"Stalin"

Werke

Band 5

EINE NOTWENDIGE BEMERKUNG

(Über Rafail)

In meinem Artikel in der "Prawda" (Nr. 285) "Über die Diskussion, über Rafail usw." habe ich davon gesprochen, dass Rafail in einer Versammlung im Stadtbezirk Presnja erklärt hat, "unsere Partei habe sich im Grunde genommen in eine Armeeorganisation verwandelt, die Disziplin in ihr sei eine Armeedisziplin, und infolgedessen sei es notwendig, den ganzen Parteiapparat von oben bis unten durchzurütteln, da dieser unbrauchbar sei". Rafail erklärt aus diesem Anlass in seinem Artikel in der "Prawda", ich hätte seine Ansichten falsch wiedergegeben, sie "in der Hitze der Polemik" "versimpelt" usw. Rafail schreibt, er hätte bloß zwischen Partei und Armee eine Analogie (einen Vergleich) gezogen, und eine Analogie sei noch nicht Identität. "Das System der Parteiführung ist dem System der Armeeführung analog, das bedeutet nicht", sagt er, "dass dies eine genaue Kopie ist, sondern nur, dass eine Parallele gezogen wurde."

Hat Rafail recht?

Nein, er hat unrecht. Und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens. Rafail hat in seiner Rede in der Versammlung im Stadtbezirk Presnja die Partei nicht einfach mit der Armee verglichen, wie er jetzt versichert, sondern hat sie im Grunde genommen mit der Armee identifiziert und gefunden, dass die Partei nach dem Typus der Armee aufgebaut werde. Vor mir liegt das Stenogramm der Rede Rafails, das er selbst durchgesehen hat. Dort heißt es: "Unsere ganze Partei ist von unten bis oben nach dem Typus der Armee aufgebaut." Es lässt sich wohl kaum leugnen, dass wir es hier nicht mit einer einfachen Analogie zu tun haben, sondern mit einer Gleichsetzung, einer Identifizierung des Aufbaus der Partei mit dem Aufbau der Armee.

Kann man behaupten, unsere Partei sei nach dem Typus der Armee aufgebaut? Es ist klar, dass man das nicht kann, denn die Partei wird von unten her, nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit aufgebaut, ohne von ihrem, von der Partei gewählten Stab materiell abhängig zu sein; die Armee hingegen wird bekanntlich von oben her, nach dem Grundsatz des Zwanges aufgebaut, wobei sie vom Stab, der von niemand gewählt, sondern von oben eingesetzt wird, materiell völlig abhängig ist, usw. usf.

Zweitens. Rafail vergleicht nicht einfach das System der Parteiführung mit dem System der Armeeführung, sondern er setzt sie beide gleich und identifiziert sie ohne "viel Federlesens". Rafail schreibt in seinem Artikel: "Wir stellen fest, dass das System der Parteiführung mit dem System der Armeeführung identisch ist nicht auf Grund irgendwelcher nebensächlicher Erwägungen, sondern auf Grund der objektiven Analyse des Zustands der Partei." Es lässt sich nicht leugnen, dass Rafail sich hier nicht auf eine Analogie zwischen der Führung der Partei und der Führung der Armee beschränkt - denn er identifiziert sie "ganz einfach" "ohne viel Federlesens".

Darf man diese beiden Führungssysteme identifizieren? Nein, das darf man nicht: denn das System der Armeeführung ist als System weder mit dem Wesen der Partei noch mit den Methoden ihrer Einwirkung sowohl auf ihre Mitglieder als auch auf die parteilose Masse vereinbar.

Drittens. Rafail behauptet in seinem Artikel, das Schicksal der Partei im ganzen und ihrer Mitglieder im einzelnen hänge in letzter Instanz von der Abteilung für Registrierung und Verteilung im ZK ab, er behauptet, dass "die Parteimitglieder als mobilisiert gelten, die Abteilung für Registrierung und Verteilung alle zur Arbeit einsetzt, niemand das Recht hat, irgendwie über sich selbst zu verfügen und es von der Abteilung für Registrierung und Verteilung oder vom ´Stab´ abhängt, wie die Versorgung, das heißt das Gehalt, die Art der Arbeit usw. festgelegt wird". Stimmt das alles? Natürlich nicht! In Friedenszeiten passieren gewöhnlich im Verlauf eines Jahres kaum 8000 bis 10000 Personen die Abteilung für Registrierung und Verteilung im ZK. Aus dem Bericht des ZK an den XII. Parteitag der KPR[85] ist bekannt, dass im Jahre 1922 10700 Personen (das heißt halb soviel wie 1921) die Abteilung für Registrierung und Verteilung des ZK passiert haben. Zieht man von dieser Zahl 1500 Personen ab, die von den lokalen Organisationen in die Lehranstalten geschickt worden sind, ferner die Kranken, die in Urlaub gegangen sind (über 400 Personen), so bleiben etwas mehr als 8000. Von diesen wurden im Laufe eines Jahres 5167 (das heißt weniger als die Hälfte der Gesamtzahl, die die Abteilung für Registrierung und Verteilung passiert haben) vom ZK als verantwortliche Funktionäre eingesetzt. Die Partei aber zählte damals nicht 5000 und nicht 10000, sondern etwa 500000 Mitglieder, die in ihrer Grundmasse von der verteilenden Tätigkeit der Abteilung für Registrierung und Verteilung im ZK nicht berührt wurden und nicht berührt werden konnten. Rafail hat offenbar vergessen, dass das ZK in Friedenszeiten gewöhnlich nur die verantwortlichen Funktionäre einsetzt, dass die Abteilung für Registrierung und Verteilung im ZK das "Gehalt" aller Parteimitglieder, deren Zahl jetzt 400000 übersteigt, nicht bestimmt, nicht bestimmen kann und auch nicht bestimmen soll. Wozu brauchte Rafail diese lächerliche Übertreibung? Offenbar, um "an Hand von Tatsachen" die "Identität" des Systems der Parteiführung mit dem System der Armeeführung zu zeigen.

Das sind die Tatsachen.

Das ist der Grund, warum ich der Ansicht war und auch weiterhin der Ansicht bin, dass Rafail "weder die Partei noch die Armee richtig kennt".

Was die von Rafail angeführten Zitate aus den Beschlüssen des X. Parteitags betrifft, so wird ihre Bedeutung für den gegebenen Fall von selbst hinfällig, da sie sich bloß auf die Überreste der Kriegsperiode in unserer Partei beziehen und nicht auf die sogenannte "Identität des Systems der Parteiführung mit dem System der Armeeführung".

Rafail hat recht, dass man Fehler korrigieren muss, dass man auf Fehlern nicht beharren darf. Gerade darum verliere ich auch die Hoffnung nicht, dass Rafail die von ihm begangenen Fehler schließlich korrigieren wird.

"Prawda" Nr. 294,
28. Dezember 1923.
Unterschrift: J. Stalin.

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