"Stalin"

Werke

Band 6

BRIEF AN GENOSSEN DEMJAN BJEDNY

Werter Demjan!

Ich schreibe Ihnen mit großer Verspätung. Sie haben das Recht, mich zu schelten. Aber Sie müssen in Betracht ziehen, dass ich außerordentlich schreibfaul bin, was Briefe und überhaupt Korrespondenzen anbelangt.

Zu den einzelnen Punkten:

1. Es ist sehr schön, dass Sie "froher Stimmung" sind. Die Philosophie des "Weltschmerzes" ist nicht unsere Philosophie. Mögen sich die Abtretenden und Ablebenden dem Weltschmerz hingeben. Unsere Philosophie hat der Amerikaner Whitman ziemlich treffend wiedergegeben: "Wir leben, unser rotes Blut kocht vom Feuer unverbrauchter Kräfte." So ist´s, Demjan.

2. "Einerseits möchte ich niemand kränken, anderseits muss ich mich ärztlich behandeln lassen", schreiben Sie. Mein Ratschlag: Lieber ein paar Besucher und Besucherinnen kränken, als sich nicht nach allen Regeln der Kunst behandeln lassen. Lassen Sie sich behandeln, lassen Sie sich behandeln, lassen Sie sich unbedingt behandeln. Besucher nicht kränken wollen - heißt Augenblicksinteressen nachgehen. Sie um einer ernsten Kur willen ein klein wenig kränken, heißt schon, Interessen auf längere Sicht im Auge haben. Die Opportunisten unterscheiden sich eigentlich gerade dadurch von ihren Antipoden, dass sie die Interessen der ersten Art höher stellen als die Interessen der zweiten Art. Es steht außer Frage, dass Sie die Opportunisten nicht nachahmen werden.

3. "Die in Ihrem Referat vor den Sekretären der Kreiskomnitees anklingenden Amnestietöne sind sicher nicht ohne Hintergedanken", schreiben Sie. Richtiger wäre zu sagen, dass es sich hier um eine Politik handelt, die, allgemein gesprochen, auch einen gewissen Hintergedanken nicht ausschließt. Ich denke, nachdem wir die Führer der Opposition völlig zerschlagen haben, sind wir, dass heißt die Partei, verpflichtet, gegenüber den einfachen und mittleren Oppositionellen den Ton zu mildern, um ihnen die Abkehr von den Führern der Opposition zu erleichtern. Die Generale ohne Armee lassen - darauf kommt es an. Die Opposition hat vierzigtausend bis fünfzigtausend Mann in der Partei; die meisten von ihnen möchten ihre Führer fallenlassen, aber es hindert sie ihre Eigenliebe oder die Grobheit, die Überheblichkeit einiger Anhänger des ZK, die den einfachen Oppositionellen mit Nadelstichen zusetzen und dadurch ihren Übertritt auf unsere Seite hemmen. Der "Ton" meines Referats war gegen solche Anhänger des ZK gerichtet. So und nur so kann man die Opposition vollends zerschlagen, nachdem ihre Führer vor der ganzen Welt blamiert dastehen.

4. "Ob uns die Ernte keinen Streich spielen wird", fragen Sie. Sie hat uns schon einen kleinen Streich gespielt. Wenn wir im vergangenen Jahr etwas mehr als zwei Milliarden siebenhundert Millionen (brutto) geerntet haben, so wird in diesem Jahr mit etwa 200 Millionen weniger gerechnet. Das ist natürlich ein Schlag für den Export. Es gibt allerdings heute fünfmal weniger von der Missernte betroffene Wirtschaften als im Jahre 1921, und wir können ohne besondere Anstrengungen aus eigener Kraft mit diesem Übel fertig werden. Dessen können Sie gewiss sein. Aber immerhin bleibt es ein Schlag. Übrigens, alles Schlechte hat auch sein Gutes. Wir haben beschlossen, die stärker gewordene Bereitschaft der Bauernschaft, alles mögliche zu tun, um sich in Zukunft vor einer eventuellen Dürre zu sichern, auszunutzen, und wir werden diese Bereitschaft in jeder Hinsicht auszunutzen versuchen, um (gemeinsam mit der Bauernschaft) entschiedene Maßnahmen zur Melioration, zur Verbesserung der Ackerbaukultur u. a. durchzuführen. Wir denken, dieses Werk mit der Schaffung einer minimal notwendigen Meliorationsfläche in der Zone Samara-Saratow-Zarizyn-Astrachan-Stawropol zu beginnen. Hierfür legen wir fünfzehn bis zwanzig Millionen zurück. Im nächsten Jahr werden wir uns den südlichen Gouvernements zuwenden. Das wird den Beginn einer Revolution in unserer Landwirtschaft bedeuten. Einheimische sagen, dass die Bauernschaft uns beträchtlich unterstützen wird. Not lehrt beten. Es bedurfte also der Geißel der Dürre, um die Landwirtschaft auf eine höhere Stufe zu heben und unser Land für immer vor den Zufälligkeiten der Witterung zu sichern. Koltschak lehrte uns, die Infanterie aufzubauen, Denikin - die Kavallerie aufzubauen, und die Dürre lehrt uns, die Landwirtschaft aufzubauen. So sind die Wege der Geschichte. Und daran ist nichts Unnatürliches.

5. Sie schreiben: "Kommen Sie." Leider kann ich nicht kommen. Ich kann nicht, weil ich keine Zeit habe. Ich rate Ihnen, einen "Sprung nach Baku" zu machen, das ist notwendig. Tiflis ist nicht so interessant, obwohl es äußerlich anziehender ist als Baku. Wenn Sie die Wälder von Bohrtürmen noch nicht gesehen haben, dann haben Sie "überhaupt nichts gesehen". Ich bin überzeugt, dass Baku Ihnen überaus reichhaltiges Material für solche Perlen wie "Der Drang"[57] geben wird.

Bei uns in Moskau ist die Periode der Kongresse noch nicht vorbei. Die Reden und Diskussionen auf dem V. Kongress sind natürlich eine gute Sache, aber eigentlich ist das nur die äußere Seite. Viel interessanter ist die freundschaftliche Unterhaltung, die wir hier alle mit den Delegierten des Westens (sowie des Ostens) geführt haben. Ich hatte eine lange Unterhaltung mit deutschen, französischen und polnischen Arbeitern. Ein groß-artiges revolutionäres "Material"! Allem nach zu urteilen, wächst dort, im Westen, der Hass, ein wirklicher revolutionärer Hass gegen die bürgerliche Ordnung. Mit Freuden hörte ich ihre schlichten, aber wirkungsstarken Ausführungen, dass sie wünschen, bei sich zu Hause "die Revolution auf russische Art durchzuführen". Das sind neue Arbeiter. Solche gab es noch nicht auf unseren Kongressen. Bis zur Revolution ist es natürlich noch ein gutes Stück, aber dass die Dinge zur Revolution treiben, darüber gibt es keinen Zweifel. Mich überraschte noch ein Zug bei diesen Arbeitern: die heiße und starke, fast mütterliche Liebe zu unserem Lande und der kolossale, unbegrenzte Glaube an die gerechte Sache unserer Partei, an die Fähigkeiten, an die Macht unserer Partei. Von der unlängst noch vorhandenen Skepsis ist nichts übrig geblieben. Das ist ebenfalls kein Zufall. Das ist ebenfalls ein Anzeichen der heranwachsenden Revolution.

So ist´s, Demjan.

Nun einstweilen genug. Ich drücke Ihnen fest die Hand.

15. VII. 24.

Ihr J. Stalin

Zum erstenmal veröffentlicht.

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