"Stalin"

Werke

Band 6

TROTZKISMUS ODER Lenin ISMUS?

Genossen! Nach dem eingehenden Referat Kamenews bleibt mir nicht viel zu sagen übrig. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, einige Legenden zu entlarven, die von Trotzki und seinen Gesinnungsgenossen über den Oktoberaufstand, über die Rolle Trotzkis beim Aufstand, über die Partei und die Vorbereitung des Oktober usw. verbreitet werden. Hierbei werde ich auch auf den Trotzkismus als eine spezifische, mit dem Lenin ismus unvereinbare Ideologie sowie auf die Aufgaben der Partei im Zusammenhang mit den letzten literarischen Ergüssen Trotzkis eingehen.

I
DIE TATSACHEN ÜBER DEN OKTOBERAUFSTAND

Zunächst über den Oktoberaufstand. Unter den Parteimitgliedern werden eifrig Gerüchte verbreitet, das ZK als Ganzes sei im Oktober 1917 angeblich gegen den Aufstand gewesen. Man pflegt zu erzählen, das ZK habe sich am 10. Oktober, als es den Beschluss fasste, den Aufstand zu organisieren, ursprünglich in seiner Mehrheit gegen den Aufstand ausgesprochen, dann aber sei ein Arbeiter in die Sitzung des ZK hineingestürzt und habe gerufen: "Ihr entscheidet euch gegen den Aufstand, ich aber sage euch, dass der Aufstand doch stattfinden wird, trotz alledem." Und erst nach diesen Drohungen soll das ZK, dem angeblich bange geworden sei, die Frage des Aufstands erneut aufgeworfen und den Beschluss, den Aufstand zu organisieren, gefasst haben.

Das ist kein einfaches Gerücht, Genossen. Darüber schreibt der bekannte John Reed in seinem Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten", John Reed, der unserer Partei fern stand, der selbstverständlich die Geschichte unserer konspirativen Versammlung vom 10.Oktober nicht kennen konnte und infolgedessen auf die Lügenmärchen hereinfiel, die von den Herren Suchanow in die Welt gesetzt werden. Diese Mär wird dann in einer Reihe von Broschüren, die der Feder von Trotzkisten entstammen, wiedergegeben und wiederholt, unter anderem auch in einer der letzten Broschüren über den Oktober, die von Syrkin verfasst ist. Diese Gerüchte werden durch die letzten literarischen Ergüsse Trotzkis mit Eifer aufrechterhalten.

Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass alle diese und ähnlichen orientalischen Märchen nicht den Tatsachen entsprechen, dass sich in Wirklichkeit in der Sitzung des ZK nichts dergleichen ereignet hat und auch nicht ereignen konnte. Wir könnten deshalb an diesen unsinnigen Gerüchten vorbeigehen: es werden ja so viele Gerüchte in den Arbeitszimmern der Oppositionellen oder der Partei fern stehender Leute fabriziert. Bisher haben wir das auch tatsächlich getan, ohne zum Beispiel die Fehler John Reeds zu beachten und uns darum zu kümmern, dass diese Fehler richtig gestellt werden. Nach den letzten Ergüssen Trotzkis jedoch können wir nicht länger an solchen Legenden vorbeigehen, denn man bemüht sich jetzt, an Hand solcher Legenden die Jugend zu erziehen, und hat leider in dieser Beziehung bereits gewisse Resultate erzielt. Angesichts dessen muss ich diesen widersinnigen Gerüchten die wirklichen Tatsachen entgegenstellen.

Ich nehme die Protokolle der Sitzung des ZK unserer Partei vom 10. (23.) Oktober 1917. Anwesend sind: Lenin , Sinowjew, Kamenew, Stalin, Trotzki, Swerdlow, Uritzki, Dzierzynski, Kollontaj, Bubnow, Sokolnikow, Lomow. Es wird die Frage der gegenwärtigen Lage und des Aufstands erörtert. Nach der Diskussion wird über die Resolution des Genossen Lenin über den Aufstand abgestimmt. Die Resolution wird mit einer Stimmenmehrheit von 10 gegen 2 angenommen. Die Sache scheint klar zu sein: Das ZK beschließt mit einer Stimmenmehrheit von 10 gegen 2, zur unmittelbaren praktischen Arbeit an der Organisierung des Aufstands überzugehen. Das Zentralkomitee wählt in der gleichen Sitzung ein politisches Zentrum zur Leitung des Aufstands unter dem Namen Politisches Büro, bestehend aus: Lenin , Sinowjew, Stalin, Kamenew, Trotzki, Sokolnikow und Bubnow.

Das sind die Tatsachen.

Diese Protokolle zerstören mehrere Legenden auf einmal. Sie zerstören die Legende, das ZK sei in seiner Mehrheit gegen den Aufstand gewesen. Sie zerstören auch die Legende, das ZK habe in der Frage des Aufstands vor einer Spaltung gestanden. Aus den Protokollen ist klar ersichtlich, dass die Gegner des sofortigen Aufstands, Kamenew und Sinowjew, ebenso wie die Anhänger des Aufstands in das Organ zur politischen Leitung des Aufstands gewählt wurden. Von irgendeiner Spaltung war keine Rede und konnte auch keine Rede sein.

Trotzki versichert, wir hätten es im Oktober bei Kamenew und Sinowjew mit einem rechten Flügel unserer Partei, man könnte fast sagen, mit Sozialdemokraten zu tun gehabt. Unverständlich ist nur: Wie konnte es geschehen, dass die Partei in einem solchen Fall um eine Spaltung herumkam; wie konnte es geschehen, dass die Meinungsverschiedenheiten mit Kamenew und Sinowjew nur einige Tage anhielten; wie konnte es geschehen, dass diese Genossen trotz der Meinungsverschiedenheiten von der Partei auf äußerst wichtige Posten gestellt, in das politische Zentrum des Aufstands gewählt wurden usw.? Die Unerbittlichkeit Lenin s gegenüber den Sozialdemokraten ist in der Partei hinreichend bekannt; die Partei weiß, dass Lenin sich auch nicht einen Augenblick lang damit einverstanden erklärt hätte, sozialdemokratisch gesinnte Genossen in der Partei, und noch dazu in wichtigsten Funktionen, zu dulden. Woraus ist es zu erklären, dass die Partei um eine Spaltung herumkam? Das erklärt sich daraus, dass wir es trotz der Meinungsverschiedenheiten bei diesen Genossen mit alten Bolschewiki zu tun hatten, die auf dem gemeinsamen Boden des Bolschewismus standen. Worin bestand dieser gemeinsame Boden? In der Einheit der Ansichten über die Grundfragen: über den Charakter der russischen Revolution, über die Triebkräfte der Revolution, über die Rolle der Bauernschaft, über die Grundlagen der Parteiführung usw. Ohne solch einen gemeinsamen Boden wäre eine Spaltung unvermeidlich gewesen. Zu einer Spaltung kam es nicht, und die Meinungsverschiedenheiten hielten nur einige Tage an, und zwar deshalb und nur deshalb, weil wir es bei Kamenew und Sinowjew mit Lenin isten, mit Bolschewiki zu tun hatten.

Wenden wir uns nun der Legende über die besondere Rolle Trotzkis beim Oktoberaufstand zu. Die Trotzkisten streuen eifrigst Gerüchte aus, die besagen, der Inspirator und alleinige Führer des Oktoberaufstands sei Trotzki gewesen. Besonders eifrig werden diese Gerüchte von dem so genannten Redakteur der Schriften Trotzkis, Lenzner, ausgestreut. Trotzki selbst fördert mit oder ohne Absicht die Verbreitung von Gerüchten über eine besondere Rolle Trotzkis beim Aufstand, indem er systematisch die Partei, das ZK der Partei und das Petrograder Parteikomitee übergeht, die führende Rolle dieser Organisationen beim Aufstand verschweigt und sich selbst eifrigst als die zentrale Figur des Oktoberaufstands herausstreicht. Es liegt mir fern, die zweifellos wichtige Rolle Trotzkis beim Aufstand in Abrede stellen zu wollen. Doch muss ich sagen, dass Trotzki beim Oktoberaufstand keineswegs eine besondere Rolle gespielt hat noch spielen konnte, dass er als Vorsitzender des Petrograder Sowjets lediglich den Willen der entsprechenden Parteiinstanzen ausführte, die jeden Schritt Trotzkis leiteten. Spießern vom Schlage Suchanows mag dies alles seltsam erscheinen, doch wird diese meine Behauptung voll und ganz von Tatsachen, von feststehenden Tatsachen bestätigt.

Nehmen wir die Protokolle der nächsten Sitzung des ZK, der Sitzung vom 16. (29.) Oktober 1917. Anwesend sind die Mitglieder des ZK, plus Vertreter des Petrograder Komitees, plus Vertreter der Militärorganisation, der Betriebskomitees, der Gewerkschaften und der Eisenbahner. Unter den Anwesenden befinden sich außer den Mitgliedern des ZK: Krylenko, Schotman, Kalinin, Wolodarski, Schljapnikow, Lazis und andere; insgesamt 25 Mann. Die Frage des Aufstands wird vom rein praktisch-organisatorischen Standpunkt erörtert. Die Resolution Lenin s über den Aufstand wird mit einer Stimmenmehrheit von 20 gegen 2, bei 3 Stimmenthaltungen, angenommen. Es wird ein praktisches Zentrum zur organisatorischen Leitung des Aufstands gewählt. Wer wird nun in dieses Zentrum gewählt? In dieses Zentrum werden fünf Personen gewählt: Swerdlow, Stalin, Dzierzynski, Bubnow, Uritzki. Die Aufgaben des praktischen Zentrums sind: alle praktischen Aufstandsorgane entsprechend den Direktiven des Zentralkomitees zu leiten. Somit ist, wie man sieht, in dieser Sitzung des ZK etwas "Schreckliches" passiert, das heißt, der "Inspirator", die "Hauptfigur", der "alleinige Führer" des Aufstands, Trotzki, ist "seltsamerweise" nicht in das praktische Zentrum gewählt worden, das berufen war, den Aufstand zu leiten. Wie lässt sich das mit der häufig vertretenen Meinung über die besondere Rolle Trotzkis vereinbaren? Das ist doch alles etwas "seltsam", würden Suchanow oder die Trotzkisten sagen, nicht wahr? Indes ist hieran eigentlich nichts seltsam, denn Trotzki, ein in der Periode des Oktober für unsere Partei verhältnismäßig neuer Mann, hat weder in der Partei noch beim Oktoberaufstand irgendeine besondere Rolle gespielt, noch konnte er sie spielen. Wie alle anderen verantwortlichen Funktionäre führte er lediglich den Willen des ZK und seiner Organe aus. Wer mit dem Mechanismus der Parteiführung der Bolschewiki vertraut ist, wird ohne besondere Mühe verstehen, dass es auch gar nicht anders sein konnte: Trotzki brauchte nur gegen den Willen des ZK zu verstoßen, um jeden Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse einzubüßen. Das Gerede von einer besonderen Rolle Trotzkis ist eine Legende, die von dienstbeflissenen "Parteiklatschbasen" verbreitet wird.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Oktoberaufstand nicht seinen Inspirator gehabt hätte. Nein, er hatte seinen Inspirator und Führer. Aber das war Lenin und kein anderer, derselbe Lenin , dessen Resolutionen vom ZK bei der Entscheidung der Frage des Aufstands angenommen wurden, derselbe Lenin , den die Illegalität nicht hinderte, entgegen der Behauptung Trotzkis, der wirkliche Inspirator des Aufstands zu sein. Es ist dumm und lächerlich, heute durch Geschwätz über Illegalität die offensichtliche Tatsache verwischen zu wollen, dass der Inspirator des Aufstands der Führer der Partei, W. I. Lenin , war.

Das sind die Tatsachen.

Mag sein, sagt man uns, es kann aber nicht geleugnet werden, dass Trotzki in der Periode des Oktober gut gekämpft hat. Ja, das stimmt, Trotzki hat im Oktober wirklich gut gekämpft. Aber nicht nur Trotzki hat in der Periode des Oktober gut gekämpft, nicht übel gekämpft haben sogar solche Leute wie die linken Sozialrevolutionäre, die damals Schulter an Schulter mit den Bolschewiki standen. Überhaupt muss ich sagen, dass es in der Periode des siegreichen Aufstands, wenn der Feind isoliert ist und der Aufstand immer größere Ausmaße annimmt, nicht schwer ist, gut zu kämpfen. In solchen Augenblicken werden sogar Rückständige zu Helden.

Der Kampf des Proletariats ist jedoch keine durchgehende Offensive, keine ununterbrochene Kette von Erfolgen. Im Kampf des Proletariats gibt es auch Prüfungen, gibt es auch Niederlagen. Ein echter Revolutionär ist nicht derjenige, der in der Periode des siegreichen Aufstands mannhaft kämpft, sondern derjenige, der es versteht, bei der siegreichen Offensive der Revolution gut zu kämpfen, der zugleich aber auch in der Periode des Rückzugs der Revolution, in der Periode der Niederlage des Proletariats mannhaft ist, der den Kopf nicht verliert und bei Rückschlägen der Revolution, bei Erfolgen des Feindes, nicht schlappmacht, der in der Periode des Rückzugs der Revolution nicht in Panik verfällt und in Verzweiflung gerät. Die linken Sozialrevolutionäre haben in der Periode des Oktobers nicht übel gekämpft, als sie die Bolschewiki unterstützten. Aber wer wüsste nicht, dass diese "tapferen" Kämpfer in der Periode von Brest in Panik verfielen, als die Offensive des deutschen Imperialismus sie in Verzweiflung und Hysterie versetzte. Es ist sehr traurig, aber zweifellos wahr, dass Trotzki, der in der Periode des Oktober gut gekämpft hat, in der Periode von Brest, in der Periode zeitweiliger Rückschläge der Revolution nicht Manns genug war, um in diesem schwierigen Augenblick genügende Standhaftigkeit an den Tag zu legen und nicht in die Fußtapfen der linken Sozialrevolutionäre zu treten. Zweifellos war das ein schwieriger Augenblick, es bedurfte besonderer Mannhaftigkeit und einer eisernen Ruhe, um nicht den Kopf zu verlieren, sich rechtzeitig zurückzuziehen, rechtzeitig auf die Friedensbedingungen einzugehen, die proletarische Armee den Schlägen des deutschen Imperialismus zu entziehen, sich die Bauernreserven zu erhalten, auf diese Weise eine Atempause zu gewinnen und dann mit neuen Kräften gegen den Feind loszuschlagen. Leider brachte aber Trotzki in diesem schwierigen Augenblick nicht diese Mannhaftigkeit und revolutionäre Standhaftigkeit auf.

Nach Trotzkis Meinung besteht die Hauptlehre der proletarischen Revolution darin, dass man in einer Zeit wie der des Oktobers "nicht schlappmachen darf". Das stimmt nicht, denn diese Behauptung Trotzkis enthält nur einen Teil der Wahrheit über die Lehren der Revolution. Die ganze Wahrheit über die Lehren der proletarischen Revolution besteht darin, dass man nicht nur in den Tagen der Offensive der Revolution, sondern auch in den Tagen ihres Rückzugs, wenn der Feind die Oberhand gewinnt und die Revolution Rückschläge erleidet, "nicht schlappmachen darf". Die Revolution ist nicht mit dem Oktober erschöpft. Der Oktober ist nur der Beginn der proletarischen Revolution. Es ist schlimm, wenn man beim anwachsenden Aufstand schlappmacht. Noch schlimmer aber ist es, wenn man bei den schweren Prüfungen der Revolution, nach der Machtergreifung schlappmacht. Die Macht am Tage nach der Revolution zu behaupten ist nicht minder wichtig, als die Macht zu ergreifen. Wenn Trotzki in der Periode von Brest, in einer Periode schwerer Prüfungen unserer Revolution, als es beinahe zur "Aufgabe" der Macht gekommen wäre, schlappgemacht hat, so muss er begreifen, dass die Oktoberfehler Kamenews und Sinowjews damit absolut nichts zu tun haben.

So verhält es sich mit den Legenden über den Oktoberaufstand.

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