"Stalin"

Werke

Band 5

DIE PRESSE ALS KOLLEKTIVER ORGANISATOR

In seinem Artikel "Bis an die Wurzel" (siehe Nr.98 der "Prawda") hat Ingulow die wichtige Frage der Bedeutung der Presse für Staat und Partei angeschnitten. Er hat sich, offenbar zur Bekräftigung seines Gedankens, auf den organisatorischen Bericht des ZK berufen, in dem es heißt, dass die Presse "eine unsichtbare Verbindung zwischen der Partei und der Arbeiterklasse herstellt - eine Verbindung, die ihrer Kraft nach jedem beliebigen, die Massen erfassenden Übertragungsapparat gleichkommt, dass die Presse die stärkste Waffe ist, dass durch sie die Partei täglich, stündlich zur Arbeiterklasse spricht"

Ingulow hat jedoch bei seinem Versuch, die Frage zu lösen, zwei Fehler begangen: Erstens hat er den Sinn des Zitats aus dem ZK-Bericht entstellt; zweitens hat er die höchst wichtige organisatorische Rolle der Presse außer acht gelassen. In Anbetracht der Wichtigkeit der Frage sollte man, glaube ich, mit zwei Worten auf diese Fehler eingehen.

1. Der Bericht ist durchaus nicht dahingehend zu verstehen, dass sich die Rolle der Partei auf die Aufgabe beschränke, mit der Arbeiterklasse zu sprechen, wo doch die Partei sich mit der Arbeiterklasse besprechen und nicht allein mit ihr sprechen soll. Die Gegenüberstellung der Formel "sprechen" und der Formel "sich besprechen" ist nichts anderes als leere Äquilibristik. In der Praxis ist das eine und das andere ein unteilbares Ganzes, was seinen Ausdruck in der ununterbrochenen Wechselwirkung zwischen Leser und Verfasser, zwischen Partei und Arbeiterklasse, zwischen dem Staat und den werktätigen Massen findet. Diese Erscheinung ist zu verzeichnen, seit es eine proletarische Massenpartei gibt, seit der Zeit der alten "Iskra". Ingulow hat nicht recht, wenn er meint, diese Wechselwirkung habe erst einige Jahre nach der Machtergreifung der Arbeiterklasse in Rußland begonnen. Der Sinn des Zitats aus dem ZK-Bericht besteht nicht im "Sprechen", sondern darin, dass die Presse "die Verbindung zwischen der Partei und der Arbeiterklasse herstellt", eine Verbindung, "die ihrer Kraft nach jedem beliebigen, die Massen erfassenden Übertragungsapparat gleichkommt". Der Sinn des Zitats liegt in der organisatorischen Bedeutung der Presse. Gerade darum auch wurde die Presse als einer der Transmissionsriemen zwischen der Partei und der Arbeiterklasse im organisatorischen Bericht des ZK behandelt. Ingulow hat das Zitat nicht begriffen und seinen Sinn unwillkürlich entstellt.

2. Ingulow betont die agitatorische, enthüllende Rolle der Presse und ist der Meinung, dass sich die Aufgabe der periodischen Presse darin erschöpfe. Er beruft sich auf eine Reihe von Missbräuchen in unserem Lande und weist darauf hin, dass die Enthüllungsarbeit der Presse, dass die Presseagitation die "Wurzel" der Frage sei. Demgegenüber ist es klar, dass bei aller Bedeutung der agitatorischen Rolle der Presse ihre organisatorische Rolle gegenwärtig von aktuellster Bedeutung für unsere Aufbauarbeit ist. Es geht nicht nur darum, dass die Zeitung agitiert und enthüllt, sondern vor allem darum, dass sie über ein umfassendes Netz von Mitarbeitern, Vertrauensleuten und Korrespondenten im ganzen Lande, in allen industriellen und landwirtschaftlichen Gegenden, in allen Kreisen und Amtsbezirken verfügt, dass sich Fäden von der Partei über die Zeitung zu ausnahmslos allen Arbeiter- und Bauernbezirken hinziehen, dass die ´Wechselwirkung zwischen Partei und Staat einerseits, und Industrie- und Bauernbezirken anderseits eine vollständige ist. Beriefe eine so populäre Zeitung wie, sagen wir, die "Bjednota"[73] von Zeit zu Zeit Konferenzen ihrer Hauptvertrauensleute in den verschiedenen Gegenden unseres Landes ein, die dem Meinungsaustausch und der Erfahrungsübermittlung dienen, und beriefe jeder dieser Vertrauensleute seinerseits Konferenzen seiner Korrespondenten in seinen Rayons, Orten und Amtsbezirken mit demselben Ziel ein, so wäre damit der erste ernstliche Schritt getan, nicht nur zur Herstellung der organisatorischen Verbindung zwischen Partei und Arbeiterklasse, zwischen dem Staat und den entlegensten Winkeln unseres Landes, sondern auch zur Verbesserung und Belebung der Presse selbst, zur Verbesserung und Belebung des ganzen Mitarbeiterstabs unserer periodischen Presse. Solche Konferenzen und solche Beratungen sind meiner Meinung nach von viel größerer realer Bedeutung als "allrussische" und sonstige Journalistenkongresse. Die Zeitung als kollektiver Organisator in den Händen der Partei und der Sowjetmacht, die Zeitung als Mittel, Verbindungen mit den werktätigen Massen unseres Landes anzuknüpfen und sie um die Partei und die Sowjetmacht zusammenzuschließen - das ist jetzt die nächste Aufgabe der Presse.

Es dürfte nicht überflüssig sein, dem Leser einige Zeilen aus dem Aufsatz des Genossen Lenin "Womit beginnen?" (geschrieben 1901) über die organisatorische Rolle der periodischen Presse im Leben unserer Partei ins Gedächtnis zu rufen:

"Die Rolle der Zeitung beschränkt sich jedoch nicht allein auf die Verbreitung von Ideen, nicht allein auf die politische Erziehung und Gewinnung politischer Bundesgenossen. Die Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator. In dieser Beziehung kann sie mit einem Gerüst verglichen werden, das um ein im Bau befindliches Gebäude errichtet wird; es zeigt die Umrisse des Gebäudes an, erleichtert den Verkehr zwischen den einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die durch die organisierte Arbeit erzielten allgemeinen Resultate zu überblicken. Mit Hilfe der Zeitung und im Zusammenhang mit ihr wird sich ganz von selbst eine beständige Organisation herausbilden, die sich nicht nur mit örtlicher, sondern auch mit regelmäßiger allgemeiner Arbeit befasst, die ihre Mitglieder daran gewöhnt, die politischen Ereignisse aufmerksam zu verfolgen, deren Bedeutung und Einfluss auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten richtig zu bewerten und zweckmäßige Methoden herauszuarbeiten, durch die die revolutionäre Partei auf diese Ereignisse einwirken kann. Schon allein die technische Aufgabe - die richtige Versorgung der Zeitung mit Material und ihre richtige Verbreitung - zwingt dazu, ein Netz von örtlichen Vertrauensleuten der einheitlichen Partei zu schaffen, von Vertrauensleuten, die lebhafte Beziehungen zueinander unterhalten, die mit der allgemeinen Lage der Dinge vertraut sind, die sich daran gewöhnen, die Teilfunktionen der gesamtrussischen Arbeit regelmäßig auszuführen, die ihre Kräfte an der Organisierung dieser oder jener revolutionären Aktionen erproben. Dieses Netz von Vertrauensleuten wird das Gerippe gerade einer solchen Organisation bilden, wie wir sie brauchen: genügend groß, um das ganze Land zu erfassen; genügend breit und vielseitig, um eine strenge und detaillierte Arbeitsteilung durchzuführen; genügend standhaft, um unter allen Umständen, bei allen ,Wendungen` und Überraschungen ihre eigene Arbeit unbeirrt zu leisten; genügend elastisch, um zu verstehen, einerseits einer offenen Feldschlacht gegen einen an Kraft überlegenen Feind, wenn er alle seine Kräfte an einem Punkt gesammelt hat, auszuweichen, und anderseits die Schwerfälligkeit dieses Feindes auszunutzen und ihn dann und dort anzugreifen, wo der Angriff am wenigsten erwartet wird."[74]

Genosse Lenin sprach damals von der Zeitung als einem Werkzeug zum Aufbau unserer Partei. Es liegt aber kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass die Ausführungen des Genossen Lenin voll und ganz auf unsere heutige Situation im Partei- und Staatsaufbau zutreffen.

Diese wichtige organisatorische Rolle der periodischen Presse hat Ingulow in seinem Artikel außer acht gelassen. Darin besteht sein Hauptfehler.

Wie konnte es geschehen, dass einer der Hauptmitarbeiter unserer Presse diese wichtige Aufgabe übersehen hat? Gestern hat ein Genosse mir gegenüber geäußert, Ingulow habe sich anscheinend außer der Lösung des Presseproblems noch eine andere, eine Nebenaufgabe gestellt: "Jemand zu zwicken und jemand zu kitzeln." Ich selbst möchte dies nicht behaupten, und es liegt mir fern, jemandem das Recht abzusprechen, sich außer direkten Aufgaben noch Nebenaufgaben zu stellen. Es darf jedoch nicht zugelassen werden, dass Nebenaufgaben möglicherweise auch nur für einen Augenblick die direkte Aufgabe überschatten, die organisatorische Rolle der Presse bei unserem Partei- und Staatsaufbau zu klären.

"Prawda" Nr. 99, 6. Mai 1923.
Unterschrift: J. Stalin.

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