"Stalin"

Werke

Band 6

TROTZKISMUS ODER Lenin ISMUS?

II
DIE PARTEI UND DIE VORBEREITUNG DES OKTOBERS

Gehen wir nun zur Frage der Vorbereitung des Oktobers über.

Hört man Trotzki, so könnte man glauben, die Partei der Bolschewiki hätte während der ganzen Vorbereitungsperiode vom März bis zum Oktober nichts weiter getan, als auf der Stelle zu treten, sich in inneren Widersprüchen zu verzehren und Lenin auf jegliche Weise zu stören, und wenn Trotzki nicht gewesen wäre, so wisse man nicht, wie die Sache der Oktoberrevolution ausgelaufen wäre. Es mutet einen etwas lächerlich an, diese merkwürdigen Reden über die Partei von Trotzki zu hören, der im gleichen "Vorwort" zum III. Bande erklärt hat, dass das "Hauptinstrument des proletarischen Umsturzes die Partei ist", dass "die proletarische Revolution ohne die Partei, über den Kopf der Partei hinweg, unter Umgehung der Partei, mittels eines Parteisurrogats nicht siegen kann", wobei es selbst Allah unverständlich sein dürfte, wie unsere Revolution siegen konnte, wenn sich "ihr Hauptinstrument" als unbrauchbar erwies und man doch "unter Umgehung der Partei" unmöglich siegen kann. Aber Trotzki wartet uns nicht zum erstenmal mit merkwürdigen Dingen auf. Es ist anzunehmen, dass die komischen Reden über unsere Partei zu den üblichen Merkwürdigkeiten Trotzkis gehören.

Betrachten wir kurz die Geschichte der Vorbereitung des Oktobers nach Perioden.

 

1. Die Periode der neuen Orientierung der Partei (März-April). Die grundlegenden Tatsachen dieser Periode sind:
a) Sturz des Zarismus;
b) Bildung der Provisorischen Regierung (Diktatur der Bourgeoisie);
c) Entstehung der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten (Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft);
d) Doppelherrschaft;
e) Aprildemonstration;
f) erste Machtkrise.

Ein charakteristisches Merkmal dieser Periode ist die Tatsache, dass nebeneinander, zusammen, zu ein und derselben Zeit sowohl die Diktatur der Bourgeoisie als auch die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft bestehen, wobei sich diese gegenüber jener vertrauensselig verhält, an ihre Friedensbestrebungen glaubt, freiwillig die Macht an die Bourgeoisie abtritt und sich damit in ihr Anhängsel verwandelt. Ernste Konflikte zwischen den beiden Diktaturen sind noch nicht zu verzeichnen. Dafür gibt es aber eine "Kontaktkommission"[70].

Dies war ein gewaltiger Umschwung in der Geschichte Rußlands und eine noch nie dagewesene Wendung in der Geschichte unserer Partei. Die alte, vorrevolutionäre Plattform des direkten Sturzes der Regierung war klar und bestimmt, aber sie entsprach nicht mehr den neuen Kampfbedingungen. Jetzt konnte man nicht mehr direkt auf den Sturz der Regierung hinsteuern, denn die Regierung war mit den Sowjets verknüpft, die unter dem Einfluss der "Vaterlandsverteidiger" standen, und die Partei hätte einen ihre Kräfte übersteigenden Kampf sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Sowjets führen müssen. Aber man konnte auch nicht eine Politik der Unterstützung der Provisorischen Regierung betreiben, denn sie war eine Regierung des Imperialismus. Es bedurfte einer neuen Orientierung der Partei unter den neuen Kampfbedingungen. Die Partei (ihre Mehrheit) versuchte tastend zu dieser neuen Orientierung zu gelangen. Sie schlug eine Politik des Drucks der Sowjets auf die Provisorische Regierung in der Frage des Friedens ein und konnte sich nicht entschließen, sofort den Schritt vorwärts, von der alten Losung, Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, zu der neuen Losung, Macht der Sowjets, zu tun. Diese Politik der Halbheiten war darauf berechnet, den Sowjets Gelegenheit zu geben, an Hand der konkreten Fragen des Friedens das wahre imperialistische Wesen der provisorischen Regierung zu durchschauen und sie dadurch von dieser loszulösen. Dies war jedoch eine zutiefst falsche Position, denn sie erzeugte pazifistische Illusionen, leitete Wasser auf die Mühle der "Vaterlandsverteidiger" und erschwerte die revolutionäre Erziehung der Massen. Diese irrige Auffassung teilte ich damals mit anderen Parteigenossen und habe mich von ihr erst Mitte April vollständig losgesagt, als ich mich den Thesen Lenin s anschloss. Es war eine neue Orientierung erforderlich. Diese neue Orientierung gab Lenin der Partei in seinen berühmten Aprilthesen[71]. Ich gehe nicht weiter auf diese Thesen ein, denn sie sind allbekannt. Gab es damals Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und Lenin ? Ja, es gab solche. Wie lange hielten diese Meinungsverschiedenheiten an? Nicht länger als zwei Wochen. Die Stadtkonferenz der Petrograder Organisation[72] (zweite Aprilhälfte), die die Thesen Lenin s annahm, bedeutete einen Wendepunkt in der Entwicklung unserer Partei. Die Allrussische Aprilkonferenz[73] (Ende April) vollendete nur im gesamtrussischen Maßstab das Werk der Petrograder Konferenz, indem sie neun Zehntel der Partei um die einheitliche Parteiposition zusammenschloss.

Heute, nach sieben Jahren, ergeht sich Trotzki schadenfroh über die früheren Meinungsverschiedenheiten unter den Bolschewiki und stellt diese Meinungsverschiedenheiten beinahe als einen Kampf zweier Parteien innerhalb des Bolschewismus hin. Aber erstens übertreibt Trotzki hier ungeheuerlich und bauscht die Sache auf, denn die Partei der Bolschewiki überstand diese Meinungsverschiedenheiten ohne die geringste Erschütterung. Zweitens wäre unsere Partei eine Kaste und nicht eine revolutionäre Partei, ließe sie in ihrer Mitte keine Gedankenschattierungen zu, wobei bekannt ist, dass es bei uns auch in der Vergangenheit, zum Beispiel in der Periode der III. Duma, Meinungsverschiedenheiten gab, was jedoch die Einheit unserer Partei nicht störte. Drittens wird es nicht überflüssig sein, zu fragen, welche Position Trotzki selbst damals einnahm, der sich heute so gern schadenfroh über frühere Meinungsverschiedenheiten unter den Bolschewiki ergeht? Der so genannte Redakteur der Schriften Trotzkis, Lenzner, versichert, die amerikanischen Briefe Trotzkis (März) hätten die Lenin schen "Briefe aus der Ferne"[74] (März), die die Grundlage der Aprilthesen Lenin s bildeten, "in vollem Umfange vorweggenommen". Geradeso heißt es: "In vollem Umfange vorweggenommen." Trotzki hat gegen eine solche Analogie nichts einzuwenden und nimmt sie offensichtlich dankbar an. Aber erstens sind die Briefe Trotzkis ihrem Geiste und ihren Schlussfolgerungen nach den Briefen Lenin s "überhaupt nicht ähnlich", denn sie widerspiegeln voll und ganz die antibolschewistische Losung Trotzkis "Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung", eine Losung, die eine Revolution ohne die Bauernschaft bedeutet. Man braucht diese beiden Gruppen von Briefen nur durchzusehen, um sich davon zu überzeugen. Zweitens, woraus ist in diesem Fall zu erklären, dass Lenin es für notwendig hielt, sich gleich am Tage nach seiner Ankunft aus dem Ausland von Trotzki abzugrenzen? Wer kennt nicht die wiederholten Erklärungen Lenin s, dass Trotzkis Losung "Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung" ein Versuch ist, "die noch nicht zum Abschluss gekommene bäuerliche Bewegung zu überspringen", dass diese Losung ein "Spiel mit der Machtergreifung durch eine Arbeiterregierung" bedeutet? (Siehe Lenin s Werke, 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 28, 29. Siehe ferner die Referate auf der Petrograder Stadtkonferenz und der Allrussischen Konferenz der SDAPR(B) (Mitte und Ende April 1917).)

Was kann es zwischen den bolschewistischen Thesen Lenin s und dem antibolschewistischen Schema Trotzkis samt seinem "Spiel mit der Machtergreifung" Gemeinsames geben? Und woher kommt bei den Leuten diese Passion, eine armselige Hütte mit dem Montblanc zu vergleichen? Wozu musste Lenzner sich dazu versteigen, dem Haufen alter Legenden über unsere Revolution noch eine weitere Legende hinzuzufügen, dass Lenin s bekannte "Briefe aus der Ferne" in den amerikanischen Briefen Trotzkis "vorweggenommen" seien?

(Zu diesen Legenden gehört auch die sehr verbreitete Version, Trotzki sei der "alleinige" Organisator oder der "Hauptorganisator" der Siege an den Fronten des Bürgerkriegs gewesen. Im Interesse der Wahrheit, Genossen, muss ich erklären, dass diese Version absolut nicht der Wirklichkeit entspricht. Es liegt mir fern, die wichtige Rolle Trotzkis im Bürgerkrieg in Abrede stellen zu wollen. Aber ich muss mit aller Entschiedenheit erklären, dass die hohe Ehre, Organisator unserer Siege zu sein, nicht Einzelpersonen zukommt, sondern dem großen Kollektiv fortgeschrittener Arbeiter unseres Landes - der Kommunistischen Partei Rußlands. Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, einige Beispiele anzuführen. Sie wissen, dass Koltschak und Denikin als die Hauptfeinde der Sowjetrepublik galten. Sie wissen, dass unser Land erst nach dem Siege über diese Feinde frei aufatmen konnte. Und die Geschichte besagt nun, dass unsere Truppen diese beiden Feinde, das heißt sowohl Koltschak als auch Denikin, entgegen den Plänen Trotzkis endgültig geschlagen haben.

Urteilen Sie selbst.

1. Über Koltschak. Es ist Sommer 1919. Unsere Truppen greifen Koltschak an und operieren bei Ufa. Es findet eine Sitzung des Zentralkomitees statt. Trotzki beantragt, die Offensive auf der Linie des Flusses Bjelaja (bei Ufa) einzustellen, den Ural in Koltschaks Händen zu belassen, einen Teil der Truppen von der Ostfront abzuziehen und an die Südfront zu werfen. Es kommt zu einer heftigen Diskussion. Das Zentralkomitee ist nicht mit Trotzki einverstanden, sondern der Meinung, dass der Ural mit seinen Werken und seinem Eisenbahnnetz nicht in Koltschaks Händen gelassen werden darf, da er sich dort leicht erholen, seine Kräfte zusammenballen und erneut bis an die Wolga gelangen kann - zuerst muss Koltschak hinter das Uralgebirge, in die sibirischen Steppen vertrieben werden, und erst dann kann man darangehen, die Truppen nach dem Süden zu werfen. Das Zentralkomitee lehnt den Plan Trotzkis ab. Dieser erklärt seinen Rücktritt. Das Zentralkomitee nimmt den Rücktritt nicht an. Der Oberbefehlshaber Wazetis, der für Trotzkis Plan ist, tritt zurück. An seine Stelle tritt ein neuer Oberbefehlshaber, Kamenew. Von diesem Augenblick an bleibt Trotzki der direkten Teilnahme an den Angelegenheiten der Ostfront fern.

2. Über Denikin. Es ist Herbst 1919. Die Offensive gegen Denikin misslingt. Der "eiserne Ring" um Mamontow geht sichtlich in die Brüche (Mamontows Tiefenstoß). Denikin besetzt Kursk. Denikin nähert sich Orel. Trotzki wird von der Südfront zu einer Sitzung des Zentralkomitees geladen. Das Zentralkomitee erkennt die Lage als bedrohlich an und beschließt, neue militärische Funktionäre an die Südfront zu entsenden und Trotzki abzuberufen. Die neuen militärischen Funktionäre fordern "Nichteinmischung" Trotzkis in die Angelegenheiten der Südfront. Trotzki bleibt der direkten Teilnahme an den Angelegenheiten der Südfront fern. Die Operationen an der Südfront nehmen nun bis zur Einnahme von Rostow am Don und Odessa ihren Lauf ohne Trotzki.

Man versuche, diese Tatsachen zu widerlegen. )

Es heißt nicht von ungefähr, dass ein dienstbeflissener Tölpel gefährlicher ist als ein Feind.


2. Die Periode der revolutionären Mobilisierung der Massen (Mai bis August). Die grundlegenden Tatsachen dieser Periode sind:
a) Aprildemonstration in Petrograd und Bildung einer Koalitionsregierung unter Teilnahme der "Sozialisten";
b) 1. Maidemonstration in den Hauptzentren Rußlands unter der Losung eines "demokratischen Friedens";
c) Junidemonstration in Petrograd unter der Hauptlosung "Nieder mit den kapitalistischen Ministern!";
d) Junioffensive an der Front und Misserfolge der russischen Armee;
e) bewaffnete Julidemonstration in Petrograd und Austritt der Kadettenminister aus der Regierung;
f) Heranziehung konterrevolutionärer Truppen von der Front, Demolierung der Redaktionsräume der "Prawda", Kampf der Konterrevolution gegen die Sowjets und Bildung einer neuen Koalitionsregierung mit Kerenski an der Spitze;
g) VI. Parteitag unserer Partei, der die Losung der Vorbereitung des bewaffneten Aufstands ausgab;
h) konterrevolutionäre Staatsberatung und Generalstreik in Moskau;
i) misslungene Offensive Kornilows gegen Petrograd, Belebung der Sowjets, Rücktritt der Kadetten und Bildung eines "Direktoriums".

Als der charakteristische Zug dieser Periode ist die Verschärfung der Krise und die Erschütterung jenes labilen Gleichgewichts zwischen den Sowjets und der Provisorischen Regierung anzusehen, das in der vorhergehenden Periode - schlecht und recht - bestanden hatte. Die Doppelherrschaft wurde für beide Seiten untragbar. Das brüchige Gebäude der "Kontaktkommission" erlebt seine letzten Tage. "Machtkrise" und "Ministerkarussell" waren damals die meistgebrauchten Modeworte. Die Krise an der Front und die Zerrüttung im Hinterland tun das ihrige, verstärken die extremen Flügel und setzen die paktiererischen "Vaterlandsverteidiger" von zwei Seiten unter Druck. Die Revolution macht mobil und ruft damit eine Mobilmachung der Konterrevolution hervor. Die Konterrevolution treibt ihrerseits die Revolution an und ruft ein neues Anschwellen der revolutionären Flut hervor. Die Frage des Übergangs der Macht an die neue Klasse wird zur aktuellen Frage.

Gab es damals Meinungsverschiedenheiten in unserer Partei? Jawohl, es gab sie. Sie trugen jedoch ausschließlich sachlichen Charakter, trotz der Versicherungen Trotzkis, der einen "rechten" und einen "linken" Flügel der Partei zu entdecken sucht. Das heißt, es waren Meinungsverschiedenheiten, ohne die es überhaupt kein lebendiges Parteileben und keine wirkliche Parteiarbeit gibt.

Trotzki hat Unrecht, wenn er behauptet, die Aprildemonstration in Petrograd habe im Zentralkomitee Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen. Das Zentralkomitee war sich in dieser Frage absolut einig und verurteilte den Versuch einer Gruppe von Genossen, die Provisorische Regierung in einem Augenblick zu verhaften, da die Bolschewiki in den Sowjets und in der Armee in der Minderheit waren. Hätte Trotzki die "Geschichte" des Oktober nicht nach Suchanow, sondern nach authentischen Dokumenten geschrieben, so hätte er sich mühelos davon überzeugt, dass seine Behauptung falsch ist.

Trotzki hat absolut unrecht, wenn er behauptet, der "auf Initiative Lenin s" unternommene Versuch, am 10. Juni eine Demonstration durchzuführen, sei von den "rechten" Mitgliedern des Zentralkomitees als "Abenteurertum" verurteilt worden. Hätte Trotzki nicht nach Suchanow geschrieben, so wüsste er ganz bestimmt, dass die Demonstration vom 10. Juni in vollem Einverständnis mit Lenin verschoben wurde, wobei Lenin in seiner großen Rede in der bekannten Sitzung des Petrograder Komitees die Notwendigkeit dieser Verschiebung verfochten hat (siehe Protokolle des Petrograder Komitees[75]).

Trotzki hat ganz und gar Unrecht, wenn er von "tragischen" Meinungsverschiedenheiten im ZK in Verbindung mit der bewaffneten Julidemonstration spricht. Wenn Trotzki glaubt, dass einige Mitglieder der führenden Gruppe des ZK "in der Juliepisode ein schädliches Abenteuer sehen mussten", so heißt das einfach phantasieren. Es kann natürlich auch sein, dass Trotzki, der damals noch nicht unserem ZK angehörte und nur unser Sowjetparlamentarier war, nicht wusste, dass das ZK die Julidemonstration nur als ein Mittel betrachtete, den Gegner zu sondieren, dass das ZK (und Lenin ) weder gewillt waren noch daran dachten, die Demonstration in einem Augenblick, da die Sowjets der Hauptstädte noch hinter den "Vaterlandsverteidigern" standen, in einen Aufstand zu verwandeln. Es ist durchaus möglich, dass dieser oder jener unter den Bolschewiki anlässlich der Juliniederlage tatsächlich geflennt hat. Mir ist zum Beispiel bekannt, dass dieser oder jener unter den damals verhafteten Bolschewiki sogar bereit war, unsere Reihen zu verlassen. Daraus aber irgendwelche Schlüsse gegen einige, angebliche "Rechte", angebliche Mitglieder des ZK, ziehen zu wollen, hieße die Geschichte ungeheuerlich entstellen.

Trotzki hat Unrecht, wenn er erklärt, während der Kornilowtage habe sich bei einem Teil der Parteispitzen die Tendenz zu einem Block mit den "Vaterlandsverteidigern", zur Unterstützung der Provisorischen Regierung gezeigt. Es handelt sich selbstverständlich um dieselben angeblichen "Rechten", die Trotzki nicht schlafen lassen. Trotzki hat Unrecht, denn es existieren Dokumente wie das damalige Zentralorgan der Partei, das die Erklärungen Trotzkis schlagend widerlegt. Trotzki beruft sich auf Lenin s Brief an das ZK, in dem Lenin davor warnt, Kerenski zu unterstützen. Trotzki versteht jedoch nicht die Briefe Lenin s, ihre Bedeutung und ihren Zweck. Lenin greift in seinen Briefen mitunter absichtlich vor, rückt Fehler, die möglicherweise begangen werden könnten, in den Vordergrund und kritisiert sie im voraus, mit dem Ziel, die Partei zu warnen und sie gegen Fehler zu sichern, oder aber er bauscht mit demselben pädagogischen Ziel mitunter eine "Kleinigkeit" auf und macht "aus einer Mücke einen Elefanten". Der Führer der Partei, besonders wenn er sich in der Illegalität befindet, kann auch gar nicht anders handeln, denn er muss weiter blicken als seine Kampfgefährten und ist verpflichtet, wegen jedes Fehlers, der möglicherweise begangen werden könnte, selbst wegen "Kleinigkeiten", Alarm zu schlagen. Aus solchen Briefen Lenin s aber (und solche Briefe gibt es bei ihm nicht wenige) auf "tragische" Meinungsverschiedenheiten schließen und aus diesem Anlass ins Horn blasen heißt die Briefe Lenin s nicht verstehen, Lenin nicht kennen. Daraus erklärt sich wohl auch, dass Trotzki bisweilen ganz und gar danebenhaut. Kurzum: In den Tagen des Kornilowputsches gab es im ZK keine, absolut keine Meinungsverschiedenheiten.

Nach der Juliniederlage gab es zwischen dem ZK und Lenin wirklich eine Meinungsverschiedenheit über die Frage des Schicksals der Sowjets. Bekanntlich warnte Lenin , der die Aufmerksamkeit der Partei auf die Vorbereitung des Aufstands außerhalb der Sowjets konzentrieren wollte, vor einer Überschätzung der Sowjets, da er der Meinung war, dass die von den "Vaterlandsverteidigern" geschändeten Sowjets ihre Bedeutung bereits völlig verloren hätten. Das Zentralkomitee und der VI. Parteitag schlugen eine vorsichtigere Linie ein und kamen zu dem Schluss, dass keine Gründe vorlagen, eine Wiederbelebung der Sowjets für ausgeschlossen zu halten. Der Kornilowputsch zeigte, dass dieser Schluss richtig war.

Übrigens war diese Meinungsverschiedenheit von keiner aktuellen Bedeutung für die Partei. Späterhin gab Lenin zu, dass die Linie des VI. Parteitags richtig war. Es ist interessant, dass Trotzki sich nicht an diese Meinungsverschiedenheit geklammert und sie nicht ins "Ungeheuerliche" aufgebauscht hat.

Eine einige und geschlossene Partei, die sich im Mittelpunkt der revolutionären Mobilisierung der Massen befindet - so steht unsere Partei in dieser Periode da.


3. Die Periode der Organisierung des Sturmangriffs (September- Oktober). Die grundlegenden Tatsachen dieser Periode sind:
a) Einberufung der Demokratischen Beratung und Zusammenbruch der Idee eines Blocks mit den Kadetten;
b) Übergang des Moskauer und des Petrograder Sowjets auf die Seite der Bolschewiki;
c) Sowjetkongress des Nordgebiets[76] und Stellungnahme des Petrograder Sowjets gegen den Abtransport der Truppen;
d) Beschluss des ZK der Partei über den Aufstand und Bildung des Revolutionären Militärkomitees des Petrograder Sowjets;
e) Beschluss der Petrograder Garnison, dem Petrograder Sowjet bewaffnete Unterstützung zu erweisen, und Organisierung eines Systems von Kommissaren des Revolutionären Militärkomitees;
f) Vorgehen der bolschewistischen Streitkräfte und Verhaftung der Mitglieder der Provisorischen Regierung;
g) Machtergreifung durch das Revolutionäre Militärkomitee des Petrograder Sowjets und Schaffung des Rates der Volkskommissare durch den II. Sowjetkongress.

Als charakteristischer Zug dieser Periode ist die rasche Verschärfung der Krise, die völlige Kopflosigkeit in den Regierungskreisen, die Isolierung der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki sowie der Massenübertritt schwankender Elemente auf die Seite der Bolschewiki zu betrachten. Hervorzuheben ist eine originelle Besonderheit der revolutionären Taktik in dieser Periode. Sie, diese Besonderheit, besteht darin, dass die Revolution bemüht ist, jeden oder fast jeden Schritt ihrer Offensive unter dem Schein der Verteidigung zu unternehmen. Zweifellos war die Verhinderung des Abtransports der Truppen aus Petrograd ein ernstlicher Offensivschritt der Revolution, nichtsdestoweniger wurde diese Offensive unter der Losung der Verteidigung Petrograds gegen einen eventuellen Angriff des äußeren Feindes unternommen. Zweifellos war die Bildung des Revolutionären Militärkomitees ein noch ernsterer Offensivschritt gegen die Provisorische Regierung, nichtsdestoweniger wurde sie unter der Losung der Organisierung einer Kontrolle der Sowjets über die Handlungen des Stabs des Militärbezirks vollzogen. Zweifellos bedeuteten der offene Übertritt der Garnison auf die Seite des Revolutionären Militärkomitees und die Organisierung eines Netzes von Sowjetkommissaren den Beginn des Aufstands, nichtsdestoweniger wurden diese Schritte von der Revolution unter der Losung der Verteidigung des Petrograder Sowjets gegen eventuelle Aktionen der Konterrevolution unternommen. Die Revolution maskierte gleichsam ihre Offensivhandlungen mit dem Deckmantel der Verteidigung, um die unentschlossenen und schwankenden Elemente desto leichter in ihren Bann zu ziehen. Daraus erklärt sich wohl auch der äußerlich defensive Charakter der Reden, Artikel und Losungen dieser Periode, die ihrem innern Gehalt nach nichtsdestoweniger einen ausgesprochen offensiven Charakter trugen.

Gab es in dieser Periode Meinungsverschiedenheiten im Zentralkomitee? Ja, es gab solche und keine unwichtigen. Über die Meinungsverschiedenheiten in der Frage des Aufstands habe ich bereits gesprochen. Sie fanden ihre vollständige Widerspiegelung in den Protokollen des ZK vom 10. und 16. Oktober. Ich werde deshalb das bereits Gesagte nicht wiederholen. Jetzt ist es notwendig, auf drei Fragen einzugehen: auf die Beteiligung am Vorparlament, die Rolle der Sowjets beim Aufstand und den Zeitpunkt des Aufstands. Das ist umso notwendiger, als Trotzki, der eifrig bemüht ist, seine Person in den Vordergrund zu rücken, Lenin s Stellungnahme zu den beiden letzten Fragen "unversehens" gefälscht hat.

Zweifellos trugen die Meinungsverschiedenheiten über das Vorparlament ernsten Charakter. Worin bestand sozusagen der Zweck des Vorparlaments? Es sollte der Bourgeoisie helfen, die Sowjets in den Hintergrund zu drängen und das Fundament des bürgerlichen Parlamentarismus zu legen. Oh das Vorparlament angesichts der entstandenen revolutionären Situation diese Aufgabe hätte erfüllen können - ist eine andere Frage. Die Ereignisse haben gezeigt, dass dieses Ziel nicht zu verwirklichen, das Vorparlament selbst aber eine Fehlgeburt des Kornilowputsches war. Es steht jedoch außer Zweifel, dass die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre gerade dieses Ziel verfolgten, als sie das Vorparlament ins Leben riefen. Was konnte unter diesen Umständen die Teilnahme der Bolschewiki am Vorparlament bedeuten? Nichts anderes als eine Irreführung der proletarischen Massen über das wahre Gesicht des Vorparlaments. Daraus erklärt sich in erster Linie auch die Leidenschaftlichkeit, mit der Lenin die Anhänger einer Teilnahme am Vorparlament in seinen Briefen geißelt. Die Teilnahme am Vorparlament war zweifellos ein ernster Fehler.

Es wäre jedoch ein Irrtum, wollte man glauben, wie Trotzki das tut, die Anhänger der Teilnahme seien in das Vorparlament gegangen, um sich organisch in seine Arbeit einzuschalten, um "die Arbeiterbewegung in das Fahrwasser der Sozialdemokratie zu leiten". Das trifft absolut nicht zu. Das ist nicht wahr. Wenn das zuträfe, so wäre es der Partei nicht gelungen, diesen Fehler durch das demonstrative Verlassen des Vorparlaments "im Handumdrehen" abzustellen. Die Lebensverbundenheit und die revolutionäre Kraft unserer Partei kamen unter anderem gerade darin zum Ausdruck, dass die Partei diesen Fehler im Nu korrigierte.

Sodann gestatten Sie mir, eine kleine Ungenauigkeit richtig zu stellen, die dem "Redakteur" der Schriften Trotzkis, Lenzner, in der Schilderung unterlaufen ist, die er über die Sitzung der bolschewistischen Fraktion gibt, in der die Frage des Vorparlaments entschieden wurde. Lenzner berichtet, in dieser Sitzung habe es zwei Referenten gegeben: Kamenew und Trotzki. Das stimmt nicht. In Wirklichkeit gab es vier Referenten: zwei, die für den Boykott des Vorparlaments waren (Trotzki und Stalin), und zwei, die für die Teilnahme daran waren (Kamenew und Nogin).

Noch schlimmer verhält es sich mit Trotzki, wo er auf Lenin s Stellungnahme zur Form des Aufstands zu sprechen kommt. Trotzki stellt die Dinge so hin, als sei Lenin der Meinung gewesen, die Partei sollte im Oktober die Macht "unabhängig vom Sowjet und hinter seinem Rücken" ergreifen. Bei seiner nachfolgenden Kritik dieses Unsinns, den er Lenin zuschreibt, lässt Trotzki "alle seine Künste spielen", um dann in herablassendem Tone mit dem Satz abzuschließen: "Das wäre ein Fehler gewesen." Trotzki sagt hier eine Unwahrheit über Lenin , er entstellt die Ansicht Lenin s über die Rolle der Sowjets beim Aufstand. Man könnte einen ganzen Haufen Dokumente anführen, die davon zeugen, dass Lenin vorschlug, die Macht durch die Sowjets, durch den Petrograder oder den Moskauer Sowjet, nicht aber hinter dem Rücken der Sowjets zu ergreifen. Wozu braucht Trotzki diese mehr als seltsame Legende über Lenin ?

Nicht besser verhält es sich mit Trotzki, wo er die Stellungnahme des ZK und Lenin s zum Zeitpunkt des Aufstands "untersucht". Bei seiner Schilderung der berühmten Sitzung des ZK vom 10. Oktober behauptet Trotzki, in dieser Sitzung sei "eine Resolution dahingehend angenommen worden, dass der Aufstand spätestens am 15. Oktober stattfinden müsse". Es kommt so heraus, als ob das ZK den Zeitpunkt des Aufstands auf den 15. Oktober festgesetzt, später aber diesen Beschluss selbst durchbrochen und den Aufstand bis zum 25. Oktober hinausgezögert hätte. Trifft das zu? Nein, das trifft nicht zu. Das Zentralkomitee nahm während dieser Periode insgesamt zwei Resolutionen über den Aufstand an, am 10. Oktober und am 16. Oktober. Wir wollen diese Resolutionen verlesen.

Die Resolution des ZK vom 10. Oktober lautet:

"Das Zentralkomitee stellt fest, dass sowohl die internationale Lage der russischen Revolution (der Aufstand in der deutschen Flotte als höchster Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa, ferner die Gefahr eines Friedens (Offenbar soll es heißen "eines Separatfriedens". J. St.) der Imperialisten mit dem Ziel, die Revolution in Rußland zu erdrosseln) als auch die militärische Lage (der nicht zu bezweifelnde Entschluss der russischen Bourgeoisie sowie Kerenskis und Konsorten, Petrograd den Deutschen auszuliefern) und die Eroberung der Mehrheit in den Sowjets durch die proletarische Partei - dass all dies im Zusammenhang mit dem Bauernaufstand und mit der Tatsache, dass sich das Vertrauen des Volkes unserer Partei zugewandt hat (Wahlen in Moskau), und endlich die offenkundige Vorbereitung eines zweiten Kornilowputsches (Abtransport von Truppen aus Petrograd, Zusammenziehung von Kosaken bei Petrograd, Umzingelung von Minsk durch Kosaken usw.) - dass all dies den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzt.

Das Zentralkomitee stellt somit fest, dass der bewaffnete Aufstand unumgänglich und völlig herangereift ist, und fordert alle Parteiorganisationen auf, sich hiervon leiten zu lassen und von diesem Gesichtspunkt aus alle praktischen Fragen zu behandeln und zu entscheiden (Sowjetkongress des Nordgebiets, Abtransport von Truppen aus Petrograd, die Aktionen der Moskauer und der Minsker usw.)."[77]

Die Resolution der Beratung des ZK mit den verantwortlichen Funktionären vom 16. Oktober lautet:

"Die Versammlung begrüßt die Resolution des ZK und billigt sie voll und ganz; sie fordert alle Organisationen und alle Arbeiter und Soldaten zur allseitigen und tatkräftigen Vorbereitung des bewaffneten Aufstands, zur Unterstützung des vom Zentralkomitee zu diesem Zweck geschaffenen Zentrums auf und gibt der vollen Überzeugung Ausdruck, dass das ZK und der Sowjet rechtzeitig den günstigen Zeitpunkt und die zweckmäßigen Mittel des Angriffs angeben werden."[78]

Wie Sie sehen, ist Trotzki, was den Zeitpunkt des Aufstands und die Resolution des ZK über den Aufstand anbelangt, von seinem Gedächtnis im Stich gelassen worden.

Trotzki hat völlig unrecht, wenn er behauptet, Lenin habe die Sowjetlegalität unterschätzt, Lenin sei sich der ernsten Bedeutung der Machtergreifung durch den Allrussischen Sowjetkongress am 25. Oktober nicht bewusst gewesen und habe eben deswegen gefordert, man solle die Macht vor dem 25. Oktober ergreifen. Das stimmt nicht. Lenin schlug aus zwei Gründen vor, die Macht vor dem 25. Oktober zu ergreifen. Erstens, weil die Konterrevolutionäre Petrograd jeden Augenblick ausliefern konnten, was den anwachsenden Aufstand viel Blut gekostet hätte, und weil in Anbetracht dessen jeder Tag kostbar war. Zweitens, weil der Fehler des Petrograder Sowjets, der den Tag des Aufstands (25. Oktober) offen festgelegt und weitgehend publik gemacht hatte, nicht anders korrigiert werden konnte, als dadurch, dass der Aufstand tatsächlich vor diesem legalen Zeitpunkt des Aufstands durchgeführt wurde. Die Sache ist die, dass Lenin den Aufstand als eine Kunst betrachtete und deshalb sehr wohl wusste, dass der (durch die Unvorsichtigkeit des Petrograder Sowjets) über den Tag des Aufstands unterrichtete Feind unbedingt bemüht sein würde, sich auf diesen Tag vorzubereiten, dass es deshalb notwendig war, dem Feind zuvorzukommen, das heißt den Aufstand unbedingt vor dem legalen Zeitpunkt zu beginnen. Daraus erklärt sich hauptsächlich auch die Leidenschaftlichkeit, mit der Lenin in seinen Briefen diejenigen geißelte, die aus dem Datum, dem 25. Oktober, einen Fetisch machten. Die Ereignisse haben bewiesen, dass Lenin völlig Recht hatte. Bekanntlich wurde der Aufstand vor dem Allrussischen Sowjetkongress begonnen. Bekanntlich wurde die Macht faktisch vor Eröffnung des Allrussischen Sowjetkongresses ergriffen, und ergriffen wurde sie nicht vom Sowjetkongress, sondern vom Petrograder Sowjet, vom Revolutionären Militärkomitee. Der Sowjetkongress hat die Macht lediglich aus den Händen des Petrograder Sowjets empfangen. Und darum sind Trotzkis langatmige Betrachtungen über die Bedeutung der Sowjetlegalität völlig überflüssig.

Eine lebendige und mächtige Partei, an der Spitze der revolutionären Massen, die gegen die Macht der Bourgeoisie Sturm laufen und sie stürzen - das war der Zustand unserer Partei in dieser Periode.

So verhält es sich mit den Legenden über die Vorbereitung des Oktobers.

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