"Stalin"

Werke

Band 5

ÜBER DIE DISKUSSION, ÜBER RAFAIL, ÜBER
DIE ARTIKEL PREOBRASHENSKIS UND SAPRONOWS
UND ÜBER DEN BRIEF TROTZKIS

ÜBER DIE DISKUSSION

Die Diskussion über die innerparteiliche Lage, die vor einigen Wochen begann, geht, soweit es sich um Moskau und Petrograd handelt, offenbar ihrem Ende entgegen. Petrograd hat sich bekanntlich für die Linie der Partei ausgesprochen. Die wichtigsten Stadtbezirke Moskaus haben sich ebenfalls für die Linie des ZK ausgesprochen. Die Stadtversammlung aktiver Funktionäre der Moskauer Organisation vom 11. Dezember hat die organisatorische und politische Linie des ZK der Partei voll und ganz gebilligt. Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass die bevorstehende allgemeine Parteikonferenz der Moskauer Organisation die gleiche Stellung einnehmen wird wie ihre Stadtbezirke. Die Opposition, die einen Block eines Teils der "linken" Kommunisten (Preobrashenski, Stukow, Pjatakow und andere) mit den so genannten demokratischen Zentralisten (Rafail, Sapronow und andere) darstellt, wurde geschlagen.

Von Interesse sind der Verlauf der Diskussion und die Metamorphosen, die die Opposition während der Diskussionsperiode durchgemacht hat.

Die Opposition fing damit an, dass sie sich für nicht mehr und nicht weniger als für eine Revision der Grundlinie der Partei im innerparteilichen Aufbau und in der innerparteilichen Politik der letzten zwei Jahre, der ganzen Periode der NÖP, ausgesprochen hat. Obwohl die Opposition forderte, dass die Resolution des X. Parteitags über die innerparteiliche Demokratie völlig durchgeführt werde, bestand sie zugleich darauf, dass die vom X., XI. und XII. Parteitag angenommenen Einschränkungen (Verbot von Gruppierungen, bestimmte Dauer der Parteizugehörigkeit usw.) aufgehoben würden. Aber dabei machte die Opposition nicht halt. Die Opposition behauptete, die Partei habe sich im Grunde genommen in eine Organisation vom Armeetypus verwandelt, und die Parteidisziplin sei zur Militärdisziplin geworden, und sie forderte eine Durchrüttelung des ganzen Parteiapparats von oben bis unten, die Absetzung der wichtigsten Funktionäre von ihren Posten und anderes. Es fehlte natürlich nicht an Kraftausdrücken und Geschimpfe über das ZK. Die "Prawda" war übervoll von Artikeln und Zuschriften, in denen das ZK aller Todsünden bezichtigt wurde. Es fehlte nur noch, dass man dem ZK das japanische Erdbeben in die Schuhe geschoben hätte.

Das ZK als Ganzes griff während dieser Periode nicht in die Diskussion in der "Prawda" ein und ließ den Parteimitgliedern volle Freiheit der Kritik. Das ZK fand es nicht einmal für nötig, ungereimte Beschuldigungen zu widerlegen, wie sie von den Kritikern nicht selten vorgebracht wurden, denn es war der Meinung, dass die Parteimitglieder bewusst genug sind, um die zur Diskussion stehenden Fragen selbständig entscheiden zu können.

Das war sozusagen die erste Periode der Diskussion.

Im weiteren Verlauf, als man die Kraftausdrücke satt hatte, das Geschimpfe seine Wirkung verlor und die Parteimitglieder eine sachliche Behandlung der Frage forderten, begann die zweite Periode der Diskussion. Diese wurde durch die Veröffentlichung der Resolution des ZK und der ZKK über den Parteiaufbau [82] eröffnet. Vom Beschluss des Oktoberplenums des ZK [83] ausgehend, der den Kurs auf innerparteiliche Demokratie gebilligt hatte, arbeiteten das Politbüro des ZK und das Präsidium der ZKK die bekannte Resolution aus, die die Bedingungen für die Durchführung der innerparteilichen Demokratie festlegte. Durch diesen Akt wurde der Diskussion eine Wendung gegeben. Nun konnte man sich schon nicht mehr auf Kritik im allgemeinen beschränken. Der vom ZK und von der ZKK vorgelegte konkrete Plan forderte von der Opposition entweder die Annahme dieses Planes oder die Vorlage eines anderen, parallelen, ebenso konkreten Planes zur Durchführung der innerparteilichen Demokratie. Und da zeigte sich denn, dass die Opposition nicht imstande war, dem Plan des ZK einen eigenen Plan entgegenzustellen, der die Anforderungen der Parteiorganisationen hätte befriedigen können. Es begann der Rückzug der Opposition. Aus dem Arsenal der Opposition verschwand die Forderung nach Aufhebung der Grundlinie der Partei im innerparteilichen Aufbau der letzten zwei Jahre. Verwelkt und verblichen war die Forderung der Opposition, die vom X., XI. und XII. Parteitag angenommenen Einschränkungen der Demokratie aufzuheben. Die Forderung nach einer Durchrüttelung des Apparats von oben bis unten war in den Hintergrund gerückt und gemäßigt worden. Die Opposition hielt es für notwendig, alle diese Forderungen durch Vorschläge zu ersetzen, die von der Notwendigkeit sprachen, "die Frage der Fraktionen genau zu formulieren", "alle früher durch Ernennung gebildeten Parteiorgane neu zu wählen", "das System der Ernennung von Funktionären aufzuheben" usw. Charakteristisch ist, dass sogar diese mehrfach gemäßigten Vorschläge der Opposition von den Organisationen der Stadtbezirke Krasnaja Presnja und Samoskworetschje, die mit überwältigender Stimmenmehrheit die Resolution des ZK und der ZKK begrüßten, niedergestimmt wurden.

Das war sozusagen die zweite Periode der Diskussion.

Nun sind wir in die dritte Periode eingetreten. Der charakteristische Zug dieser Periode besteht in einem weiteren Rückzug, ich möchte sagen: im ungeordneten Rückzug der Opposition. Sogar die verblichenen und mehrfach gemäßigten Forderungen der Opposition sind diesmal aus ihrer Resolution verschwunden. Die letzte Resolution Preobrashenskis (ich glaube, die dritte der Zahl nach), die der Versammlung aktiver Funktionäre der Moskauer Organisation (über 1000 Personen) unterbreitet wurde, lautet:

"Nur eine rasche, einmütige und aufrichtige Durchführung der Resolutionen des Politbüros, insbesondere eine Erneuerung des innerparteilichen Apparats durch Neuwahlen kann unserer Partei ohne Erschütterungen und ohne inneren Kampf den Übergang zu einem neuen Kurs gewährleisten und die wahre Geschlossenheit und Einheitlichkeit ihrer Reihen verstärken."

Die Tatsache, dass die Versammlung sogar diesen völlig harmlosen Vorschlag der Opposition abgelehnt hat, kann nicht als Zufall betrachtet werden. Es ist auch kein Zufall, dass die Versammlung mit überwältigender Stimmenmehrheit die Resolution über die "Billigung der politischen und organisatorischen Linie des ZK" angenommen hat.

ÜBER RAFAIL

Ich glaube, Rafail ist der konsequenteste und vollendetste Vertreter der gegenwärtigen Opposition oder, genauer gesagt, des gegenwärtigen Oppositionsblocks. In einer der Diskussionsversammlungen erklärte Rafail, unsere Partei habe sich im Grunde genommen in eine Armeeorganisation verwandelt, die Disziplin in ihr sei eine Armeedisziplin, und infolgedessen sei es notwendig, den ganzen Parteiapparat von oben bis unten durchzurütteln, da dieser unbrauchbar und dem Geiste des wahren Parteiprinzips fremd sei. Mir scheint, dass diese oder ähnliche Gedanken in den Köpfen unserer heutigen Oppositionellen umgehen, doch wagen sie aus verschiedenen Erwägungen nicht, sie auszusprechen. Es muss zugegeben werden, dass sich Rafail in dieser Hinsicht mutiger gezeigt hat als seine Oppositionskollegen.

Und doch hat Rafail von Grund aus unrecht. Er hat nicht nur formal unrecht, sondern vor allem dem Wesen der Sache nach. Hätte sich unsere Partei tatsächlich in eine Armeeorganisation verwandelt oder sich in eine solche zu verwandeln begonnen, so ist doch klar, dass wir dann weder eine Partei im eigentlichen Sinne des Wortes noch die Diktatur des Proletariats, noch die Revolution hätten.

Was ist die Armee?

Die Armee ist eine geschlossene Organisation, die von oben her aufgebaut wird. Das Wesen der Armee setzt voraus, dass an der Spitze der Armee ein Stab steht, der von oben eingesetzt wird und die Armee nach dem Grundsatz des Zwanges formiert. Der Stab formiert nicht nur die Armee, sondern sorgt auch für ihre Verpflegung, ihre Bekleidung, ihr Schuhwerk usw. Die materielle Abhängigkeit aller Angehörigen der Armee vom Stab ist eine vollkommene. Darauf beruht unter anderem die Armeedisziplin, deren Übertretung die spezifische Form des höchsten Strafmaßes, die Erschießung, nach sich zieht. Daraus ist auch die Tatsache zu erklären, dass der Stab die Armee dort und dann einsetzen kann, wo und wann es ihm beliebt, lediglich von seinen eigenen strategischen Plänen ausgehend.

Was ist die Partei?

Die Partei ist der Vortrupp des Proletariats, der von unten her nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit aufgebaut wird. Die Partei hat ebenfalls ihren Stab, aber dieser wird nicht von oben eingesetzt, sondern von unten durch die ganze Partei gewählt. Nicht der Stab formiert die Partei, sondern umgekehrt, die Partei formiert ihren Stab. Die Partei formiert sich selbst nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit. Hier gibt es auch nicht jene materielle Abhängigkeit zwischen dem Stab der Partei und der Partei als Ganzem, von der oben in bezug auf die Armee die Rede war. Der Stab der Partei versorgt nicht die Partei, sorgt nicht für ihre Verpflegung und Bekleidung. Daraus ist unter anderem die Tatsache zu erklären, dass der Stab der Partei die Kolonnen der Partei nicht willkürlich dort und dann einsetzen kann, wo und wann es ihm beliebt, dass der Stab der Partei die Führung über die Partei als Ganzes nur im Einklang mit den ökonomischen und politischen Interessen der Klasse, von der die Partei selbst einen Teil bildet, ausüben kann. Hieraus ergibt sich der besondere Charakter der Parteidisziplin, die im wesentlichen auf der Methode der Überzeugung beruht, im Gegensatz zur Armeedisziplin, die im wesentlichen auf der Methode des Zwanges beruht. Hieraus ergibt sich der grundlegende Unterschied zwischen dem höchsten Strafmaß in der Partei (Ausschluss aus der Partei) und dem höchsten Strafmaß in der Armee (Erschießung).

Es genügt, diese beiden Definitionen zu vergleichen, um die ganze Ungeheuerlichkeit des Fehlers von Rafail zu begreifen.

Die Partei, meint er, habe sich in eine Armeeorganisation verwandelt. Wie kann man aber die Partei in eine Armeeorganisation verwandeln, wenn sie nicht materiell von ihrem Stab abhängt, wenn sie nach dem Prinzip der Freiwilligkeit von unten her aufgebaut wird, wenn sie selbst ihren Stab formiert? Woraus wären in diesem Fall der Zustrom der Arbeiter in die Partei, das Wachsen ihres Einflusses unter den parteilosen Massen, ihre Popularität unter den werktätigen Schichten der ganzen Welt zu erklären?

Eins von beiden:

Entweder ist die Partei im höchsten Grade passiv und urteilslos - wie wäre aber dann die Tatsache zu erklären, dass diese passive und urteilslose Partei das revolutionärste Proletariat der Welt führt und nun schon mehrere Jahre lang das revolutionärste Land der Welt lenkt?

Oder die Partei ist aktiv und selbsttätig - dann aber ist es unverständlich, warum die aktive und selbsttätige Partei in dieser Zeit nicht das militärische Regime in der Partei gestürzt hat, wenn dieses tatsächlich im Schoße der Partei existiert?

Ist denn nicht klar, dass unsere Partei, die drei Revolutionen vollbracht hat, die Koltschak und Denikin geschlagen hat und heute die Grundfesten des Weltimperialismus erschüttert - dass diese Partei auch nicht eine Woche lang das militärische Regime und den Befehlsgeist geduldet hätte, von denen Rafail so leichthin und unbekümmert daherredet, dass sie mit diesen im Nu aufgeräumt und ein neues Regime aufgerichtet hätte, ohne auf Rafails Appell zu warten?

Aber wenn der Traum gruselig ist, so ist Gott doch barmherzig. Die Sache ist erstens die, dass Rafail die Partei mit der Armee und die Armee mit der Partei verwechselt hat, denn er kennt offensichtlich weder die Partei noch die Armee richtig. Die Sache ist zweitens die, dass Rafail anscheinend selber nicht an seine Entdeckung glaubt - er braucht die "gruseligen" Worte über das Befehlsregime in der Partei, um die Hauptlosungen der gegenwärtigen Opposition zu begründen: a) Freiheit der Fraktionsgruppierungen und b) Absetzung der führenden Elemente der Partei von oben bis unten.

Rafail fühlt offenbar, dass diese Losungen ohne "gruselige" Worte nicht durchzudrücken sind.

Das ist des Pudels Kern.

ÜBER DEN ARTIKEL PREOBRASHENSKIS

Preobrashenski erblickt die Hauptursache der Mängel im innerparteilichen Leben darin, dass die Grundlinie der Partei im Parteiaufbau falsch sei. Preobrashenski behauptet, dass "die Partei nun schon zwei Jahre lang in ihrer innerparteilichen Politik eine im wesentlichen falsche Linie verfolgt", dass sich "die Grundlinie der Partei im innerparteilichen Aufbau und in der innerparteilichen Politik während der Periode der NÖP" als falsch erwiesen habe.

Worin besteht die Grundlinie der Partei während der Periode der NÖP? Die Partei hat auf ihrem X. Parteitag eine Resolution über die Arbeiterdemokratie angenommen. Handelte die Partei richtig, als sie diese Resolution annahm? Preobrashenski meint, sie habe richtig gehandelt. Die Partei hat auf demselben X. Parteitag eine bedeutsame Einschränkung der Demokratie beschlossen, indem sie Gruppierungen verbot. Handelte die Partei richtig, als sie diese Einschränkung beschloss? Preobrashenski meint, die Partei habe falsch gehandelt, denn diese Einschränkung beengt seiner Meinung nach das selbständige Denken der Partei. Die Partei hat auf dem XI. Parteitag neue Einschränkungen der Demokratie beschlossen, als sie eine bestimmte Dauer der Parteizugehörigkeit usw. vorschrieb. Der XII. Parteitag hat diese Einschränkungen lediglich bestätigt. Handelte die Partei richtig, als sie diese Einschränkungen als Gewähr gegen kleinbürgerliche Tendenzen unter den Verhältnissen der NÖP beschloss? Preobrashenski meint, die Partei habe falsch gehandelt, denn diese Einschränkungen engten seiner Meinung nach die Selbsttätigkeit der Parteiorganisationen ein. Die Schlussfolgerung ist klar: Preobrashenski schlägt vor, die diesbezügliche vom X. und XI. Parteitag unter den Verhältnissen der NÖP angenommene Grundlinie der Partei aufzuheben.

Der X. und der XI. Parteitag haben jedoch unter der unmittelbaren Leitung des Genossen Lenin getagt. Die Resolution über das Verbot von Gruppierungen (Resolution über die Einheit) wurde auf dein X. Parteitag von Genossen Lenin vorgeschlagen und zur Annahme gebracht. Die weiteren Einschränkungen der Demokratie wie zum Beispiel eine bestimmte Dauer der Parteizugehörigkeit usw. wurden vom XI. Parteitag unter unmittelbarer Teilnahme des Genossen Lenin beschlossen. Dämmert es denn Preobrashenski nicht, dass er im Grunde genommen die Aufhebung der Linie der Partei unter den Verhältnissen der NÖP vorschlägt, einer Linie, die organisch mit dem Lenin ismus verbunden ist? Will Preobrashenski denn nicht begreifen, dass sein Vorschlag, die Grundlinie der Partei im Parteiaufbau unter den Verhältnissen der NÖP aufzuheben, im Grunde genommen eine Wiederholung gewisser Vorschläge der sattsam bekannten "anonymen Plattform" [84] ist, die eine Revision des Lenin ismus verlangte?

Man braucht diese Fragen nur anzuschneiden, um zu verstehen, dass die Partei nicht in die Fußtapfen Preobrashenskis treten wird.

Was aber schlägt Preobrashenski vor? Er schlägt nicht mehr und nicht weniger vor als eine Wiederherstellung des Parteilebens "nach dem Typus der Jahre 1917 und 1918". Wodurch zeichnen sich die Jahre 1917 und 1918 in dieser Hinsicht aus? Dadurch, dass damals in unserer Partei Gruppierungen und Fraktionen bestanden, dass damals ein offener Kampf der Gruppierungen vor sich ging, dass die Partei damals einen kritischen Augenblick durchmachte, der mit der Frage ihres Seins oder Nichtseins verbunden war. Preobrashenski verlangt, dass dieses vom X. Parteitag aufgehobene Parteiregime wenigstens "teilweise" wiederhergestellt werde. Kann die Partei diesen Weg beschreiten? Nein, keineswegs. Erstens, weil eine Wiederherstellung des Parteilebens nach den Prinzipien der Jahre 1917 und 1918, wo es keine NÖP gab, den Erfordernissen der Partei im Jahre 1923, wo die NÖP besteht, nicht entspricht und nicht entsprechen kann. Zweitens, weil eine Wiederherstellung des vergangenen Regimes des Fraktionskampfes unvermeidlich zur Untergrabung der Einheit der Partei, besonders jetzt, in Abwesenheit des Genossen Lenin , führen würde.

Preobrashenski hat die Neigung, die Verhältnisse des innerparteilichen Lebens von 1917 und 1918 als etwas Wünschenswertes und Ideales hinzustellen. Wir aber kennen eine Unmenge Schattenseiten dieser Periode des innerparteilichen Lebens, die der Partei die tiefsten Erschütterungen eingebracht haben. Niemals wohl hat der innerparteiliche Kampf unter den Bolschewiki einen so erbitterten Charakter angenommen wie in dieser Periode, in der Periode des Brester Friedens. Es ist zum Beispiel bekannt, dass sich die "linken" Kommunisten, die damals eine gesonderte Fraktion bildeten, in ihrer Hemmungslosigkeit so weit verstiegen, allen Ernstes von der Ersetzung des damals bestehenden Rates der Volkskommissare durch einen neuen Rat der Volkskommissare zu sprechen, gebildet aus neuen Leuten, die der Fraktion der "linken" Kommunisten angehörten. Ein Teil der heutigen Oppositionellen - Preobrashenski, Pjatakow, Stukow und andere - gehörten damals der Fraktion der "linken" Kommunisten an.

Will Preobrashenski etwa diese alten "idealen" Zustände in unserer Partei "wiederherstellen"?

Es ist jedenfalls klar, dass die Partei sich auf diese "Wiederherstellung" nicht einlassen wird.

ÜBER DEN ARTIKEL SAPRONOWS

Sapronow erblickt die Hauptursache der Mängel des innerparteilichen Lebens darin, dass in den Parteiapparaten "Parteipedanten" und "Gouvernanten" sitzen, die die "Erziehung der Parteimitglieder" nach der "Schulmethode" betreiben und auf diese Weise die wirkliche Erziehung der Parteimitglieder im Prozess des Kampfes hemmen. Sapronow, der somit die Funktionäre unseres Parteiapparats in "Gouvernanten" verwandelt hat, denkt gar nicht daran, zu fragen: Woher sind diese Leute gekommen und wie konnte es geschehen, dass "Parteipedanten" in der Arbeit unserer Partei das Übergewicht gewannen? Sapronow, der diese mehr als gewagte und demagogische Behauptung als etwas Nachgewiesenes hinstellt, hat vergessen, dass ein Marxist sich nicht einfach auf Sentenzen beschränken darf, dass er eine Erscheinung, falls diese wirklich existiert, vor allem verstehen und sie erklären muss, um sodann wirksame Maßnahmen zur Verbesserung festlegen zu können. Aber Sapronow scheint sich nicht um den Marxismus zu kümmern. Es liegt ihm daran, um jeden Preis den Parteiapparat zu schmähen, alles übrige werde sich schon finden. Der böse Wille der "Parteipedanten" - das ist Sapronows Meinung nach die Ursache der Mängel unseres innerparteilichen Lebens. Eine schöne Erklärung - das kann man wohl sagen.

Unverständlich bleibt nur:

1. Wie konnten diese "Gouvernanten" und "Parteipedanten" die Führung des revolutionärsten Proletariats der Welt in der Hand behalten?

2. Wie konnten unsere "Parteischulbuben", die den "Gouvernanten" zur Erziehung überlassen sind, die Führung des revolutionärsten Landes der Welt in der Hand behalten?

Jedenfalls ist klar, dass es leichter ist, über "Parteipedanten" zu schwatzen als die überaus großen Vorzüge unseres Parteiapparats zu begreifen und zu bewerten.

Mit welchem Heilmittel gedenkt Sapronow die Mängel unseres innerparteilichen Lebens zu beheben? Sein Heilmittel ist ebenso einfach wie seine Diagnose. "Unser Offizierkorps einer Revision unterziehen", die jetzigen Funktionäre ihrer Posten entheben - das ist Sapronows Mittel. Darin sieht er die grundlegende Garantie für die Durchführung der innerparteilichen Demokratie. Es liegt mir fern, die Bedeutung zu leugnen, die unter dem Gesichtspunkt des Demokratismus durchgeführte Neuwahlen für die Verbesserung unseres innerparteilichen Lebens haben. Darin aber die grundlegende Garantie erblicken, hieße, weder das innerparteiliche Leben noch seine Mängel zu verstehen. In den Reihen der Opposition gibt es Männer wie Bjeloborodow, dessen "Demokratismus" bis zum heutigen Tag den Rostower Arbeitern in Erinnerung geblieben ist; Rosenholz, von dessen "Demokratismus" unsere Schifffahrtsarbeiter und Eisenbahner ein Lied singen können; Pjatakow, unter dessen "Demokratismus" das ganze Donezbecken nicht bloß schrie, sondern geradezu heulte; Alski, dessen "Demokratismus" allen bekannt ist; Byk, unter dessen "Demokratismus" bis auf den heutigen Tag ganz Choresm stöhnt. Glaubt Sapronow etwa, die Demokratie werde in der Partei den Sieg davontragen, wenn die jetzigen "Parteipedanten" durch die oben genannten "verehrten Genossen" abgelöst werden? Es sei mir gestattet, daran gelinde zu zweifeln.

Es gibt offenbar zwei Arten von Demokratismus: den Demokratismus der Parteimassen, die darauf brennen, Initiative zu entfalten und aktiv an der Parteiführung teilzunehmen, und den "Demokratismus" unzufriedener Parteigrößen, die das Wesen des Demokratismus in der Ablösung der einen Personen durch andere sehen. Die Partei ist für den Demokratismus der ersten Art und wird ihn mit eiserner hand durchführen. Den "Demokratismus" der unzufriedenen Parteigrößen wird die Partei aber hinwegfegen, denn er hat mit wirklicher innerparteilicher Arbeiterdemokratie nichts gemein.

Um die innerparteiliche Demokratie zu gewährleisten, muss man vor allem jene Überreste und Gepflogenheiten der Kriegsperiode in den Köpfen mancher unserer Funktionäre überwinden, kraft deren die Partei nicht als selbsttätiger Organismus, sondern als ein System von Institutionen aufgefasst wird. Diese Überreste lassen sich jedoch nicht in kürzester Zeit überwinden.

Um die innerparteiliche Demokratie zu gewährleisten, muss man zweitens den Druck unseres bürokratischen Staatsapparats, der etwa eine Million Angestellte hat, auf den Parteiapparat, der nicht mehr als 20000 bis 30000 Funktionäre hat, überwinden. Es ist jedoch undenkbar, den Druck dieser schwerfälligen Maschinerie in kürzester Zeit zu überwinden und sie uns unterzuordnen.

Um die innerparteiliche Demokratie zu gewährleisten, muss man drittens das Kulturniveau einer ganzen Reihe unserer rückständigen Zellen heben und die aktiven Funktionäre richtig auf das ganze Territorium der Union verteilen, was sich wiederum nicht in kürzester Zeit erreichen lässt.

Wie Sie sehen, ist es gar nicht so einfach, wie sich Sapronow das vorstellt, eine vollständige Demokratie zu sichern, vorausgesetzt natürlich, dass man unter Demokratismus nicht den inhaltlosen formalen Demokratismus Sapronows versteht, sondern wahren proletarischen, unverfälschten Demokratismus.

Offenkundig bedarf es einer Anspannung des Willens der gesamten Partei von unten bis oben, um die wahre innerparteiliche Demokratie zu gewährleisten und zu verwirklichen.

ÜBER DEN BRIEF TROTZKIS

Die am 7. Dezember veröffentlichte Resolution des ZK und der ZKK über die innerparteiliche Demokratie wurde einstimmig angenommen. Trotzki hat für diese Resolution gestimmt. Man konnte deshalb annehmen, dass die Mitglieder des ZK, darunter auch Trotzki, in einheitlicher Front auftreten und die Parteimitglieder zur einmütigen Unterstützung des ZK und seiner Resolution auffordern würden. Diese Annahme hat sich jedoch nicht bewahrheitet. Trotzki hat sich dieser Tage an die Parteiberatungen mit einem Brief gewandt, der nur als ein Versuch gedeutet werden kann, den Einheitswillen der Parteimitglieder hinsichtlich der Unterstützung des ZK und seiner Position zu schwächen.

Man urteile selbst.

Trotzki spricht von Bürokratismus des Parteiapparats und von einer Gefahr der Entartung der alten Garde, das heißt der Lenin isten, des Grundkerns unserer Partei, und schreibt:

"Eine Entartung der ´alten Garde´ wurde in der Geschichte wiederholt beobachtet. Nehmen wir das frischeste und krasseste geschichtliche Beispiel: die Führer und die Parteien der II. Internationale. Wir wissen doch, dass Wilhelm Liebknecht, Bebel, Singer, Viktor Adler, Kautsky, Bernstein, Lafargue, Guesde und andere direkte und unmittelbare Schüler von Marx und Engels waren. Wir wissen jedoch, dass alle diese Führer - die einen teilweise, die anderen ganz - zum Opportunismus entartet sind"... "Wir, und gerade wir ´Alten´, müssen sagen, dass unsere Generation, die natürlicherweise die führende Rolle in der Partei spielt, doch keine absolute Gewähr gegen eine allmähliche und unmerkliche Schwächung des proletarischen und des revolutionären Geistes bietet, wenn man annimmt, dass die Partei ein weiteres Anwachsen und Erstarken der apparat-bürokratischen Methoden der Politik erführe, die die junge Generation in ein passives Erziehungsmaterial verwandelt und unweigerlich eine Entfremdung zwischen dem Apparat und der Masse, zwischen den Alten und den Jungen hervorruft" ... "Die Jugend - das sicherste Barometer der Partei - reagiert am schärfsten auf den Parteibürokratismus" ... "Es ist notwendig, dass die Jugend die revolutionären Formeln im Kampf erobert..."

Erstens muss ich ein eventuelles Missverständnis zerstreuen. Trotzki zählt sich selbst, wie aus seinem Brief ersichtlich ist, zu der alten Garde der Bolschewiki und zeigt sich damit bereit, die eventuellen Anschuldigungen auf sich zu nehmen, deren man die alte Garde bezichtigen könnte, falls sie in der Tat den Weg der Entartung beschreiten sollte. Es muss anerkannt werden, dass diese Opferbereitschaft unzweifelhaft ein edler Zug ist. Ich muss aber Trotzki vor Trotzki in Schutz nehmen, denn aus begreiflichen Gründen kann und soll er nicht die Verantwortung für eine eventuelle Entartung der Hauptkader der alten bolschewistischen Garde tragen. Ein Opfer ist natürlich etwas Gutes, aber brauchen die alten Bolschewiki dieses Opfer? Ich glaube, sie brauchen es nicht.

Zweitens ist es unbegreiflich, wie man solche Opportunisten und Menschewiki, wie Bernstein, Adler, Kautsky, Guesde und andere, auf eine Stufe stellen kann mit der alten Garde der Bolschewiki, die die ganze Zeit hindurch gegen den Opportunismus, gegen die Menschewiki, gegen die II. Internationale kämpfte und, wie ich hoffe, auch weiter in allen Ehren kämpfen wird. Wodurch sind dieses Durcheinander und dieser Mischmasch hervorgerufen, wer braucht sie, wenn man die Interessen der Partei im Auge hat und nicht irgendwelche Nebenabsichten, die keineswegs den Schutz der alten Garde bezwecken? Wie sind diese Anspielungen auf Opportunismus hinsichtlich der alten Bolschewiki, die im Kampf gegen den Opportunismus großgeworden sind, zu verstehen?

Drittens bin ich keineswegs der Meinung, dass die alten Bolschewiki vor der Gefahr einer Entartung absolut gesichert seien, ebenso wie ich keinen Grund habe zu behaupten, dass wir; sagen wir, vor einem Erdbeben absolut gesichert seien. Die Möglichkeit einer solchen Gefahr, die eventuell eintreten könnte, kann und muss zugegeben werden. Aber bedeutet das denn, dass diese Gefahr real vorhanden ist? Ich denke, das bedeutet es nicht. Auch Trotzki selbst hat ja keinerlei Tatsachen angeführt, die von der Gefahr einer Entartung als einer realen Gefahr zeugen würden. Wir haben indes in der Partei eine Reihe von Elementen, die wirklich gewisse Reihen unserer Partei mit Entartung bedrohen können. Ich meine einen Teil der Menschewiki, die notgedrungen in unsere Partei eingetreten sind und die alten opportunistischen Gepflogenheiten noch nicht überwunden haben. Genosse Lenin schrieb in der Periode der Reinigung unserer Partei über diese Menschewiki und über diese Gefahr folgendes:

"Jeder Opportunist zeichnet sich durch Anpassungsfähigkeit aus... und die Menschewiki als Opportunisten passen sich sozusagen, ´aus Prinzip´ an die unter den Arbeitern herrschende Richtung an, nehmen eine Schutzfarbe an wie der Hase, der im Winter weiß wird. Diese Besonderheit der Menschewiki muss man kennen, und man muss sie in Rechnung stellen. Sie in Rechnung stellen heißt aber die Partei reinigen von ungefähr neunundneunzig von hundert aller Menschewiki, die sich nach 1918 der KPR angeschlossen haben, das heißt zu einer Zeit, als der Sieg der Bolschewiki zunächst wahrscheinlich, dann unzweifelhaft zu werden anfing." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 19/20 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 881/882].)

Wie konnte es geschehen, dass Trotzki, der diese und ähnliche real existierenden Gefahren außer acht gelassen hat, eine eventuelle Gefahr, die Gefahr der Entartung der alten Garde der Bolschewiki, in den Vordergrund geschoben hat? Wie kann man die Augen vor der realen Gefahr verschließen und eine, im Grunde genommen, irreale, eventuelle Gefahr in den Vordergrund schieben, wenn man die Interessen der Partei im Auge hat und nicht Erwägungen verfolgt, die darauf abzielen, die Autorität der ZK-Mehrheit, die den führenden Kern der alten Garde der Bolschewiki darstellt, zu untergraben? Ist denn nicht klar, dass derartige "Methoden" nur Wasser auf die Mühle der Opposition leiten können?

Viertens, wie kommt Trotzki zu dieser Gegenüberstellung der "Alten", die entarten könnten, und der "Jugend", die das "sicherste Barometer" der Partei sei, der "alten Garde", die verbürokratisieren könne und der "jungen Garde", die "die revolutionären Formeln im Kampf erobern" müsse? Woher diese Gegenüberstellung, wozu war sie nötig? Marschierten denn die Jugend und die alte Garde nicht stets in einheitlicher Front gegen innere und äußere Feinde? Bildet denn die Einheit der "Alten" und der "Jungen" nicht die grundlegende Kraft unserer Revolution? Woher dieser Versuch, die alte Garde zu diffamieren und sich in demagogischer Weise bei der Jugend anzubiedern, um zwischen diesen Haupttrupps unserer Partei ein Spältchen aufzureißen und es auszuweiten? Wer braucht all das, wenn man die Interessen der Partei, ihre Einheit, ihre Geschlossenheit im Auge hat und nicht auf einen Versuch aus ist, diese Einheit zu Nutz und Frommen der Opposition zu erschüttern?

Setzt man sich so für das ZK und seine Resolution über die innerparteiliche Demokratie ein, die noch dazu einstimmig angenommen worden ist?

Übrigens stellte sich Trotzki diese Aufgabe offenbar auch gar nicht, als er sich mit dem Brief an die Parteiberatungen wandte. Hier scheint eine andere Absicht vorgelegen zu haben, und zwar: unter dem Deckmantel einer Verteidigung der Resolution des ZK die Opposition in ihrem Kampf gegen das ZK der Partei diplomatisch zu unterstützen.

Daraus ist eigentlich auch der Stempel der Heuchelei zu erklären, den der Brief Trotzkis trägt.

Trotzki steht in einem Block mit den demokratischen Zentralisten und einem Teil der "linken" Kommunisten - darin liegt der politische Sinn der Aktion Trotzkis.

"Prawda" Nr. 285,
15. Dezember 1923.
Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis