"Stalin"

Werke

Band 6

DIE OKTOBERREVOLUTION
UND DIE TAKTIK DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

IV
DIE OKTOBERREVOLUTION
ALS BEGINN UND VORAUSSETZUNG
DER WELTREVOLUTION

Es ist unzweifelhaft, dass die Universaltheorie des gleichzeitigen Sieges der Revolution in den ausschlaggebenden Ländern Europas, die Theorie der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, sich als künstliche, lebensunfähige Theorie erwiesen hat. Die siebenjährige Geschichte der proletarischen Revolution in Rußland spricht nicht für, sondern gegen diese Theorie. Diese Theorie ist nicht nur als Entwicklungsschema der Weltrevolution unannehmbar, denn sie steht im Widerspruch zu offenkundigen Tatsachen. Sie ist noch unannehmbarer als Losung, denn sie fördert nicht, sondern hemmt die Initiative der einzelnen Länder, die infolge gewisser historischer Bedingungen die Möglichkeit erhalten, die Front des Kapitals selbständig zu durchbrechen, denn sie spornt nicht zum aktiven Angriff auf das Kapital in den einzelnen Ländern an, sondern veranlasst zum passiven Abwarten des Augenblicks der "allgemeinen Entscheidung", denn sie pflegt unter den Proletariern der einzelnen Länder nicht den Geist revolutionärer Entschlossenheit, sondern den Geist Hamletscher Zweifel - "wie aber, wenn uns die anderen plötzlich im Stich lassen?". Lenin hat vollkommen Recht, wenn er sagt, dass der Sieg des Proletariats in einem Lande den "typischen Fall" darstellt, während eine "gleichzeitige Revolution in einer Reihe von Ländern" nur eine "seltene Ausnahme" sein kann. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 28, S.232 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, 5.434].)

Die Lenin sche Theorie der Revolution beschränkt sich bekanntlich jedoch nicht auf diese eine Seite der Frage. Sie ist gleichzeitig die Theorie der Entwicklung der Weltrevolution? Der Sieg des Sozialismus in einem Lande ist keine für sich allein zu nehmende Aufgabe. Die Revolution des siegreichen Landes darf sich nicht als eine sich selbst genügende Größe, sondern muss sich als Stütze, als Mittel zur Beschleunigung des Sieges des Proletariats in allen Ländern betrachten. Denn der Sieg der Revolution in einem Lande, im gegebenen Fall in Rußland, ist nicht nur das Produkt der ungleichmäßigen Entwicklung und des fortschreitenden Zerfalls des Imperialismus. Er ist zugleich der Beginn und die Voraussetzung der Weltrevolution.

Zweifellos sind die Entwicklungswege der Weltrevolution nicht so einfach, wie es früher, vor dem Siege der Revolution in einem Lande, vor dem Aufkommen des entwickelten Imperialismus, der der "Vorabend der sozialistischen Revolution" ist, scheinen mochte. Denn es ist ein neuer Faktor in Erscheinung getreten, wie das unter den Bedingungen des entwickelten Imperialismus wirkende Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder, ein Gesetz, das von der Unvermeidlichkeit kriegerischer Zusammenstöße, von der allgemeinen Schwächung der Weltfront des Kapitals und von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern zeugt. Denn es ist ein neuer Faktor in Erscheinung getreten, wie das gewaltige Sowjetland, das zwischen West und Ost liegt, zwischen dem Zentrum der finanziellen Ausbeutung der Welt und dem Schauplatz der kolonialen Unterdrückung, ein Land, das allein durch seine Existenz die ganze Welt revolutioniert.

Das sind alles Faktoren (von anderen, weniger wichtigen sehe ich ab), die beim Studium der Wege der Weltrevolution unbedingt berücksichtigt werden müssen.

Früher glaubte man gewöhnlich, die Entwicklung der Revolution werde so vor sich gehen, dass die Elemente des Sozialismus, in erster Linie in den entwickeltsten, in den "fortgeschrittenen" Ländern, gleichmäßig "ausreifen". Jetzt bedarf diese Vorstellung wesentlicher Abänderungen.

"Es hat sich jetzt", sagt Lenin , "ein solches System internationaler Beziehungen herausgebildet, dass in Europa ein Staat von den Siegerstaaten geknechtet ist, nämlich Deutschland. Ferner befinden sich mehrere Staaten, und zwar die ältesten Staaten des Westens, infolge ihres Sieges in einer Lage, in der sie diesen Sieg dazu benutzen können, ihren unterdrückten Klassen eine Reihe unwesentlicher Zugeständnisse zu machen, Zugeständnisse, die die revolutionäre Bewegung in diesen Ländern immerhin hinauszögern und eine Art ´sozialen Friedens´ schaffen.

Gleichzeitig wurde eine ganze Reihe von Ländern: der Osten, Indien, China usw., gerade infolge des letzten imperialistischen Krieges endgültig aus dem Gleis geworfen. Ihre Entwicklung hat endgültig die allgemein-europäische kapitalistische Richtung genommen. In diesen Ländern begann die gleiche Gärung wie in ganz Europa. Und es ist jetzt aller Welt klar, dass sie von einer Entwicklung erfasst sind, die zwangsläufig zu einer Krise des ganzen Weltkapitalismus führen muss."

Infolgedessen und im Zusammenhang damit "werden die westeuropäischen kapitalistischen Länder ihre Entwicklung zum Sozialismus... nicht so vollenden, wie wir es früher erwartet haben. Sie vollenden sie nicht dadurch, dass der Sozialismus in diesen Ländern gleichmäßig ´ausreift´, sondern auf dem Wege der Ausbeutung der einen Staaten durch die anderen, auf dem Wege der Ausbeutung des ersten während des imperialistischen Krieges besiegten Staates, verbunden mit der Ausbeutung des gesamten Ostens. Der Osten anderseits wurde eben infolge dieses ersten imperialistischen Krieges endgültig von einer revolutionären Bewegung erfasst und endgültig in den allgemeinen Strudel der revolutionären Weltbewegung hineingerissen." (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 456/457 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. 11, S. 1016/1017].)

Fügt man die Tatsache hinzu, dass nicht nur die besiegten Länder und die Kolonien von den Siegerländern ausgebeutet werden, sondern dass auch ein Teil der Siegerländer in den Bereich der finanziellen Ausbeutung durch die mächtigsten Siegerländer, Amerika und England, gerät; dass die Gegensätze zwischen allen diesen Ländern einen überaus wichtigen Faktor der Zersetzung des Weltimperialismus bilden; dass außer diesen Gegensätzen noch innerhalb jedes dieser Länder die tiefsten Gegensätze bestehen und sich entwickeln; dass alle diese Gegensätze durch die Tatsache vertieft und verschärft werden, dass neben diesen Ländern die große Republik der Sowjets existiert - zieht man das alles in Betracht, dann wird das eigenartige Bild der internationalen Lage mehr oder weniger vollständig.

Es ist am wahrscheinlichsten, dass die Weltrevolution sich auf dem Wege des revolutionären Ausscheidens einer Reihe neuer Länder aus dem imperialistischen Staatensystem entwickeln wird, wobei die Proletarier dieser Länder von dem Proletariat der imperialistischen Staaten unterstützt werden. Wir sehen, dass das erste Land, das ausgeschieden ist, das erste siegreiche Land, bereits von den Arbeitern und den werktätigen Massen der anderen Länder unterstützt wird. Ohne diese Unterstützung könnte sich dieses Land nicht behaupten. Zweifellos wird diese Unterstützung sich verstärken und zunehmen. Zweifellos aber wird auch die Entwicklung der Weltrevolution, der Prozess des Ausscheidens einer Reihe neuer Länder aus dem Imperialismus, sich um so schneller und gründlicher vollziehen, je gründlicher sich der Sozialismus in dem ersten siegreichen Lande festigt, je schneller sich dieses Land in eine Basis für die weitere Entfaltung der Weltrevolution, in einen Hebel zur weiteren Zersetzung des Imperialismus verwandelt.

Wenn der Satz richtig ist, dass der endgültige Sieg des Sozialismus in dem Lande, das sich als erstes befreit hat, ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder unmöglich ist, so ist es ebenso richtig, dass die Weltrevolution sich um so schneller und gründlicher entfalten wird, je wirksamer die von dem ersten sozialistischen Lande den Arbeitern und werktätigen Massen aller übrigen Länder geleistete Hilfe ist.

Worin muss diese Hilfe zum Ausdruck kommen?

Sie muss erstens darin zum Ausdruck kommen, dass das siegreiche Land "ein Höchstmaß dessen durchführt, was in einem Lande für die Entwicklung, Unterstützung, Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar ist" (siehe Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 28, S. 269 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. II, S. 470]).

Sie muss zweitens darin zum Ausdruck kommen, dass das "siegreiche Proletariat" des einen Landes "sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen würde und die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen würde." (Siehe Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 21, S.311 [deutsch in "Ausgewählte Werke" in zwei Bänden, Bd. I, S.753].)

Die kennzeichnende Besonderheit dieser Hilfe von seiten des siegreichen Landes besteht nicht nur darin, dass sie den Sieg der Proletarier in den anderen Ländern beschleunigt, sondern auch darin, dass sie durch die Erleichterung dieses Sieges zugleich den endgültigen Sieg des Sozialismus in dem ersten siegreichen Lande gewährleistet.

Es ist am wahrscheinlichsten, dass im Verlauf der Entwicklung der Weltrevolution neben den Zentren des Imperialismus in Form einzelner kapitalistischer Länder und neben dem System dieser Länder in der ganzen Welt Zentren des Sozialismus in Form einzelner Sowjetländer und ein System dieser Zentren in der ganzen Welt entstehen werden, wobei der Kampf zwischen diesen beiden Systemen die Geschichte der Entfaltung der Weltrevolution ausfüllen wird.

Denn, sagt Lenin , "die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten". (Ebenda.)

Die weltgeschichtliche Bedeutung der Oktoberrevolution besteht nicht nur darin, dass sie der großen Initiative eines einzelnen Landes bei der Durchbrechung des Systems des Imperialismus entsprang und die erste Heimstätte des Sozialismus im Ozean der imperialistischen Länder ist, sondern auch darin, dass sie die erste Etappe der Weltrevolution und eine mächtige Basis für ihre weitere Entfaltung bildet.

Deshalb haben nicht nur diejenigen Unrecht, die den internationalen Charakter der Oktoberrevolution vergessen und den Sieg der Revolution in einem Lande als eine rein nationale und ausschließlich nationale Erscheinung hinstellen. Unrecht haben auch diejenigen, die zwar des internationalen Charakters der Oktoberrevolution eingedenk sind, aber dazu neigen, diese Revolution als etwas Passives zu betrachten, das lediglich dazu berufen ist, Unterstützung von außen entgegenzunehmen. In Wirklichkeit braucht nicht nur die Oktoberrevolution die Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern, sondern die Revolution in diesen Ländern braucht auch die Unterstützung der Oktoberrevolution, um die Sache der Niederwerfung des Weltimperialismus zu beschleunigen und vorwärtszubringen.

17. Dezember 1924.

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