"Stalin"

Werke

Band 6

DIE XIII. KONFERENZ DER KPR(B)

2. SCHLUSSWORT

18. Januar

Ich sagte bereits im Referat, dass ich die Geschichte der Frage nicht berühren wollte, dass ich das nicht wollte, weil dadurch, wie ich mich ausdrückte, Elemente des Gezänks und gegenseitiger Beschuldigungen hereingebracht werden. Da aber Preobrashenski dies nun einmal wünscht, da er es nun einmal fordert, bin ich bereit, nachzugeben und ein paar Worte über die Geschichte der Frage der innerparteilichen Demokratie zu sagen.

Wie ist die Frage der innerparteilichen Demokratie im ZK aufgekommen? Sie kam erstmals auf dem ZK-Plenum im September auf, sie kam im Zusammenhang mit den Konflikten auf, die sich in den Betrieben ereigneten, und im Zusammenhang mit der von uns damals aufgedeckten Losgelöstheit einiger Partei- und Gewerkschaftsorganisationen von den Massen. Das ZK erkannte damals, dass es sich um eine ernste Sache handelte, dass sich in der Partei Mängel angehäuft hatten, dass es notwendig war, eine spezielle autoritative Kommission zu schaffen, die der Sache auf den Grund gehen, die Tatsachen studieren und konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Lage in der Partei einbringen sollte. Dasselbe gilt für die Frage der Absatzkrise, der "Schere". Sowohl die Erörterung der Fragen als auch die Wahl der Kommission zur Frage der innerparteilichen Lage und zur Frage der "Schere" erfolgten ohne jede Teilnahme der Opposition. Wo war damals die Opposition? Wenn ich nicht irre, war Preobrashenski damals auf der Krim, Sapronow in Kislowodsk, Trotzki beendete in Kislowodsk seine Artikel über Kunst und schickte sich an, nach Moskau zu fahren. Noch vor ihrer Ankunft erörterte das ZK diese Frage in einer seiner Sitzungen. Sie, die bei ihrer Ankunft die Dinge fertig vorfanden, mischten sich mit keinem einzigen Wort ein, brachten keinen einzigen Einwand gegen den Plan des ZK vor. Zur Frage der Lage in der Partei wurde im September auf der Beratung der Sekretäre der Gouvernementskomitees das Referat des Genossen Dzierzynski verlesen. Ich behaupte, dass weder auf dem Septemberplenum noch auf der Beratung der Sekretäre die heutigen Mitglieder der Opposition auch nur mit einem einzigen Wort auf die "schwere Wirtschaftskrise" oder auf die "Krise in der Partei" und die "Demokratie" hindeuteten.

Wie Sie sehen, wurden die Fragen der Demokratie und der "Schere" vom Zentralkomitee selbst aufgeworfen, die Initiative lag voll und ganz in den Händen des ZK, die Mitglieder der Opposition aber schwiegen, denn sie glänzten durch Abwesenheit.

Das war sozusagen der erste Akt, das erste Stadium der Geschichte der Frage.

Der zweite Akt begann mit dem Plenum des ZK und der ZKK im Oktober. Als die Opposition mit Trotzki an der Spitze sah, dass das Vorhandensein von Mängeln innerhalb der Partei festgestellt worden war, dass das ZK sich dieser Sache bereits angenommen und Kommissionen geschaffen hatte und dass die Initiative - da sei Gott vor - in den Händen des ZK bleiben würde, versuchte sie, ja stellte sich das Ziel, dem ZK die Initiative zu entreißen und sich auf das Steckenpferd der Demokratie zu setzen, denn dieses Pferdchen ist bekanntlich hurtig, und man kann versuchen, mit ihm dem ZK zuvorzukommen. Auf dieser Grundlage entstanden jene Dokumente, über die sich Preobrashenski hier verbreitete - das Dokument der 46[3] und der Brief Trotzkis. Derselbe Trotzki, der im September, einige Tage vor seinem fraktionellen Auftreten, auf dem Plenum geschwiegen und jedenfalls keine Einwände gegen die Beschlüsse des ZK erhoben hatte, entdeckte plötzlich, zwei Wochen danach, dass das Land und die Partei zugrunde gehen und dass er, Trotzki, dieser Patriarch der Bürokraten, ohne Demokratie nicht leben kann.

Uns mutete es etwas lächerlich an, aus dem Munde Trotzkis Reden über Demokratie zu hören, desselben Trotzki, der auf dem X. Parteitag die Durchrüttelung der Gewerkschaften von oben gefordert hatte. Aber wir wussten, dass zwischen dem Trotzki aus der Zeit des X. Parteitags und dem Trotzki unserer Tage kein großer Unterschied ist, denn sowohl damals als auch heute ist er für die Durchrüttelung der Lenin schen Kader. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass er auf dem X. Parteitag die Lenin schen Kader auf dem Gebiet der Gewerkschaften von oben durchrütteln wollte, während er jetzt dieselben Lenin schen Kader auf dem Gebiet der Partei von unten durchrütteln will. Er braucht die Demokratie als Steckenpferd, als strategisches Manöver. Das ist die ganze Geschichte.

Denn wenn die Opposition der Sache wirklich hätte helfen wollen, wenn sie sachlich, kameradschaftlich an die Sache hätte herangehen wollen, so hätte sie sich mit ihrer Erklärung vor allem an die Kommissionen des Septemberplenums wenden und beispielsweise sagen müssen: "Wir sind der Meinung, dass eure Arbeit unbefriedigend ist, wir fordern, dass dem Politbüro über die Resultate eurer Arbeit Bericht erstattet und ein Plenum des ZK einberufen wird, dem wir unsere neuen Vorschläge unterbreiten werden" usw. Und wenn die Kommissionen sie nicht angehört hätten, oder wenn das Politbüro sie nicht angehört hätte, wenn es die Meinung der Opposition ignoriert oder sich geweigert hätte, das Plenum zur Prüfung der Vorschläge Trotzkis und überhaupt der Opposition einzuberufen, dann - und nur dann - hätte die Opposition das volle Recht gehabt, offen, über den Kopf des ZK hinweg an die Mitglieder der Partei zu appellieren und der Partei zu sagen: "Das Land steht vor dem Untergang, die Wirtschaftskrise greift um sich, die Partei geht zugrunde, wir haben die Kommissionen des ZK ersucht, diese Fragen zu prüfen - sie haben sich geweigert, uns anzuhören, wir haben versucht, uns an das Politbüro zu wenden - dabei ist nichts herausgekommen, wir sehen uns jetzt gezwungen, an die Partei zu appellieren, damit die Partei selbst sich der Sache annimmt." Ich zweifle nicht, dass die Partei hierauf geantwortet hätte: "Ja, das sind Revolutionäre der Tat, denn sie stellen das Wesen der Sache höher als deren Form."

Aber hat etwa die Opposition derart gehandelt? Hat sie auch nur ein einziges Mal versucht, sich mit ihren Vorschlägen an die Kommissionen des ZK zu wenden? Hat sie etwa daran gedacht, hat sie etwa versucht, die Fragen im Rahmen des ZK oder seiner Organe aufzuwerfen und zu lösen? Nein, einen solchen Versuch hat die Opposition nicht unternommen. Offenbar ging es der Opposition nicht darum, die innerparteiliche Lage zu verbessern, der Partei bei der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu helfen, sondern darum, der Arbeit der Kommission und des ZK-Plenums zuvorzukommen, dem ZK die Initiative zu entreißen, sich auf das Steckenpferd der Demokratie zu setzen und, ehe es zu spät ist, recht viel Lärm zu machen, um zu versuchen, damit das Vertrauen zum ZK zu untergraben. Die Opposition hatte es offenbar eilig, "Dokumente" gegen das ZK fertig zustellen, wie Trotzkis Brief und die Erklärung der 46, um sie an die Studenten der Swerdlow-Universität, an die Rayons versenden und erklären zu können, sie, die Opposition, sei für die Demokratie, für die Verbesserung der Wirtschaft, das ZK aber hindere sie daran, sie brauche Hilfe gegen das ZK usw.

Das sind die Tatsachen.

Ich verlange, dass Preobrashenski diese meine Behauptungen widerlege. Ich verlange, dass er sie wenigstens in der Presse widerlege. Soll Preobrashenski die Tatsache widerlegen, dass das ZK-Plenum im September ohne die Opposition, vor dem Auftreten der Opposition, Kommissionen geschaffen hat. Soll Preobrashenski die Tatsache widerlegen, dass weder Trotzki noch die übrigen Oppositionellen versucht haben, sich mit ihren Vorschlägen an diese Kommissionen zu wenden. Soll Preobrashenski die Tatsache widerlegen, dass die Opposition von der Existenz dieser Kommissionen wusste, dass sie ihre Arbeit ignorierte, dass sie nicht versucht hat, die Angelegenheit im Rahmen des ZK zu erledigen.

Darum hat das ZK, als Preobrashenski und Trotzki im Oktober vor dem Plenum erklärten, sie wollten die Partei durch die Demokratie retten, das ZK aber sei blind und sehe nichts, sie ausgelacht und gesagt: Nein, Genossen, wir, das ZK, sind voll und ganz für die Demokratie, aber an eure Demokratie glauben wir nicht, denn wir sind der Ansicht, dass eure "Demokratie" ein strategisches Manöver gegen das ZK ist, ein Manöver, das von eurer Fraktionsmacherei diktiert ist.

Was beschloss nun damals die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK zur Frage der innerparteilichen Demokratie? Sie beschloss folgendes:

"Die gemeinsame Plenartagung billigt voll und ganz den vom Politbüro rechtzeitig festgelegten Kurs auf die innerparteiliche Demokratie sowie die vom Politbüro vorgeschlagene Verstärkung des Kampfes gegen jeden überflüssigen Aufwand und den zersetzenden Einfluss der NÖP auf einzelne Elemente der Partei.

Die gemeinsame Plenartagung beauftragt das Politbüro, alles Notwendige zu unternehmen, um die Arbeit der vom Politbüro und vom Septemberplenum eingesetzten Kommissionen zu beschleunigen: der Kommissionen 1. zur Frage der ´Schere´, 2. zur Frage des Arbeitslohns, 3. zur Frage der innerparteilichen Lage.

Das Politbüro soll nach Ausarbeitung der notwendigen Maßnahmen zu diesen Fragen beginnen, sie unverzüglich in die Tat umzusetzen, und hierüber auf dem nächsten ZK-Plenum Bericht erstatten."

Trotzki schreibt in einem seiner Briefe an das ZK, das Oktoberplenum sei der "krasseste Ausdruck des bürokratischen Kurses des Apparats" gewesen. Ist es nicht klar, dass diese Erklärung Trotzkis eine Verleumdung des ZK ist? Nur ein Mensch, der den Kopf verloren hat und von Fraktionsmacherei verblendet ist, kann nach dem verlesenen Dokument sagen, das Oktoberplenum sei der krasseste Ausdruck des Bürokratismus gewesen.

Was aber beschloss damals die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK über die "demokratischen" Manöver Trotzkis und der 46? Sie beschloss folgendes:

"Die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK mit Vertretern von 10 Parteiorganisationen erachtet das Auftreten Trotzkis in einer für die internationale Revolution und die Partei höchst verantwortungsvollen Zeit für einen schweren politischen Fehler, insbesondere weil der gegen das Politbüro gerichtete Angriff Trotzkis objektiv den Charakter eines fraktionellen Auftretens angenommen hat, das die Einheit der Partei zu gefährden droht und eine Parteikrise herbeiführt. Die gemeinsame Plenartagung stellt mit Bedauern fest, dass Trotzki zur Behandlung der von ihm aufgeworfenen Fragen den Weg gewählt hat, an einzelne Mitglieder der Partei zu appellieren, anstatt den einzig zulässigen Weg zu gehen diese Fragen zuvor in den Kollegien, deren Mitglied Trotzki ist, zur Diskussion zu stellen.

Der von Trotzki gewählte Weg war das Signal zu einer fraktionellen Gruppenbildung (Erklärung der 46).

Die gemeinsame Plenartagung des ZK und der ZKK und die Vertreter der 10 Parteiorganisationen verurteilen entschieden die Erklärung der 46 als Schritt fraktioneller Spaltungspolitik, die, wenn auch ohne den Willen der Unterzeichner dieser Erklärung, einen solchen Charakter angenommen hat. Diese Erklärung droht, dem gesamten Leben der Partei für die nächsten Monate den Stempel des innerparteilichen Kampfes aufzudrücken und so die Partei in einer für das Schicksal der internationalen Revolution höchst verantwortungsschweren Zeit zu schwächen."

Wie Sie sehen, Genossen, widerlegen die oben dargelegten Tatsachen entschieden das Bild der Lage, das Preobrashenski hier gezeichnet hat.

Der dritte Akt oder das dritte Stadium der Geschichte der Frage ist die Periode nach dem Oktoberplenum. Das Oktoberplenum beschloss, dem Politbüro vorzuschlagen, alle Maßnahmen zu treffen, um eine einträchtige Arbeit zu gewährleisten. Ich muss erklären, Genossen, dass wir in der Periode nach dem Oktober alle Maßnahmen getroffen haben, um eine einträchtige Arbeit mit Trotzki in Gang zu bringen, wenn ich auch sagen muss, dass dies nicht gerade eine leichte Sache ist. Wir hatten zwei inoffizielle Beratungen mit Trotzki, wir gingen alle Fragen der Wirtschaft und der Partei durch, wobei wir zu bestimmten Auffassungen gelangten, die keinerlei Meinungsverschiedenheiten hervorriefen. Die Fortsetzung dieser inoffiziellen Beratungen und dieser Versuche, innerhalb des Politbüros eine einträchtige Arbeit in Gang zu bringen, war, worüber ich schon gestern berichtete, die Schaffung einer Unterkommission aus drei Mitgliedern. Diese Unterkommission arbeitete auch den Resolutionsentwurf aus, der später vom ZK und von der ZKK als Resolution über die Demokratie angenommen wurde.

So war es.

Uns schien, dass nach der einstimmigen Annahme der Resolution kein Grund für Streitigkeiten, kein Grund für einen innerparteilichen Kampf mehr vorhanden sei. Und so war es auch in der Tat, bis Trotzki erneut auftrat und an die Rayons appellierte. Das unabhängig vom ZK und über den Kopf des ZK hinweg erfolgte Auftreten Trotzkis am Tage nach der Veröffentlichung der ZK-Resolution verdarb alles, änderte die Lage radikal und warf die Partei zurück, zurück zu neuen Diskussionen, zu neuem Kampf, einem schärferen Kampf als vorher. Man sagt, das ZK hätte die Veröffentlichung des Artikels Trotzkis verbieten sollen. Das ist falsch, Genossen. Das wäre von seiten des ZK ein überaus gefährlicher Schritt gewesen. Versuchen Sie mal, einen Artikel Trotzkis zu verbieten, der in den Rayons von Moskau bereits publik gemacht ist! Das ZK konnte sich auf solch einen unüberlegten Schritt nicht einlassen.

Das ist die Geschichte der Frage.

Aus dem Gesagten folgt, dass es der Opposition nicht so sehr um die Demokratie als darum ging, die Idee der Demokratie dazu auszunutzen, das ZK zu erschüttern, dass wir es bei der Opposition nicht mit Menschen zu tun haben, die der Partei zu helfen gewillt sind, sondern mit einer Fraktion, die dem ZK auflauerte: "Hoffentlich begeht es einen Fehler, verpasst etwas, dann werden wir ihm eins versetzen." Das ist eben eine Fraktion, wenn eine Gruppe von Parteimitgliedern gegen zentrale Parteiinstitutionen an einer Ecke auf der Lauer liegt, um entweder aus einer Missernte oder aus dem Fallen des Tscherwonzen oder aus anderen Schwierigkeiten der Partei Kapital zu schlagen, um dann hinter der Ecke, aus dem Hinterhalt hervorzuspringen und der Partei einen Schlag zu versetzen. Ja, das ZK hatte im Oktober recht, als es Ihnen, Genossen von der Opposition, sagte, dass die Demokratie eine Sache ist, eine andere Sache aber das Ränkeschmieden gegen die Partei, dass die Demokratie eine Sache ist, eine andere Sache aber - die Ausnutzung einer Sensationsmache mit Demokratie gegen die Mehrheit der Partei.

Das, Preobrashenski, ist die Geschichte der Frage, über die ich hier nicht sprechen wollte, über die zu sprechen ich aber gezwungen war, um Ihrem ausdrücklichen Wunsch nachzukommen.

Die Opposition hat es sich zur Regel gemacht, Genossen Lenin als den genialsten aller genialen Männer zu preisen. Ich fürchte, dass dieses Lob unaufrichtig ist und dass sich auch dahinter eine strategische List verbirgt: Man will mit einem Wortschwall von der Genialität des Genossen Lenin die Abkehr von Lenin verbergen und gleichzeitig die Schwächeseiner Schüler unterstreichen. Natürlich, wie sollten wir, die Schüler des Genossen Lenin , nicht wissen, dass Genosse Lenin der genialste aller genialen Männer ist und dass solche Männer nur einmal in Jahrhunderten geboren werden. Aber gestatten Sie, Preobrashenski, das ich Sie frage, warum Sie in der Frage des Brester Friedens mit diesem genialsten Mann auseinandergingen? Warum haben Sie diesen genialsten Mann in einem schwierigen Augenblick verlassen und nicht auf ihn gehört? Wo, in welchem Lager befanden Sie sich damals?

Und Sapronow, der jetzt heuchlerisch und pharisäisch Loblieder auf Genossen Lenin singt, ist derselbe Sapronow, der die Stirn hatte, Genossen Lenin auf einem der Parteitage einen "Ignoranten" und "Oligarchen" zu nennen! Warum unterstützte er den genialen Lenin zum Beispiel nicht auf dem X. Parteitag, warum fand man ihn in schwierigen Augenblicken stets im entgegengesetzten Lager, wenn er wirklich glaubt, dass Genosse Lenin der genialste aller genialen Männer ist? Weiß Sapronow, dass Genosse Lenin , als er auf dem X. Parteitag die Resolution über die Einheit einbrachte, die den Ausschluss der Fraktionsmacher aus der Partei forderte, unter anderem auch Sapronow im Auge hatte?

Und weiter: Warum fand man Preobrashenski nicht nur in der Periode des Brester Friedens, sondern auch später, in der Periode der Gewerkschaftsdiskussion, im Lager der Gegner des genialen Lenin ? Ist das alles ein Zufall? Gibt es hier nicht eine gewisse Gesetzmäßigkeit? (Preobrashenski: "Ich habe versucht, mich nach meinem eigenen Verstand zu richten.")

Das ist sehr löblich, Preobrashenski, dass Sie sich nach Ihrem eigenen Verstand richten wollten. Aber sehen Sie, was dabei herauskommt: In der Brester Frage haben Sie sich nach Ihrem eigenen Verstand gerichtet und danebengehauen; dann bei der Diskussion über die Gewerkschaften haben Sie wiederum versucht, sich nach Ihrem eigenen Verstand zu richten, und haben wiederum danebengehauen; jetzt weiß ich nicht, ob Sie sich nach Ihrem eigenen oder einem fremden Verstand richten, aber anscheinend haben Sie doch wieder danebengehauen. (Heiterkeit.) Immerhin glaube ich, wenn sich Preobrashenski jetzt mehr nach seinem eigenen Verstand als nach dem Verstand Trotzkis richtete - einem Verstand, der in seinem Brief vom 8. Oktober Ausdruck gefunden hat -, so stünde er näher zu uns als zu Trotzki.

Preobrashenski hat dem ZK vorgeworfen, dass, solange bei uns Iljitsch an der Spitze stand, die Fragen rechtzeitig und ohne Verspätung entschieden worden wären, da Iljitsch es verstand, die neuen Ereignisse im Keim zu erfassen und Losungen auszugeben, die den Ereignissen vorgriffen, dass das ZK jetzt aber, nach Iljitsch, hinter den Ereignissen zurückzubleiben beginne. Was will Preobrashenski hiermit sagen? dass Iljitsch seine Schüler überragt? Aber zweifelt denn jemand daran? Hat denn irgendjemand Zweifel daran, dass Iljitsch im Vergleich zu seinen Schülern ein Goliath ist? Wenn es sich um den Führer der Partei handelt, nicht um einen Zeitungshelden, der einen Haufen Begrüßungen erhält, sondern um den wirklichen Führer, so gibt es bei uns nur einen Führer - Genossen Lenin . Eben deshalb wurde bei uns wiederholt betont, dass wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen, da Genosse Lenin zeitweilig abwesend ist, auf ein Kollegium Kurs halten müssen. Was aber die Schüler des Genossen Lenin betrifft, so könnte man zum Beispiel auf die Ereignisse hinweisen, die mit dem Ultimatum Curzons[4] im Zusammenhang standen und die eine Art Prüfung, ein Examen für sie darstellten. Die Tatsache, dass wir damals ohne Schaden für die Sache aus den Schwierigkeiten herausgekommen sind, zeugt zweifellos davon, dass die Schüler des Genossen Lenin bei ihrem Lehrer bereits einiges gelernt haben.

Preobrashenski hat Unrecht, wenn er behauptet, dass unsere Partei in den früheren Jahren nicht hinter den Ereignissen zurückgeblieben wäre. Er hat Unrecht, weil diese Behauptung faktisch unwahr und theoretisch falsch ist. Man kann auf eine Reihe von Beispielen verweisen. Nehmen wir beispielsweise den Brester Frieden. Haben wir uns mit Brest etwa nicht verspätet? Bedurfte es etwa nicht solcher Tatsachen wie der Offensive der Deutschen und der allgemeinen Flucht unserer Soldaten, damit wir endlich die Notwendigkeit des Friedens einsahen? Der Zerfall der Front, die Offensive Hoffmanns[5], sein Vormarsch auf Petrograd, der Druck der Bauern auf uns - bedurfte es etwa nicht aller dieser Tatsachen, damit wir einsahen, dass das Tempo der internationalen Revolution nicht so schnell ist, wie wir es wünschten, dass unsere Armee nicht so stark ist, wie wir glaubten, und dass die Bauernschaft nicht so geduldig ist, wie einige von uns glaubten, dass sie den Frieden will und dass sie den Frieden mit Gewalt herbeiführen wird?

Oder nehmen wir als Beispiel die Aufhebung der Ablieferungspflicht. Haben wir uns etwa mit der Aufhebung der Ablieferungspflicht nicht verspätet? Bedurfte es etwa nicht solcher Tatsachen wie Kronstadt und Tambow[6], damit wir einsahen, dass es unmöglich war, unter den Bedingungen des Kriegskommunismus weiterzuleben? Hat etwa Iljitsch nicht selbst zugegeben, dass wir an dieser Front eine ernstlichere Niederlage erlitten hatten als jemals an den Fronten gegen Denikin und Koltschak?

Ist die Tatsache ein Zufall, dass die Partei in allen diesen Fällen hinter den Ereignissen zurückblieb, sich etwas verspätete? Nein, das ist kein Zufall. Wir hatten es hier mit einer Gesetzmäßigkeit zu tun. Es liegt auf der Hand, dass, da es sich hier nicht um allgemeine theoretische Voraussichten, sondern um die unmittelbare praktische Führung handelt, die regierende Partei, die am Steuer steht und von den Tagesereignissen in Anspruch genommen ist, nicht die Möglichkeit hat, die Prozesse, die tief unter der Oberfläche des Lebens vor sich gehen, sofort wahrzunehmen und zu erfassen, und dass es eines Anstoßes von außen und eines gewissen Entwicklungsgrades der neuen Prozesse bedarf, damit die Partei diese Prozesse wahrnimmt und sich auf sie orientiert. Eben deshalb blieb unsere Partei in der Vergangenheit hinter den Ereignissen etwas zurück und wird auch in Zukunft zurückbleiben. Und es geht hier gar nicht um das Zurückbleiben, sondern darum, den Sinn der Geschehnisse, den Sinn der neuen Prozesse zu erfassen und sie dann entsprechend der allgemeinen Entwicklungstendenz geschickt zu lenken. Gerade so ist es um die Frage bestellt, wenn man die Dinge mit den Augen eines Marxisten betrachtet und nicht mit den Augen eines Fraktionsmachers, der überall Schuldige sucht.

Preobrashenski entrüstet sich, dass die Vertreter des ZK über die Abweichungen Trotzkis vom Lenin ismus sprechen. Er entrüstet sich, hat aber, was das Wesen der Sache betrifft, keine Entgegnungen vorgebracht und überhaupt nicht versucht, seine Entrüstung zu begründen, er hat vergessen, dass Entrüstung kein Argument ist. Jawohl, es stimmt, dass Trotzki in Organisationsfragen vom Lenin ismus abweicht. Wir haben das behauptet und werden das weiter behaupten. Die bekannten Artikel in der "Prawda" mit der Überschrift "Nieder mit der Fraktionsmacherei", die der Feder Bucharins entstammen, sind voll und ganz der Frage der Abweichungen Trotzkis vom Lenin ismus gewidmet. Warum hat Preobrashenski, was das Wesen der Sache betrifft, keine Entgegnungen gegen die Grundgedanken dieser Artikel vorgebracht? Warum hat Preobrashenski nicht versucht, seine Entrüstung durch Beweisgründe oder durch etwas Ähnliches wie Beweisgründe zu erhärten? Ich sagte gestern und muss heute wiederholen, dass solche Schritte Trotzkis, wie die, dass er sich dem Zentralkomitee gegenüberstellt, dass er den Willen einer Reihe von Organisationen, die eine klare Antwort von Trotzki verlangen, ignoriert, dass er die Partei dem Apparat der Partei gegenüberstellt, dass er die Jugend den Kadern der Partei gegenüberstellt, dass er die Partei auf die studierende Jugend orientieren will und die Freiheit der Gruppierungen proklamiert - dass solche Schritte mit den Organisationsprinzipien des Lenin ismus unvereinbar sind. Warum hat denn Preobrashenski nicht versucht, diese meine Behauptung zu widerlegen?

Man spricht von einer Hetze gegen Trotzki. Hiervon haben Preobrashenski und Radek gesprochen. Genossen, ich muss erklären, dass die Erklärungen dieser Genossen über Hetze der Wirklichkeit keineswegs entsprechen. Ich will Sie an zwei Tatsachen erinnern, damit Sie die Möglichkeit haben, hierüber zu urteilen. Die erste Tatsache ist der Zwischenfall, zu dem es auf dem Septemberplenum des ZK kam, als Trotzki die Erklärung des ZK-Mitglieds Komarow, dass die ZK-Mitglieder die Ausführung der ZK-Beschlüsse nicht verweigern dürfen, damit beantwortete, dass er aufsprang und die Plenarsitzung verließ. Sie werden sich erinnern, dass das ZK-Plenum damals eine "Delegation" zu Trotzki sandte mit dem Ersuchen, zur Plenarsitzung zurückzukehren. Sie werden sich erinnern, dass Trotzki sich weigerte, dem Ersuchen des Plenums nachzukommen, und damit bekundete, dass er auch nicht die geringste Dosis Achtung für sein ZK hat.

Oder weiter die Geschichte einer anderen Tatsache, die darin besteht, dass Trotzki sich entschieden weigert, in den zentralen Sowjetorganen, im Rat für Arbeit und Verteidigung und im Rat der Volkskommissare, zu arbeiten, obwohl das ZK zweimal beschlossen hat, dass Trotzki endlich die Arbeit in den Sowjetorganen aufnehmen soll. Sie wissen, dass Trotzki nicht versucht hat, auch nur einen Finger zu rühren, um den Beschluss des ZK auszuführen. Wahrhaftig, warum sollte Trotzki nicht im Rat für Arbeit und Verteidigung, im Rat der Volkskommissare arbeiten? Warum sollte Trotzki, der sich darin gefällt, so viel über den Plan zu sprechen, warum sollte er nicht einmal in unsere Staatliche Plankommission hineinschauen? Kann man eine Lage als normal ansehen, wenn ein Mitglied des ZK einen Beschluss des ZK ignoriert? Zeugen nicht alle diese Tatsachen davon, dass das Gerede von Hetze leeres Geschwätz ist, dass, wenn es schon gilt, jemand zu beschuldigen, Trotzki selbst beschuldigt werden muss, dessen Verhalten man nur als eine Verhöhnung des ZK ansehen kann?

Völlig falsch sind die Betrachtungen Preobrashenskis über Demokratie. Preobrashenski stellt die Frage so: Entweder gibt es bei uns Gruppierungen, und dann gibt es eine Demokratie, oder man verbietet die Gruppierungen, und dann gibt es keine Demokratie. Freiheit der Gruppierungen und Demokratie sind bei ihm untrennbar miteinander verbunden. Wir fassen die Demokratie nicht so auf. Wir verstehen unter Demokratie Hebung der Aktivität und der Bewusstheit der Parteimasse, systematische Heranziehung der Parteimasse nicht nur zur Erörterung von Fragen, sondern auch zur Leitung der Arbeit. Die Freiheit der Gruppierungen, das heißt die Freiheit der Fraktionen - das ist ein und dasselbe - ist ein Übel, das die Partei zu zersplittern und in einen Diskussionsklub zu verwandeln droht. Sie haben sich selbst entlarvt, Preobrashenski, denn Sie verteidigen die Freiheit der Fraktionen. Die Parteimasse versteht unter Demokratie die Schaffung von Bedingungen, die eine aktive Teilnahme der Parteimitglieder an der Führung unseres Landes gewährleisten, ein paar Intellektuelle aus der Opposition aber fassen die Sache so auf, dass man ihnen die Möglichkeit geben müsse, eine Fraktion zu schaffen. Sie haben sich selbst entlarvt, Preobrashenski.

Und woher kommt bei Ihnen diese Angst vor dem siebenten Punkt über die Einheit der Partei, was gibt es hier zu fürchten? Der siebente Punkt besagt: "Um innerhalb der Partei und in der gesamten Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen"... Aber sind Sie etwa gegen eine "strenge Disziplin innerhalb der Partei und in der Sowjetarbeit", Genossen von der Opposition, sind Sie etwa gegen all das? Ich habe ja gar nicht gewusst, Genossen, dass Sie dagegen sind. Und sind Sie, Sapronow und Preobrashenski, etwa dagegen, eine maximale Einheit und die "Ausmerzung der Fraktionsmacherei" zu erzielen? Sagen Sie es offen - vielleicht nehmen wir dann einige kleine Abänderungen vor. (Heiterkeit.)

Weiter: "Der Parteitag bevollmächtigt das ZK, im Falle eines Bruchs der Parteidisziplin oder des Wiederauflebens der Fraktionsmacherei, Disziplinarmaßnahmen der Partei in Anwendung zu bringen"... Fürchten Sie sich denn auch hiervor? Haben denn Sie, Preobrashenski, Radek, Sapronow, wirklich die Absicht, die Parteidisziplin zu verletzen, die Fraktionsmacherei wieder aufleben zu lassen? Nun, und wenn Sie das nicht beabsichtigen, was haben Sie dann zu fürchten? Sie entlarven sich selbst, Genossen, durch die Panik, die Sie ergriffen hat. Da Sie den siebenten Punkt der Resolution über die Einheit fürchten, sind Sie offenbar für die Fraktionsmacherei, für den Disziplinbruch, gegen die Einheit. Wenn Sie aber nicht gegen all das sind, warum geraten Sie dann in Panik? Wenn Sie ein reines Gewissen haben, wenn Sie für die Einheit, gegen die Fraktionsmacherei und gegen den Disziplinbruch sind, ist es dann nicht klar, dass die strafende Hand der Partei Sie nicht treffen wird? Was gibt es da zu fürchten? (Zwischenruf: "Warum kommen Sie denn damit, wenn man keine Angst zu haben braucht?")

Wir wollen es Ihnen ins Gedächtnis rufen. (Heiterkeit, Beifall. Preobrashenski: "Sie schrecken die Partei.")

Wir schrecken die Fraktionsmacher, aber nicht die Partei. Glauben Sie wirklich, Preobrashenski, dass Partei und Fraktionsmacher ein und dasselbe seien? Man sieht, ein schlechtes Gewissen verrät sich selbst. (Heiterkeit.)

Weiter: "Und, gegenüber Mitgliedern des ZK Überführung in den Kandidatenstand und, als äußerste Maßnahme, sogar den Ausschluss aus der Partei ... Die Anwendung dieser äußersten Maßnahme gegen Mitglieder des ZK, Kandidaten des ZK und Mitglieder der ZKK kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass ein Plenum des ZK einberufen wird."

Was ist hieran schrecklich? Wenn Sie nicht Fraktionsmacher sind, wenn Sie gegen die Freiheit der Gruppierungen sind, wenn Sie für die Einheit sind, so müssen Sie, Genossen von der Opposition, für den siebenten Punkt der Resolution des X. Parteitags stimmen, denn er ist ausschließlich gegen Fraktionsmacher gerichtet, ausschließlich gegen diejenigen, die die Einheit der Partei, ihre Stärke beeinträchtigen, ihre Disziplin verletzen. Ist das etwa nicht klar?

Ich komme zu Radek. Es gibt Menschen, denen die Zunge gegeben ist, um ihrer Herr zu sein und sie in Gewalt zu haben. Das sind gewöhnliche Menschen. Und es gibt Menschen, die ihrer eigenen Zunge unterliegen und in ihrer Gewalt sind. Das sind ungewöhnliche Menschen. Zu dieser Art ungewöhnlicher Menschen gehört Radek. Ein Mensch, dem die Zunge gegeben ist, nicht um sie in seiner Gewalt zu haben, sondern um sich von seiner eigenen Zunge beherrschen zu lassen, wird nicht wissen können, wann und was diese Zunge schwatzt. Wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten, die Reden Radeks in verschiedenen Versammlungen zu hören, so würden Sie über sein heutiges Auftreten erstaunt sein. In einer der Diskussionsversammlungen behauptete Radek, die Frage der innerparteilichen Demokratie sei eine belanglose Frage, er, Radek, sei eigentlich gegen die Demokratie, es gehe jetzt im Grunde genommen nicht um die Demokratie, sondern darum, was das ZK mit Trotzki zu tun gedenke. In einer anderen Diskussionsversammlung erklärte derselbe Radek, der Demokratie innerhalb der Partei komme keine große Bedeutung zu, die Demokratie innerhalb des ZK hingegen sei von allergrößter Wichtigkeit, denn im ZK habe sich seiner Meinung nach ein Direktorium gebildet. Heute aber erklärt derselbe Radek unumwunden, dass die innerparteiliche Demokratie ebenso notwendig sei wie Luft und Wasser, denn ohne Demokratie gäbe es, wie sich herausstellt, keine Möglichkeit, die Partei zu leiten. Welchem von diesen drei Radeks soll man nun glauben - dem ersten, dem zweiten oder dem dritten? Wo ist die Garantie dafür, dass Radek, beziehungsweise seine Zunge, nicht in der nächsten Zukunft neue unerwartete Erklärungen abgeben wird, die alle vorangegangenen Erklärungen widerlegen? Kann man sich auf einen Menschen wie Radek verlassen? Kann man hiernach zum Beispiel der Erklärung Radeks, Boguslawski und Antonow seien aus "fraktionellen Erwägungen" bestimmter Funktionen enthoben worden, einen Wert beimessen?

Über Boguslawski habe ich bereits gesprochen, Genossen... Was Antonow-Owsejenko betrifft, so gestatten Sie mir, Ihnen folgendes mitzuteilen. Antonow ist auf Grund eines vom ZK-Plenum bestätigten Beschlusses des Orgbüros des ZK seines Postens in der PUR (Abkürzung für Polititscheskoje Uprawlenije rabotsche-krestjanskoi Krasnoi Armii = Politische Verwaltung der Roten Arbeiter- und Bauernarmee. Der Übers) enthoben worden. Er ist vor allem deshalb seines Postens enthoben worden, weil er ohne Wissen des ZK und ohne Vereinbarung mit dem ZK ein Rundschreiben über die Einberufung einer Konferenz der Zellen der Militärhochschulen und der Luftflotte versandte, auf deren Tagesordnung die internationale Lage, der Parteiaufbau usw. stehen sollten, obwohl Antonow wusste, dass die PUR einer Abteilung des ZK gleichkommt. Er ist ferner deshalb seines Postens in der PUR enthoben worden, weil er an alle Militärzellen ein Rundschreiben über die Formen der Anwendung der innerparteilichen Demokratie versandte, entgegen dem Willen des ZK und ungeachtet der vorherigen Aufforderung des ZK, dieses Rundschreiben mit den Plänen des ZK in Einklang zu bringen. Er ist schließlich deshalb seines Postens enthoben worden, weil er an das ZK und die ZKK einen im Ton völlig ungehörigen und dem Inhalt nach absolut unzulässigen Brief sandte, der dem ZK und der ZKK androhte, die "überheblich gewordenen Führer" zur Ordnung rufen zu wollen.

Genossen! Man kann und muss Oppositionelle zu verantwortlichen Funktionen zulassen. Man kann und muss zulassen, dass die Abteilungsleiter des ZK die Arbeit des ZK kritisieren. Aber man kann nicht zulassen, dass der Leiter der PUR, die einer Abteilung des ZK gleichkommt, sich systematisch weigert, in der Arbeit Kontakt mit seinem ZK herzustellen, man kann nicht zulassen, dass ein verantwortlicher Funktionär die elementaren Anstandsregeln mit Füßen tritt. Man kann einem solchen Genossen nicht die Erziehung der Roten Armee anvertrauen. So verhält es sich mit Antonow.

Schließlich muss ich einige Worte zu der Frage sagen, wessen Stimmungen eigentlich die Genossen von der Opposition bei ihrem Auftreten zum Ausdruck bringen. Ich muss zu dem "Fall" der Genossen Kasarjan und Martynow aus der Hochschule des Volkskommissariats für Verkehrswesen zurückkehren. Dieser "Fall" zeugt davon, dass bei einem Teil der Hochschüler nicht alles wohlbestellt ist, dass der Parteikern in ihnen schon verfault ist, dass sie innerlich bereits mit der Partei gebrochen haben und eben deshalb mit Vergnügen für die Opposition stimmen. Ich bitte um Entschuldigung, Genossen, aber Leute, die in parteilicher Hinsicht durch und durch verfault sind, gibt es nicht unter denen, die für die Resolution des ZK gestimmt haben, und kann es nicht geben. Bei uns gibt es solche Menschen nicht, Genossen. Bei uns, in unseren Reihen, gibt es keinen, der sagen würde: "Was haben wir denn eigentlich - die Diktatur des Proletariats oder die Diktatur der Kommunistischen Partei über das Proletariat?" Das ist ein Satz von Martow und Dan. Das ist ein Satz aus den "Dni"[7] der Sozialrevolutionäre, und wenn Sie in Ihren Reihen solche Verteidiger haben, was ist dann Ihre Position wert, Genossen von der Opposition? Oder zum Beispiel ein anderer Genosse, Genosse Martynow, der glaubt, dass das ZK zu schweigen habe, die Zellen aber beschließen müssten. Ihr, das ZK, so sagen sie, könnt das ausführen, was wir, die Zellen, beschlossen haben. Bei uns gibt es aber 50000 Zellen. Wenn sie zum Beispiel die Frage des Ultimatums Curzons zu entscheiden hätten, so würden wir in zwei Jahren zu keiner Entscheidung in dieser Frage kommen. Das ist doch Anarcho-Menschewismus von reinstem Wasser. Wenn diese Leute, die den Kopf verloren haben und in parteilicher Hinsicht durch und durch verfault sind, bei Ihnen in der Fraktion sitzen, was ist dann Ihre Fraktion wert? (Zwischenruf: "Sind sie Mitglieder der Partei?")

Ja, leider sind sie Mitglieder der Partei, aber ich bin bereit, alle Maßnahmen zu ergreifen, damit solche Menschen nicht weiterhin Mitglieder unserer Partei bleiben. (Beifall.) Ich sagte, dass die Opposition die Stimmungen und Bestrebungen der nichtproletarischen Elemente in der Partei und außerhalb der Partei zum Ausdruck bringt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, entfesselt die Opposition die kleinbürgerliche Elementargewalt. Die Fraktionsarbeit der Opposition ist Wasser auf die Mühle der Feinde unserer Partei, auf die Mühle derjenigen, die die Diktatur des Proletariats schwächen, die sie stürzen wollen. Ich habe dies gestern gesagt und ich bestätige dies heute.

Aber vielleicht möchten Sie andere, neue Zeugen hören? Nun wohl, ich kann Ihnen dieses Vergnügen bereiten und zum Beispiel auf die Aussagen des Ihnen bekannten S. Iwanowitsch verweisen. Wer ist dieser S. Iwanowitsch? Er ist ein Menschewik und war Mitglied der Partei, als wir zusammen mit den Menschewiki noch eine Partei bildeten. Später geriet er in Differenzen mit dem ZK der Menschewiki und wurde ein rechter Menschewik. Die rechten Menschewiki aber sind eine Gruppe menschewistischer Interventionisten, deren Tagesaufgabe darin besteht, die Sowjetmacht zu stürzen, und sei es mit Hilfe ausländischer Bajonette. Ihr Organ ist die "Sarja"[8]. Redakteur dieses Organs ist S. Iwanowitsch. Wie steht nun dieser rechte Menschewik zu unserer Opposition, was für ein Zeugnis stellt er ihr aus? Hören Sie:

"Wir wollen der Opposition dankbar sein, dass sie in so markanter Weise das Bild der grauenerregenden moralischen Kloake, die sich KPR betitelt, wiedergegeben hat. Wir wollen ihr dankbar sein, dass sie der KPR einen ernstlichen moralischen und organisatorischen Schlag versetzt hat. Wir wollen ihr dankbar sein, dass ihre Arbeit die Sache aller derer erleichtert, die im Sturz der Sowjetmacht die Aufgabe der sozialistischen Parteien sehen."

Da haben Sie Ihr Zeugnis, Genossen von der Opposition.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich den Genossen von der Opposition dennoch wünschen, dieser Kuss S. Iwanowitschs möge nicht allzu fest an ihnen haften bleiben. (Anhaltender Beifall.)

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