"Stalin"

Werke

Band 5

VIERTE BERATUNG DES ZK DER KPR(B)
MIT DEN VERANTWORTLICHEN FUNKTIONÄREN
DER NATIONALEN REPUBLIKEN UND GEBIETE[75]

2. ÜBER DIE RECHTEN UND "LINKEN" IN DEN
NATIONALEN REPUBLIKEN UND GEBIETEN

Rede zum ersten Tagesordnungspunkt der Beratung:

"Der Fall Sultan-Galijew"

10. Juni

Ich habe das Wort ergriffen, um einige Bemerkungen zu den Reden der Genossen zu machen, die hier gehalten wurden. Was die prinzipielle Seite der anlässlich des Falls Sultan-Galijew aufgeworfenen Frage betrifft, so werde ich sie in meinem Referat zum zweiten Tagesordnungspunkt zu beleuchten versuchen.

Zunächst zur Beratung selbst. Hier hat jemand gesagt (ich habe vergessen, wer es war), die gegenwärtige Beratung sei eine ungewöhnliche Erscheinung. Das stimmt nicht. Beratungen dieser Art sind nichts Neues für unsere Partei. Diese Beratung ist die vierte seit Bestehen der Sowjetmacht. Bis Anfang 1919 fanden drei Beratungen statt. Damals gestatteten uns die Verhältnisse, solche Beratungen einzuberufen. Später, nach 1919, in den Jahren 1920 und 1921, als wir bis über die Ohren im Bürgerkrieg steckten, hatten wir für derartige Beratungen keine Zeit. Und erst jetzt, nachdem wir mit dem Bürgerkrieg fertig sind, nachdem wir den wirtschaftlichen Aufbau gründlich begonnen haben, nachdem auch die Parteiarbeit selbst, besonders in den nationalen Gebieten und Republiken, konkreter geworden ist - erst jetzt haben wir wieder die Möglichkeit erhalten, eine solche Beratung einzuberufen. Ich denke, das ZK wird noch mehr als einmal zu diesem Mittel greifen, um ein restloses gegenseitiges Verständnis zwischen denen, die die Politik draußen im Lande durchführen, und denen, die sie ausarbeiten, herbeizuführen. Ich denke, derartige Beratungen sollten nicht nur mit Vertretern sämtlicher Republiken und Gebiete gepflogen werden, sondern auch im Rahmen der einzelnen Gebiete und Republiken, damit konkretere Beschlüsse ausgearbeitet werden. Nur eine solche Behandlung der Frage kann sowohl das ZK als auch die lokalen Funktionäre zufriedenstellen.

Ich habe einige Genossen davon sprechen hören, ich hätte Sultan-Galijew gewarnt, als ich in seinen ersten konspirativen Brief, der, wenn ich nicht irre, an Adigamow gerichtet war, Einblick zu nehmen Gelegenheit hatte. Adigamow hüllt sich aus irgendeinem Grunde in Schweigen und ergreift nicht das Wort, obwohl gerade er vor allen anderen und mehr als alle anderen sprechen müsste. Mir wurde von diesen Genossen der Vorwurf gemacht, ich hätte Sultan-Galijew allzu sehr in Schutz genommen. Ja, ich habe ihn tatsächlich, soweit das irgend möglich war, in Schutz genommen; ich hielt das und halte das weiterhin für meine Pflicht und Schuldigkeit. Aber ich habe ihn nur bis zu einer bestimmten Grenze verteidigt. Als Sultan-Galijew dann diese Grenze überschritt, wandte ich mich von ihm ab. Sein erster konspirativer Brief zeugt davon, dass er, Sultan-Galijew, bereits mit der Partei bricht, denn der Ton seines Briefes ist beinahe weißgardistisch, denn er schreibt über Mitglieder des ZK so, wie man nur über Feinde schreiben kann. Ich traf mit ihm zufällig im Politbüro zusammen, wo er die Forderungen der Tatarischen Republik in Sachen des Volkskommissariats für Landwirtschaft vertrat. Schon damals warnte ich ihn: Ich schickte ihm einen Zettel, worin ich seinen konspirativen Brief als parteifeindlich bezeichnete, ihn des Aufbaus einer Organisation von Walidowschem Typus beschuldigte und ihm erklärte, wenn er die illegale parteifeindliche Arbeit nicht einstelle, werde es ein schlechtes Ende mit ihm nehmen, und irgendwelche Unterstützung von meiner Seite käme nicht in Betracht. Sehr verlegen gab er mir zur Antwort, dass ich irregeführt worden sei, er habe tatsächlich an Adigamow geschrieben, aber nicht das, sondern etwas anderes; er sei nach wie vor parteitreu und gebe sein Ehrenwort, es auch in Zukunft zu bleiben. Dessen ungeachtet schickt er acht Tage darauf einen zweiten konspirativen Brief ab, in dem er Adigamow verpflichtet, Verbindung mit den Basmatschen und ihrem Führer Walidow herzustellen und den Brief "zu verbrennen". Es lag also eine Niedertracht, ein Betrug vor, der mich zwang, alle Beziehungen zu Sultan-Galijew abzubrechen. Von diesem Augenblick an war Sultan-Galijew für mich ein Mann, der außerhalb der Partei, außerhalb der Sowjets steht, und ich hielt es nicht für möglich, mit ihm zu sprechen, obwohl er mehrere Male darauf drängte, sich mit mir "auszusprechen". "Linke" Genossen haben mir schon Anfang 1919 den Vorwurf gemacht, dass ich Sultan-Galijew unterstütze, ihn für die Partei zu erhalten suche, ihn schone, in der Hoffnung, er würde aufhören, Nationalist zu sein, und zu einem Marxisten werden. Ich habe es tatsächlich für meine Pflicht gehalten, ihn bis zu einer gewissen Zeit zu unterstützen. Es gibt in den östlichen Republiken und Gebieten so wenige Intellektuelle, geistig rege, ja überhaupt lese- und schreibkundige Menschen, dass man sie an den Fingern abzählen kann - wie sollte man sie unter solchen Umständen nicht hochschätzen? Es wäre geradezu verbrecherisch, wollte man nicht alle Maßnahmen ergreifen, um nützliche Menschen aus dem Osten vor der Zersetzung zu bewahren und sie der Partei zu erhalten. Aber alles hat seine Grenzen. Und diese Grenzen waren in dem Augenblick erreicht, als Sultan-Galijew aus dem Lager der Kommunisten in das Lager der Basmatschen hinüberwechselte. Mit diesem Zeitpunkt hörte er auf, für die Partei zu existieren. Das war auch der Grund, weshalb der türkische Botschafter für ihn annehmbarer wurde als das ZK unserer Partei.

Einen gleichartigen Vorwurf bekam ich von Schamigulow zu hören; ich hätte nämlich trotz seines Drängens, mit einem Schlag Walidow zu erledigen, Walidow in Schutz genommen, in dem Bestreben, ihn für die Partei zu erhalten. Ich habe Walidow tatsächlich in Schutz genommen, in der Hoffnung, er werde sich möglicherweise bessern. Ganz andere Leute haben sich gebessert, das wissen wir aus der Geschichte der politischen Parteien. Ich kam zu dem Schluss, dass Schamigulow mit der Frage allzu einfach umspringt. Ich bin seinem Ratschlag nicht gefolgt. Zwar hat sich Schamigulows Voraussage ein Jahr später bestätigt. Walidow hat sich nicht gebessert, er ist zu den Basmatschen gegangen. Trotzdem aber hat die Partei dadurch gewonnen, dass wir Walidows Weggang von der Partei um ein Jahr aufhielten. Hätten wir mit Walidow 1918 Schluss gemacht, so bin ich überzeugt, dass solche Genossen wie Murtasin, Adigamow, Chalikow und andere damals nicht in unseren Reihen geblieben wären. (Zwischenruf: "Chalikow wäre geblieben.") Vielleicht wäre Chalikow nicht gegangen, aber eine ganze Gruppe von Genossen, die in unseren Reihen arbeiten, wäre zusammen mit Walidow gegangen. Das ist es, was wir durch unsere Duldsamkeit und Umsicht erreicht haben.

Ich habe Ryskulow angehört und muss sagen, dass seine Rede nicht ganz aufrichtig, dass sie halbdiplomatisch war (Zwischenruf: "Sehr richtig!"); seine Rede macht überhaupt einen deprimierenden Eindruck. Ich habe von ihm mehr Klarheit und mehr Aufrichtigkeit erwartet. Ryskulow mag sagen, was er will, es steht fest, dass er zwei konspirative Briefe von Sultan-Galijew zu Hause liegen hat, die er niemand gezeigt hat; es steht fest, dass er mit Sultan-Galijew ideologisch verbunden war. Dass Ryskulow sich in krimineller Beziehung von dem Fall Sultan-Galijew abgrenzt, dass er behauptet, mit Sultan-Galijew nicht auf der Linie verbunden zu sein, die zum Basmatschentum führt - das ist belanglos. Nicht darum handelt es sich auf dieser Beratung. Es handelt sich um die geistige und ideologische Verbindung mit der Sultan-Galijew-Affäre. Dass aber eine solche Verbindung zwischen Ryskulow und Sultan-Galijew bestand - das ist klar, Genossen, das kann Ryskulow selbst nicht leugnen. Ist es aber nicht an der Zeit, endlich hier, von dieser Tribüne herab, entschieden und ohne Vorbehalte von der Sultan-Galijew-Affäre abzurücken? In diesem Sinne war die Rede Ryskulows halbdiplomatisch und unbefriedigend.

Jenbajew hat ebenfalls eine diplomatische, unaufrichtige Rede gehalten. Ist es etwa nicht Tatsache, dass Jenbajew und eine Gruppe tatarischer Funktionäre, die ich trotz ihrer mangelhaften ideologischen Standhaftigkeit für ausgezeichnete Praktiker halte, nach der Verhaftung Sultan-Galijews ein Schreiben an das ZK richteten, in dem sie seine sofortige Freilassung forderten, die volle Bürgschaft für ihn übernahmen und durchblicken ließen, die bei Sultan-Galijew beschlagnahmten Dokumente seien nicht echt? Ist das etwa nicht Tatsache? Was hat jedoch die Untersuchung ergeben? Es hat sich herausgestellt, dass sämtliche Dokumente echt waren. Sultan-Galijew selbst hat ihre Echtheit zugegeben und dabei über seine Sünden mehr mitgeteilt, als die Dokumente besagen; er hat seine Schuld restlos eingestanden, hat sie eingestanden und bereut. Ist es etwa nicht klar, dass Jenbajew nach alledem seine Fehler entschieden und unwiderruflich hätte anerkennen und von Sultan-Galijew hätte abrücken müssen? Jenbajew hat das jedoch nicht getan. Er nahm die Gelegenheit wahr, sich über die "Linken" lustig zu machen, aber von der Sultan-Galijew-Affäre entschieden und auf kommunistische Art abzurücken, von dem Abgrund abzurücken, in den Sultan-Galijew geraten ist - das fiel ihm nicht ein; offenbar glaubte er, Diplomatie würde ihn retten.

Die Rede von Firdews war von A bis Z nichts als Diplomatie. Wer wen ideologisch geleitet hat: ob Sultan-Galijew Firdews oder Firdews Sultan-Galijew - diese Frage lasse ich offen. Ich glaube jedoch, dass eher Firdews Sultan-Galijew ideologisch geleitet hat als umgekehrt. Ich sehe nichts besonders Unzulässiges in den theoretischen Exerzitien Sultan-Galijews. Wenn sich die Sache bei Sultan-Galijew auf die Ideologie des Panturkismus und Panislamismus beschränkt hätte, dann wäre es halb so schlimm, dann würde ich sagen, diese Ideologie erscheine, obgleich die Resolution des X. Parteitags zur nationalen Frage sie verbietet, noch erträglich, und man könne sich darauf beschränken, sie innerhalb der Reihen unserer Partei zu kritisieren. Wenn aber die ideologischen Exerzitien damit enden, dass Verbindungen zu den Führern der Basmatschen, zu Walidow und anderen aufgenommen werden, dann darf hier unter keinen Umständen die Basmatschenpraxis als eine harmlose Ideologie entschuldigt werden, wie dies Firdews zu tun versucht. Mit einer derartigen Rechtfertigung der Tätigkeit Sultan-Galijews kann man niemand hinters Licht führen. Auf solche Art könnte man auch für den Imperialismus und für den Zarismus eine Rechtfertigung finden, denn auch sie haben ihre Ideologie, die mitunter recht harmlos erscheint. So darf man nicht argumentieren. Sie stehen hier nicht vor einem Gerichtshof, sondern vor einer Beratung verantwortlicher Funktionäre, die von Ihnen Offenheit und Aufrichtigkeit und keine Diplomatie verlangen.

Gut hat meiner Meinung nach Chodshanow gesprochen. Auch Ikramow sprach nicht schlecht. Ich muss aber eine Stelle in den Reden dieser Genossen hervorheben, eine Stelle, die zu denken gibt. Beide meinten, zwischen dem heutigen Turkestan und dem zaristischen Turkestan bestehe kein Unterschied, nur das Aushängeschild habe sich geändert, Turkestan sei das gleiche geblieben, dasselbe, was es unter dem Zaren war. Genossen, wenn das nicht ein falscher Zungenschlag, sondern eine überlegte Redewendung war, und wenn das mit vollem Bewusstsein gesagt wurde, dann müsste man sagen, dass in diesem Fall die Basmatschen recht, wir aber unrecht hätten. Wenn Turkestan tatsächlich eine Kolonie ist, wie dies unter dem Zarismus der Fall war, dann haben die Basmatschen recht, dann dürfen nicht wir über Sultan-Galijew zu Gericht sitzen, sondern dann muss er über uns zu Gericht sitzen, als über Leute, die im Rahmen der Sowjetmacht das Bestehen einer Kolonie dulden. Wenn das zutrifft, dann begreife ich nicht, warum Sie selber nicht zu den Basmatschen gestoßen sind. Offenbar haben Chodshanow und Ikramow diese Stelle ihrer Reden nicht durchdacht, denn sie können nicht in Unkenntnis darüber sein, dass sich das heutige Sowjetturkestan von Grund aus vom zaristischen Turkestan unterscheidet. Ich wollte auf diese falsche Stelle in den Reden dieser Genossen hinweisen, damit sich die Genossen die Mühe nehmen, darüber nachzudenken und ihren Fehler zu korrigieren.

Ich nehme einen Teil der Beschuldigungen auf mich, die Ikramow vorbrachte, als er von der Tätigkeit des ZK sagte, dass wir nicht immer genügend achtgaben und dass es uns nicht immer gelang, rechtzeitig die praktischen Fragen in Angriff zu nehmen, die die Verhältnisse in den östlichen Republiken und Gebieten gebieterisch auf die Tagesordnung setzten. Gewiss, das ZK ist überlastet und nicht imstande, überall rechtzeitig einzugreifen. Es wäre aber lächerlich zu glauben, das ZK könne alles zur rechten Zeit machen. Gewiss, es gibt wenig Schulen in Turkestan. Die Muttersprachen der einheimischen Bevölkerung sind noch nicht zu Verkehrssprachen der staatlichen Institutionen geworden, die Institutionen sind nicht nationalisiert. Das Kulturniveau ist überhaupt niedrig. Das alles trifft zu. Aber kann man etwa ernsthaft erwarten, das ZK oder die Partei in ihrer Gesamtheit könnten die Kultur Turkestans in zwei, drei Jahren heben? Wir alle jammern und klagen darüber, dass die russische Kultur, die Kultur des russischen Volkes, das in kultureller Hinsicht den anderen Völkern der Union der Republiken voran ist, auf einem niedrigen Niveau steht. Iljitsch hat wiederholt erklärt, dass wir in kultureller Hinsicht wenig entwickelt sind, dass es nicht möglich ist, die russische Kultur in zwei, drei, ja nicht einmal in zehn Jahren wesentlich zu heben. Wenn sich aber die russische Kultur nicht in zwei, drei, ja nicht einmal in zehn Jahren wesentlich heben lässt, wie kann man da verlangen, dass das Kulturniveau der nichtrussischen, zurückgebliebenen, halbanalphabetischen Gebiete im Handumdrehen gehoben werde? Ist es nicht klar, dass neun Zehntel der "Schuld" hier den Verhältnissen, der Rückständigkeit zufallen, dass man das, wie man so sagt, in Rechnung zu stellen nicht umhinkann.

Über "Linke" und Rechte.

Gibt es solche in den kommunistischen Organisationen der verschiedenen Gebiete und Republiken? Natürlich gibt es solche. Das lässt sich nicht leugnen.

Worin bestehen die Sünden der Rechten? Sie bestehen darin, dass die Rechten gegen die nationalistischen Tendenzen, die sich im Zusammenhang mit der NÖP entwickeln und verstärken, kein Gegengift, keinen zuverlässigen Schutz abgeben und auch nicht abgeben können. Die Tatsache, dass es zum Fall Sultan-Galijew kommen konnte, dass er einen gewissen Kreis von Anhängern in den östlichen Republiken, besonders in Baschkirien und Tatarien, gewonnen hat - das zeugt unzweifelhaft davon, dass die rechten Elemente, die dort, in diesen Republiken, die vorherrschende Mehrheit bilden, kein genügender Schutz gegen den Nationalismus sind.

Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere kommunistischen Organisationen in den Randgebieten, in den Republiken und Gebieten, sich nur dann entwickeln und festen Fuß fassen können, nur dann zu wirklich internationalistischen marxistischen Kadern werden können, wenn sie den Nationalismus überwinden. Der Nationalismus ist das ideologische Haupthindernis bei der Heranbildung marxistischer Kader, einer marxistischen Vorhut in den Randgebieten und Republiken. Die Geschichte unserer Partei lehrt, dass der russische Teil der Partei der Bolschewiki wuchs und erstarkte im Kampf gegen den Menschewismus, denn der Menschewismus ist eine Ideologie der Bourgeoisie, der Menschewismus ist der Schrittmacher bürgerlicher Ideologie in unserer Partei, und ohne den Menschewismus überwunden zu haben, konnte die Partei nicht festen Fuß fassen. Iljitsch hat darüber mehrfach geschrieben. Nur in dem Maße, wie der Bolschewismus den Menschewismus in seinen organisatorischen und ideologischen Formen überwand, wuchs und erstarkte er als die wirklich führende Partei. Das gleiche gilt für unsere kommunistischen Organisationen in den Randgebieten und Republiken hinsichtlich des Nationalismus. Der Nationalismus spielt für diese Organisationen dieselbe Rolle, die der Menschewismus in der Vergangenheit für die Partei der Bolschewiki gespielt hat. Nur unter nationalistischem Deckmantel können alle möglichen bürgerlichen, darunter auch menschewistischen, Einflüsse in unsere Organisationen in den Randgebieten eindringen. Unsere Organisationen in den Republiken können nur dann marxistisch werden, wenn sie imstande sind, sich der nationalistischen Einflüsse zu erwehren, die in den Randgebieten in unsere Partei eindringen, deshalb eindringen, weil die Bourgeoisie wieder auflebt, weil die NÖP wächst, weil der Nationalismus wächst, weil Überreste des großrussischen Chauvinismus vorhanden sind, die gleichfalls den lokalen Nationalismus vorantreiben, weil sich der Einfluss der ausländischen Staaten geltend macht, die den Nationalismus auf jede Weise unterstützen. Kampf gegen diesen Feind in den Republiken und Gebieten - dieses Stadium müssen unsere kommunistischen Organisationen in den nationalen Republiken durchmachen, wenn sie erstarken wollen als wahrhaft marxistische Organisationen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Und in diesem Kampf sind die Rechten schwach. Sie sind schwach, weil sie angesteckt sind von Skepsis gegenüber der Partei und weil sie leicht dem Einfluss des Nationalismus erliegen. Darin eben besteht die Sünde des rechten Flügels der kommunistischen Organisationen in den Republiken und Gebieten.

Aber nicht weniger, wenn nicht gar mehr, sündigen die "Linken" in den Randgebieten. Wenn die kommunistischen Organisationen in den Randgebieten nicht erstarken und sich nicht zu wahrhaft marxistischen Kadern entwickeln können, ohne den Nationalismus überwunden zu haben, so können diese Kader selbst nur dann zu Massenorganisationen werden und die Mehrheit der werktätigen Massen um sich scharen, wenn sie es lernen, elastisch genug zu sein, um alle einigermaßen loyalen nationalen Elemente, denen Zugeständnisse gemacht werden müssen, in unsere staatlichen Institutionen einzubeziehen, wenn sie es lernen, zu manövrieren zwischen dem entschlossenen Kampf gegen den Nationalismus in der Partei und dem ebenso entschlossenen Kampf um die Heranziehung aller mehr oder weniger loyalen Elemente aus der einheimischen Bevölkerung, der Intelligenz usw. zur Sowjetarbeit. Die "Linken" in den Randgebieten sind mehr oder weniger frei von der skeptischen Einstellung zur Partei, von der Empfänglichkeit für nationalistische Einflüsse. Aber die Sünden der "Linken" bestehen darin, dass sie es nicht verstehen, gegenüber den bürgerlich-demokratischen und den einfach loyalen Elementen der Bevölkerung elastisch zu sein, dass sie bei der Heranziehung dieser Elemente nicht manövrieren können und wollen, dass sie die auf die Gewinnung der Mehrheit der werktätigen Bevölkerung im Lande gerichtete Linie der Partei entstellen. Es gilt indes, diese Elastizität und diese Fähigkeit, zwischen der Bekämpfung des Nationalismus und der Heranziehung aller einigermaßen loyalen Elemente zur Arbeit in unseren Staatsinstitutionen zu manövrieren, um jeden Preis zu erlangen und zu erarbeiten. Wir können sie nur erlangen und erarbeiten, wenn wir der ganzen Kompliziertheit und Eigenart Rechnung tragen, die wir in unseren Gebieten und Republiken antreffen; wenn wir nicht auf eine einfache Verpflanzung der Vorbilder der zentralen Industriegebiete bedacht sein werden, da diese Vorbilder nicht mechanisch in die Randgebiete verpflanzt werden dürfen; wenn wir nicht die nationalistisch eingestellten Elemente der Bevölkerung, die nationalistisch eingestellten Kleinbürger in Bausch und Bogen abtun; wenn wir es lernen, diese Elemente zur gesamtstaatlichen Arbeit heranzuziehen. Die "Linken" sündigen dadurch, dass sie vom Sektierertum angesteckt sind und die überragende Wichtigkeit dieser komplizierten Aufgaben der Partei in den nationalen Republiken und Gebieten verkennen.

Drohen die Rechten durch ihre Nachgiebigkeit gegenüber dem Nationalismus das Wachsen unserer kommunistischen Kader in den Randgebieten zu erschweren, so droht von den "Linken" der Partei die Gefahr, dass diese, von ihrem versimpelten und überstürzten "Kommunismus" hingerissen, unsere Partei von der Bauernschaft und den breiten Schichten der einheimischen Bevölkerung loslösen.

Welche von diesen Gefahren stellt die größere Gefahr dar? Wenn die Genossen, die nach "links" abweichen, draußen im Lande auch weiterhin die Politik der künstlichen Teilung der Bevölkerung in Schichten zu praktizieren gedenken - und diese Politik wurde nicht nur im Tschetschenen- und im Jakutengebiet, nicht nur in Turkestan praktiziert... (Ibrahimow: "Das ist Differenzierungstaktik.") Jetzt ist Ibrahimow darauf verfallen, statt Taktik der Teilung in Schichten Differenzierungstaktik zu sagen, dadurch hat sich aber nichts geändert - wenn diese Genossen, sage ich, auch weiterhin von oben eine Politik der Teilung in Schichten zu praktizieren gedenken; wenn sie glauben, man könnte die russischen Vorbilder mechanisch in die spezifischen nationalen Verhältnisse verpflanzen, ohne der Lebensweise und den konkreten Bedingungen Rechnung zu tragen; wenn sie meinen, dass man im Kampf gegen den Nationalismus gleichzeitig alles Nationale über Bord werfen müsse; mit einem Wort, wenn die "linken" Kommunisten in den Randgebieten unverbesserlich zu bleiben gedenken - dann muss ich sagen, dass von den beiden Gefahren die "linke" Gefahr sich als die größere Gefahr erweisen kann.

Das ist alles, was ich zur Frage der "Linken" und der Rechten sagen wollte. Ich bin etwas vorausgeeilt, aber das geschah deshalb, weil die ganze Beratung vorausgeeilt ist und die Aussprache über den zweiten Punkt vorweggenommen hat.

Man muss den Rechten Hiebe versetzen, um sie zu zwingen, um sie zu lehren, gegen den Nationalismus zu kämpfen, damit wirklich kommunistische Kader aus der einheimischen Bevölkerung geschmiedet werden können. Man muss aber auch den "Linken" Hiebe versetzen, um ihnen Elastizität und geschicktes Manövrieren beizubringen, damit die breiten Massen der Bevölkerung gewonnen werden können. Das alles muss getan werden, weil die Wahrheit "in der Mitte", zwischen den Rechten und den "Linken" liegt, wie Chodshanow richtig bemerkt hat.

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