"Stalin"

Werke

Band 6

ZUR INTERNATIONALEN LAGE

Ich glaube, es ist gar nicht notwendig, zur Kennzeichnung der gegenwärtigen internationalen Lage alle auch nur irgendwie bedeutenden Tatsachen, ausnahmslos alle Besonderheiten der jetzigen internationalen Situation zu berücksichtigen. In Betracht gezogen werden müssen die grundlegenden, entscheidenden Momente der heutigen Periode. Gegenwärtig gibt es meiner Ansicht nach drei solche Momente:

a) Der Anbruch einer "Ära" des bürgerlich-demokratischen "Pazifismus";

b) die Einmischung Amerikas in die Angelegenheiten Europas und die Londoner Abmachung der Entente über die Reparationen;

c) die Verstärkung der linken Elemente in der Arbeiterbewegung Europas und das zunehmende internationale Gewicht der Sowjetunion. Betrachten wir diese grundlegenden Momente.

1. DIE PHASE DES
BÜRGERLICH-DEMOKRATISCHEN "PAZIFISMUS"

Die Entente hat sich als ohnmächtig erwiesen, mit den Ergebnissen ihrer militärischen Siege fertig zu werden. Deutschland zu schlagen und die Sowjetunion einzukreisen ist ihr durchaus gelungen. Einen Plan zur Ausplünderung Europas aufzustellen ist ihr gleichfalls gelungen. Davon zeugen die unzähligen Konferenzen und Verträge der Ententestaaten. Den Ausplünderungsplan auszuführen war sie jedoch außerstande. Warum? Weil die Gegensätze zwischen den Ententeländern zu groß sind. Weil es ihnen nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, sich über die Teilung der Beute einig zu werden. Weil der Widerstand der Länder, die ausgeplündert werden sollen, immer ernster wird. Weil die Verwirklichung des Ausplünderungsplans die Gefahr militärischer Zusammenstöße in sich birgt, die Massen aber keinen Krieg wollen. Jetzt ist es "allen" klar, dass sich der imperialistische Frontalangriff auf die Ruhr, der darauf berechnet war, Deutschland zu vernichten, für den Imperialismus selbst als gefährlich erwiesen hat. Klar ist ferner, dass die offen imperialistische Politik der Ultimaten, die auf die Isolierung der Sowjetunion berechnet ist, nur gegenteilige Ergebnisse zeitigt. Es ist eine solche Lage entstanden, dass Poincare und Curzon, die dem Imperialismus auf Treu und Glauben dienen, trotzdem durch ihre "Arbeit" die wachsende Krise in Europa verschärften, den Widerstand der Massen gegen den Imperialismus hervorriefen und die Massen zur Revolution trieben. Daher musste die Bourgeoisie zwangsläufig von der Politik des Frontalangriffs zur Politik der Kompromisse, vom offenen Imperialismus zum verkappten Imperialismus, von Poincare und Curzon zu MacDonald und Herriot übergehen. Die Welt unverhüllt auszuplündern ist nicht mehr ungefährlich. Die Arbeiterpartei in England und der Linksblock in Frankreich[58] sollen die Blöße des Imperialismus verdecken. Das ist der Ursprung des "Pazifismus" und des "Demokratismus".

Manch einer glaubt, die Bourgeoisie sei, nicht der Not gehorchend, sondern aus eigenem Triebe, sozusagen aus freien Stücken, zum "Pazifismus" und "Demokratismus" gekommen. Dabei wird angenommen, dass die Bourgeoisie, nachdem sie die Arbeiterklasse in entscheidenden Kämpfen (Italien, Deutschland) geschlagen habe, sich als Siegerin fühle und sich jetzt den "Demokratismus" erlauben könne. Mit anderen Worten, solange entscheidende Kämpfe im Gange waren, habe die Bourgeoisie eine Kampforganisation, den Faschismus, gebraucht, jetzt aber, da das Proletariat geschlagen sei, brauche die Bourgeoisie den Faschismus nicht mehr und könne ihn durch den "Demokratismus" als die beste Methode zur Verankerung ihres Sieges ersetzen. Daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, die Macht der Bourgeoisie habe sich gefestigt, man müsse die "Ära des Pazifismus" als lang andauernd, die Revolution in Europa aber als auf die lange Bank geschoben ansehen.

Diese Annahme ist völlig falsch.

Erstens trifft es nicht zu, dass der Faschismus nur eine Kampforganisation der Bourgeoisie sei. Der Faschismus ist nicht nur eine militärtechnische Kategorie. Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus. Es liegt kein Grund zu der Annahme vor, die Kampforganisation der Bourgeoisie könnte ohne die aktive Unterstützung durch die Sozialdemokratie entscheidende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Ebensowenig liegt Grund zu der Annahme vor, die Sozialdemokratie könnte ohne die aktive Unterstützung durch die Kampforganisation der Bourgeoisie entscheidende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander. Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder. Der Faschismus ist der nicht ausgestaltete politische Block dieser beiden grundlegenden Organisationen, der unter den Verhältnissen der Nachkriegskrise des Imperialismus entstanden und auf den Kampf gegen die proletarische Revolution berechnet ist. Die Bourgeoisie kann sich ohne das Vorhandensein eines solchen Blocks nicht an der Macht behaupten. Darum wäre es ein Fehler, wollte man glauben, der "Pazifismus" bedeute die Beseitigung des Faschismus. "Pazifismus" unter den jetzigen Verhältnissen bedeutet Festigung des Faschismus, wobei sein gemäßigter, sozialdemokratischer Flügel in den Vordergrund geschoben wird.

Zweitens trifft es nicht zu, dass die entscheidenden Kämpfe schon stattgefunden hätten, dass das Proletariat in diesen Kämpfen geschlagen worden sei, dass sich die bürgerliche Macht infolgedessen gefestigt habe. Entscheidende Kämpfe haben schon allein deshalb noch nicht stattgefunden, weil es keine wirklich bolschewistischen Massenparteien gab, die fähig gewesen wären, das Proletariat zur Diktatur zu führen. Ohne solche Parteien sind unter den Verhältnissen des Imperialismus entscheidende Kämpfe um die Diktatur unmöglich. Die entscheidenden Kämpfe im Westen stehen noch bevor. Es haben nur die ersten ernstlichen Angriffe stattgefunden, die von der Bourgeoisie zurückgeschlagen wurden, die erste ernstliche Kraftprobe, die gezeigt hat, dass das Proletariat noch nicht imstande ist, die Bourgeoisie zu stürzen, die Bourgeoisie aber schon nicht mehr imstande ist, das Proletariat zu ignorieren. Und gerade deshalb, weil die Bourgeoisie schon nicht mehr imstande ist, die Arbeiterklasse auf die Knie zu zwingen, war sie genötigt, auf den Frontalangriff zu verzichten, Umwege zu machen, sich auf Kompromisse einzulassen und zum "demokratischen Pazifismus" Zuflucht zu nehmen.

Schließlich trifft es auch nicht zu, dass der "Pazifismus" ein Zeichen der Kraft, nicht aber der Schwäche der Bourgeoisie sei, dass sich aus dem "Pazifismus" eine Festigung der Macht der Bourgeoisie und eine Vertagung der Revolution auf unbestimmte Zeit ergeben müsse. Der gegenwärtige Pazifismus bedeutet den Machtantritt, den direkten oder indirekten Machtantritt der Parteien der II. Internationale. Was bedeutet aber der Machtantritt der Parteien der II. Internationale? Er bedeutet, dass sie sich unvermeidlich selbst als Lakaien des Imperialismus, als Verräter am Proletariat entlarven werden, denn die Regierungspraxis dieser Parteien kann nur zu einem Ergebnis führen: zu ihrem politischen Bankrott, zum Anwachsen der Gegensätze innerhalb dieser Parteien, zu ihrer Zersetzung und ihrem Zerfall. Aber die Zersetzung dieser Parteien führt unvermeidlich zur Zersetzung der Macht der Bourgeoisie, denn die Parteien der II. Internationale sind die Stütze des Imperialismus. Konnte sich die Bourgeoisie auf dieses gewagte Experiment mit dem Pazifismus, nicht der Not gehorchend, sondern aus eigenem Triebe, einlassen? Natürlich nicht! In der Periode nach dem imperialistischen Kriege macht die Bourgeoisie zum zweiten Mal ein Experiment mit dem Pazifismus: das erste Mal unmittelbar nach dem Kriege, als die Revolution ans Tor zu pochen schien, und das zweite Mal jetzt, nach den gewagten Experimenten Poincarés und Curzons. Wer wird zu leugnen wagen, dass dieses fieberhafte Gebaren der Bourgeoisie, die Schwenkung vom Pazifismus zum hemmungslosen Imperialismus und wieder zurück zum Pazifismus, nicht ohne Schaden für den Imperialismus vor sich gehen kann, dass sie Millionenmassen von Arbeitern aus den üblichen spießbürgerlichen Geleisen schleudert, dass sie die rückständigsten Schichten des Proletariats in die Politik hineinzieht, dass sie ihre Revolutionierung erleichtert? Natürlich ist der "demokratische Pazifismus" noch keine Kerenskiade, denn die Kerenskiade setzt die Doppelherrschaft, den Zerfall der bürgerlichen Macht und die Entstehung der Grundlagen der proletarischen Macht voraus. dass aber der Pazifismus eine gewaltige Aufrüttelung der Volksmassen und ihre Hineinziehung in die Politik bedeutet, dass er die bürgerliche Macht unterwühlt und den Boden für revolutionäre Erschütterungen vorbereitet, daran kann kaum gezweifelt werden. Und eben deshalb muss der Pazifismus nicht zur Festigung, sondern zur Schwächung der bürgerlichen Macht, nicht zur Vertagung der Revolution auf unbestimmte Zeit, sondern zu ihrer Beschleunigung führen.

Daraus folgt natürlich nicht, dass der Pazifismus keine ernstliche Gefahr für die Revolution darstelle. Der Pazifismus führt zur Untergrabung der Grundlagen der bürgerlichen Macht, er bereitet Bedingungen vor, die für die Revolution günstig sind. Aber der Pazifismus kann zu solchen Ergebnissen nur gegen den Willen der "Pazifisten" und "Demokraten" selbst führen, nur wenn die kommunistischen Parteien energisch an der Entlarvung der imperialistischen und konterrevolutionären Natur der pazifistisch-demokratischen Regierungen Herriots und MacDonalds arbeiten. Was den Willen der Pazifisten und Demokraten selbst betrifft, was die Politik der Imperialisten selbst betrifft, so verfolgen sie mit dem Pazifismus nur ein Ziel: die Massen mit tönenden Redensarten über Frieden zu betrügen, um einen neuen Krieg vorzubereiten; sie mit dem Glanz des "Demokratismus" zu blenden, um die Diktatur der Bourgeoisie zu behaupten; die Massen mit dem Lärm um die "souveränen" Rechte der Nationen und Staaten zu betäuben, um desto erfolgreicher die Intervention in China, ein Gemetzel in Afghanistan und im Sudan, die Zerstückelung Persiens vorzubereiten; sie mit marktschreierischem Geschwätz über "freundschaftliche" Beziehungen zur Sowjetunion, über diese oder jene "Verträge" mit der Sowjetregierung zum Narren zu halten, um in desto engere Verbindung mit den aus Rußland hinausgeworfenen konterrevolutionären Verschwörern zwecks Organisierung von Banditenüberfällen in Bjelorußland, in der Ukraine, in Georgien zu treten. Die Bourgeoisie braucht den Pazifismus zur Maskierung. In dieser Maskierung liegt die Hauptgefahr des Pazifismus. Ob die Bourgeoisie ihr Ziel, das Volk zu betrügen, erreichen wird, hängt davon ab, mit welcher Energie die kommunistischen Parteien des Westens und des Ostens an ihrer Entlarvung arbeiten werden, es hängt von der Fähigkeit dieser Parteien ab, den pazifistisch verkleideten Imperialisten die Maske herunterzureißen. Zweifellos werden die Ereignisse und die Praxis in dieser Beziehung für die Kommunisten arbeiten, indem sie einen Keil zwischen die pazifistischen Worte und die imperialistischen Taten der demokratischen Lakaien des Kapitals treiben. Es ist die Pflicht der Kommunisten, nicht hinter den Ereignissen zurückzubleiben und erbarmungslos jeden Schritt der Parteien der II. Internationale, jeden Lakaiendienst, den sie dem Imperialismus leisten, und jeden Verrat, den sie am Proletariat begehen, zu entlarven.

2. DIE EINMISCHUNG AMERIKAS
IN DIE ANGELEGENHEITEN EUROPAS UND DIE
LONDONER ABMACHUNG DER ENTENTE
ÜBER DIE REPARATIONEN

Die Londoner Konferenz der Entente[59] ist der vollkommenste Ausdruck des verlogenen, heuchlerischen bürgerlich-demokratischen Pazifismus. Wenn der Regierungsantritt MacDonalds-Herriots und die Sensationsmache um die "Herstellung normaler Beziehungen" zur Sowjetunion den erbitterten Klassenkampf in Europa und die tödliche Feindschaft der bürgerlichen Staaten gegenüber der Sowjetunion verhüllen und maskieren sollten, so soll die Abmachung der Entente in London den verzweifelten Kampf Englands und Frankreichs um die Hegemonie in Europa, den wachsenden Gegensatz zwischen England und Amerika im Kampf um die Herrschaft auf dem Weltmarkt, den übermenschlichen Kampf des deutschen Volkes gegen das Joch der Entente verhüllen und maskieren. Es gibt keinen Krieg zwischen den Klassen mehr, es ist aus mit der Revolution, jetzt kann die ganze Sache mit einer Klassengemeinschaft beendet werden - rufen die MacDonalds und Renaudels. Es gibt keinen Kampf mehr zwischen Frankreich und England, zwischen Amerika und England, zwischen Deutschland und der Entente, es ist aus mit dem Krieg, jetzt kann die ganze Sache durch einen allgemeinen Frieden mit Amerika an der Spitze beendet werden - pflichten ihnen ihre Freunde bei der Londoner Abmachung und ihre Brüder beim Verrat an der Sache der Arbeiterklasse, die sozialdemokratischen Helden des Pazifismus, bei.

Was ist jedoch auf der Londoner Konferenz der Entente vor sich gegangen?

Vor der Londoner Konferenz ging Frankreich bei der Lösung der Reparationsfrage selbständig vor, mehr oder minder unabhängig von den "Alliierten", denn Frankreich hatte in der Reparationskommission eine gesicherte Mehrheit. Die Ruhrbesetzung war ein Mittel zur wirtschaftlichen Desorganisierung Deutschlands und eine Garantie dafür, dass Frankreich von Deutschland Reparationszahlungen, Kohle und Koks für die französische Hüttenindustrie, chemische Halbfabrikate und Farbstoffe für die französische chemische Industrie erhält und elsässische Textilerzeugnisse zollfrei nach Deutschland ausführen kann. Der Plan war auf die Schaffung der materiellen Grundlage für eine militärische und wirtschaftliche Hegemonie Frankreichs in Europa berechnet. Aber bekanntlich scheiterte dieser Plan. Die Methode der Besetzung hat lediglich zu gegenteiligen Ergebnissen geführt. Frankreich erhielt weder Zahlungen noch Sachlieferungen in auch nur irgendwie befriedigenden Ausmaßen. Schließlich wurde der Urheber der Besetzung selbst, Poincare, wegen seiner offen imperialistischen Politik, die die Gefahr eines neuen Krieges und der Revolution in sich barg, über Bord geworfen. Was die Hegemonie Frankreichs in Europa betrifft, so wurde daraus nichts, nicht nur weil die Methode der Besetzung und der offenen Ausplünderung die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses zwischen der französischen und der deutschen Industrie ausschloss, sondern auch weil England entschieden gegen einen derartigen Zusammenschluss war, denn es konnte England nicht unbekannt sein, dass die Vereinigung der deutschen Kohle mit dem französischen Erz die englische Hüttenindustrie zwangsläufig untergraben musste.

Was hat nun die Londoner Konferenz der Entente an all dem geändert?

Erstens hat die Konferenz den Weg der selbständigen Lösung der Reparationsfragen durch Frankreich verworfen und festgelegt, dass Streitfragen in letzter Instanz von einer Schiedskommission der Ententevertreter unter dem Vorsitz von Vertretern Amerikas entschieden werden sollen.

Zweitens hat die Konferenz die Ruhrbesetzung verworfen und die Notwendigkeit der (unverzüglichen) wirtschaftlichen und (binnen Jahresfrist oder früher durchzuführenden) militärischen Räumung anerkannt. Gründe: Die Ruhrbesetzung ist im gegenwärtigen Stadium vom Standpunkt der politischen Lage Europas gefährlich und vom Standpunkt der organisierten und systematischen Ausplünderung Deutschlands unzweckmäßig. dass aber die Entente drauf und dran ist, Deutschland gründlich und systematisch auszuplündern, daran kann es wohl kaum einen Zweifel geben.

Drittens hat die Konferenz die militärische Intervention verworfen, die finanzielle und wirtschaftliche Intervention jedoch voll und ganz gebilligt und folgendes festgestellt:

a) Es sei notwendig, in Deutschland eine Emissionsbank unter der Kontrolle eines besonderen ausländischen Kommissars zu schaffen;

b) die Deutsche Reichsbahn müsse in Privatbesitz übergeführt und unter der Kontrolle eines besonderen ausländischen Kommissars verwaltet werden;

c) es müsse ein so genanntes "Transferkomitee" aus Vertretern der Alliierten geschaffen werden, das alle Reparationszahlungen in deutscher Währung in seinen Händen zusammenfasst, die deutschen Sachlieferungen aus den Zahlungsbeträgen finanziert und einige Reparationsbeträge (im Falle der Unzweckmäßigkeit ihres Transfers nach Frankreich) in der deutschen Industrie anlegen kann, aber durchaus die Möglichkeit hat, den Geldmarkt Deutschlands in seinen Händen zu halten.

Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass dies die Verwandlung Deutschlands in eine Kolonie der Entente bedeutet.

Viertens hat die Konferenz Frankreich das Recht zugesprochen, von Deutschland Zwangslieferungen an Kohle und Chemikalien im Laufe einer bestimmten Zeitspanne zu erhalten, doch hat sie hier auch gleich den Vorbehalt gemacht, dass Deutschland das Recht verbleibt, bei der Schiedskommission die mengenmäßige Einschränkung, ja sogar die völlige Einstellung dieser Zwangslieferungen in natura zu beantragen. Damit hat sie die Rechte Frankreichs annulliert oder fast annulliert.

Wenn man zu alledem noch die Anleihe an Deutschland in Höhe von 800 Millionen Mark hinzufügt, die von englischen und hauptsächlich von amerikanischen Bankiers aufgebracht wird, wenn man weiter in Betracht zieht, dass auf der Konferenz die Bankiers, vor allem die amerikanischen Bankiers, herumkommandierten, so ergibt sich ein abgeschlossenes Bild: Von der französischen Hegemonie ist rein gar nichts übrig geblieben, an Stelle der Hegemonie Frankreichs hat sich die Hegemonie Amerikas ergeben.

Dies sind die Ergebnisse der Londoner Konferenz der Entente.

Manch einer glaubt auf Grund dieser Ergebnisse, von jetzt an müssten die Interessengegensätze innerhalb Europas angesichts der Hegemonie Amerikas verblassen; Amerika, an der Kapitalausfuhr nach Europa interessiert, werde es verstehen, die europäischen Länder auf Ration au setzen und sie zu zwingen, sich um der Bereicherung seiner Bankiers willen ruhig zu verhalten; infolgedessen könne der Friede in Europa, obwohl ein Zwangsfriede, für eine mehr oder minder lang dauernde Periode als mehr oder minder gesichert betrachtet werden. Diese Annahme ist völlig falsch.

Erstens hat die Konferenz die Lösung der Deutschland betreffenden Frage ohne den Wirt, ohne das deutsche Volk, vorgenommen. Man kann natürlich die Verwandlung Deutschlands in eine ausgesprochene Kolonie "planen". Aber jetzt, da selbst die rückständigen Kolonien nur mit Mühe in Botmäßigkeit gehalten werden können, versuchen zu wollen, ein Land wie Deutschland wirklich in eine Kolonie zu verwandeln, würde bedeuten, Europa zu unterminieren.

Zweitens hat die Konferenz Frankreich, das sich zu weit vorgedrängt hatte, etwas zurückgedrängt, so dass England ganz natürlich ein faktisches Übergewicht in Europa bekommen hat. Aber zu glauben, dass sich Frankreich mit dem Übergewicht Englands abfinden könne, bedeutet, nicht mit Tatsachen zu rechnen, nicht mit der Logik der Dinge zu rechnen, die sich gewöhnlich als stärker denn jede andere Logik erweist.

Drittens hat die Konferenz die Hegemonie Amerikas anerkannt. Aber das amerikanische Kapital ist an der Finanzierung der französisch-deutschen Industrie, an ihrer rationellsten Ausnützung, zum Beispiel im Sinne einer Kombination der französischen Hüttenindustrie mit der deutschen Koh Lenin dustrie, interessiert. Es kann kaum daran gezweifelt werden, dass das amerikanische Kapital seine Überlegenheit gerade in dieser, ihm günstigsten Richtung ausnützen wird. Aber zu glauben, dass England sich mit einer derartigen Lage abfinden werde, bedeutet, England nicht zu kennen, nicht zu wissen, wie sehr sich England die Interessen seiner Hüttenindustrie angelegen sein lässt.

Und schließlich, Europa ist kein isoliertes Land, es ist mit seinen Kolonien verbunden und lebt von den Säften dieser Kolonien. Zu glauben, dass die Konferenz irgend etwas an den Beziehungen zwischen Europa und den Kolonien zum "Besseren" ändern könne, dass sie die Entwicklung der Gegensätze zwischen ihnen aufhalten oder verlangsamen könne, bedeutet, an Wunder zu glauben.

Welche Schlussfolgerung ergibt sich hieraus?

Es gibt nur eine Schlussfolgerung: Die Londoner Konferenz hat keinen einzigen der alten Gegensätze in Europa gelöst, sie dafür aber durch neue Gegensätze ergänzt, durch Gegensätze zwischen Amerika und England. Es besteht kein Zweifel, dass England nach wie vor den Antagonismus zwischen Frankreich und Deutschland vertiefen wird, um seine politische Vorherrschaft auf dem Kontinent zu sichern. Es besteht kein Zweifel, dass Amerika seinerseits den Antagonismus zwischen England und Frankreich vertiefen wird, um seine Hegemonie auf dem Weltmarkt zu sichern. Wir sprechen schon gar nicht von dem tiefen Antagonismus zwischen Deutschland und der Entente.

Das Weltgeschehen wird von diesen Antagonismen, nicht aber von den "pazifistischen" Reden des Galgenvogels Hughes und des großsprecherischen Herriots bestimmt werden. Das Gesetz von der ungleichmäßigen Entwicklung der imperialistischen Länder und von der Unvermeidlichkeit imperialistischer Kriege bleibt jetzt mehr denn je in Kraft. Die Londoner Konferenz maskiert diese Antagonismen nur, um neue Voraussetzungen für ihre noch nie dagewesene Verschärfung zu schaffen.

3. DIE VERSTÄRKUNG DER REVOLUTIONÄREN
ELEMENTE IN DER ARBEITERBEWEGUNG EUROPAS
DIE WACHSENDE INTERNATIONALE POPULARITÄT
DER SOWJETUNION

Als eins der sichersten Anzeichen für die Labilität des "pazifistisch-demokratischen Regimes", als eins der eindeutigsten Anzeichen dafür, dass dieses "Regime" selbst nur Schaum ist, den die im Schoße der Arbeiterklasse vor sich gehenden tief schürfenden revolutionären Prozesse auf der Oberfläche hinterlassen, sind der entscheidende Sieg des revolutionären Hügels in den Kommunistischen Parteien Deutschlands, Frankreichs, Rußlands, die wachsende Aktivität des linken Hügels in der englischen Arbeiterbewegung und schließlich die wachsende Popularität der Sowjetunion unter den werktätigen Massen des Westens und des Ostens anzusehen.

Die kommunistischen Parteien entwickeln sich im Westen unter eigenartigen Bedingungen. Erstens sind sie ihrer Zusammensetzung nach ungleichartig, denn sie bestehen aus ehemaligen Sozialdemokraten, die die alte Schule durchgemacht haben, und aus jungen Parteimitgliedern, die noch nicht genügend revolutionäre Stählung besitzen. Zweitens sind die Kader dort nicht rein bolschewistisch; denn auf den verantwortlichen Posten stehen Leute, die aus anderen Parteien hervorgegangen sind und die es noch nicht fertig gebracht haben, endgültig mit den sozialdemokratischen Überresten zu brechen. Drittens haben sie einen so erfahrenen Gegner vor sich wie die mit allen Wassern gewaschene Sozialdemokratie, die immer noch eine gewaltige politische Kraft in den Reihen der Arbeiterklasse darstellt. Schließlich haben sie einen so mächtigen Feind gegen sich wie die europäische Bourgeoisie mit ihrem erprobten Staatsapparat, mit ihrer allmächtigen Presse. Anzunehmen, diese kommunistischen Parteien seien imstande, "von heute auf morgen" die bürgerliche Gesellschaftsordnung Europas zu stürzen, heißt, sich ganz gewaltig täuschen. Darum besteht die nächste Aufgabe darin, die kommunistischen Parteien des Westens zu wirklich bolschewistischen Parteien zu machen, in ihrer Mitte wahrhaft revolutionäre Kader zu schmieden, die fähig sind, die gesamte Parteipraxis im Geiste der revolutionären Erziehung der Massen, im Geiste der Vorbereitung der Revolution umzustellen.

So war es um die kommunistischen Parteien des Westens noch in jüngster Vergangenheit bestellt. Aber im letzten Halbjahr beginnt eine Wendung zum Besseren. Das letzte Halbjahr ist insofern bemerkenswert, als es im Leben der kommunistischen Parteien des Westens, was die Liquidierung der sozialdemokratischen Überreste, die Bolschewisierung der Parteikader, die Isolierung der opportunistischen Elemente betrifft, einen radikalen Umschwung gebracht hat.

Welche Gefahr für die Revolution die sozialdemokratischen Überreste in den kommunistischen Parteien darstellen können, zeigte sich mit aller Deutlichkeit bei der traurigen Erfahrung mit der Sächsischen Arbeiterregierung[60] als die opportunistischen Führer versuchten, die Idee der Einheitsfront, als Mittel der revolutionären Mobilisierung und Organisierung der Massen, in eine Methode sozialdemokratisch-parlamentarischer Kombinationen zu verwandeln. Dies war ein Wendepunkt, der den Parteimassen die Augen öffnete und sie gegen die opportunistischen Führer aufbrachte.

Als zweite Frage, die das Ansehen der rechten Führer untergrub und die dazu führte, dass neue, revolutionäre Führer auf den Schauplatz traten, ist die so genannte "russische" Frage, das heißt die Diskussion in der KPR(B), zu betrachten. Es ist bekannt, dass die Brandler-Gruppe in Deutschland und die Souvarine-Gruppe[61] in Frankreich die opportunistische Opposition in der KPR(B) entschieden gegen die Grundkader der KPR(B), gegen ihre revolutionäre Mehrheit unterstützten. Das war eine Herausforderung der revolutionären Arbeitermassen des Westens, die mit der Sowjetmacht und deren Führerin, der KPR(B), ausgesprochen sympathisieren. Das war eine Herausforderung der Parteimassen und des revolutionären Flügels der kommunistischen Parteien des Westens. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Herausforderung mit der vollständigen Zerschmetterung der Gruppen Brandlers und Souvarines endete. Es ist nicht verwunderlich, dass dies in allen übrigen kommunistischen Parteien des Westens Widerhall fand. Fügt man dem noch die Tatsache hinzu, dass die opportunistische Strömung in der KPR(B) vollständig isoliert ist, so ergibt sich ein abgeschlossenes Bild. Der V. Kongress der Komintern[62] hat den Sieg des revolutionären Flügels in den maßgebenden Sektionen der Komintern lediglich verankert.

Zweifellos haben die Fehler der opportunistischen Führer eine bedeutende Rolle bei der Beschleunigung der Bolschewisierung der kommunistischen Parteien des Westens gespielt. Aber ebenso zweifellos haben hier auch andere, tiefere Ursachen gewirkt: die erfolgreiche Offensive des Kapitals in den letzten Jahren, die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, das Vorhandensein einer ungeheuren Arbeitslosenarmee, der Zustand allgemeiner wirtschaftlicher Labilität des Kapitalismus, das Anwachsen der revolutionären Empörung unter den breiten Arbeitermassen. Die Arbeiter schreiten zur Revolution, und sie wollen revolutionäre Führer haben.

Das Fazit. Der Prozess der endgültigen Herausbildung wirklich bolschewistischer Parteien im Westen, die die Stütze der kommenden Revolution in Europa darstellen, hat begonnen. Das ist das Fazit aus dem letzten Halbjahr.

 

Noch schwieriger und eigenartiger sind die Entwicklungsbedingungen der Gewerkschaften im Westen.

Erstens sind sie durch ihre "bewährte" Zunftpraxis beschränkt und dem Sozialismus feindlich gesinnt, denn da sie früher als die sozialistischen Parteien entstanden sind und sich ohne deren Hilfe entwickelt haben, sind sie es gewohnt, sich mit ihrer "Unabhängigkeit" zu brüsten, stellen sie die Zunftinteressen über die Klasseninteressen und wollen außer "Pfennigzulagen" nichts anerkennen.

Zweitens sind sie ihrem Geiste nach konservativ und jeglichem revolutionären Beginnen feindlich gesinnt, denn an ihrer Spitze steht die alte, korrupte, von der Bourgeoisie aufgepäppelte Gewerkschaftsbürokratie, die stets bereit ist, die Gewerkschaften in den Dienst des Imperialismus zu stellen.

Schließlich stellen diese Gewerkschaften, die um die Amsterdamer Reformisten vereinigt sind, jenes viele Millionen umfassende Heer des Reformismus dar, auf das sich die moderne kapitalistische Gesellschaftsordnung stützt.

Natürlich gibt es außer den Amsterdamer reaktionären Verbänden noch revolutionäre Verbände, die sich der Roten Gewerkschaftsinternationale[63] anschließen. Aber erstens verbleibt ein beträchtlicher Teil der revolutionären Verbände, da er keine Spaltung in der Gewerkschaftsbewegung zu verursachen wünscht, in der Amsterdamer Vereinigung[64] und unterwirft sich deren Disziplin; zweitens vertreten die Amsterdamer in den ausschlaggebenden Ländern Europas (England, Frankreich, Deutschland) immer noch die Mehrheit der Arbeiter. Es darf nicht vergessen werden, dass Amsterdam nicht weniger als vierzehn Millionen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter vereinigt. Zu glauben, man könne in Europa die Diktatur des Proletariats gegen den Willen dieser Millionen Arbeiter erringen, heißt, sich ganz gewaltig täuschen, den Boden des Lenin ismus verlassen, sich unweigerlich zu einer Niederlage verurteilen. Daher besteht die Aufgabe darin, diese Millionenmassen für die Revolution und den Kommunismus zu gewinnen, sie vom Einfluss der reaktionären Gewerkschaftsbürokratie zu befreien oder zumindest zu erreichen, dass sie gegenüber dem Kommunismus eine Stellung wohlwollender Neutralität einnehmen.

So lagen die Dinge bis in die letzte Zeit hinein. Aber in den letzten Jahren beginnt das Bild, sich zum Besseren zu ändern. Die Heimat der abgekapselten und reaktionären Gewerkschaften ist England, das einst der industriekapitalistische Hegemon auf dem Weltmarkt war. Der Verlust dieser Monopolstellung hängt mit der Entwicklung des Finanzkapitals zusammen, das durch den Kampf einer Reihe Großmächte um das Kolonialmonopol gekennzeichnet ist. Die imperialistische Phase des Kapitalismus bringt eine Erweiterung des Territoriums für die engen reaktionären Gewerkschaften mit sich, aber zugleich engt sie ihre materielle Basis ein, denn um den imperialistischen Extraprofit kämpft eine Reihe von Ländern, die Kolonien aber sind immer weniger geneigt, weiterhin die Rolle von Kolonien zu spielen. Es darf auch nicht vergessen werden, dass der Krieg die Produktion Europas beträchtlich erschüttert hat. Bekanntlich beträgt die Gesamtproduktion Europas jetzt nicht mehr als 70 Prozent der Vorkriegsproduktion. Daher die Einschränkung der Produktion und die erfolgreiche Offensive des Kapitals gegen die Arbeiterklasse. Daher die Kürzung des Arbeitslohns, die faktische Abschaffung des Achtstundentags und eine Reihe erfolgloser Abwehrstreiks, die ein übriges Mal den Verrat der Gewerkschaftsbürokratie an der Arbeiter-klasse offenbart haben. Daher die kolossale Arbeitslosigkeit und die wachsende Unzufriedenheit der Arbeiter mit den reaktionären Gewerkschaften. Daher die Idee einer Einheitsfront auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse und der Plan einer Vereinigung der beiden Gewerkschaftsinternationalen zu einer einheitlichen Internationale, die imstande wäre, den Abwehrkampf gegen das Kapital zu organisieren. Die Reden der Reformisten auf dem Wiener Kongress der Amsterdamer Internationale (Juni 1924) über Verhandlungen mit den "russischen" Verbänden und der auf dem Kongress der Trade-Unions (Anfang September 1924) von den englischen Gewerkschaften ergangene Aufruf zur Einheit der Gewerkschaften sind nur die Widerspiegelung des wachsenden Drucks der Massen auf die reaktionäre Gewerkschaftsbürokratie. Als das Bemerkenswerteste an all dem ist die Tatsache zu betrachten, dass gerade die englischen Verbände, die einen Herd des Konservatismus und den Grundkern von Amsterdam darstellen, die Initiative zur Vereinigung der reaktionären und der revolutionären Gewerkschaften ergreifen. Das Auftreten von linken Elementen in der englischen Arbeiterbewegung ist das sicherste Anzeichen dafür, dass "bei ihnen dort" in Amsterdam nicht alles zum besten bestellt ist.

Manch einer glaubt, die Kampagne für die Vereinigung der Gewerkschaften sei gerade jetzt nötig, weil in Amsterdam linke Elemente aufgetreten sind, die man unbedingt mit allen Kräften und mit allen Mitteln unterstützen müsse. Das ist nicht richtig oder, genauer gesagt, nur zum Teil richtig. Die Sache ist die, dass die kommunistischen Parteien im Westen zu Massenorganisationen werden, sich in wirklich bolschewistische Parteien verwandeln, wachsen und sich mit dem Anwachsen der Unzufriedenheit breiter Arbeitermassen der Machtergreifung nähern, dass die Dinge also zur proletarischen Revolution treiben. Man kann aber die Bourgeoisie nicht stürzen, ohne ihr ihre Stütze, das reaktionäre Amsterdam, entrissen zu haben, man kann die Diktatur nicht erkämpfen, ohne diese bürgerliche Zitadelle in Amsterdam für die Revolution erobert zu haben. Das lässt sich aber nicht durch eine einseitige Arbeit von außen erreichen. Dieses Ziel wird im gegebenen Augenblick nur durch eine kombinierte Arbeit von innen und von außen auf der Linie der Sicherung der Einheit der Gewerkschaftsbewegung erreicht werden können. Darum wird die Frage der Vereinigung der Gewerkschaften und des Eintritts in internationale Industrieverbände zu einer höchst aktuellen Frage. Natürlich muss man die Linken unterstützen und vorantreiben. Aber zu einer tatsächlichen Unterstützung der Linken kann es nur dann kommen, wenn das Banner der revolutionären Gewerkschaften nicht eingeholt wird, wenn die reaktionären Führer von Amsterdam wegen ihres Verrats und ihrer Spaltungstätigkeit gegeißelt werden, wenn die linken Führer wegen ihrer Halbheit und Unentschlossenheit im Kampf gegen die reaktionären Führer kritisiert werden. Nur eine solche Politik kann die tatsächliche Vereinigung der Gewerkschaften vorbereiten. Andernfalls kann es zu der gleichen Lage kommen, zu der es im Oktober des vergangenen Jahres in Deutschland kam, als die linke Levi-Gruppe[65] von der reaktionären rechten Sozialdemokratie mit Erfolg zur Einkreisung der deutschen revolutionären Arbeiter ausgenutzt wurde.

 

Schließlich das Wachsen der Popularität der Sowjetunion unter den Völkern der bürgerlichen Staaten. Als der sicherste Gradmesser für die Labilität des "pazifistisch-demokratischen Regimes" ist wohl die unbestreitbare Tatsache zu betrachten, dass der Einfluss und das Ansehen der Sowjetunion unter den werktätigen Massen des Westens und des Ostens nicht nur nicht abnimmt, sondern vielmehr von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat zunimmt. Es handelt sich nicht darum, dass die Sowjetunion von einer Reihe bürgerlicher Staaten "anerkannt" wird. Diese "Anerkennung" ist an sich noch nichts Besonderes, denn sie wird diktiert erstens durch die Erfordernisse der kapitalistischen Konkurrenz zwischen den bürgerlichen Ländern, die danach trachten, "ihren Platz" auf dem Markt der Sowjetunion einzunehmen, zweitens durch das "Programm" des Pazifismus, der die Herstellung "normaler Beziehungen" zum Sowjetland, die Unterzeichnung wenigstens irgendeines "Vertrags" mit der Sowjetunion fordert. Es handelt sich darum, dass die jetzigen "Demokraten" und "Pazifisten" ihre bürgerlichen Konkurrenten bei den Parlamentswahlen dank der Plattform der "Anerkennung" der Sowjetunion geschlagen haben, dass die MacDonald und Herriot unter anderem dank der Tatsache, dass sie ständig das Wort "Freundschaft mit Rußland" im Munde führen, an die Macht gekommen sind und sich an der Macht behaupten können, dass das Ansehen dieser "Demokraten" und "Pazifisten" ein Widerschein des Ansehens der Sowjetmacht unter den Volksmassen ist. Es ist bezeichnend, dass selbst ein so allbekannter "Demokrat" wie Mussolini es für nötig erachtet, vor den Arbeitern des Öfteren seine "Freundschaft" mit der Sowjetmacht zur Schau zu stellen. Nicht minder bezeichnend ist, dass selbst so allbekannte Raffer fremden Guts wie die jetzigen Machthaber Japans nicht ohne "Freundschaft" mit der Sowjetunion auskommen zu können glauben. Wir sprechen schon gar nicht von dem kolossalen Ansehen, das die Sowjetmacht unter den Volksmassen der Türkei, Persiens, Chinas, Indiens genießt.

Woraus sind dieses außerordentliche Ansehen und diese außergewöhnliche Popularität zu erklären, die eine so "diktatorische" und revolutionäre Macht wie die Sowjetmacht unter den Volksmassen fremder Staaten genießt?

Erstens aus dem Hass der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus und aus ihrem Bestreben, sich von ihm zu befreien. Die Arbeiter der bürgerlichen Staaten sympathisieren mit der Sowjetmacht vor allem als mit einer Macht, die den Kapitalismus gestürzt hat. Ein Vertreter der Eisenbahner Englands, der nicht unbekannte Bromley, hat vor kurzem auf dem Kongress der Trade-Unions erklärt:

"Die Kapitalisten wissen, dass die Augen der Arbeiter der ganzen Welt auf Rußland gerichtet sind und dass, wenn die russische Revolution siegt, die denkenden Arbeiter anderer Länder sich fragen werden: Warum können nicht auch wir den Kapitalismus vernichten?"

Bromley ist natürlich kein Bolschewik. Aber das, was er gesagt hat, ist ein Ausdruck des Sinnens und Trachtens der Arbeiter Europas. Denn in der Tat, warum sollte man den europäischen Kapitalismus nicht stürzen, wenn die "Russen" nun schon das siebente Jahr ohne Kapitalisten auskommen und davon nur Nutzen haben? Das ist der Ursprung der gewaltigen Popularität, die die Sowjetmacht unter den breiten Massen der Arbeiterklasse genießt. Daher bedeutet die wachsende internationale Popularität der Sowjetunion wachsenden Hass der Arbeiterklasse aller Länder gegen den Kapitalismus.

Zweitens aus dem Hass der Volksmassen gegen den Krieg und aus ihrem Bestreben, die Kriegsvorbereitungen der Bourgeoisie zunichte zu machen. Die Volksmassen wissen, dass die Sowjetmacht als erste den Angriff gegen den imperialistischen Krieg eröffnet und durch die Eröffnung des Angriffs dem Krieg das Wasser abgegraben hat. Die Volksmassen sehen, dass die Sowjetunion das einzige Land ist, das gegen einen neuen Krieg kämpft. Sie sympathisieren mit der Sowjetmacht, weil diese die Bannerträgerin des Friedens unter den Völkern und ein zuverlässiges Bollwerk gegen den Krieg ist. Daher zeugt die wachsende internationale Popularität der Sowjetmacht von dem wachsenden Hass der Volksmassen der ganzen Welt gegen den imperialistischen Krieg und seine Organisatoren.

Drittens aus dem Hass der unterdrückten Massen der abhängigen Länder und der Kolonien gegen das Joch des Imperialismus und aus ihrem Bestreben, es zu zerschlagen. Die Sowjetmacht ist die einzige Macht, die die Ketten des "vaterländischen" Imperialismus zerschlagen hat. Die Sowjetunion ist das einzige Land, das sein Leben auf der Grundlage der Gleichheit und der Zusammenarbeit der Nationen aufbaut. Die Sowjetregierung ist die einzige Regierung der Welt, die konsequent für die Einheit und Unabhängigkeit, die Freiheit und Souveränität der Türkei und Persiens, Afghanistans und Chinas, der kolonialen und der abhängigen Länder der ganzen Welt eintritt. Die unterdrückten Massen sympathisieren mit der Sowjetunion, weil sie in ihr einen Verbündeten bei ihrer Befreiung vom Imperialismus sehen. Daher bedeutet die wachsende internationale Popularität der Sowjetmacht wachsenden Hass der unterdrückten Völker der ganzen Welt gegen den Imperialismus.

Das sind die Tatsachen.

Es ist kaum daran zu zweifeln, dass diese drei Arten des Hasses nicht der Festigung des "pazifistisch-demokratischen Regimes" des modernen Imperialismus dienen werden.

Dieser Tage erließ der amerikanische Außenminister, der "Pazifist" und Koltschakanhänger Hughes, eine im Geiste der Schwarzhunderter gehaltene Deklaration gegen die Sowjetunion. Zweifellos lassen die Lorbeeren Poincarés Hughes nicht schlafen. Es lässt sich aber wohl kaum bezweifeln, dass die im Geiste der Schwarzhunderter gehaltene pazifistische Deklaration Hughes´ nur dazu dienen wird, den Einfluss und das Ansehen der Sowjetunion unter den werktätigen Massen der ganzen Welt weiter zu stärken.

Das sind die grundlegenden Momente, die die gegenwärtige internationale Lage kennzeichnen.

"Bolschewik" Nr. 11,
20. September 1924.
Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis