"Stalin"

Werke

Band 6

DIE OKTOBERREVOLUTION
UND DIE TAKTIK DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

III
ÜBER EINIGE BESONDERHEITEN DER TAKTIK DER
BOLSCHEWIKI IN DER PERIODE DER VORBEREITUNG
DES OKTOBER

Um die Taktik der Bolschewiki während der Periode der Vorbereitung des Oktobers zu verstehen, muss man sich wenigstens über einige besonders wichtige Besonderheiten dieser Taktik klar werden. Dies ist umso notwendiger, als in den zahlreichen Broschüren über die Taktik der Bolschewiki gerade diese Besonderheiten nicht selten übergangen werden.

Was sind das für Besonderheiten?

Erste Besonderheit. Wenn man Trotzki hört, könnte man meinen, in der Geschichte der Vorbereitung des Oktober gebe es im ganzen zwei Perioden, die Periode der Erkundung und die Periode des Aufstands, und was darüber ist, das ist vom Übel. Was ist die Aprilmanifestation des Jahres 1917? "Die Aprilmanifestation, die einen ´linkeren´ Kurs einschlug als angezeigt war, war ein Erkundungsvorstoß zur Prüfung der Stimmung der Massen und des gegenseitigen Verhältnisses zwischen ihnen und der Mehrheit in den Sowjets." Und was war die Julidemonstration des Jahres 1917? Nach der Meinung Trotzkis "lief die Sache im Grunde genommen auch diesmal auf eine neue, umfassendere Erkundung in einer neuen, höheren Etappe der Bewegung hinaus". Es erübrigt sich zu sagen, dass die Junidemonstration des Jahres 1917, die auf Verlangen unserer Partei veranstaltet wurde, nach der Auffassung Trotzkis erst recht als "Erkundung" bezeichnet werden muss.

Demnach hätten die Bolschewiki schon im März 1917 über eine fertige politische Armee aus Arbeitern und Bauern verfügt, und wenn sie diese weder im April noch im Juni, noch im Juli zum Aufstand einsetzten, sondern sich lediglich mit "Erkundung" beschäftigten, so sei dies einzig und allein aus dem Grunde geschehen, weil die "Ergebnisse der Erkundung" damals keine günstigen "Anhaltspunkte" geliefert hätten.

Es erübrigt sich zu sagen, dass diese versimpelte Vorstellung von der politischen Taktik unserer Partei nichts anderes ist als eine Verwechslung der gewöhnlichen militärischen Taktik mit der revolutionären Taktik der Bolschewiki.

In Wirklichkeit waren alle diese Demonstrationen in erster Linie das Ergebnis des elementaren Drucks der Massen, das Ergebnis der auf die Straße drängenden Empörung der Massen gegen den Krieg.

In Wirklichkeit bestand hier die Rolle der Partei darin, die elementar ausbrechenden Aktionen der Massen im Sinne der revolutionären Losungen der Bolschewiki zu gestalten und zu leiten.

In Wirklichkeit hatten die Bolschewiki im März 1917 keine fertige politische Armee und konnten sie auch nicht haben. Die Bolschewiki schufen eine solche Armee erst während der Kämpfe und Zusammenstöße der Klassen von April bis Oktober 1917 (und haben sie auch schließlich kurz vor dem Oktober 1917 geschaffen), sie schufen sie sowohl durch die Aprilmanifestation wie durch die Juni- und die Julidemonstration, durch die Wahlen zu den Bezirks- und Stadtdumas wie durch den Kampf gegen den Kornilowputsch und durch die Eroberung der Sowjets. Eine politische Armee ist etwas anderes als eine militärische Armee. Während die militärische Leitung den Krieg erst beginnt, wenn sie bereits eine fertige Armee in Händen hat, muss die Partei ihre Armee im Verlauf des Kampfes selbst, im Verlauf der Klassenzusammenstöße schaffen, in dem Maße, wie sich die Massen selbst durch ihre eigene Erfahrung von der Richtigkeit der Losungen der Partei, von der Richtigkeit ihrer Politik überzeugen.

Gewiss beleuchtete jede dieser Demonstrationen gleichzeitig auch in einem gewissen Maße die dem Auge verborgenen Kräfteverhältnisse, war eine gewisse Erkundung, aber die Erkundung war hier nicht der Beweggrund zur Demonstration, sondern ihr natürliches Ergebnis.

Bei der Analyse der Ereignisse vor dem Oktoberaufstand und bei ihrem Vergleich mit den Ereignissen von April bis Juli sagte Lenin :

"Die Dinge liegen eben nicht so wie vor dem 20. und 21. April, dem 9. Juni, dem 3. Juli, denn damals gab es eine elementare Erregung, die wir als Partei entweder nicht aufzufangen verstanden (20. April) oder zurückdämmten und zu einer friedlichen Demonstration gestalteten (9. Juni und 3. Juli). Denn wir wussten damals sehr gut, dass die Sowjets noch nicht in unseren Händen sind, dass die Bauern noch an den Weg der Liberdan-Tschernow und nicht an den bolschewistischen Weg (den Aufstand) glauben, dass folglich die Mehrheit des Volkes nicht hinter uns stehen kann, dass folglich der Aufstand verfrüht ist." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, 5.179, russ.)

Es ist klar, dass man da mit "Erkundung" allein nicht weit kommt.

Es handelt sich offensichtlich nicht um "Erkundung", sondern um folgendes:

1. Die Partei stützte sich während der ganzen Periode der Vorbereitung des Oktober in ihrem Kampfe unentwegt auf den elementaren Aufschwung der revolutionären Massenbewegung;

2. gestützt auf den elementaren Aufschwung, behauptete sie die ungeteilte Führung der Bewegung;

3. durch diese Führung der Bewegung wurde der Partei die Formierung einer politischen Massenarmee für den Oktoberaufstand erleichtert;

4. diese Politik musste dazu führen, dass sich die ganze Vorbereitung des Oktober unter Führung einer Partei, der Partei der Bolschewiki, vollzog;

5. diese Vorbereitung des Oktobers führte ihrerseits dazu, dass die Staatsgewalt infolge des Oktoberaufstands in die Hände einer Partei, der Partei der Bolschewiki, gelangte.

Also ungeteilte Führung durch eine Partei, die Partei der Kommunisten, als grundlegendes Moment bei der Vorbereitung des Oktobers - das ist der kennzeichnende Zug der Oktoberrevolution, das ist die erste Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktobers.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass der Sieg der Diktatur des Proletariats unter den Bedingungen des Imperialismus ohne diese Besonderheit der Taktik der Bolschewiki unmöglich gewesen wäre.

Dadurch unterscheidet sich die Oktoberrevolution vorteilhaft von der Revolution des Jahres 1871 in Frankreich, wo sich zwei Parteien in die Führung der Revolution teilten, von denen keine als eine kommunistische Partei bezeichnet werden kann.

Zweite Besonderheit. Die Vorbereitung des Oktober vollzog sich somit unter Führung einer Partei, der Partei der Bolschewiki. Wie aber wurde von der Partei diese Führung bewerkstelligt, auf welcher Linie vollzog sie sich? Diese Führung vollzog sich auf der Linie der Isolierung der Paktiererparteien als der gefährlichsten Gruppierungen in der Periode, da die Revolution ihrer Entscheidung entgegenging, auf der Linie der Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki.

Worin besteht die grundlegende strategische Regel des Lenin ismus? Sie besteht in der Erkenntnis:

1. dass die gefährlichste soziale Stütze der Feinde der Revolution in der Periode der herannahenden revolutionären Entscheidung die Paktiererparteien sind;

2. dass es ohne Isolierung dieser Parteien unmöglich ist, den Feind (den Zarismus oder die Bourgeoisie) zu stürzen;

3. dass infolgedessen in der Periode der Vorbereitung der Revolution die Hauptschläge darauf gerichtet sein müssen, diese Parteien zu isolieren und die breiten werktätigen Massen von ihnen loszulösen.

In der Periode des Kampfes gegen den Zarismus, in der Periode der Vorbereitung der bürgerlich-demokratischen Revolution (1905 bis 1916) war die liberal-monarchistische Partei, die Partei der Kadetten, die gefährlichste soziale Stütze des Zarismus. Warum? Weil sie eine Paktiererpartei war, eine Partei des Paktierens zwischen dem Zarismus und der Mehrheit des Volkes, das heißt der Bauernschaft als Ganzem. Es ist natürlich, dass die Partei damals die Hauptschläge gegen die Kadetten richtete, denn ohne die Kadetten isoliert zu haben, war es unmöglich, auf den Bruch der Bauernschaft mit dem Zarismus zu rechnen, ohne aber diesen Bruch herbeigeführt zu haben, war es unmöglich, auf den Sieg der Revolution zu rechnen. Viele begriffen damals nicht diese Besonderheit der bolschewistischen Strategie und warfen den Bolschewiki übermäßigen "Kadettenhass" vor, sie behaupteten, der Kampf gegen die Kadetten "überschatte" bei den Bolschewiki den Kampf gegen den Hauptfeind, den Zarismus. Diese jeder Grundlage entbehrenden Vorwürfe offenbarten jedoch direktes Unverständnis für die bolschewistische Strategie, die die Isolierung der Paktiererpartei fordert, um den Sieg über den Hauptfeind zu erleichtern und zu beschleunigen.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass die Hegemonie des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen Revolution ohne diese Strategie unmöglich gewesen wäre.

In der Periode der Vorbereitung des Oktobers verschob sich das Schwergewicht der kämpfenden Kräfte auf eine neue Ebene. Es gab keinen Zaren mehr. Die Partei der Kadetten hatte sich aus einer paktierenden Kraft in die regierende, in die herrschende Kraft des Imperialismus verwandelt. Der Kampf ging nicht mehr zwischen Zarismus und Volk, sondern zwischen Bourgeoisie und Proletariat. In dieser Periode waren die klein-bürgerlichen demokratischen Parteien, die Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die gefährlichste soziale Stütze des Imperialismus. Warum? Weil diese Parteien damals Paktiererparteien waren, Parteien des Paktierens zwischen dem Imperialismus und den werktätigen Massen. Es ist natürlich, dass die Hauptschläge der Bolschewiki damals gegen diese Parteien gerichtet wurden, denn ohne diese Parteien isoliert zu haben, war es unmöglich, auf den Bruch der werktätigen Massen mit dem Imperialismus zu rechnen, ohne aber diesen Bruch herbeigeführt zu haben, war es unmöglich, auf den Sieg der Sowjetrevolution zu rechnen. Viele begriffen damals nicht diese Besonderheit der bolschewistischen Taktik und warfen den Bolschewiki "übermäßigen Hass" gegen die Sozialrevolutionäre und Menschewiki sowie "Außerachtlassung" des Hauptziels vor. Doch zeugt die ganze Periode der Vorbereitung des Oktobers in beredter Weise davon, dass die Bolschewiki nur durch diese Taktik den Sieg der Oktoberrevolution sicherstellen konnten.

Der kennzeichnende Zug dieser Periode ist die weitere Revolutionierung der werktätigen Massen der Bauernschaft, ihre Enttäuschung über die Sozialrevolutionäre und Menschewiki, ihre Abkehr von diesen Parteien, ihre Hinwendung zum direkten Zusammenschluss um das Proletariat als der einzigen restlos revolutionären Kraft, die fähig war, das Land zum Frieden zu führen. Die Geschichte dieser Periode ist die Geschichte des Kampfes der Sozialrevolutionäre und Menschewiki auf der einen und der Bolschewiki auf der anderen Seite um die werktätigen Massen der Bauernschaft, um die Gewinnung dieser Massen. Das Schicksal dieses Kampfes wurde entschieden durch die Koalitionsperiode, durch die Kerenskiperiode, durch die Weigerung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, das Land der Gutsbesitzer zu konfiszieren, durch den Kampf der Sozialrevolutionäre und Menschewiki für die Fortführung des Krieges, durch die Junioffensive an der Front, durch die Todesstrafe für die Soldaten, durch den Kornilowaufstand. Und all das entschied dieses Schicksal ausschließlich zugunsten der bolschewistischen Strategie. Denn ohne Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki war es unmöglich, die Regierung der Imperialisten zu stürzen, ohne den Sturz dieser Regierung aber war es unmöglich, sich aus dem Kriege herauszureißen. Die Politik der Isolierung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki erwies sich als die einzig richtige Politik.

Also Isolierung der Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre als Grundlinie der Führung bei der Vorbereitung des Oktobers - das ist die zweite Besonderheit der Taktik der Bolschewiki.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass das Bündnis der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen der Bauernschaft ohne diese Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Luft gehangen hätte.

Es ist bezeichnend, dass Trotzki in seinen "Lehren des Oktober" von dieser Besonderheit der bolschewistischen Taktik gar nichts oder nahezu gar nichts sagt.

Dritte Besonderheit. Die Führung der Partei bei der Vorbereitung des Oktober vollzog sich also auf der Linie der Isolierung der Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, auf der Linie der Loslösung der breiten Massen der Arbeiter und Bauern von diesen Parteien. Wie wurde aber diese Isolierung durch die Partei konkret verwirklicht, in welcher Form, unter welcher Losung? Sie wurde verwirklicht in der Form der revolutionären Bewegung der Massen für die Macht der Sowjets, unter der Losung "Alle Macht den Sowjets!", auf dem Wege des Kampfes für die Umwandlung der Sowjets aus Organen zur Mobilisierung der Massen in Organe des Aufstands, in Organe der Staatsmacht, in den Apparat des neuen, des proletarischen Staatswesens.

Weshalb griffen die Bolschewiki gerade nach den Sowjets als dem wichtigsten organisatorischen Hebel, der die Isolierung der Menschewiki und Sozial-revolutionäre erleichtern konnte, der geeignet war, die Sache der proletarischen Revolution voranzutreiben, und berufen war, die Millionenmassen der Werktätigen zum Siege der Diktatur des Proletariats zu führen?

Was sind die Sowjets?

"Die Sowjets", sagte Lenin schon im September 1917, "sind der neue Staatsapparat, der erstens die bewaffnete Macht der Arbeiter und Bauern schafft, wobei diese Macht nicht wie die Macht des alten stehenden Heeres vom Volke losgelöst, sondern aufs engste mit ihm verbunden ist; in militärischer Hinsicht ist diese Macht unvergleichlich stärker als die früheren; in revolutionärer Hinsicht ist sie durch nichts anderes zu ersetzen. Zweitens schafft dieser Apparat eine so enge, untrennbare, leicht zu kontrollierende und zu erneuernde Verbindung mit den Massen, mit der Mehrheit des Volkes, wie sie beim früheren Staatsapparat nicht einmal andeutungsweise vorhanden war. Drittens ist dieser Apparat dank der Wählbarkeit und Absetzbarkeit seines Personalbestands, die ohne bürokratische Formalitäten nach dem Willen des Volkes verwirklicht werden, viel demokratischer als die früheren Apparate. Viertens schafft er eine feste Verbindung mit den mannigfachsten Berufen, wodurch er es erleichtert, die verschiedensten Reformen von einschneidender Bedeutung ohne Bürokratie durchzuführen. Fünftens schafft er eine Organisationsform der Vorhut, das heißt des bewusstesten, energischsten und fortgeschrittensten Teils der unterdrückten Klassen, der Arbeiter und der Bauern, und stellt auf diese Weise einen Apparat dar, mit dessen Hilfe die Vorhut der unterdrückten Klassen die ganze gigantische Masse dieser Klassen, die bisher völlig außerhalb des politischen Lebens, außerhalb der Geschichte stand, zu heben, zu erziehen, zu schulen und zu führen vermag. Sechstens ermöglicht er es, die Vorteile des Parlamentarismus mit den Vorteilen der unmittelbaren und direkten Demokratie zu vereinigen, das heißt in der Person der gewählten Volksvertreter sowohl die gesetzgebende Funktion als auch den Vollzug der Gesetze zu vereinigen. Im Vergleich mit dem bürgerlichen Parlamentarismus ist das in der Entwicklung der Demokratie ein Fortschritt, der von welthistorischer Bedeutung ist...

Hätte die schöpferische Volkskraft der revolutionären Klassen nicht die Sowjets hervorgebracht, so wäre die proletarische Revolution in Rußland eine hoffnungslose Sache; denn mit dem alten Apparat würde das Proletariat die Macht zweifellos nicht behaupten können, ein neuer Apparat aber kann nicht auf einmal geschaffen werden." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 79/80, russ.)

Das war der Grund, weshalb die Bolschewiki nach den Sowjets als dem wichtigsten organisatorischen Kettenglied griffen, das die Organisierung der Oktoberrevolution und die Schaffung des neuen, mächtigen Apparats eines proletarischen Staatswesens erleichtern konnte.

Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" durchlief vom Standpunkt ihrer inneren Entwicklung zwei Stadien: das erste (bis zur Juliniederlage der Bolschewiki, während der Doppelherrschaft) und das zweite (nach der Niederlage des Kornilowaufstands).

Im ersten Stadium bedeutete diese Losung die Sprengung des Blocks der Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit den Kadetten, die Bildung einer Sowjetregierung aus Menschewiki und Sozialrevolutionären (denn die Sowjets waren damals sozialrevolutionär-menschewistisch), das Recht der freien Agitation für die Opposition (das heißt für die Bolschewiki) und den freien Kampf der Parteien innerhalb der Sowjets, darauf berechnet, dass es den Bolschewiki durch diesen Kampf gelingen werde, die Sowjets zu erobern und die Zusammensetzung der Sowjetregierung auf dem Wege einer friedlichen Entwicklung der Revolution zu ändern. Dieser Plan bedeutete natürlich nicht die Diktatur des Proletariats. Doch erleichterte er zweifellos die Schaffung der zur Sicherung der Diktatur notwendigen Voraussetzungen, denn dieser Plan hätte dadurch, dass er die Menschewiki und Sozialrevolutionäre an die Macht gebracht und gezwungen hätte, ihre antirevolutionäre Plattform in die Tat umzusetzen, die Entlarvung des wahren Wesens dieser Parteien, ihre Isolierung, ihre Loslösung von den Massen beschleunigt. Die Juliniederlage der Bolschewiki unterbrach jedoch diese Entwicklung, denn sie gab der Konterrevolution der Generale und Kadetten das Übergewicht und trieb die Sozialrevolutionäre und Menschewiki der Konterrevolution in die Arme. Dieser Umstand zwang die Partei, vorübergehend die Losung "Alle Macht den Sowjets!" zurückzuziehen, um sie bei einem neuen Aufschwung der Revolution erneut aufzustellen.

Die Niederlage des Kornilowaufstands leitete das zweite Stadium ein. Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" wurde erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Aber jetzt bedeutete diese Losung schon nicht mehr dasselbe wie im ersten Stadium. Ihr Inhalt hatte sich von Grund aus geändert. Jetzt bedeutete diese Losung den völligen Bruch mit dem Imperialismus und den Übergang der Macht an die Bolschewiki, denn die Sowjets waren bereits in ihrer Mehrheit bolschewistisch. Jetzt bedeutete diese Losung, dass die Revolution auf dem Wege des Aufstands unmittelbar an die Diktatur des Proletariats heranrückte. Mehr noch, jetzt bedeutete diese Losung die Organisierung und staatliche Gestaltung der Diktatur des Proletariats.

Der unschätzbare Wert der Taktik der Umwandlung der Sowjets in Organe der Staatsmacht bestand darin, dass sie die Millionenmassen der Werktätigen vom Imperialismus loslöste, die Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre als Werkzeuge des Imperialismus entlarvte und diese Massen sozusagen auf direktem Wege an die Diktatur des Proletariats heranführte.

Somit bildet die Politik der Umwandlung der Sowjets in Organe der Staatsmacht als wichtigste Vorbedingung für die Isolierung der Paktiererparteien und für den Sieg der Diktatur des Proletariats die dritte Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktobers.

Vierte Besonderheit. Das Bild wäre unvollständig, wenn wir uns nicht mit der Frage befassten, wie und warum es den Bolschewiki gelang, ihre Parteilosungen in Losungen für die Millionenmassen zu verwandeln, in Losungen, die die Revolution vorantrieben, wie und warum es ihnen gelang, nicht nur die Avantgarde und nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse, sondern auch die Mehrheit des Volkes von der Richtigkeit ihrer Politik zu überzeugen.

Die Sache ist die, dass für den Sieg der Revolution, falls diese Revolution wirklich eine Volksrevolution ist, die Millionenmassen erfasst, die Richtigkeit der Parteilosungen allein nicht genügt. Für den Sieg der Revolution ist noch eine Vorbedingung erforderlich, und zwar: dass die Massen sich selbst durch ihre eigene Erfahrung von der Richtigkeit dieser Losungen überzeugen. Nur dann werden die Losungen der Partei zu Losungen der Massen selbst. Nur dann wird die Revolution zu einer wirklichen Volksrevolution. Eine der Besonderheiten der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktober besteht darin, dass sie es verstanden hat, richtig die Wege und Wendungen zu bestimmen, die die Massen in natürlicher Weise an die Losungen der Partei, sozusagen direkt an die Schwelle der Revolution heranführen, und es ihnen auf diese Weise erleichterte, die Richtigkeit dieser Losungen an Hand ihrer eigenen Erfahrung zu fühlen, zu prüfen, zu erkennen. Mit anderen Worten, eine der Besonderheiten der Taktik der Bolschewiki besteht darin, dass sie die Aufgabe, die Partei zu führen, nicht mit der Aufgabe, die Massen zu führen, verwechselt, dass sie klar den Unterschied zwischen der Führung der ersten Art und der Führung der zweiten Art sieht, dass sie somit die Wissenschaft nicht nur von der Führung der Partei, sondern auch von der Führung der Millionenmassen der Werktätigen ist.

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich diese Besonderheit der bolschewistischen Taktik äußerte, sind die Erfahrungen mit der Einberufung und Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung.

Es ist bekannt, dass die Bolschewiki die Losung der Republik der Sowjets schon im April 1917 aufgestellt hatten. Es ist bekannt, dass die Konstituierende Versammlung ein bürgerliches Parlament war, dessen ganzes Wesen den Grundlagen einer Republik der Sowjets widersprach. Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki, die die Republik der Sowjets anstrebten, gleichzeitig von der Provisorischen Regierung die sofortige Einberufung der Konstituierenden Versammlung forderten? Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki nicht nur an den Wahlen teilnahmen, sondern auch selbst die Konstituierende Versammlung einberiefen? Wie konnte es geschehen, dass die Bolschewiki einen Monat vor dem Aufstand, beim Übergang vom Alten zum Neuen, eine vorübergehende Kombination der Republik der Sowjets und der Konstituierenden Versammlung für möglich hielten?

Es "geschah" dies aus folgenden Gründen:

1. Die Idee der Konstituierenden Versammlung war unter den breiten Massen der Bevölkerung eine der populärsten Ideen;

2. die Losung der sofortigen Einberufung der Konstituierenden Versammlung erleichterte die Entlarvung des konterrevolutionären Wesens der Provisorischen Regierung;

3. um der Idee der Konstituierenden Versammlung in den Augen der Volksmassen den Nimbus zu nehmen, war es notwendig, diese Massen mit ihren Forderungen nach Land, Frieden und Sowjetmacht an die Schwelle der Konstituierenden Versammlung heranzuführen und sie auf diese Weise mit der wirklichen und lebendigen Konstituierenden Versammlung zusammenprallen zu lassen;

4. nur auf diese Weise konnte man es den Massen erleichtern, sich durch ihre eigene Erfahrung von dem konterrevolutionären Wesen der Konstituierenden Versammlung und von der Notwendigkeit ihrer Auseinanderjagung zu überzeugen;

5. all dies setzte naturgemäß die Möglichkeit voraus, dass eine vorübergehende Kombination der Republik der Sowjets und der Konstituierenden Versammlung zugelassen wird als eins der Mittel zur Überwindung der Konstituierenden Versammlung;

6. eine solche Kombination, falls sie beim Übergang der ganzen Macht an die Sowjets verwirklicht worden wäre, konnte lediglich die Unterordnung der Konstituierenden Versammlung unter die Sowjets, ihre Verwandlung in ein Anhängsel der Sowjets, ihr schmerzloses Absterben bedeuten.

Es braucht wohl kaum nachgewiesen zu werden, dass die Auseinanderjagung der Konstituierenden Versammlung ohne diese Politik der Bolschewiki nicht so glatt vor sich gegangen wäre und dass die nachfolgenden Aktionen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki unter der Losung "Alle Macht der Konstituierenden Versammlung!" nicht so schmählich zusammengebrochen wären.

"Wir haben uns", sagt Lenin , "im September-November 1917 an den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur Konstituierenden Versammlung, beteiligt. War unsere Taktik richtig oder nicht?... Hatten wir russischen Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als jeder beliebige Kommunist im Westen das Recht, anzunehmen, dass der Parlamentarismus in Rußland sich politisch überlebt habe? Natürlich hatten wir es, denn es kommt ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen Parlamente lange oder kurze Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die breiten Massen der Werktätigen (ideologisch, politisch, praktisch) dazu bereit sind, die Sowjetordnung anzuerkennen und das bürgerlich-demokratische Parlament auseinanderzujagen (oder seine Auseinanderjagung zuzulassen). dass in Rußland im September-November 1917 die Arbeiterklasse der Städte, die Soldaten und die Bauern infolge einer Reihe von besonderen Umständen für die Anerkennung der Sowjetordnung und die Auseinanderjagung selbst des demokratischsten bürgerlichen Parlaments außerordentlich gut vorbereitet waren, das ist eine ganz unbestreitbare und durchaus feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat an den Wahlen beteiligt." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S.41 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S.705/706])

Warum haben sie nun die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert? Weil, wie Lenin sagt,

"sogar einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja sogar nach diesem Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen Parlament dem revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern es ihm erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, es ihm erleichtert, sie mit Erfolg auseinanderzujagen, und dazu beiträgt, dass der bürgerliche Parlamentarismus sich ,politisch überlebt´." (Ebenda, S.42, russ. [S.706, deutsch].)

Es ist bezeichnend, dass Trotzki diese Besonderheit der bolschewistischen Taktik nicht begreift und über die "Theorie" der Kombination der Konstituierenden Versammlung und der Sowjets als über eine Hilferdingerei die Nase rümpft.

Er begreift nicht, dass die Zulassung einer derartigen Kombination - wenn die Losung des Aufstands gegeben und der Sieg der Sowjets wahrscheinlich ist -, verbunden mit der Einberufung der Konstituierenden Versammlung, die einzig revolutionäre Taktik ist, die mit der Hilferdingschen Taktik der Verwandlung der Sowjets in ein Anhängsel der Konstituierenden Versammlung nichts gemein hat, dass der Fehler einiger Genossen in dieser Frage ihm noch keine Berechtigung gibt, die vollkommen richtige Stellungnahme Lenin s und der Partei zu einer "kombinierten Staatsform" unter gewissen Voraussetzungen (vgl. Bd. 26, S. 170) zu schmähen.

Er begreift nicht, dass es den Bolschewiki ohne ihre spezifische Politik gegenüber der Konstituierenden Versammlung nicht gelungen wäre, die Millionenmassen des Volkes für sich zu gewinnen, dass sie aber, ohne diese Massen gewonnen zu haben, den Oktoberaufstand nicht in eine tief greifende Volksrevolution hätten verwandeln können.

Es ist interessant, dass Trotzki sogar über Worte wie "Volk", "revolutionäre Demokratie" und dergleichen, die in den Artikeln der Bolschewiki anzutreffen sind, die Nase rümpft, da er sie im Munde von Marxisten für ungebührlich hält.

Trotzki vergisst offenbar, dass Lenin , zweifellos ein Marxist, sogar noch im September 1917, einen Monat vor dem Siege der Diktatur des Proletariats, schrieb, "dass die gesamte Macht sofort in die Hände der vom revolutionären Proletariat geführten revolutionären Demokratie übergehen muss" (siehe 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 8 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 136]).

Trotzki vergisst offenbar, dass Lenin , zweifellos ein Marxist, als er den bekannten Brief von Marx an Kugelmann[80] (vom April 1871) zitierte, in dem es heißt, dass das Zerbrechen des bürokratisch-militärischen Staatsapparats die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent ist, schwarz auf weiß folgende Zeilen schrieb:

"Besondere Beachtung verdient die außerordentlich tiefe Bemerkung von Marx, dass die Zerstörung der bürokratisch-militärischen Staatsmaschinerie ´die Vorbedingung jeder wirklichen ´Volksrevolution´ bilde. Dieser Begriff der ´Volks´revolution mutet im Munde von Marx sonderbar an, und die russischen Plechanowisten und Menschewiki, diese Nachfolger Struves, die als Marxisten gelten möchten, könnten am Ende diesen Ausdruck von Marx als ´falschen Zungenschlag´ hinstellen. Sie haben aus dem Marxismus ein so armselig-liberales Zerrbild gemacht, dass für sie außer der Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Revolution nichts anderes existiert, und selbst diese Gegenüberstellung wird von ihnen unglaublich starr aufgefasst...

Auf dem europäischen Kontinent bildete 1871 das Proletariat in keinem Lande die Mehrheit des Volkes. Eine ´Volks´revolution, die tatsächlich die Mehrheit des Volkes in die Bewegung einbezieht, konnte nur dann eine solche sein, wenn sie sowohl das Proletariat als auch die Bauernschaft erfasst. Diese beiden Klassen bildeten damals eben das ´Volk´. Beide Klassen sind dadurch vereint, dass die ´bürokratisch-militärische Staatsmaschinerie´ sie knechtet, bedrückt, ausbeutet. Diese Maschinerie zu zerschlagen, sie zu zerbrechen - das verlangt das wirkliche Interesse des ´Volkes´, seiner Mehrheit, der Arbeiter und der Mehrzahl der Bauern, das ist die ,Vorbedingung´ für ein freies Bündnis der armen Bauern mit den Proletariern, ohne dieses Bündnis aber ist die Demokratie nicht von Dauer und die sozialistische Umgestaltung unmöglich." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S.388 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 186, 187].)

Diese Worte Lenin s darf man nicht vergessen.

Also die Fähigkeit, die Massen durch ihre eigenen Erfahrungen von der Richtigkeit der Parteilosungen zu überzeugen, dadurch, dass man diese Massen an die revolutionären Positionen heranführt, als wichtigste Vorbedingung für die Gewinnung von Millionen Werktätigen für die Partei das ist die vierte Besonderheit der Taktik der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung des Oktober.

Ich glaube, dass das Gesagte vollauf genügt, uni sich die kennzeichnenden Züge dieser Taktik klarzumachen.

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