"Stalin"

Werke

Band 6

ÜBER DIE WIDERSPRÜCHE
IM KOMMUNISTISCHEN JUGENDVERBAND

Rede in der Beratung über Fragen der Arbeit unter
der Jugend beim ZK der KPR(B)[14]
3. April 1924

Ich muss vor allem einiges über die Stellung sagen, die das ZK der Jugend in der Frage der Parteidiskussion bezogen hat. Es war ein Fehler, dass das ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands noch hartnäckig zu schweigen fortfuhr, als die Ortsorganisationen sich bereits geäußert hatten. Es wäre jedoch falsch, das Schweigen des ZK des Verbands mit Neutralität erklären zu wollen. Man war einfach allzu vorsichtig.

Jetzt einiges zu dem Meinungsaustausch. Ich bin der Ansicht, dass es bei Ihnen keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten gibt. Ich habe Ihre Thesen und Artikel studiert und dennoch keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten feststellen können. Dafür aber herrscht Konfusion, und es gibt einen Haufen eingebildeter "unversöhnlicher" Widersprüche.

Der erste Widerspruch - das ist die Gegenüberstellung: der Verband als "Reserve" und der Verband als "Instrument" der Partei. Was ist der Verband: eine Reserve oder ein Instrument? Sowohl das eine als auch das andere. Das ist klar, und in den Reden der Genossen selbst wurde das auch gesagt. Der Kommunistische Jugendverband ist eine Reserve, eine Reserve aus Bauern und Arbeitern, aus der die Partei ihre Reihen auffüllt. Zugleich aber ist er auch ein Instrument, ein Instrument in den Händen der Partei, mit dem sie die Massen der Jugend unter ihren Einfluss bringt. Konkreter ausgedrückt, könnte man sagen, dass der Verband ein Instrument der Partei, ein Hilfswerkzeug der Partei in dem Sinne ist, dass der aktive Mitgliederbestand des Kommunistischen Jugendverbands das Instrument ist, mit dem die Partei auf die außerhalb des Verbands stehende Jugend einwirkt. Diese Begriffe widersprechen einander nicht, und sie dürfen einander nicht gegenübergestellt werden.

Der zweite angeblich unversöhnliche Widerspruch besteht darin, dass, nach Meinung einiger Genossen, die "Klassenpolitik des Verbands nicht durch seine Mitgliederschaft bestimmt wird, sondern durch die Prinzipienfestigkeit der Menschen, die an der Spitze stehen". Die Prinzipienfestigkeit wird der Mitgliederschaft gegenübergestellt. Dieser Widerspruch besteht ebenfalls in der Einbildung, denn die Klassenpolitik des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands wird sowohl von dem einen als auch von dem andern, sowohl von der Mitgliederschaft als auch von der Prinzipienfestigkeit der Spitze bestimmt. Wenn sich eine wesensfremde Mitgliederschaft des Verbands, dessen Mitglieder die gleichen Rechte genießen, auf die prinzipienfesten Menschen auswirkt, so kann die Tatsache einer solchen Zusammensetzung der Mitgliederschaft für die Arbeit und die Politik des Verbands nicht ohne Folgen sein. Warum reguliert die Partei die Zusammensetzung ihrer Mitgliederschaft? Weil sie weiß, dass die Zusammensetzung ihrer Mitgliederschaft ihre Arbeit beeinflusst.

Schließlich noch ein Widerspruch - ebenfalls ein eingebildeter -, der die Rolle des Verbands und seine Arbeit unter den Bauern betrifft. Die einen stellen die Frage so, als bestände die Aufgabe des Verbands in der "Verankerung" des Einflusses unter den Bauern, nicht aber in seiner Erweiterung, während die anderen angeblich den "Einfluss erweitern" wollen, aber nicht einverstanden sind, ihn zu verankern. Hierauf will man eine Diskussionsplattform aufbauen. Es ist klar, dass die Gegenüberstellung dieser beiden Aufgaben gekünstelt ist, denn alle verstehen ausgezeichnet, dass der Verband seinen Einfluss im Dorf gleichzeitig sowohl verankern als auch erweitern muss. Es stimmt, dass an einer Stelle der Thesen des ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands ein ungeschickt formulierter Satz über die Arbeit unter den Bauern steht. Aber weder Tarchanow noch andere Vertreter der Mehrheit des ZK des Kommunistischen Jugendverbands Rußlands bestehen auf dieser ungeschickten Formulierung, sondern sind bereit, sie zu korrigieren. Lohnt es sich hiernach, um Kleinigkeiten zu streiten?

Es gibt jedoch einen Widerspruch im Leben und in der Tätigkeit des Kommunistischen Jugendverbands, einen wirklichen, nicht eingebildeten Widerspruch, über den ich einige Worte sagen möchte. Ich meine das Vorhandensein zweier Tendenzen im Verband: der Arbeitertendenz und der Bauerntendenz. Ich meine den Widerspruch zwischen diesen Tendenzen, der sich fühlbar macht und an dem man nicht vorübergehen kann. Die Frage dieses Widerspruchs ist die schwächste Stelle in den Ausführungen der Redner. Alle sprechen davon, dass es notwendig sei, den Verband durch die Aufnahme von Arbeitern zu erweitern, aber alle stolpern, sobald sie auf die Bauernschaft zu sprechen kommen, auf die Frage der Heranziehung der Bauernschaft. Selbst die Redner, die nicht klügelten und keine Winkelzüge machten, stolperten über diese Frage.

Der Kommunistische Jugendverband Rußlands steht offensichtlich vor zwei Problemen: dem Arbeiterproblem und dem Bauernproblem. Da der Kommunistische Jugendverband ein Arbeiter- und Bauernverband ist, so werden diese beiden Tendenzen, diese Widersprüche im Verband offenbar auch in Zukunft bleiben. Die einen werden sagen, dass man die Arbeiter hereinziehen muss, und übergehen dabei die Bauernschaft mit Schweigen, die anderen aber werden sagen, dass man die Bauern hereinziehen muss, und unterschätzen dabei die Bedeutung des proletarischen Elements im Verband als des führenden Elements. Dieser innere Widerspruch, der in der Natur des Verbands selbst enthalten ist, lässt eben die Redner stolpern. In den Reden wurde eine Parallele gezogen zwischen der Partei und dem Kommunistischen Jugendverband. Die Sache ist aber die, dass ein solcher Parallelismus in Wirklichkeit nicht besteht, denn unsere Partei ist eine Arbeiterpartei, und keine Arbeiter- und Bauernpartei, während der Kommunistische Jugendverband ein Arbeiter- und Bauernverband ist. Darum kann der Kommunistische Jugendverband nicht lediglich ein Arbeiterverband sein, sondern muss gleichzeitig sowohl ein Arbeiter- als auch ein Bauernverband sein. Eins ist klar: Bei der gegenwärtigen Struktur des Verbands werden innere Widersprüche und ein Kampf der Tendenzen auch in Zukunft unvermeidlich sein.

Recht haben diejenigen, die sagen, dass man die Mittelbauernjugend in die Partei hereinziehen müsse, aber man muss hier vorsichtig sein und darf nicht zu dem Standpunkt einer Arbeiter- und Bauernpartei abgleiten, zu dem zuweilen sogar manche verantwortliche Funktionäre neigen. Viele erhoben ein Geschrei und sagten: "Ihr nehmt Arbeiter auf, warum sollte man nicht in demselben Maße auch Bauern in die Partei aufnehmen? Lasst uns hundert- oder zweihunderttausend Bauern aufnehmen." Das ZK ist dagegen, weil unsere Partei eine Arbeiterpartei sein muss. Etwa 70 oder 80 Prozent Arbeiter und etwa 20 bis 25 Prozent Nichtarbeiter - das ist das ungefähre Verhältnis, das wir in der Partei haben müssen. Etwas anders als mit der Partei verhält es sich mit dem Kommunistischen Jugendverband. Der Kommunistische Jugendverband ist eine freiwillige, freie Organisation der revolutionären Elemente der Arbeiter- und Bauernjugend. Ohne die Bauern, ohne die Masse der bäuerlichen Jugend wird er aufhören, ein Arbeiter- und Bauernverband zu sein. Dabei muss die Sache aber so eingerichtet werden, dass das proletarische Element die führende Rolle behält.

Zuerst veröffentlicht in dem Buch:
J. Stalin, Über den Kommunistischen
Jugendverband, Moskau 1926.

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