintrugen. Es war eine Wendung im internationalen Maßstab, denn zum erstenmal wurde die internationale Front des Kapitals durchbrochen, zum erstenmal wurde der Sturz des Kapitalismus praktisch auf die Tagesordnung gesetzt. Eben dadurch wurde die Oktoberrevolution aus einer nationalen, einer russischen Kraft zu einer internationalen Kraft, und die russischen Arbeiter wurden aus einem zurückgebliebenen Trupp des internationalen Proletariats zu seiner Vorhut, die durch ihren selbstlosen Kampf die Arbeiter des Westens und die unterdrückten Länder des Ostens weckt. Diese Wendung ist in ihrer Entwicklung noch nicht abgeschlossen, denn sie hat sich noch nicht im internationalen Maßstab entfaltet, aber ihr Inhalt und ihre allgemeine Richtung sind schon hinlänglich klar in Erscheinung getreten.

Zwei strategische Pläne lagen damals in den politischen Kreisen Rußlands gegeneinander im Kampf: der Plan der Konterrevolutionäre, die den aktiven Teil der Menschewiki und Sozialrevolutionäre in ihre Organisationen hineingezogen hatten, und der Plan der Bolschewiki.

Die Konterrevolutionäre und die aktiven Sozialrevolutionäre und Menschewiki stellten ihren Plan ein auf die Zusammenfassung aller unzufriedenen Elemente zu einem Lager: des alten Offizierkorps im Hinterland und an der Front, der bürgerlich-nationalistischen Regierungen in den Randgebieten, der durch die Revolution enteigneten Kapitalisten und Gutsbesitzer, der Agenten der Entente, die die Intervention vorbereiteten, usw. Sie hielten darauf Kurs, durch Aufstände oder durch eine ausländische Intervention die Sowjetregierung zu stürzen und das kapitalistische Regime in Rußland wieder aufzurichten.

Die Bolschewiki stellten im Gegenteil ihren Plan ein auf die innere Festigung der Diktatur des Proletariats in Rußland und auf die Ausdehnung des Wirkungsbereichs der proletarischen Revolution auf alle Länder der Welt durch Vereinigung der Anstrengungen der Proletarier Rußlands mit den Anstrengungen der Proletarier Europas und der unterdrückten Länder des Ostens gegen den Weltimperialismus. Eine überaus bemerkenswerte präzise und knappe Formulierung dieses strategischen Planes hat Genosse Lenin in seiner Schrift "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" gegeben: "ein Höchstmaß dessen durchzuführen, was in einem" (dem eigenen. - J. St.) "Lande für die Entwicklung, Unterstützung, Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar ist". Der Wert dieses strategischen Planes besteht nicht nur darin, dass er die Triebkräfte der Weltrevolution richtig in Rechnung stellte, sondern auch darin, dass er den erst später zutage getretenen Prozess voraussah und erleichterte, durch den Sowjetrußland zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit für die revolutionäre Bewegung der ganzen Welt wurde, zum Befreiungsbanner der Arbeiter des Westens und der Kolonien des Ostens.

Die darauf folgende Entwicklung der Revolution in der ganzen Welt sowie die fünf Jahre Sowjetmacht in Rußland haben die Richtigkeit dieses strategischen Planes voll und ganz bestätigt. Tatsachen wie die, dass die Konterrevolutionäre und die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die einige Male versucht haben, die Sowjetmacht zu stürzen, sich jetzt in der Emigration befinden, während die Sowjetmacht und die internationale proletarische Organisation zur wichtigsten Waffe für die Politik des Weltproletariats werden - diese Tatsachen sprechen anschaulich zugunsten des strategischen Planes der Bolschewiki.

"Prawda" Nr. 56,
14. März 1923.
Unterschrift: J. Stalin.

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