"Stalin"

Werke

Band 5

JE WEITER, DESTO SCHLIMMER

In meinem Artikel in Nr. 99 der "Prawda" über die organisatorische Rolle der Presse habe ich zwei Fehler Ingulows in der Frage der Presse hervorgehoben. In seinem Antwortartikel (siehe "Prawda" Nr. 101) redet sich Ingulow darauf hinaus, dass es nicht Fehler, sondern "Missverständnisse" waren. Ich bin bereit, Ingulows Fehler als "Missverständnisse" zu bezeichnen. Das Schlimme ist dabei nur, dass Ingulow in seinem Antwortartikel drei neue Fehler oder, wenn Sie wollen, drei neue "Missverständnisse" unterlaufen sind, die zu verschweigen in Anbetracht der besonderen Bedeutung der Presse leider absolut unmöglich ist.

1. Ingulow versichert, er habe es in seinem ersten Artikel nicht für notwendig gehalten, sich auf die Frage der organisatorischen Rolle der Presse zu konzentrieren, er habe die "spezielle Aufgabe" verfolgt, klarzustellen, "wer unsere Parteizeitung macht". Nehmen wir das einmal an. Warum aber hat Ingulow dann als Überschrift für seinen Artikel ein Zitat aus dem organisatorischen Bericht des ZK gewählt, ein Zitat, das ausschließlich die organisatorische Rolle unserer periodischen Presse behandelt? Eins von beiden - entweder hat Ingulow den Sinn des Zitats nicht verstanden, oder er hat seinen ganzen Artikel entgegen und im Widerspruch zu dem genauen Sinn des Zitats aus dem organisatorischen Bericht des ZK über die organisatorische Bedeutung der Presse aufgebaut. Sowohl in dem einen wie auch in dem anderen Fall springt der Fehler Ingulows ins Auge.

2. Ingulow versichert, dass "vor zwei, drei Jahren unsere Presse nicht mit den Massen verbunden war", dass sie "die Partei nicht mit den Massen verband", dass es überhaupt eine Verbindung zwischen der Presse und den Massen "nicht gab". Man braucht diese Behauptung Ingulows nur aufmerksam zu lesen, um ihre ganze Ungereimtheit, Lebensfremdheit, Losgelöstheit von der Wirklichkeit zu begreifen. In der Tat, wäre unsere Parteipresse und durch sie die Partei selbst "vor zwei, drei Jahren" mit den Arbeitermassen "nicht verbunden" gewesen, ist es dann nicht klar, dass unsere Partei den inneren und äußeren Feinden der Revolution nicht hätte standhalten können, dass sie "im Handumdrehen" begraben und ausgelöscht worden wäre! Man denke bloß: Der Bürgerkrieg ist in vollem Gange, die Partei erwehrt sich der Feinde, erringt eine Reihe glänzender Siege, die Partei ruft durch die Presse die Arbeiter und Bauern auf, das sozialistische Vaterland zu verteidigen, Zehntausende, Hunderttausende Werktätiger beantworten den Appell der Partei mit Hunderten von Resolutionen und gehen an die Front, ohne ihr Leben zu schonen, Ingulow aber, der das alles weiß, hält es dennoch für möglich, zu behaupten, dass "vor zwei, drei Jahren unsere Presse nicht mit den Massen verbunden war, folglich auch die Partei nicht mit den Massen verband". Ist das nicht lächerlich? Wo hat man je gesehen, dass eine Partei, die durch die Massenpresse "nicht mit den Massen verbunden war", imstande gewesen wäre, Zehntausende und Hunderttausende von Arbeitern und Bauern in Bewegung zu setzen? Wenn aber die Partei dennoch Zehntausende und Hunderttausende von Werktätigen in Bewegung setzte - ist es dann nicht klar, dass eine Massenpartei hierbei ohne das Mittel der Presse keineswegs auskommen konnte? Jawohl, jemand hat unbedingt die Verbindung mit den Massen verloren, aber nicht unsere Partei und nicht ihre Presse, sondern irgendjemand anders. Man darf die Presse nicht verleumden! Die Sache verhält sich so, dass eine Verbindung der Partei mit den Massen durch ihre Presse "vor zwei, drei Jahren" unbedingt da war und da sein musste, doch war diese Verbindung verhältnismäßig schwach, wie der XI. Parteitag mit Recht feststellt. Die Aufgabe besteht nunmehr darin, diese Verbindung zu erweitern, sie mit allen Mitteln zu stärken, sie fester und regelmäßiger zu gestalten. Darum geht es jetzt.

3. Ingulow versichert ferner, "vor zwei, drei Jahren bestand keine Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse vermittels der Presse". Weshalb? Weil, so heißt es, damals "unsere Presse tagein, tagaus zum Kampf aufrief, von den Maßnahmen der Sowjetmacht und den Beschlüssen der Partei berichtete, aber einen Widerhall bei den Arbeiterlesern fand das nicht". So ist es schwarz auf weiß zu lesen: "einen Widerhall bei den Arbeiterlesern fand das nicht".

Das ist unglaublich, ungeheuerlich, aber so steht´s geschrieben.

Alle Welt weiß, dass, als die Partei durch die Presse die Losung ausgab: "Alle ins Verkehrswesen", dies einen einmütigen Widerhall bei den Massen fand, die der Presse Hunderte von Resolutionen zusandten, in denen sie ihrer Zustimmung und ihrer Bereitschaft, das Verkehrswesen zu retten, Ausdruck gaben und Zehntausende ihrer Söhne entsandten, um dem Verkehrswesen zu helfen. Ingulow aber will das nicht als Widerhall bei den Arbeiterlesern gelten lassen, will darin nicht die Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse mittels der Presse sehen, da diese Wechselwirkung weniger durch Korrespondenten als unmittelbar zwischen Partei und Arbeiterklasse, natürlich über die Presse, stattgefunden hat.

Alle Welt weiß, dass, als die Partei die Losung ausgab: "Auf zum Kampf gegen den Hunger", dieser Appell der Partei einmütigen Widerhall bei den Massen fand, die der Parteipresse eine Unzahl von Resolutionen zusandten und Zehntausende ihrer Söhne ausschickten, um die Kulaken zu bekämpfen. Ingulow will das jedoch nicht als Widerhall bei den Arbeiterlesern und als Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse mittels der Presse gelten lassen, da diese Wechselwirkung nicht "genau nach der Regel" vor sich ging, gewisse Korrespondenten übergangen wurden und anderes mehr.

Wenn Zehntausende und Hunderttausende Arbeiter auf den Appell der Parteipresse reagieren, so ist dies, Ingulow zufolge, keine Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse, wenn aber auf den gleichen Appell der Parteipresse eine schriftliche Antwort von einem paar Dutzend Korrespondenten einläuft, so ist dies eine wirkliche, echte Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse. Und das nennt sich Definition der organisatorischen Rolle der Parteipresse! Sind Sie denn ganz von Gott verlassen, Ingulow, dass Sie die marxistische Auslegung der Wechselwirkung mit ihrer kanzleimäßigen Auslegung verwechseln?

Indes ist klar, wenn man die Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse mittels der Presse nicht mit den Augen eines Kanzleimenschen betrachtet, sondern mit den Augen eines Marxisten, so hat diese Wechselwirkung stets stattgefunden, sowohl "vor zwei, drei Jahren" als auch früher, und es konnte auch nicht anders sein; denn andernfalls hätte die Partei nicht die Führung der Arbeiterklasse behalten und die Arbeiterklasse nicht die Macht behaupten können. Die Sache läuft jetzt offensichtlich darauf hinaus, diese Wechselwirkung noch stetiger und fester zu machen. Ingulow hat nicht nur die organisatorische Bedeutung der Presse unterschätzt, er hat sie auch noch entstellt, indem er der marxistischen Auffassung von der Wechselwirkung zwischen Partei und Arbeiterklasse mittels der Presse eine bürokratische, äußerliche, technische Auffassung unterschoben hat. Und das nennt er ein "Missverständnis"...

Was die "Nebenaufgaben" Ingulows betrifft, die er entschieden ableugnet, so muss ich sagen, dass sein zweiter Artikel meine diesbezüglichen Zweifel, die ich im vorhergehenden Artikel aussprach, nicht zerstreut hat.

"Prawda" Nr. 102,
10. Mai 1923.
Unterschrift: J. Stalin.

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