"Stalin"

Werke

Band 5

DIE NATIONALEN MOMENTE IM PARTEI-
UND STAATSAUFBAU

Thesen zum XII. Parteitag der KPR(B),
gebilligt vom ZK der Partei[58]

I

1. Die Entwicklung des Kapitalismus zeigte bereits im vorigen Jahrhundert die Tendenz, die Produktions- und Austauschweise zu internationalisieren, die nationale Abkapselung aufzuheben, die Völker einander wirtschaftlich näher zubringen und gewaltige Territorien allmählich zu einem zusammenhängenden Ganzen zu vereinigen. Die weitere Entwicklung des Kapitalismus, die Entwicklung des Weltmarkts, der Ausbau der großen Seewege und Eisenbahnlinien, die Kapitalausfuhr und anderes verstärkten diese Tendenz noch mehr, indem sie die verschiedenartigsten Völker miteinander verknüpften durch die Bande internationaler Arbeitsteilung und allseitiger Abhängigkeit voneinander. Soweit dieser Prozess die kolossale Entwicklung der Produktivkräfte widerspiegelte, soweit er die Aufhebung der nationalen Isolierung und der Interessengegensätze der verschiedenen Völker erleichterte, war und bleibt er ein progressiver Prozess, denn er bereitet die materiellen Voraussetzungen für die zukünftige sozialistische Weltwirtschaft vor.

2. Aber diese Tendenz entwickelte sich in eigenartigen Formen, die ihrem inneren historischen Sinn absolut nicht entsprechen. Die Abhängigkeit der Völker voneinander und die wirtschaftliche Vereinigung der Gebiete setzten sich im Laufe der kapitalistischen Entwicklung nicht in Form einer Zusammenarbeit der Völker als gleichberechtigter Einheiten durch, sondern in Form der Unterwerfung der einen Völker durch die anderen, in Form der Unterdrückung und Ausbeutung der weniger entwickelten durch die stärker entwickelten Völker. Koloniale Raubzüge und Annexionen, nationale Unterdrückung und Ungleichheit, imperialistische Willkür und Gewaltherrschaft, Kolonialsklaverei und nationale Entrechtung, endlich der Kampf der "zivilisierten" Nationen gegeneinander um die Herrschaft über die "unzivilisierten" Völker - das sind die Formen, in deren Rahmen sich der Prozess wirtschaftlicher Annäherung der Völker vollzog. Deshalb erstarkte, gleichzeitig mit der Tendenz zur Vereinigung, die Tendenz, die gewaltsamen Formen dieser Vereinigung zu vernichten, der Kampf um die Befreiung der unterdrückten Kolonien und der abhängigen Nationalitäten vom imperialistischen Joch. Soweit diese zweite Tendenz die Empörung der unterdrückten Massen gegen die imperialistischen Formen der Vereinigung bedeutete, soweit sie die Vereinigung der Völker auf der Grundlage der Zusammenarbeit und des freiwilligen Bündnisses verlangte, war und bleibt sie eine progressive Tendenz, denn sie bereitet die geistigen Voraussetzungen für die zukünftige sozialistische Weltwirtschaft vor.

3. Der Kampf zwischen diesen beiden Grundtendenzen, die sich in Formen äußern, wie sie dem Kapitalismus eigen sind, füllt die Geschichte der bürgerlichen Nationalitätenstaaten des letzten halben Jahrhunderts aus. Der unversöhnliche Widerspruch, der im Rahmen der kapitalistischen Entwicklung zwischen diesen Tendenzen besteht, bedingte die innere Unzulänglichkeit und die organische Labilität der bürgerlichen Kolonialstaaten. Unvermeidliche Konflikte innerhalb dieser Staaten und unvermeidliche Kriege zwischen diesen Staaten; Zerfall der alten Kolonialstaaten und Bildung neuer; erneute Jagd nach Kolonien und erneuter Zerfall von Nationalitätenstaaten, der zu erneuter Ummodelung der politischen Karte der Welt führt - das sind die Resultate dieses grundlegenden Widerspruchs. Der Zerfall des alten Rußlands, Österreich-Ungarns und der Türkei einerseits, die Geschichte solcher Kolonialstaaten wie Großbritanniens und des alten Deutschlands anderseits, schließlich der "große" imperialistische Krieg und das Anwachsen der revolutionären Bewegung der kolonialen und der nicht vollberechtigten Völker - alle diese und ähnliche Tatsachen zeugen anschaulich von der Labilität und Unbeständigkeit der bürgerlichen Nationalitätenstaaten.

Somit bedingt der unversöhnliche Widerspruch zwischen dem Prozess der wirtschaftlichen Vereinigung der Völker und den imperialistischen Methoden dieser Vereinigung die Hilflosigkeit, Ohnmacht, Unfähigkeit der Bourgeoisie, den richtigen Weg zur Lösung der nationalen Frage zu finden.

4. Unsere Partei trug diesen Umständen Rechnung, als sie das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung, das Recht der Völker auf selbständige staatliche Existenz zur Grundlage ihrer Politik in der nationalen Frage machte. Schon in den ersten Tagen ihres Bestehens, auf ihrem ersten Parteitag (im Jahre 1898), als sich die Widersprüche des Kapitalismus in der nationalen Frage noch nicht mit erschöpfender Klarheit herausgebildet hatten, erkannte die Partei dieses unveräußerliche Recht der Nationalitäten an. In der Folge bekräftigte sie immer wieder ihr nationales Programm in besonderen Entschließungen und Resolutionen ihrer Parteitage und Konferenzen bis zum Oktoberumsturz. Der imperialistische Krieg und die mit ihm zusammenhängende machtvolle revolutionäre Bewegung in den Kolonien lieferten lediglich eine neue Bestätigung für die Richtigkeit der Beschlüsse der Partei in der nationalen Frage. Der Sinn dieser Beschlüsse besteht

a) in der entschiedenen Ablehnung aller und jedweder Formen des Zwanges gegenüber den Nationalitäten;

b) in der Anerkennung der Gleichheit und Souveränität der Völker bei der Gestaltung ihres Schicksals;

c) in der Anerkennung des Grundsatzes, dass eine dauerhafte Vereinigung der Völker nur auf der Grundlage der Zusammenarbeit und Freiwilligkeit durchgeführt werden kann;

d) in der Verkündung der Wahrheit, dass eine solche Vereinigung nur verwirklicht werden kann, wenn die Macht des Kapitals gestürzt ist.

Unsere Partei wurde nicht müde, in ihrer Arbeit dieses nationale Befreiungsprogramm sowohl der offenen Unterjochungspolitik des Zarismus als auch der kompromißlerischen, halbimperialistischen Politik der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre entgegenzustellen. Riss die Russifizierungspolitik des Zarismus einen Abgrund zwischen dem Zarismus und den Nationalitäten des alten Rußlands auf und führte die halbimperialistische Politik der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre zur Abkehr der besten Elemente dieser Nationalitäten von der Politik Kerenskis, so eroberte die Befreiungspolitik unserer Partei ihr die Sympathie und Unterstützung breiter Massen dieser Nationalitäten in ihrem Kampf gegen de Zarismus und die imperialistische russische Bourgeoisie. Es ist kaum ein Zweifel darüber möglich, dass diese Sympathie und diese Unterstützung eines der entscheidenden Momente bildeten, die den Sieg unserer Partei i den Oktobertagen bedingt haben.

5. Die Oktoberrevolution hat die praktischen Schlussfolgerungen aus den Beschlüssen unserer Partei zur nationalen Frage gezogen. Dadurch, dass die Oktoberrevolution die Herrschaft der Gutsbesitzer und der Kapitalisten, dieser Hauptträger der nationalen Unterdrückung, stürzte und das Proletariat an die Macht brachte, sprengte sie mit einem Schlage die Ketten der nationalen Unterjochung, wälzte die alten Beziehungen zwischen den Völkern um, grub der alten nationalen Feindschaft das Wasser ab, ebnete den Boden für die Zusammenarbeit der Völker und eroberte dem russischen Proletariat das Vertrauen seiner Brüder aus den anderen Nationen nicht allein in Rußland, sondern auch in Europa und Asien. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass das russische Proletariat ohne dieses Vertrauen nicht imstande gewesen wäre, Koltschak und Denikin, Judenitsch und Wrangel zu besiegen. Anderseits ist es unzweifelhaft, dass die unterdrückten Nationalitäten ohne die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats im Zentrum Rußlands ihre Befreiung nicht hätten erlangen können. Nationale Feindschaft und nationale Konflikte sind unvermeidlich, unabwendbar, solange das Kapital an der Macht ist, solange das Kleinbürgertum und vor allem die Bauernschaft der ehemaligen "Herrscher"nation, von nationalistischen Vorurteilen erfüllt, mit den Kapitalisten gehen; und umgekehrt können nationale Eintracht und nationale Freiheit als gesichert gelten, wenn die Bauernschaft und die anderen klein-bürgerlichen Schichten mit dem Proletariat gehen, das heißt, wenn die Diktatur des Proletariats gesichert ist. Deshalb stellen der Sieg der Sowjets und die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats die Basis, das Fundament dar, auf dem die brüderliche Zusammenarbeit der Völker in einem einheitlichen Staatsverband hergestellt werden kann.

6. Aber die Ergebnisse der Oktoberrevolution erschöpfen sich nicht In der Beseitigung der nationalen Unterdrückung, in der Schaffung einer Basis für die Vereinigung der Völker. Die Oktoberrevolution hat im Laufe ihrer Entwicklung auch die Formen dieser Vereinigung herausgearbeitet und die Grundlinien umrissen, nach denen sich die Vereinigung der Völker zu einem Bundesstaat vollziehen muss. In der ersten Periode der Revolution, als sich die arbeitenden Massen der verschiedenen Nationalitäten zum erstenmal als selbständige nationale Größen zu fühlen begannen, während die ausländische Intervention noch nicht eine reale Gefahr war, gewann die Zusammenarbeit der Völker noch keine klar umrissene, streng ausgebildete Form. In der Periode des Bürgerkriegs und der Intervention, als die Interessen der militärischen Selbstverteidigung der nationalen Republiken in den Vordergrund traten, während die Fragen des wirtschaftlichen Aufbaus noch nicht auf der Tagesordnung standen, nahm die Zusammenarbeit die Form eines militärischen Bündnisses an. In der Nachkriegsperiode schließlich, als die Fragen der Wiederherstellung der durch den Krieg zerstörten Produktivkräfte in den Vordergrund rückten, wurde das militärische Bündnis durch ein wirtschaftliches Bündnis ergänzt. Die Vereinigung der nationalen Republiken zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ist die abschließende Etappe in der Entwicklung der Formen der Zusammenarbeit, eine Etappe, die diesmal den Charakter einer militärischen und wirtschaftlichen sowie politischen Vereinigung der Völker zu einem einheitlichen sowjetischen Nationalitätenstaat angenommen hat.

So hat das Proletariat in der Sowjetordnung den Schlüssel zur richtigen Lösung der nationalen Trage gefunden, hat es in ihr den Weg zur Organisierung eines stabilen Nationalitätenstaates auf der Grundlage der nationalen Gleichberechtigung und der Freiwilligkeit gefunden.

7. Den Schlüssel zur richtigen Lösung der nationalen Frage finden bedeutet aber noch nicht, sie vollständig und endgültig lösen, diese Lösung in der konkreten Praxis erschöpfend realisieren. Um das von der Oktoberrevolution aufgestellte nationale Programm richtig in die Tat umsetzen zu können, muss man noch die Hindernisse überwinden, die uns von der hinter uns liegenden Periode der nationalen Unterdrückung als Erbe hinterblieben sind und die nicht in kurzer Frist, nicht mit einem Schlag überwunden werden können.

Dieses Erbe besteht erstens in den Überresten des Großmachtchauvinismus, der eine Widerspiegelung der ehemals privilegierten Stellung der Großrussen ist. Mit diesen Überresten ist noch das Bewusstsein unser Sowjetfunktionäre, der zentralen wie der lokalen, behaftet; sie nisten in unseren staatlichen Institutionen, den zentralen wie den lokalen; sie erhalten Verstärkung in Form der "neuen" großrussisch-chauvinistische Smena-Wech-Strömungen[59], die im Zusammenhang mit der NÖP immer mehr erstarken. Praktisch finden sie ihren Ausdruck in der hochnäsig. geringschätzigen und seelenlos-bürokratischen Einstellung russisch sowjetischer Beamtentypen gegenüber den Nöten und Bedürfnissen de nationalen Republiken. Der sowjetische Nationalitätenstaat kann nur dann als wahrhaft gefestigt und die Zusammenarbeit der Völker in seinem Rahmen nur dann als wahrhaft brüderlich gelten, wenn diese Überreste in der Praxis unserer staatlichen Institutionen entschlossen und unwiderruflich ausgemerzt sind. Deshalb ist die entschlossene Bekämpfung der Überreste des großrussischen Chauvinismus die erste Tagesaufgabe unserer Partei.

Dieses Erbe besteht zweitens in der faktischen, das heißt wirtschaftlichen und kulturellen Ungleichheit der Nationalitäten in der Union der Republiken. Die nationale Rechtsgleichheit, die durch die Oktoberrevolution erkämpft wurde, ist eine gewaltige Errungenschaft der Völker, sie löst aber an und für sich noch nicht die gesamte nationale Frage. Eine Reihe von Republiken und Völkern, die den Kapitalismus nicht oder fast nicht durchgemacht haben, die gar kein oder fast kein eigenes Proletariat haben, die infolgedessen in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zurückgeblieben sind, sind nicht imstande, die ihnen durch die nationale Gleichberechtigung gebotenen Rechte und Möglichkeiten vollständig auszunutzen, sind ohne wirkliche und andauernde Hilfe von außen nicht imstande, auf eine höhere Entwicklungsstufe zu gelangen und dadurch die vorangeschrittenen Nationalitäten einzuholen. Die Ursachen dieser faktischen Ungleichheit liegen nicht nur in der Geschichte dieser Völker, sondern auch in der Politik des Zarismus und der russischen Bourgeoisie, die bestrebt waren, die Randgebiete ausschließlich in von den industriell entwickelten Zentralgebieten ausgebeutete Rohstoffgebiete zu verwandeln. Es ist unmöglich, diese Ungleichheit in kurzer Frist zu überwinden, dieses Erbteil in ein, zwei Jahren zu liquidieren. Der X. Parteitag unserer Partei hat bereits festgestellt, dass "die Ausmerzung der faktischen nationalen Ungleichheit ein langwährender Prozess ist, der einen hartnäckigen und beharrlichen Kampf gegen alle Überreste der nationalen Unterdrückung und der kolonialen Sklaverei erfordert"[60]. Überwinden muss man sie aber unbedingt. Und überwinden kann man sie nur, wenn das russische Proletariat den rückständigen Völkern der Union wirklich und dauernd hilft, damit sie wirtschaftlich und kulturell gedeihen können. Andernfalls besteht kein Grund, auf Herstellung einer richtigen und festen Zusammenarbeit der Völker im Rahmen eines einheitlichen Bundesstaates zu rechnen. Deshalb ist der Kampf für die Liquidierung der faktischen Ungleichheit der Nationalitäten, der Kampf für die Hebung des kulturellen und wirtschaftlichen Niveaus der rückständigen Völker die zweite Tagesaufgabe unserer Partei.

Dieses Erbe besteht schließlich in den Überresten des Nationalismus bei einer ganzen Reihe von Völkern, auf denen das schwere Joch der nationalen Unterdrückung gelastet hat und die noch nicht vermocht haben, sich von Erinnerungen an die alten nationalen Kränkungen frei zu machen. Praktisch kommen diese Überreste zum Ausdruck in einer gewissen nationalen Entfremdung, in der Tatsache, dass den ehemals unterdrückten Völkern das volle Vertrauen zu den von Russen ausgehenden Maßnahmen fehlt. Dieser defensive Nationalismus verwandelt sich jedoch in einigen Republiken, die aus mehreren Nationalitäten bestehen, mitunter in einen offensiven Nationalismus, in einen ausgeprägten Chauvinismus der stärkeren Nationalität gegenüber den schwachen Nationalitäten dieser Republiken. Der georgische Chauvinismus (in Georgien), der sich gegen die Armenier, Osseten, Adsharen und Abchasen richtet; der aserbaidshanische Chauvinismus (in Aserbaidshan), der sich gegen die Armenier richtet; der usbekische Chauvinismus (in Buchara und Choresm), der sich gegen die Turkmenen und Kirgisen richtet - alle diese Arten des Chauvinismus, überdies noch durch die Verhältnisse der NÖP und der Konkurrenz gefördert, sind das größte Übel, das einige nationale Republiken in einen Schauplatz des Haders und der Intrigen zu verwandeln droht. Es erübrigt sich zu sagen, dass alle diese Erscheinungen die tatsächliche Vereinigung der Völker zu einem einheitlichen Staatsverband hemmen. So weit die Überreste des Nationalismus eine eigentümliche Form der Verteidigung gegen den großrussischen Chauvinismus sind, ist der entschlossene Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus das sicherste Mittel zur Überwindung der nationalistischen Überreste. Soweit sich diese Überreste jedoch in einen lokalen, gegen die schwachen nationalen Gruppen de einzelnen Republiken gerichteten Chauvinismus verwandeln, ist es Pflicht der Parteimitglieder, sie direkt zu bekämpfen. Deshalb ist der Kampf gegen die nationalistischen Überreste und vor allem gegen die chauvinistischen Formen dieser Überreste die dritte Tagesaufgabe unserer Partei.

8. Als ein krasses Beispiel für das Erbe der Vergangenheit muss die Tatsache gelten, dass ein erheblicher Teil von Sowjetbürokraten im Zentrum und draußen im Lande die Union der Republiken nicht als eine Bund gleichberechtigter staatlicher Einheiten ansieht, der berufen ist, die freie Entwicklung der nationalen Republiken zu sichern, sondern als eine Schritt zur Liquidierung dieser Republiken, als den Auftakt zur Bildung des so genannten "Einheitlichen-Unteilbaren". Der Parteitag verurteilt eine solche Auffassung als antiproletarisch und reaktionär und fordert die Parteimitglieder auf, scharf darauf zu achten, dass die Vereinigung der Republiken und die Verschmelzung der Kommissariate nicht von chauvinistisch gesinnten Sowjetbürokraten als Deckmantel für ihre Versuche ausgenutzt werden, die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der nationalen Republiken zu ignorieren. Die Verschmelzung der Kommissariate ist ein Examen für den Sowjetapparat: sollte dieser Versuch in der Praxis auf eine Großmachttendenz hinauslaufen, so würde die Partei gezwungen sein, gegen eine solche Entstellung die entschlossensten Maßnahmen zu ergreifen, ja, sie müsste sogar die Frage aufwerfen, ob die beschlossene Verschmelzung einiger Kommissariate nicht wieder rückgängig gemacht werden soll, bis der Sowjetapparat gehörig im Geiste einer wirklich proletarischen und wirklich brüderlichen Rücksichtnahme auf die Nöte und Bedürfnisse der kleinen und rückständigen Nationalitäten umerzogen worden ist.

9. Da die Union der Republiken eine neue Form des Zusammenlebens der Völker, eine neue Form ihrer Zusammenarbeit in einem einheitlichen Bundesstaat ist, in dessen Rahmen die oben geschilderten Überreste im Prozess der gemeinsamen Arbeit der Völker überwunden werden müssen, sind die obersten Organe der Union so aufzubauen, dass sie nicht nur den gemeinsamen Nöten und Bedürfnissen aller Nationalitäten der Union, sondern auch den speziellen Nöten und Bedürfnissen der einzelnen Nationalitäten voll gerecht werden. Deshalb muss neben den bestehenden zentralen Organen der Union, in denen die werktätigen Massen der gesamten Union, unabhängig von ihrer Nationalität, vertreten sind, ein besonderes Organ geschaffen werden, in dem die einzelnen Nationalitäten auf der Grundlage der Gleichheit vertreten sind. Eine solche Struktur der zentralen Organe der Union gäbe die volle Möglichkeit, den Nöten und Bedürfnissen der Völker aufmerksam Gehör zu schenken, ihnen rechtzeitig die notwendige Hilfe angedeihen zu lassen, eine Atmosphäre vollen gegenseitigen Vertrauens zu schaffen und damit das oben erwähnte Erbe auf dem schmerzlosesten Wege zu beseitigen.

10. Ausgehend von dem oben Gesagten, empfiehlt der Parteitag den Parteimitgliedern, die folgenden praktischen Maßnahmen zu erwirken:

a) Im System der höchsten Organe der Union wird ein spezielles Organ geschaffen, in dem ausnahmslos alle nationalen Republiken und nationalen Gebiete nach dem Grundsatz der Gleichheit vertreten sind;

b) die Kommissariate der Union werden nach Grundsätzen aufgebaut, die die Befriedigung der Nöte und Bedürfnisse der Völker der Union gewährleisten;

c) die Organe der nationalen Republiken und Gebiete werden vorwiegend aus Einheimischen gebildet, denen die Sprache, die Lebensweise, die Sitten und Gebräuche der betreffenden Völker vertraut sind.

II

1. Unsere Parteiorganisationen entwickeln sich in den meisten nationalen Republiken unter Bedingungen, die für ihr Wachstum und ihre Festigung nicht sehr günstig sind. Die ökonomische Rückständigkeit der Republiken, die zahlenmäßige Schwäche des nationalen Proletariats, die Tatsache, dass Kader alter Parteiarbeiter aus der Mitte der einheimischen Bevölkerung in ungenügender Stärke oder überhaupt nicht vorhanden sind, das Fehlen einer nennenswerten marxistischen Literatur in den Muttersprachen, die schwache Erziehungsarbeit der Partei, schließlich die Überreste radikal-nationalistischer Traditionen, die sich noch immer nicht verflüchtigt haben, haben unter den einheimischen Kommunisten eine bestimmte Abweichung in der Richtung zur Überschätzung der nationalen Besonderheiten, in der Richtung zur Unterschätzung der Klasseninteressen des Proletariats, eine Abweichung zum Nationalismus hervorgebracht. Diese Erscheinung wird besonders gefährlich in den Republiken mit mehreren Nationalitäten; hier nimmt sie unter den Kommunisten der stärkeren Nationalität zuweilen die Form einer Abweichung zum Chauvinismus an, deren Spitze sich gegen die Kommunisten der schwachen Nationalitäten richtet (Georgien, Aserbaidshan, Buchara, Choresm). Die Abweichung zum Nationalismus ist darum schädlich, weil sie den Prozess der Befreiung des nationalen Proletariats vorn ideologischen Einfluss der nationalen Bourgeoisie hemmt und dadurch den Zusammenschluss der Proletarier der verschiedenen Nationalitäten zu einer einheitlichen internationalistischen Organisation erschwert.

2. Anderseits hat die Tatsache, dass es sowohl in den zentralen Institutionen der Partei als auch in den Organisationen der kommunistischen Parteien der nationalen Republiken einen zahlenmäßig starken Stamm alter Parteiarbeiter russischer Herkunft gibt, die mit den Sitten und Gebräuchen sowie mit der Sprache der arbeitenden Massen dieser Republiken nicht vertraut sind und deshalb nicht immer das nötige Verständnis für deren Bedürfnisse haben, in unserer Partei eine Abweichung zur Unterschätzung der nationalen Eigentümlichkeiten und der nationalen Sprache in der Parteiarbeit, eine hochmütige Geringschätzung dieser Eigentümlichkeiten, eine Abweichung zum großrussischen Chauvinismus hervorgebracht. Diese Abweichung ist nicht nur deshalb schädlich, weil sie die Herausbildung kommunistischer Kader aus der einheimischen Bevölkerung, die der nationalen Sprache mächtig sind, hemmt und dadurch die Gefahr einer Isolierung der Partei von den proletarischen Massen der nationalen Republiken heraufbeschwört, sondern vor allem auch deshalb, weil sie die oben geschilderte Abweichung zum Nationalismus nährt und fördert sowie ihre Bekämpfung erschwert.

3. Der Parteitag verurteilt diese beiden Abweichungen als für die Sache des Kommunismus schädlich und gefährlich, lenkt die Aufmerksamkeit der Parteimitglieder auf die besondere Schädlichkeit und besondere Gefährlichkeit der Abweichung zum großrussischen Chauvinismus und fordert die Partei auf, diese Überreste der Vergangenheit in unserem Parteiaufbau aufs schnellste zu überwinden.

Der Parteitag beauftragt das ZK, folgende praktische Maßnahmen durchzuführen:

a) Bildung marxistischer Zirkel höheren Typus aus einheimischen Parteiarbeitern der nationalen Republiken;

b) Schaffung einer auf den Prinzipien des Marxismus fußenden Literatur in den Muttersprachen;

c) Verstärkung der Universität der Völker des Ostens und ihrer lokalen Sektionen;

d) Schaffung von Instrukteurgruppen aus einheimischen Parteiarbeitern bei den Zentralkomitees der nationalen kommunistischen Parteien;

e) Entwicklung einer für die Massen bestimmten Parteiliteratur in den Muttersprachen;

f) Verstärkung der Erziehungsarbeit der Partei in den einzelnen Republiken;

g) Verstärkung der Arbeit unter der Jugend in den einzelnen Republiken.

"Prawda" Nr. 65,
24. März 1923.
Unterschrift: J. Stalin.

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