"Stalin"

Werke

Band 7

BRIEF AN GENOSSEN D-OW

Genosse D-ow!

Ich antworte mit Verspätung: aus Zeitmangel konnte ich nicht rechtzeitig antworten.

1. Ich glaube, dass Sie den Artikel[7] schlecht gelesen haben, sonst hätten Sie dort unbedingt das Zitat aus Iljitschs Artikel finden müssen, das vom „Siege des Sozialismus in einem Lande” spricht.

2. Wenn Sie den Artikel aufmerksam durchlesen, so werden Sie wahrscheinlich begreifen, dass es sich nicht um den vollständigen Sieg des Sozialismus, sondern um den Sieg des Sozialismus überhaupt handelt, das heißt darum, die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu verjagen, die Macht zu ergreifen, die Attacken des Imperialismus abzuschlagen und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. All dies kann dem Proletariat in einem Lande durchaus gelingen, eine vollständige Garantie gegen die Restauration kann jedoch nur das Ergebnis „gemeinsamer Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder” sein.

Es wäre töricht gewesen, die Oktoberrevolution in Rußland zu beginnen, wenn man überzeugt gewesen wäre, dass sich das siegreiche Proletariat Rußlands bei offenkundiger Sympathie von seiten der Proletarier der anderen Länder, aber ohne den Sieg in mehreren Ländern, „einem konservativen Europa gegenüber nicht behaupten kann”. Das ist kein Marxismus, sondern ganz gewöhnlicher Opportunismus, Trotzkismus, alles, was Sie nur wollen. Wenn die Theorie Trotzkis richtig wäre, so hätte Iljitsch unrecht gehabt, als er behauptete, dass wir das Rußland der NÖP in ein sozialistisches Rußland verwandeln werden, dass wir „alles haben, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten” (siehe „Über das Genossenschaftswesen”[8]).

3. Sie haben anscheinend nicht beachtet, dass der veröffentlichte Artikel ein Teil des „Vorworts” ist. Wenn Sie dies beachtet hätten, so hätten Sie - glaube ich - verstanden, dass man das „Vorwort” als Ganzes nehmen muss.

4. Das Gefährlichste in unserer politischen Praxis ist, wenn man das siegreiche proletarische Land als etwas Passives zu betrachten sucht, das, solange nicht die siegreichen Proletarier anderer Länder zu Hilfe kommen, zu nichts weiter fähig ist, als auf der Stelle zu treten. Nehmen wir an, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren Sowjetordnung in Rußland im Westen noch nicht zur Revolution kommt; nehmen wir an, dass unsere Republik während dieser Periode ihre Existenz trotzdem behauptet als Sowjetrepublik, die unter den Verhältnissen der NÖP die sozialistische Wirtschaft aufbaut (Zu dieser zweiten Annahme bin ich voll und ganz berechtigt, da die Kräfte unserer Republik wachsen und wachsen werden und die Unterstützung von seiten der westlichen Genossen zunimmt und zunehmen wird.) - glauben Sie, dass sich unser Land während dieser fünf bis zehn Jahre damit beschäftigen wird, Wasser ins Meer zu tragen, und nicht damit, die sozialistische Wirtschaft zu organisieren? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie gefährlich die Theorie der Leugnung des Sieges des Sozialismus in einem Lande ist.

Bedeutet das aber, dass dieser Sieg vollständig, dass er endgültig sein wird? Nein, das bedeutet es nicht (siehe mein „Vorwort`"), da, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, die Gefahr einer militärischen Intervention ständig vorhanden sein wird. Dass dies aber trotzdem ein Sieg des Sozialismus, nicht aber eine Niederlage ist, sieht ein jeder. Und dass dieser Sieg zugleich eine Voraussetzung für den Sieg der Revolution in anderen Ländern ist - daran zu zweifeln gibt es wohl kaum einen Grund.

Ich sehe, dass einige Genossen sich noch nicht von der alten sozialdemokratischen Theorie losgesagt haben, die besagt, dass in Ländern, die kapitalistisch weniger entwickelt sind als, sagen wir, England oder Amerika, für die proletarische Revolution kein Boden vorhanden sei.

5. Ich rate Ihnen, einige Artikel von Iljitsch in dem Sammelband „Gegen den Strom”[9], seine Schriften „Die proletarische Revolution”[10] und „Die Kinderkrankheit”[11] sowie seinen Artikel „Über das Genossenschaftswesen” nochmals zu lesen.

Mit kommunistischem Gruß
J. Stalin

25. Januar 1925.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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