"Stalin"

Werke

Band 6

ÜBER DIE AUFGABEN DER PARTEI AUF DEM LANDE

Rede auf dem Plenum des ZK der KPR(B)[69]
26. Oktober 1924

Genossen! Da die Genossen, die vor mir aufgetreten sind, ziemlich ausführlich über die Arbeit auf dem Lande gesprochen haben, werde ich mich auf einige Bemerkungen über die Besonderheiten der gegenwärtigen Lage beschränken.

Worin bestehen die Besonderheiten der gegenwärtigen Situation vom Standpunkt der Lage der Bauern?

Die erste Besonderheit besteht darin, dass das alte Kapital, das moralische Kapital, das wir im Kampf für die Befreiung der Bauern vom Gutsherrn erworben haben, sich bereits zu erschöpfen beginnt. Manche Genossen sagen: "Aus welchem Anlass wird ein solches Geschrei um die Arbeit unter der Bauernschaft erhoben? Wir haben schon wiederholt über die Bauernschaft gesprochen, wir haben die Bauern niemals vergessen - warum nun dieses Geschrei um die Bauernschaft?" Aber diese Genossen verstellen anscheinend nicht, dass das alte, in den Perioden des Oktober und der Aufhebung der Ablieferungspflicht angesammelte moralische Kapital unserer Partei bereits versiegt. Sie verstehen nicht, dass wir jetzt neues Kapital brauchen. Wir müssen für die Partei neues Kapital unter den Bedingungen des neuen Kampfes schaffen. Wir müssen die Bauernschaft erneut gewinnen. Darin besteht die Frage. dass wir dem Bauern geholfen haben, den Gutsherrn abzuschütteln und Grund und Boden zu bekommen, dass wir den Krieg beendet haben, dass es keinen Zaren mehr gibt und dass zusammen mit dem Zaren die übrigen zaristischen Skorpione hinweggefegt worden sind - all das haben die Bauern bereits vergessen. Mit diesem alten Kapital kann man nun nicht mehr lange auskommen. Wer das nicht verstanden hat, der hat nichts von der neuen Situation, von den neuen Verhältnissen der NÖP verstanden. Wir erobern die Bauernschaft erneut - das ist die erste Besonderheit unserer inneren Lage.

Hieraus folgt aber, dass es nicht nur nicht überflüssig ist, erneut von der Bauernschaft zu sprechen, sondern auch, dass man sich damit sogar etwas verspätet hat.

Die zweite Besonderheit besteht darin, dass sich in dieser Periode unsere Hauptklassen - die Arbeiter und die Bauern - verändert haben, dass sie andere geworden sind. Früher war das Proletariat deklassiert, zersplittert, die Bauernschaft aber war von dem Wunsch durchdrungen, das den Gutsbesitzern weggenommene Land in ihren Händen zu behalten und den Krieg gegen die Gutsbesitzer zu gewinnen. So war es früher. Jetzt haben wir eine andere Lage. Wir haben keinen Krieg mehr. Die Industrie wächst. Die Landwirtschaft entwickelt sich. Das heutige Proletariat ist nicht mehr eine deklassierte Arbeiterklasse, sondern ein Proletariat voller Lebenskraft, dessen Kulturniveau und dessen Bedürfnisse von Tag zu Tag steigen. Was die Bauernschaft betrifft, so ist sie nicht mehr die alte, geplagte Bauernschaft, die von der Angst ergriffen war, sie könnte ihren Grund und Boden verlieren, und die um der Befreiung vom Gutsherrn willen zu allen Opfern bereit war. Es ist eine neue Klasse, frei und aktiv, eine Klasse, die den Gutsherrn bereits vergessen hat und jetzt darauf bedacht ist, billige Waren zu erhalten und ihr Getreide möglichst teuer abzusetzen. Ihr Wesenszug ist wachsende politische Aktivität. Jetzt darf man nicht mehr davon sprechen, dass "die Partei alles in Ordnung bringt", dass "die Partei alles für alle regelt". Solche Reden würden jetzt weder die Bauern noch viel weniger die Arbeiter verstehen. Jetzt muss man tiefer in die Massen gehen, jetzt muss man mehr als früher erläutern, erklären, überzeugen. Jetzt muss man das Vertrauen der Millionen Parteilosen erneut gewinnen und dieses Vertrauen organisatorisch - vor allem über die Sowjets - festigen. Die verstärkte politische Aktivität der Massen fordert das.

Aber nicht nur die Klassen haben sich verändert. Verändert hat sich auch das Kampffeld, denn es ist ein anderes, ein völlig anderes geworden. Worum ging der Kampf früher? Ist die Ablieferungspflicht notwendig, oder ist sie nicht notwendig? Noch früher war es darum gegangen, ob der Gutsherr notwendig oder nicht notwendig ist. Jetzt sind diese Fragen bereits erledigt, denn es gibt weder den Gutsherrn mehr noch die Ablieferungspflicht. Jetzt geht es nicht um den Gutsherrn und um die Ablieferungspflicht, sondern um die Getreidepreise. Das ist ein völlig neues Kampffeld, ein ausgedehntes und sehr kompliziertes Kampffeld, das ein ernstliches Studium und einen ernstlichen Kampf erfordert. Jetzt geht es nicht einmal mehr um die Steuern, denn der Bauer würde Steuern zahlen, wenn die Getreidepreise "genügend hoch" wären und wenn die Preise für Textilwaren und andere städtische Erzeugnisse "genügend" gesenkt würden. Die Grundfragen sind jetzt der Markt und die Preise für städtische Waren und für landwirtschaftliche Produkte.

Folgendes schreibt der Sekretär des Gouvernementskomitees von Gomel an das ZK:

"In drei Amtsbezirken kam es zu einer Massenweigerung, die Veranlagungslisten anzunehmen. Die Steuern gingen in einem Tempo ein, das nur ein Drittel des vorgesehenen ausmachte. Die Parteilosenkonferenzen, die in den Amtsbezirken abgehalten wurden, verliefen so stürmisch, dass einige geschlossen werden mussten, in anderen wurde ein Abänderungsantrag angenommen, das Zentrum um Senkung der Steuern und Erhöhung der Getreidepreise zu bitten. Ich weiß nicht, wie die Lage in den anderen Gouvernements ist, aber die Lage in unserem Gouvernement entspricht nicht den Schlussfolgerungen, die Sie" (das heißt ich) "in dem letzten vertraulichen Brief ziehen. Unsere örtlichen Funktionäre sind keiner besonders guten Stimmung. Das Dorf gleicht einem aufgescheuchten Bienenschwarm, alles spricht über die Steuer und über die Getreidepreise."

Ebensolche Mitteilungen erhielt das ZK aus Sibirien, aus dem Südosten, aus den Gouvernements Kursk, Tula, Nishni-Nowgorod, Uljanowsk und anderen.

Der Sinn aller dieser Mitteilungen besteht darin, dass unsere Preispolitik den Bauern beengt und dass er die Hebel zur Durchführung dieser Preispolitik, ohne die unsere Industrie keinen Schritt vorankommen könnte, schwächen oder sogar ganz beseitigen möchte. Der Bauer sagt

uns gleichsam: "Ihr fürchtet, die Preise für städtische Erzeugnisse bis zum äußersten zu senken, ihr befürchtet einen Zustrom ausländischer Waren, deshalb habt ihr alle möglichen Zollschranken geschaffen, die unsere junge Industrie vor der Konkurrenz schützen, aber was geht mich eure Industrie an, ich verlange billige Waren, woher sie auch kommen mögen." Oder weiter: "Ihr fürchtet, die Getreidepreise zu erhöhen, weil ihr befürchtet, dass dadurch der Arbeitslohn untergraben würde, deshalb habt ihr alle möglichen Beschaffungsorgane ausgeklügelt, das Außenhandelsmonopol und anderes geschaffen, aber was gehen mich eure Schranken und Hebel an, ich verlange hohe Getreidepreise."

Das ist der Sinn des Kampfes auf dem Gebiet der Preispolitik. Besonders bezeichnend ist in dieser Hinsicht der letzte Aufstand in Georgien. Dieser Aufstand war natürlich inszeniert, aber in einigen Kreisen, besonders im Kreise Gurien, trug er zweifellos Massencharakter. Was wollten die Bauern in Gurien erreichen? Billige Waren und hohe Preise für Mais. Gurien grenzt an den Westen, es sieht, dass die ausländischen Waren viel billiger sind als unsere sowjetischen Waren, und es möchte, dass die Preise für unsere Waren zumindest auf den Stand der ausländischen Preise gesenkt oder dass die Maispreise so weit erhöht werden, dass ein vorteilhafter Kauf sowjetischer Waren gewährleistet würde. Das ist die ökonomische Grundlage des gurischen Aufstands in Georgien. Eben deshalb ist dieser Aufstand für die neuen Kampfbedingungen im ganzen Sowjetland bezeichnend. Und deshalb lässt sich der Aufstand in Georgien nicht mit dem Aufstand in Tambow gleichsetzen, bei dem es nicht um die Preise für Industriewaren und landwirtschaftliche Erzeugnisse ging, sondern um die Aufhebung der Ablieferungspflicht.

Inspiratoren dieses neuen Kampfes gegen die sowjetische Preispolitik auf dem Markt und im Dorf sind die Kulaken, Spekulanten und andere sowjetfeindliche Elemente. Sie, diese Elemente, sind bemüht, die Millionenmassen der Bauernschaft von der Arbeiterklasse loszulösen und auf diese Weise die Diktatur des Proletariats zu unterhöhlen. Daher besteht unsere Aufgabe darin, die Kulaken und Spekulanten zu isolieren, die werktätige Bauernschaft von ihnen loszulösen, sie in den Sowjetaufbau einzubeziehen und so ihrer politischen Aktivität freie Bahn zu schaffen. Wir können das tun, und wir tun das bereits, weil die werktätigen Massen der Bauernschaft und besonders die Dorfarmut interessiert sind an dem Bündnis mit den Arbeitern, an der Aufrechterhaltung der Diktatur des Proletariats und also auch an der Aufrechterhaltung der ökonomischen Hebel, die für die Diktatur unerlässlich sind.

Was ist hierfür notwendig? Vor allem ist es notwendig, sich darum zu bemühen, auf dem Lande zahlreiche Kader parteiloser Bauern um die Partei zu schaffen, die unsere Partei mit den Millionen Bauern zu verbinden vermögen. Ohne das kann gar keine Rede davon sein, die Bauernschaft von den Kulaken und Spekulanten loszulösen, die vielen Millionen Bauern zu gewinnen und sie für die Partei zu sichern. Das ist natürlich ein schwieriges Werk. Aber Schwierigkeiten können für uns kein unüberwindbares Hindernis sein. Zur Unterstützung unserer Zellen müssen Hunderte und vielleicht Tausende erfahrener Funktionäre (es geht dabei nicht um die Anzahl) ins Dorf entsandt werden, Funktionäre, die das Dorf kennen und imstande sind, die parteilosen Bauern zu mobilisieren und zu einem Aktiv zusammenzufassen. Dabei muss das natürliche Misstrauen der Bauern gegenüber Städtern, das es auf dem Lande immer noch gibt und das wahrscheinlich nicht so bald verschwinden wird, berücksichtigt werden. Sie wissen, wie der Bauer einem Fremden aus der Stadt begegnet, besonders wenn dieser noch sehr jung ist: "Da kommt noch ein Tagedieb aus der Stadt, der uns nur übers Ohr hauen will." Das ist daraus zu erklären, dass der Bauer vor allem demjenigen glaubt, der selbst eine Wirtschaft hat und sich mehr oder weniger auf die Wirtschaft versteht. Daher denke ich, im Mittelpunkt unserer Tätigkeit auf dem Lande muss die Arbeit stehen, durch die ein richtiges Bauernaktiv, aus dem die Partei neue Kräfte schöpfen kann, geschaffen wird.

Aber wie ist das zu machen? Meiner Meinung nach müssen dazu vor allem die Sowjets belebt werden. Alles Lebendige, Ehrliche, Tatkräftige, Bewusste, besonders frühere Rotarmisten, die die bewusstesten und tatkräftigsten unter den Bauern sind, müssen zur Arbeit in den Sowjets herangezogen werden. Warum gerade in den Sowjets? Erstens, weil die Sowjets Machtorgane sind, die Heranziehung der werktätigen Bauernschaft zur Verwaltung des Landes aber die nächste Aufgabe der Partei ist. Zweitens, weil die Sowjets Organe des Zusammenschlusses der Arbeiter und Bauern, Organe zur Führung der Bauern durch die Arbeiter sind, die Führung der Bauern durch die Arbeiter jetzt aber notwendiger ist als je zuvor. Drittens, weil in den Sowjets der örtliche Haushalt ausgearbeitet wird und der Haushalt für die Bauernschaft eine lebenswichtige Frage ist. Endlich, weil die Sowjets das sicherste Barometer für die Stimmungen der Bauernschaft sind, auf die Stimme der Bauernschaft aber muss man unbedingt lauschen. Auf dem Lande gibt es auch andere im höchsten Maße wichtige parteilose Organisationen wie die Bauernkomitees, die Genossenschaften, die Organe des Kommunistischen Jugendverbands. Es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Organisationen unter bestimmten Bedingungen zu rein bäuerlichen Vereinigungen werden, die sich von den Arbeitern loslösen könnten. Damit das nicht geschieht, muss die Arbeit dieser Organisationen durch die Sowjets koordiniert werden, in denen die Führung der Bauern durch die Arbeiter schon allein auf Grund der Struktur der Sowjets gewährleistet ist. Daher ist die Belebung der Sowjets jetzt, da die Organisationen der Bauern wie die Pilze nach dem Regen wachsen, eine Aufgabe von erstrangiger Bedeutung.

Vor kurzem rief ich in einer Beratung der Dorfzellen die. Genossen zu schonungsloser Kritik an den Mängeln unserer Parteiarbeit auf dem Lande auf. Das löste einige Unzufriedenheit aus. Wie sich zeigt, gibt es Kommunisten, die Kritik fürchten, die die Mängel unserer Arbeit nicht aufdecken wollen. Das ist gefährlich, Genossen. Ich möchte noch mehr sagen: Die Furcht vor Selbstkritik oder vor der Kritik durch Parteilose ist jetzt die gefährlichste Krankheit. Denn eins von beiden: Entweder kritisieren wir uns selbst und lassen die Parteilosen unsere Arbeit kritisieren - dann werden wir hoffen können, dass unsere Arbeit auf dem Lande voranschreitet; oder wir lassen eine solche Kritik nicht zu - und dann werden wir von den Ereignissen kritisiert, Ereignissen von der Art der Aufstände in Kronstadt, in Tambow, in Georgien. Ich denke, die Kritik der ersten Art ist der Kritik der zweiten Art vorzuziehen. Daher dürfen wir Kritik nicht fürchten weder von seiten der Parteimitglieder und erst recht nicht von seiten der Parteilosen.

Zuerst veröffentlicht in dem Buch:
J Stalin. Die Bauernfrage.
Moskau/ Lenin grad 1925.

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