"Stalin"

Werke

Band 6

DIE XIII. KONFERENZ DER KPR(B)

1. REFERAT ÜBER
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DES PARTEIAUFBAUS

17. Januar

Genossen! Gewöhnlich beginnen unsere Redner in Diskussionsversammlungen mit der Geschichte der Frage: Wie ist die Frage der innerparteilichen Demokratie aufgekommen, wer hat als erster A, wer danach B gesagt, usw. Ich denke, diese Methode taugt nicht für uns, weil sie ein Element des Gezänks und gegenseitiger Beschuldigungen hereinbringt und nichts Brauchbares ergibt. Ich denke, es wird viel besser sein, wenn wir mit der Frage beginnen, wie die Partei die Resolution des Politbüros über die Demokratie[2], die dann vom Plenum des ZK bestätigt wurde, aufgenommen hat.

Ich muss feststellen, dass diese Resolution wohl die einzige in der ganzen Geschichte unserer Partei ist, die nach einer erbitterten Diskussion über die Frage der Demokratie die volle - ich möchte sagen: buchstäblich die einmütige - Billigung der gesamten Partei gefunden hat. Selbst die oppositionellen Organisationen und Zellen, die überhaupt gegen die Mehrheit der Partei und gegen das ZK eingestellt waren, selbst sie fanden trotz all ihres Bestrebens, an der Resolution etwas auszusetzen, keinen Anlass und keinen Grund zum Nörgeln, und diese Organisationen und Zellen waren allgemein bestrebt, sich in ihren Resolutionen, in denen sie die Grundthesen der vom Politbüro beschlossenen Resolution über die innerparteiliche Demokratie als richtig anerkannten, durch irgend etwas von den anderen Organisationen zu unterscheiden, indem sie ihr ein gewisses Schwänzchen anhängten, etwa der Art: Bei euch ist ja alles gut, aber stoßt Trotzki nicht vor den Kopf, oder auch der Art: Bei euch ist alles richtig, aber ihr seid ein klein wenig zu spät gekommen, hättet all dies schon früher tun sollen. Ich will hier nicht die Frage aufwerfen, wer wen vor den Kopf stößt. Ich denke, wenn man der Sache richtig auf den Grund geht, dann dürfte sich erweisen, dass der bekannte Ausspruch über Titus Titytsch (Gestalt aus einigen Schauspielen A. N. Ostrowskis. Der Übers.) ziemlich treffend auf Trotzki passt: "Wer wird dich, Titus Titytsch, schon vor den Kopf stoßen? Du selbst stößt ja alle anderen vor den Kopf." (Heiterkeit.) Aber wie gesagt, ich will auf diese Frage nicht eingehen. Ich halte es sogar für möglich, dass dieser oder jener Trotzki wirklich vor den Kopf stößt. Aber geht es etwa darum? Was gibt es denn hier Prinzipielles an der Frage, wer wen vor den Kopf stößt? Es geht doch um die prinzipielle Seite der Resolution, nicht aber darum, wer wen vor den Kopf gestoßen hat. Damit will ich sagen, dass selbst die Zellen und Organisationen, die in scharfer und entschiedener Opposition stehen, dass selbst sie es nicht wagten, irgend etwas Prinzipielles gegen die Resolution des Politbüros des ZK und des Präsidiums der ZKK vorzubringen. Ich stelle das als Tatsache fest, um nochmals zu betonen, dass sich in der ganzen Geschichte unserer Partei schwerlich ein ähnlicher Fall finden lässt, wo eine Resolution, die durch die Gewitter und Stürme einer erbitterten Diskussion gegangen ist, nicht nur bei der Mehrheit, sondern buchstäblich in der gesamten Partei überhaupt so eine einmütige Billigung gefunden hätte.

Hieraus ziehe ich zwei Schlussfolgerungen. Die erste Schlussfolgerung ist, dass die Resolution des Politbüros und der ZKK also den gegenwärtigen Erfordernissen und Bedürfnissen der Partei voll und ganz entspricht. Und die zweite Schlussfolgerung ist, dass die Partei also aus dieser Diskussion über die Frage der innerparteilichen Demokratie gestärkt und geschlossener hervorgehen wird. Diese Schlussfolgerung ist sozusagen ein Schlag ins Gesicht jener Leute im Ausland, die uns übelwollen und sich angesichts unserer Diskussion schon lange die Hände reiben, in dem Glauben, dass unsere Partei durch die Diskussion schwächer werde und dass die Staatsmacht zerfallen werde.

Ich will mich nicht über das Wesen der innerparteilichen Demokratie verbreiten. Die Grundlagen dieser Demokratie sind in der Resolution dargelegt, die Resolution ist des langen und breiten von der gesamten Partei durchdiskutiert worden - warum sollte ich das hier nochmals wiederholen? Ich will nur eins sagen: Eine voll entfaltete, vollständige Demokratie wird es offenbar nicht geben. Offenbar wird sich diese Demokratie in den vom X., XI. und XII. Parteitag umrissenen Grenzen halten. Worin diese Grenzen bestehen, wissen Sie sehr gut, und ich will es hier nicht wiederholen. Ich will mich auch nicht darüber verbreiten, dass die wichtigste Garantie dafür, dass unserer Partei die innerparteiliche Demokratie in Fleisch und Blut übergeht, in der Stärkung der Aktivität und der Bewusstheit der Parteimassen besteht. Auch hierüber wird in unserer Resolution ausführlich genug gesprochen.

Ich komme nun zu der Frage, wie bei uns einige Genossen und einige Organisationen aus der Frage der Demokratie einen Fetisch machen, indem sie diese als etwas Absolutes, außerhalb von Zeit und Raum, betrachten. Ich will damit sagen, dass die Demokratie nicht etwas für alle Zeiten und Bedingungen Gegebenes ist, denn es gibt Augenblicke, in denen es unmöglich und sinnlos ist, sie zu verwirklichen. Soll sie, diese innerparteiliche Demokratie, möglich werden, so sind zwei Bedingungen oder zwei Gruppen von Bedingungen, inneren und äußeren Charakters, notwendig, ohne die es müßig ist, von Demokratie zu reden.

Notwendig ist erstens, dass sich die Industrie entwickelt, dass sich die materielle Lage der Arbeiterklasse nicht verschlechtert, dass die Arbeiterklasse zahlenmäßig wächst, dass sich das Kulturniveau der Arbeiterklasse hebt und dass die Arbeiterklasse auch qualitativ wächst. Notwendig ist, dass die Partei als Vorhut der Arbeiterklasse gleichfalls wächst, vor allem qualitativ und vor allem durch die Aufnahme proletarischer Elemente des Landes. Diese Bedingungen inneren Charakters sind absolut notwendig, damit es möglich wird, die Frage der tatsächlichen und nicht papiernen Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie aufzuwerfen.

Aber diese Bedingungen allein reichen nicht aus. Ich sagte schon, dass es noch eine zweite Gruppe von Bedingungen gibt, Bedingungen äußeren Charakters, ohne deren Vorhandensein eine Demokratie innerhalb der Partei unmöglich ist. Ich meine bestimmte internationale Bedingungen, Bedingungen, die den Frieden, die friedliche Entwicklung, ohne die die Demokratie in der Partei undenkbar ist, mehr oder weniger gewährleisten. Mit anderen Worten, wenn man uns überfällt und wir das Land mit der Waffe in der Hand werden verteidigen müssen, dann kann von Demokratie gar keine Rede sein, denn wir werden sie dann einschränken müssen. Die Partei mobilisiert dann ihre Reihen, wir militarisieren sie wahrscheinlich, und die Frage der innerparteilichen Demokratie wird von selbst entfallen.

Daher glaube ich, dass die Demokratie in Abhängigkeit von den jeweiligen Bedingungen betrachtet werden muss, dass es in Fragen der innerparteilichen Demokratie keinen Fetischismus geben darf, denn die Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie hängt, wie Sie sehen, von den konkreten Bedingungen der Zeit und des Ortes in jedem gegebenen Augenblick ab.

Damit es keine unangebrachten Übertreibungen und unbegründeten Beschuldigungen mehr gebe, muss ich ferner an die Hindernisse erinnern, die der Partei bei der Verwirklichung der Demokratie im Wege stehen - Hindernisse, die die Verwirklichung der Demokratie selbst dann erschweren, wenn die beiden oben umrissenen günstigen Hauptbedingungen, inneren und äußeren Charakters, vorhanden sind. Solche Hindernisse gibt es, Genossen, sie haben tiefgehenden Einfluss auf unsere Parteiarbeit, und ich habe nicht das Recht, sie zu verschweigen. Worin bestehen diese Hindernisse?

Diese Hindernisse, Genossen, bestehen erstens darin, dass ein Teil unserer Funktionäre noch mit Überresten der alten, der Kriegsperiode, in der unsere Partei militarisiert war, behaftet ist - Überreste, die gewisse unmarxistische Anschauungen hervorbringen, die Anschauung, unsere Partei sei kein selbsttätiger Organismus mit selbständigem Leben, sowohl was die Ideen als auch was die Praxis betrifft, sondern so etwas wie ein System von Institutionen, unteren, mittleren und höheren. Diese absolut unmarxistische Anschauung hat zwar noch nirgends ihre vollendete Form erhalten, sie ist nirgends voll ausgesprochen worden, aber ein Teil unserer Funktionäre, die Parteiarbeit leisten, ist mit Elementen dieser Anschauung behaftet und wird dadurch gehindert, die innerparteiliche Demokratie konsequent zu verwirklichen. Daher ist der Kampf gegen solche Anschauungen, der Kampf gegen die Überreste der Kriegsperiode sowohl im Zentrum als auch draußen im Lande die nächste Aufgabe der Partei.

Das zweite Hindernis, das der Verwirklichung der Demokratie in der Partei im Wege steht, ist der Druck, den der bürokratische Staatsapparat auf den Parteiapparat, auf unsere Parteifunktionäre ausübt. Der Druck dieses schwerfälligen Apparats auf unsere Parteifunktionäre ist nicht immer zu bemerken und springt nicht immer ins Auge, aber er hört auch nicht für eine Sekunde auf. Dieser Druck des schwerfälligen bürokratischen Staatsapparats kommt in letzter Instanz darin zum Ausdruck, dass eine ganze Reihe unserer Funktionäre sowohl im Zentrum als auch draußen im Lande des öfteren, ungewollt und völlig unbewusst, von der innerparteilichen Demokratie, von der Linie abweichen, an deren Richtigkeit sie glauben, die sie jedoch des öfteren nicht restlos zu verwirklichen vermögen. Sie können sich den nicht weniger als eine Million Angestellte umfassenden bürokratischen Staatsapparat vorstellen, bestehend aus Elementen, die der Partei größtenteils fremd sind, und unseren Parteiapparat, der nicht mehr als 20000 bis 30000 Personen umfasst, die berufen sind, den Staatsapparat der Partei unterzuordnen, die berufen sind, ihn zu sozialisieren. Was ist unser Staatsapparat wert ohne die Hilfe der Partei? Ohne die Unterstützung, die Hilfe unseres Parteiapparats ist er leider wenig wert. Und so kommt es immer wieder dazu, dass unser Parteiapparat, wenn er mit seinen Fühlern in alle Zweige der Staatsverwaltung eindringt, seine Parteiarbeit in diesen Organen häufig auf die Linie der Staatsapparate ausrichten muss. Konkret: Die Partei muss an der politischen Aufklärung der Arbeiterklasse, an der Vertiefung des Bewusstseins der Arbeiterklasse arbeiten, zugleich aber muss die Naturalsteuer eingebracht und die und die Kampagne durchgeführt werden, denn ohne die Kampagnen, ohne die Hilfe der Partei sind die Staatsapparate nicht imstande, ihre Aufgaben zu bewältigen. Und dabei geraten unsere Funktionäre zwischen zwei Feuer: die Notwendigkeit, die Tätigkeit der in alter Weise arbeitenden Staatsapparate zu korrigieren, und die Notwendigkeit, die Verbindung mit den Arbeitern zu behalten. Und hierbei verfallen sie oft selbst in Bürokratismus.

Das ist das zweite Hindernis, das schwer zu überwinden ist, das man aber um jeden Preis überwinden muss, um die Verwirklichung der innerparteilichen Demokratie zu erleichtern.

Schließlich gibt es noch ein drittes Hindernis, das der Verwirklichung der Demokratie im Wege steht - das niedrige Kulturniveau einer ganzen Reihe unserer Organisationen, unserer Zellen, besonders in den Randgebieten (ich sage das nicht, um sie zu kränken), das unsere Parteiorganisationen daran hindert, die innerparteiliche Demokratie restlos zu verwirklichen. Um die Demokratie verwirklichen zu können, ist, wie Sie wissen, erforderlich, dass die Zellenmitglieder und die Organisation als Ganzes ein gewisses Mindestmaß an Bildung besitzen und dass eine gewisse Mindestzahl an aktiven Funktionären vorhanden ist, die gewählt werden und verantwortliche Posten bekleiden können. Was aber, wenn diese Mindestzahl aktiver Funktionäre in der Organisation nicht vorhanden, wenn das Kulturniveau der Organisation selbst niedrig ist? Es versteht sich, dass man dann von der Demokratie abgehen und zur Ernennung der Funktionäre u. a. schreiten muss.

Das sind die Hindernisse, die vor uns standen, die noch vor uns stehen werden und die wir überwinden müssen, um die innerparteiliche Demokratie ehrlich und restlos verwirklichen zu können.

Ich habe Sie an diese Hindernisse, die vor uns stehen, und an die äußeren und inneren Bedingungen, ohne die die Demokratie zu einer leeren demagogischen Phrase wird, deshalb erinnert, weil einige Genossen aus der Frage der Demokratie einen Fetisch, etwas Absolutes machen, in der Meinung, Demokratie sei immer und unter allen Bedingungen möglich, ihre Verwirklichung werde allein durch den "bösen" Willen der "Apparatleute" gestört. Und gegen diese idealistische Ansicht, eine Ansicht, die nicht die unsere ist, die nicht marxistisch, nicht Lenin istisch ist, wende ich mich, wenn ich Sie, Genossen, an die Bedingungen, ohne die die Demokratie nicht verwirklicht werden kann, und an die Hindernisse, die gegenwärtig vor uns stehen, erinnere.

Hiermit könnte ich mein Referat beenden, Genossen, aber ich glaube, dass wir verpflichtet sind, die Bilanz der Diskussion zu ziehen und aus dieser Bilanz einige Schlussfolgerungen abzuleiten, die von erheblicher Bedeutung für uns sein können. Ich könnte unseren ganzen Diskussionskampf, unseren Kampf in der Frage der Demokratie, in drei Perioden unterteilen.

Die erste Periode war die Zeit, als die Opposition das ZK angriff und es beschuldigte, dass während der letzten zwei Jahre, während der Periode der NÖP überhaupt, die gesamte Linie des ZK falsch gewesen wäre. Es war die Periode vor Veröffentlichung der Resolution des Politbüros und des Präsidiums der ZKK. Ich will hier nicht auf die Frage eingehen, wer dabei recht und wer unrecht hatte. Die Angriffe waren heftig und, wie Sie wissen, nicht immer begründet. Eins aber ist klar, dass diese Periode sich als Periode der größten Angriffe der Opposition gegen das ZK charakterisieren lässt.

Die zweite Periode begann in dem Augenblick, als die Resolution des Politbüros und der ZKK veröffentlicht wurde, als sich die Opposition vor die Notwendigkeit gestellt sah, der Resolution des ZK irgend etwas in sich Geschlossenes, Konkretes gegenüberzustellen, und als die Opposition weder etwas in sich Geschlossenes noch etwas Konkretes aufzuweisen hatte. Es war die Periode der größten Annäherung zwischen dem ZK und der Opposition. Offensichtlich liefen die Dinge darauf hinaus oder hätten darauf hinauslaufen können, dass eine gewisse Aussöhnung der Opposition mit der Linie des ZK erfolgen würde. Ich erinnere mich gut, wie in Moskau, im Zentrum des Diskussionskampfes, Preobrashenski, ich glaube am 12. Dezember in der Sitzung im Kolonnensaal, eine Resolution einbrachte, die aus irgendeinem Grunde abgelehnt wurde, sich aber nur wenig von der Resolution des ZK unterschied. Diese Resolution wies in ihrer Grundlage und sogar in einigen untergeordneten Punkten überhaupt keine Differenz gegenüber der Resolution des ZK auf. Und damals schien es mir, dass es eigentlich nichts mehr gäbe, worum man noch streiten müsse: es liegt die Resolution des ZK vor, sie befriedigt alle, mindestens zu neun Zehntel, die Opposition fühlt das offenbar selbst, sie kommt uns entgegen, und damit würden wir vielleicht die Meinungsverschiedenheiten beilegen. Dies war die zweite, die Versöhnungsperiode.

Aber dann begann die dritte Periode. Diese Periode setzte mit dem Auftreten Trotzkis, mit seinem Aufruf an die Rayons ein, einem Auftreten, das die Aussöhnungstendenzen im Nu beseitigte und alles wieder umwarf. Nach diesem Auftreten Trotzkis begann die Periode des erbittertsten innerparteilichen Kampfes - eines Kampfes, zu dem es nicht gekommen wäre, wenn Trotzki nicht, nachdem er für die Resolution des Politbüros gestimmt hatte, am nächsten Tage mit seinem Brief hervorgetreten wäre. Sie wissen, dass dem ersten Auftreten Trotzkis ein zweites, dem zweiten ein drittes folgte und dass sich der Kampf im Zusammenhang hiermit noch mehr verschärfte.

Ich denke, Genossen, Trotzki hat bei diesem seinem wiederholten Auftreten zumindest sechs ernste Fehler begangen. Diese Fehler haben zu einer Verschärfung des innerparteilichen Kampfes geführt. Ich gehe zur Analyse dieser Fehler über.

Der erste Fehler Trotzkis liegt schon in der Tatsache selbst, dass er am Tage nach Veröffentlichung der Resolution des Politbüros des ZK und der ZKK mit einem Artikel hervortrat, einem Artikel, den man nur als eine der Resolution des ZK gegenübergestellte Plattform qualifizieren kann. Ich wiederhole und betone, dass dies ein Artikel war, den man nur als eine neue, der einstimmig angenommenen Resolution des ZK gegenübergestellte Plattform betrachten kann. Bedenken Sie nur, Genossen: An dem und dem Tage treten das Politbüro und das Präsidium der ZKK zusammen, die Frage einer Resolution über die innerparteiliche Demokratie wird erörtert, die Resolution wird einstimmig angenommen, und nur einen Tag danach wird, unabhängig vom ZK, ungeachtet des Willens des ZK, über den Kopf des ZK hinweg, ein Artikel Trotzkis an die Rayons versandt - eine neue Plattform, die die Frage Apparat und Partei, Kader und Jugend, Fraktionen und Einheit der Partei, usw. usw. erneut aufwirft -, eine Plattform, die von der gesamten Opposition aufgegriffen und der Resolution des ZK gegenübergestellt wird. Das kann man nur so einschätzen, dass Trotzki sich dem Zentralkomitee gegenüberstellt. Das bedeutet, dass Trotzki sich offen und schroff dem gesamten ZK gegenüberstellt. Vor der Partei erhob sich die Frage: Haben wir ein ZK als führendes Organ oder haben wir es nicht mehr, gibt es ein ZK, dessen einstimmige Beschlüsse von den Mitgliedern dieses ZK geachtet werden, oder gibt es nur einen Übermenschen, der über dem ZK steht, einen Übermenschen, für den keine Gesetze geschrieben sind, der es sich erlauben kann, heute für die Resolution des ZK zu stimmen, morgen aber eine neue Plattform gegen diese Resolution aufzustellen und zu veröffentlichen? Man kann von den Arbeitern nicht verlangen, Genossen, dass sie sich der Parteidisziplin unterordnen, wenn eins der Mitglieder des ZK offen, vor aller Augen das Zentralkomitee und seinen einstimmig angenommenen Beschluss ignoriert. Man kann nicht zwei Disziplinen haben: eine für Arbeiter und eine andere für Würdenträger. Es kann nur eine Disziplin geben.

Der Fehler Trotzkis besteht eben darin, dass er sich dem ZK gegenüberstellte und sich ein Übermensch zu sein dünkte, der über dem ZK, über seinen Gesetzen, über seinen Beschlüssen steht, womit er einem gewissen Teil der Partei Veranlassung gab, auf Untergrabung des Vertrauens zu diesem ZK hinzuarbeiten.

Einige Genossen äußerten ihre Unzufriedenheit darüber, dass diese parteifeindliche Handlung Trotzkis in einigen Artikeln der "Prawda" und verschiedener Mitglieder des ZK hervorgehoben wurde. Genossen, ich muss diesen Genossen entgegnen, dass keine Partei ein ZK achten kann, das in einem so schwierigen Moment nicht die Fähigkeit zeigt, die Würde der Partei zu verteidigen, wenn ein Mitglied des ZK sich über das gesamte ZK zu stellen versucht. Das ZK hätte über sich selbst moralisch den Stab gebrochen, wenn es an diesem Versuch Trotzkis vorübergegangen wäre.

Der zweite Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er sich während der ganzen Periode der Diskussion zweideutig benahm, dass er den Willen der Partei, die seinen wirklichen Standpunkt zu erfahren wünschte, gröblich ignorierte und der von einer ganzen Reihe von Organisationen klar und deutlich gestellten Frage diplomatisch auswich: Für wen ist Trotzki denn zu guter Letzt - für das ZK oder für die Opposition? Eine Diskussion wird nicht geführt, um Ausflüchte zu machen, sondern um offen und ehrlich die ganze Wahrheit vor der Partei darzulegen, so, wie Iljitsch es zu tun versteht, so, wie das jeder Bolschewik zu tun verpflichtet ist. Man sagt, Trotzki sei ernstlich krank. Nehmen wir an, er ist ernstlich krank. Aber während seiner Krankheit hat er drei Artikel und vier neue Kapitel seiner heute erschienenen Broschüre geschrieben. Ist es dann nicht klar, dass Trotzki durchaus die Möglichkeit hat, die Fragen der Organisationen mit ein paar Zeilen zu beantworten, ob er für die Opposition oder gegen die Opposition ist? Man braucht kaum zu beweisen, dass diese Ignorierung des Willens einer Reihe von Organisationen zwangsläufig den innerparteilichen Kampf verschärfen musste.

Der dritte Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er bei seinem wiederholten Auftreten den Parteiapparat der Partei gegenüberstellte, indem er die Losung des Kampfes gegen die "Apparatleute" herausgab. Der Bolschewismus kann nicht zulassen, dass die Partei dem Parteiapparat gegenübergestellt wird. Woraus besteht unser Parteiapparat tatsächlich? Der Apparat der Partei - das ist das ZK, das sind die Gebietskomitees, die Gouvernementskomitees, die Kreiskomitees. Sind sie der Partei unterstellt? Natürlich sind sie ihr unterstellt, denn zu 90 Prozent werden sie von der Partei gewählt. Unrecht haben diejenigen, die behaupten, die Gouvernementskomitees seien durch Ernennung besetzt worden. Sie haben unrecht. Genossen, Sie wissen, dass die Gouvernementskomitees bei uns gewählt werden, ebenso wie die Kreiskomitees und das ZK. Sie sind der Partei unterstellt. Aber nachdem sie gewählt sind, müssen sie die Arbeit leiten - darum handelt es sich. Ist denn eine Parteiarbeit denkbar, ohne dass, nachdem das ZK vom Parteitag gewählt ist, nachdem das Gouvernementskomitee von der Gouvernementskonferenz gewählt ist, das ZK und die Gouvernementskomitees die Arbeit leiten? Ohne das ist doch eine Parteiarbeit bei uns undenkbar. Das ist doch eine leichtfertige anarchistisch-menschewistische Anschauung, die das Prinzip der Leitung der Parteiarbeit als solches verneint. Ich fürchte, dass Trotzki, den ich natürlich nicht mit den Menschewiki auf eine Stufe stellen will, dadurch, dass er den Parteiapparat der Partei gegenüberstellt, einigen unerfahrenen Elementen unserer Partei Anlass gibt, sich auf den Standpunkt der anarchistisch-menschewistischen Zerfahrenheit und organisatorischen Verlotterung zu stellen. Ich fürchte, dass dieser Fehler Trotzkis für die unerfahrenen Mitglieder der Partei, für unseren ganzen Parteiapparat eine Gefahr bedeutet - für den Apparat, ohne den die Partei undenkbar ist.

Der vierte Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er die Jugend den Kadern unserer Partei gegenüberstellte, dass er die grundlose Beschuldigung erhob, unsere Kader entarteten. Trotzki hat unsere Partei mit der Partei der Sozialdemokraten in Deutschland auf eine Stufe gestellt, er hat sich auf Beispiele berufen, die zeigen, wie einige Schüler von Marx, alte Sozialdemokraten, entarteten, und hat daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass unsere Parteikader vor der gleichen Gefahr der Entartung stehen. Eigentlich müsste man ja darüber lachen, wenn eins der Mitglieder des ZK, das gestern noch Hand in Hand mit den Opportunisten und Menschewiki gegen den Bolschewismus kämpfte, wenn es jetzt im siebenten Jahr der Sowjetmacht versucht, und sei es auch nur in Form einer Annahme, zu behaupten, die Kader unserer Partei, die im Kampf gegen den Menschewismus und Opportunismus entstanden, gewachsen und erstarkt sind, diese Kader stünden vor der Entartung. Man müsste, wie gesagt, über einen solchen Versuch lachen. Da aber diese Behauptung nicht in gewöhnlichen Zeiten aufgestellt wurde, sondern in Zeiten einer Diskussion, und da wir vor der Tatsache stehen, dass Kader, die entarten können, der Jugend, die von einer solchen Gefahr angeblich frei oder fast frei ist, gewissermaßen gegenübergestellt werden, so kann diese Annahme, die ihrem Wesen nach lächerlich und nicht ernst zu nehmen ist, gewisse praktische Bedeutung gewinnen und hat sie bereits gewonnen. Daher glaube ich, dass wir auf diese Frage eingehen müssen.

Bisweilen wird gesagt, man müsse die Alten achten, da sie schon länger lebten als die Jungen, mehr wüssten und besser beraten könnten. Ich muss sagen, Genossen, dass diese Ansicht völlig falsch ist. Nicht jeden Alten muss man achten, und nicht jede Erfahrung ist für uns wichtig. Was das für eine Erfahrung ist - das ist der springende Punkt. Die deutsche Sozialdemokratie hat ihre Kader, sehr erfahrene Kader: Scheidemann, Noske, Wels und andere, Kader, die in höchstem Maße erfahren, die auf den Kampf eingefuchst sind... Aber auf den Kampf gegen was? Auf den Kampf gegen wen? Was das für eine Erfahrung ist - das ist der springende Punkt. Dort haben sich die Kader im Kampf gegen das Revolutionäre, im Kampf nicht für die Diktatur des Proletariats, sondern gegen die Diktatur des Proletariats herausgebildet. Das ist eine riesige Erfahrung, aber diese Erfahrung ist eine negative Erfahrung. Diese Erfahrung zu zerschlagen, Genossen, sie zu zerstören und solche Alten zu verjagen, dazu ist die Jugend verpflichtet. Dort, in der deutschen Sozialdemokratie, wo die Jugend frei ist von der Erfahrung des Kampfes gegen das Revolutionäre, dort ist diese Jugend dem revolutionären Geist oder dem Marxismus näher als die alten Kader, die mit der Erfahrung des Kampfes gegen den revolutionären Geist des Proletariats belastet sind, die mit der Erfahrung des Kampfes für den Opportunismus, gegen den Revolutionismus belastet sind. Solche Kader muss man zerschlagen, und alle unsere Sympathien müssen auf der Seite jener Jugend sein, die, wie gesagt, von dieser Erfahrung des Kampfes gegen das Revolutionäre frei ist und die sich infolgedessen um so leichter die neuen Mittel und neuen Methoden des Kampfes für die Diktatur des Proletariats, gegen den Opportunismus, zu eigen macht. Dort, in Deutschland, ist mir diese Fragestellung verständlich. Wenn Trotzki von der Sozialdemokratie Deutschlands und von den Kadern einer solchen Partei gesprochen hätte, so würde ich seine Erklärung mit beiden Händen unterschreiben. Bei uns aber handelt es sich doch um eine andere Partei - um eine kommunistische Partei, um die Partei der Bolschewiki, deren Kader im Kampf gegen den Opportunismus entstanden sind, die im Kampf gegen den Opportunismus erstarkten, die wuchsen und die Macht erkämpften im Kampf gegen den Imperialismus, im Kampf gegen jederlei opportunistische Trabanten des Imperialismus. Ist es etwa nicht klar, dass wir es hier mit einem prinzipiellen Unterschied zu tun haben? Wie kann man Kader, die im Kampf für das Revolutionäre aufgewachsen sind, Kader, die den Kampf für das Revolutionäre geführt haben, Kader, die im Kampf gegen den Imperialismus zur Macht gekommen sind, Kader, die die Grundfesten des Weltimperialismus erschüttern, wie kann man diese Kader, wenn man offen, ohne Falsch spricht - wie kann man diese Kader auf eine Stufe stellen mit solchen Kadern, wie sie die deutsche Sozialdemokratie besitzt, die früher mit Wilhelm gegen die Arbeiterklasse gemeinsame Sache machte und heute mit Seeckt gemeinsame Sache macht, die im Kampf gegen den revolutionären Geist des Proletariats erstarkte und sich herausbildete - wie kann man diese prinzipiell verschiedenartigen Kader auf eine Stufe stellen, wie kann man sie durcheinanderbringen? Ist es denn schwer zu verstehen, dass zwischen diesen Kadern ein unüberbrückbarer Abgrund liegt? Ist es denn schwer zu verstehen, dass diese grobe Fälschung, diese grobe Verdrehung, die Trotzki beging, darauf berechnet ist, die Autorität unserer revolutionären Kader, des Kerns unserer Partei, zu untergraben? Ist es denn nicht klar, dass diese Fälschung nur die Leidenschaften entfachen und den innerparteilichen Kampf verschärfen konnte?

Der fünfte Fehler, den Trotzki beging, besteht darin, dass er in seinen Briefen Veranlassung gab, ja die Losung aufstellte, sich nach der studierenden Jugend zu richten, nach diesem "sichersten Barometer unserer Partei". "Die Jugend ist das sicherste Barometer der Partei, sie reagiert auf den Parteibürokratismus am empfindlichsten" - schreibt er in seinem ersten Artikel. Und damit kein Zweifel übrig bleibt, um welche Jugend es sich handelt, fügt Trotzki in dem zweiten Brief hinzu: "Besonders empfindlich reagiert, wie wir gesehen haben, auf den Bürokratismus die studierende Jugend." Wenn man von dieser These ausgeht, die absolut unrichtig, theoretisch falsch, praktisch schädlich ist, so muss man weiter gehen und die Losung ausgeben: "Mehr studierende Jugend in unsere Partei, die Tore unserer Partei weiter auf für die studierende Jugend."

Bisher war es so, dass wir uns auf den proletarischen Sektor unserer Partei orientierten und sagten: Die Tore der Partei weiter auf für die proletarischen Elemente, unsere Partei möge wachsen, indem ihr proletarischer Teil wächst. Jetzt stellt Trotzki diese Formel auf den Kopf.

Die Frage der Intelligenz und der Arbeiter in unserer Partei ist für uns nicht neu. Sie stand bereits auf dem II. Parteitag unserer Partei, als über die Formulierung des ersten Paragraphen des Statuts, über die Parteimitgliedschaft, gesprochen wurde. Es ist bekannt, dass Martow damals die Erweiterung des Rahmens der Partei für nichtproletarische Elemente verlangte, entgegen Genossen Lenin , der eine entschiedene Einschränkung des Zutritts nichtproletarischer Elemente zur Partei forderte. Später, auf dem III. Parteitag unserer Partei, wird diese Frage erneut und mit großem Nachdruck aufgeworfen. Ich erinnere mich, wie scharf dort Genosse Lenin die Frage der Arbeiter und der Intelligenz in unserer Partei stellte. Folgendes sagte damals Genosse Lenin :

"Es wurde darauf hingewiesen, dass an der Spitze der Spaltungen gewöhnlich Intellektuelle standen. Dieser Hinweis ist sehr wichtig, er löst aber die Frage nicht... Ich denke, die Sache muss weiter gefasst werden. Arbeiter in die Komitees aufzunehmen, ist nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine politische Aufgabe. Die Arbeiter haben Klasseninstinkt, und bei einiger politischer Übung werden sie ziemlich schnell standhafte Sozialdemokraten. Ich wäre sehr dafür, dass in unseren Komitees auf je 2 Intellektuelle 8 Arbeiter kämen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 8, S. 375, 376, russ.)

So stand die Frage schon im Jahre 1905. Seitdem diente uns dieser Hinweis des Genossen Lenin als Leitidee für den Parteiaufbau. Jetzt aber schlägt uns Trotzki im Grunde vor, mit der organisatorischen Linie des Bolschewismus zu brechen.

Und schließlich der sechste Fehler Trotzkis, der darin besteht, dass er die Freiheit der Gruppierungen proklamiert. Jawohl, die Freiheit der Gruppierungen! Ich erinnere mich, wie wir bereits in der Unterkommission, die den Entwurf der Resolution über die Demokratie ausarbeitete, mit Trotzki über Gruppierungen und Fraktionen stritten. Während Trotzki gegen das Verbot von Fraktionen keine Einwände erhob, verteidigte er entschieden die Idee Zulassung von Gruppierungen innerhalb der Partei. Denselben Standpunkt vertritt die Opposition. Diese Leute begreifen offenbar nicht, dass sie mit der Freiheit der Gruppierungen den Mjasnikow-Elementen eine Hintertür öffnen, da sie es ihnen erleichtern, die Partei zu betrügen und eine Fraktion für eine Gruppierung auszugeben. Denn welcher Unterschied besteht zwischen einer Gruppierung und einer Fraktion? Doch nur ein äußerlicher. Folgendermaßen definiert Genosse Lenin die Fraktionsmacherei, die er mit Gruppenbildung auf eine Stufe stellt:

"Schon vor der allgemeinen Parteidiskussion über die Gewerkschaften sind einige Anzeichen der Fraktionsmacherei in der Partei festzustellen gewesen, d. h. die Entstehung von Gruppen mit besonderen Plattformen und mit dem Bestreben, sich bis zu einem bestimmten Grade abzuschließen und eine eigene Gruppendisziplin zu schaffen." (Siehe den stenographischen Bericht des X. Parteitags der KPR(B), S.309 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 801].)

Wie Sie sehen, gibt es hier im Grunde keinen Unterschied zwischen Fraktion und Gruppe. Als die Opposition hier, in Moskau, ein besonderes Büro mit Serebrjakow an der Spitze schuf, als sie ihre Redner aussandte und sie verpflichtete, in den und den Versammlungen aufzutreten und die und die Einwände zu erheben, und als die Oppositionellen im Verlauf des Kampfes gezwungen waren zurückzuweichen und ihre Resolutionen auf Kommando änderten, war hier natürlich sowohl eine Gruppierung als auch eine Gruppendisziplin vorhanden. Man sagt, das wäre keine Fraktion, was aber dann eine Fraktion ist, das möge Preobrashenski erklären. Das Auftreten Trotzkis, seine Briefe, seine Artikel zur Frage der Generationen und der Fraktionen sollen die Partei dahin bringen, dass sie in ihrem Schoß Gruppierungen duldet. Das ist ein Versuch, die Fraktionen, vor allem die Fraktion Trotzkis, zu legalisieren.

Trotzki behauptet, Gruppierungen entstünden infolge des bürokratischen Regimes des Zentralkomitees, wenn es bei uns kein bürokratisches Regime gäbe, würde es auch keine Gruppierungen geben. Das ist eine unmarxistische Fragestellung, Genossen. Gruppierungen entstehen bei uns und werden entstehen, weil wir im Lande die verschiedenartigsten Wirtschaftsformen haben, von Keimformen des Sozialismus bis zu mittelalterlichen Wirtschaftsformen. Das als erstes. Ferner haben wir die NÖP, das heißt, wir haben den Kapitalismus, ein Wiederaufleben des Privatkapitals und ein Wiederaufleben der entsprechenden Ideen, die in die Partei eindringen, zugelassen. Das als zweites. Und drittens, weil unsere Partei aus drei Bestandteilen besteht: Es gibt Arbeiter, es gibt Bauern, es gibt Intellektuelle in der Partei. Das sind, wenn man an die Frage marxistisch herangeht, die Ursachen dafür, dass sich in der Partei gewisse Elemente für die Schaffung von Gruppierungen finden, die wir manchmal durch chirurgische Maßnahmen entfernen müssen und manchmal durch ideologische Beeinflussung auf dem Wege der Diskussion zum Verschwinden bringen müssen.

Nicht um das Regime geht es hier. Wenn wir ein Regime maximaler Freiheit hätten, so gäbe es weit mehr Gruppierungen. Also nicht das Regime ist schuld, sondern schuld sind die Bedingungen, in deren Rahmen wir leben, die Bedingungen, die wir in unserem Lande haben, die Entwicklungsbedingungen der Partei selbst.

Wenn wir in einer solchen Lage, angesichts einer solchen Kompliziertheit auch noch Gruppierungen zulassen, so werden wir die Partei zugrunde richten, sie aus einer fest geschlossenen Organisation, einer Organisation aus einem Guss in einen Bund von Gruppen und Fraktionen verwandeln, die untereinander Vereinbarungen treffen und zeitweilige Vereinigungen und Abkommen eingehen. Das wird keine Partei, das wird der Zerfall der Partei sein. Niemals, nicht für eine Minute, dachten sich die Bolschewiki die Partei anders denn als Organisation aus einem Guss, geschmiedet aus einem Stück, die einen Willen hat und in ihrer Arbeit alle Gedankenschattierungen in einem Strom praktischer Handlungen vereint.

Das aber, was Trotzki vorschlägt, ist grundfalsch, steht im Widerspruch zu den bolschewistischen Organisationsprinzipien und wird unvermeidlich zur Zersetzung der Partei, zu ihrer Zermürbung, zu ihrer Verwässerung, zur Verwandlung der einheitlichen Partei in eine Föderation von Gruppen führen. Wir, in unserer Lage, unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung, brauchen sogar nicht nur eine einheitliche, nicht nur eine fest zusammengeschlossene, sondern eine wirklich stählerne Partei, die fähig ist, dem Ansturm der Feinde des Proletariats standzuhalten, die fähig ist, die Arbeiter in den entscheidenden Kampf zu führen.

Was ist das Fazit?

Das Fazit besteht erstens darin, dass wir eine konkrete und bestimmte Resolution über die Ergebnisse dieser Diskussion ausgearbeitet haben, dass wir gesagt haben: Gruppierungen und Fraktionen können wir nicht dulden, die Partei muss eine einheitliche Partei, eine Partei aus einem Guss sein, man darf die Partei nicht dem Apparat gegenüberstellen, man darf nicht über die Gefahr einer Entartung der Kader schwatzen, denn diese Kader sind revolutionär, man darf nicht Risse finden wollen zwischen diesen revolutionären Kadern und der Jugend, die mit diesen Kadern gleichen Schritt hält und auch in Zukunft gleichen Schritt halten wird:

Wir haben auch einige positive Schlussfolgerungen. Die erste und grundlegende Schlussfolgerung besteht darin, dass die Partei sich künftig entschieden nach dem proletarischen Sektor unserer Partei orientieren und richten muss, dass der Zugang für nichtproletarische Elemente eingeschränkt, erschwert oder überhaupt gesperrt werden muss, während die Tore für proletarische Elemente weit geöffnet werden müssen.

Was die Gruppierungen und Fraktionen betrifft, so glaube ich, dass es an der Zeit für uns ist, jenen Punkt der Resolution über die Einheit zu veröffentlichen, der auf Vorschlag des Genossen Lenin vom X. Parteitag unserer Partei angenommen wurde, aber nicht zur Veröffentlichung bestimmt war. Die Mitglieder der Partei haben diesen Punkt vergessen. Ich fürchte, dass ihn nicht alle im Gedächtnis haben. Dieser Punkt, der bisher geheim geblieben ist, muss öffentlich bekannt werden und einen Platz in der Resolution finden, die wir zu den Ergebnissen der Diskussion annehmen werden. Wenn Sie gestatten, werde ich ihn verlesen. Er lautet:

,,Um innerhalb der Partei und in der gesamten Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen, bevollmächtigt der Parteitag das ZK, im Falle (in Fällen) eines Disziplinbruchs oder des Wiederauflebens oder der Zulassung der Fraktionsmacherei, alle Disziplinarmaßnahmen der Partei, bis zum Ausschluss aus der Partei, und gegenüber Mitgliedern des ZK ihre Überführung in den Kandidatenstand und, als äußerste Maßnahme, sogar den Ausschluss aus der Partei in Anwendung zu bringen. Die Anwendung dieser äußersten Maßnahme (gegen Mitglieder des ZK, Kandidaten des ZK und Mitglieder der Kontrollkommission) kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass ein Plenum des ZK einberufen wird, zu dem alle Kandidaten des ZK sowie alle Mitglieder der Kontrollkommission geladen werden. Erachtet diese gemeinsame Tagung der verantwortlichsten Leiter der Partei mit Zweidrittelmehrheit der Stimmen die Überführung eines ZK-Mitglieds in den Kandidatenstand oder den Ausschluss aus der Partei für notwendig, so muss diese Maßregel unverzüglich durchgeführt werden."

Ich denke, dass wir diesen Punkt in die Resolution über die Ergebnisse der Diskussion aufnehmen und ihn bekanntmachen müssen.

Schließlich eine Frage, die von der Opposition in einem fort gestellt wird und auf die sie offenbar nicht immer eine befriedigende Antwort erhält. Wessen Stimmungen bringen wir, die Opposition, denn zum Ausdruck? - fragen sie oft. Ich denke, dass die Opposition die Stimmungen des nichtproletarischen Sektors unserer Partei zum Ausdruck bringt. Ich denke, dass die Opposition, vielleicht ohne das selbst zu erkennen, ohne ihren Willen, unwillkürlich der Schrittmacher der Stimmungen des nicht-proletarischen Elements unserer Partei ist. Ich denke, dass die Opposition mit ihrer zügellosen Agitation für die Demokratie, die sie oft zu etwas Absolutem macht und zum Fetisch erhebt, die kleinbürgerliche Elementargewalt entfesselt.

Kennen Sie die Stimmungen solcher Genossen, wie die der Studenten Martynow, Kasarjan und anderer? Haben Sie Chodorowskis Feuilleton in der "Prawda" gelesen, in dem er Zitate aus Reden dieser Genossen wiedergab? Hier zum Beispiel ein Ausspruch Martynows (er ist, wie sich herausstellt, Mitglied der Partei): "Unsere Sache ist es, zu beschließen, die Sache des ZK aber ist es, den Beschluss auszuführen und weniger Überlegungen anzustellen." Es handelt sich hier um die Zelle der Hochschule beim Volkskommissariat für Verkehrswesen. Aber, Genossen, in unserer Partei gibt es insgesamt nicht weniger als 50000 Zellen; wenn jede Zelle so mit dem ZK umginge und meinte, dass es die Sache der Zellen sei, zu beschließen, die Sache des ZK aber, keine Überlegungen anzustellen, so fürchte ich, dass wir niemals zu irgendeiner Entscheidung gelangen werden. Woher kommt diese Stimmung bei den Martynows? Was gibt es dabei Proletarisches? Die Martynows aber sind für die Opposition - beachten Sie das. Gibt es einen Unterschied zwischen Martynow und Trotzki? Der Unterschied besteht nur darin, dass Trotzki die Attacke auf den Parteiapparat eröffnet hat, während Martynow ihn endgültig zerschlagen möchte.

Und hier ein anderer Hochschüler, Kasarjan, gleichfalls, wie sich herausstellt, Mitglied der Partei. "Was haben wir", fragt er, "die Diktatur des Proletariats oder die Diktatur der Kommunistischen Partei über das Proletariat?" Das, Genossen, sagt nicht der Menschewik Martow, sondern der "Kommunist" Kasarjan. Der Unterschied zwischen Trotzki und Kasarjan besteht darin, dass nach Trotzki die Kader entarten, während nach Kasarjan die Kader verjagt werden müssen, denn sie sitzen seiner Meinung nach dem Proletariat auf dem Nacken.

Ich frage: Welche Stimmungen bringen die Martynows und die Kasarjans zum Ausdruck? Die proletarischen? Natürlich nicht. Welche denn? Die Stimmungen der nichtproletarischen Elemente der Partei und des Landes. Ist es ein Zufall, dass diese Wortführer nichtproletarischer Stimmungen für die Opposition stimmen? Nein, das ist kein Zufall. (Beifall.)

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