"Stalin"

Werke

Band 6

DIE OKTOBERREVOLUTION
UND DIE TAKTIK DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

I
DIE ÄUSSERE UND INNERE SITUATION WÄHREND
DER OKTOBERREVOLUTION

Drei Umstände äußerer Natur waren bestimmend für die verhältnismäßige Leichtigkeit, mit der es der proletarischen Revolution in Rußland gelungen ist, die Ketten des Imperialismus zu sprengen und so die Macht der Bourgeoisie zu stürzen.

Erstens der Umstand, dass die Oktoberrevolution in der Periode des verzweifelten Kampfes der beiden grundlegenden imperialistischen Gruppen, der englisch-französischen und der österreichisch-deutschen, ihren Anfang nahm, als diese Gruppen, durch den gegenseitigen Kampf auf Tod und Leben in Anspruch genommen, weder Zeit noch Mittel hatten, dem Kampf gegen die Oktoberrevolution ernsthafte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dieser Umstand war für die Oktoberrevolution von gewaltiger Bedeutung, denn er gab ihr die Möglichkeit, die schweren Zusammenstöße innerhalb des Imperialismus zur Festigung und Organisierung ihrer Kräfte auszunutzen.

Zweitens der Umstand, dass die Oktoberrevolution während des imperialistischen Krieges begann, als die durch den Krieg erschöpften und nach Frieden lechzenden werktätigen Massen durch die innere Logik der Dinge an die proletarische Revolution als den einzigen Ausweg aus dem Kriege herangeführt wurden. Dieser Umstand hatte für die Oktoberrevolution überaus große Bedeutung, denn er gab ihr die mächtige Waffe des Friedens in die Hand, erleichterte es ihr, den Sowjetumsturz mit der Beendigung des verhassten Krieges zu verbinden, und verschaffte ihr damit Massensympathien sowohl im Westen, unter den Arbeitern, als auch im Osten, unter den unterdrückten Völkern.

Drittens der Umstand, dass es in Europa eine mächtige Arbeiterbewegung gab, und die Tatsache, dass im Westen und im Osten eine revolutionäre Krise heranreifte, hervorgerufen durch die lange Dauer des imperialistischen Krieges. Dieser Umstand war für die Revolution in Rußland von unschätzbarer Bedeutung, denn er sicherte ihr in ihrem Kampf gegen den Weltimperialismus treue Verbündete außerhalb Rußlands.

Aber neben den Umständen äußerer Natur gab es für die Oktoberrevolution noch eine ganze Reihe innerer günstiger Bedingungen, die ihr den Sieg erleichterten.

Als die wichtigsten dieser Bedingungen sind die folgenden zu betrachten.

Erstens fand die Oktoberrevolution bei der übergroßen Mehrheit der Arbeiterklasse Rußlands die aktivste Unterstützung.

Zweitens fand sie die unzweifelhafte Unterstützung der armen Bauernschaft und der Mehrheit der Soldaten, die nach Frieden und Land lechzten.

Drittens hatte sie an ihrer Spitze, als führende Kraft, eine so erprobte Partei wie die Partei der Bolschewiki, stark nicht nur durch ihre Erfahrung und durch eine in langen Jahren herausgearbeitete Disziplin, sondern auch durch ihre gewaltigen Verbindungen mit den werktätigen Massen.

Viertens standen der Oktoberrevolution so verhältnismäßig leicht überwindbare Feinde gegenüber wie die mehr oder weniger schwache russische Bourgeoisie, die durch die Bauern"revolten" vollends demoralisierte Klasse der Gutsbesitzer und die im Verlauf des Krieges vollständig bankrott gegangenen Paktiererparteien (die Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre).

Fünftens verfügte sie über das ungeheure Gebiet des jungen Staates, auf dem sie frei manövrieren, sich, wenn die Umstände es erforderten, zurückziehen, Atem schöpfen, Kräfte sammeln konnte usw.

Sechstens konnte die Oktoberrevolution in ihrem Kampf gegen die Konterrevolution auf eine genügende Menge von Nahrungsmitteln, Brenn- und Rohstoffen innerhalb des Landes rechnen.

Das Zusammentreffen dieser äußeren und inneren Umstände ergab jene eigenartige Situation, die für die verhältnismäßige Leichtigkeit des Sieges der Oktoberrevolution bestimmend war.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Oktoberrevolution, was die äußere und innere Situation betraf, nicht auch negative Momente hatte. Wie schwer wiegt schon ein solches Minus wie die bekannte Tatsache, dass die Oktoberrevolution vereinzelt blieb, dass es neben ihr und in ihrer Nachbarschaft kein anderes Sowjetland gab, auf das sie sich hätte stützen können? Zweifellos würde sich die nächste Revolution, zum Beispiel in Deutschland, in dieser Hinsicht in einer vorteilhafteren Lage befinden, denn sie hätte in ihrer Nachbarschaft ein seiner Stärke nach so ernst zu nehmendes Sowjetland wie unsere Sowjetunion. Ich spreche schon gar nicht von einem solchen Minus der Oktoberrevolution wie dem Fehlen einer proletarischen Mehrheit im Lande.

Aber diese negativen Momente lassen lediglich die gewaltige Bedeutung jener eigenartigen inneren und äußeren Bedingungen der Oktoberrevolution, von denen oben die Rede war, umso schärfer hervortreten.

Diese Eigenart darf man keinen Augenblick vergessen. An sie muss besonders gedacht werden bei der Analyse der deutschen Ereignisse im Herbst 1923. An sie müsste vor allem Trotzki denken, der summarisch eine Analogie zwischen der Oktoberrevolution und der Revolution in Deutschland zieht und hemmungslos die deutsche Kommunistische Partei wegen ihrer wirklichen und angeblichen Fehler geißelt.

"Für Rußland war es", sagt Lenin , "in der konkreten, historisch außerordentlich eigenartigen Situation von 1917 leicht, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es für Rußland schwerer als für die europäischen Länder sein wird, sie fortzusetzen und zu Ende zu führen. Bereits zu Beginn des Jahres 1918 musste ich auf diesen Umstand hinweisen, und die spätere zweijährige Erfahrung hat die Richtigkeit dieser Erwägung vollauf bestätigt. Solche spezifische Bedingungen wie: 1. die Möglichkeit, den Sowjetumsturz mit der dank diesem Umsturz herbeigeführten Beendigung des imperialistischen Krieges zu verbinden, der die Arbeiter und Bauern aufs äußerste erschöpft hatte; 2. die Möglichkeit, eine gewisse Zeit lang den auf Tod und Leben geführten Kampf der beiden weltbeherrschenden Gruppen imperialistischer Räuber auszunutzen, der beiden Gruppen, die sich nicht gegen die Sowjets, ihren Feind, vereinigen konnten; 3. die Möglichkeit - teilweise dank der ungeheuren Ausdehnung des Landes und den schlechten Verkehrsmitteln -, einen verhältnismäßig langwierigen Bürgerkrieg auszuhalten; 4. das Vorhandensein einer so tiefgehenden bürgerlich-demokratischen revolutionären Bewegung unter der Bauernschaft, dass die Partei des Proletariats die revolutionären Forderungen von der Partei der Bauern (der Sozialrevolutionäre, einer Partei, die in ihrer Mehrheit dem Bolschewismus ausgesprochen feindlich gegenüberstand) übernehmen und sie dank der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat unverzüglich verwirklichen konnte - solche spezifische Bedingungen sind jetzt in Westeuropa nicht vorhanden, und die Wiederkehr solcher oder ähnlicher Bedingungen ist nicht allzu leicht möglich. Deshalb übrigens ist es, neben einer Reihe anderer Gründe, für Westeuropa schwerer, als es für uns war, die sozialistische Revolution zu beginnen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, 5.45146 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd.II, S.710].)

Diese Worte Lenin s darf man nicht vergessen.

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