"Stalin"

Werke

Band 7

BRIEF AN GENOSSEN ME-RT

Werter Genosse Me-rt!

Ihren Brief vom 20. Februar habe ich erhalten. Nehmen Sie vor allem meinen Gruß entgegen. Und nun zur Sache.

1. Sie (und nicht nur Sie) haben die Angelegenheit mit dem Interview mit Herzog zu sehr aufgebauscht. Davonjagen konnte ich ihn nicht und werde es auch nicht tun, nicht nur, weil er Mitglied der Partei ist, sondern auch, weil er mit einem Brief des Genossen Geschke zu mir kam, in dem dieser mich beschwor, Herzog ein Interview zu geben. Eine Kopie dieses Briefes schicke ich Ihnen zu. Das deutsche Original des Briefes wurde von mir bereits an das ZK der KPD gesandt. Wenn allein aus der Tatsache, dass Herzog in Anbetracht der schriftlichen Bitte des Genossen Geschke ein Interview gegeben wurde, schon die Schlussfolgerung gezogen wird, das ZK der KPR(B) mache eine Wendung zu Brandler oder beabsichtige, sie zu machen, dann bedeutet das, nicht einmal aus einer Mücke, sondern aus einem Nichts einen Elefanten zu machen und ins Leere zu treffen. Wenn das ZK der KPR(B) erführe, dass Sie oder andere Mitglieder des ZK der KPD das ZK der KPR(B) der Sympathien zu Brandler-Thalheimer[17] und einer Wendung von den Linken zu den Rechten verdächtigen, würde es sich krank lachen.

2. Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie behaupten, dass die deutsche Kommunistische Partei gewaltige Erfolge erzielt hat. Zweifelsohne gehören Brandler und Thalheimer zur Kategorie des alten Typus von Führern, deren Zeit vorbei ist und die von Führern des neuen Typus in den Hintergrund gedrängt werden. Bei uns in Rußland fand der Prozess des Absterbens einer ganzen Reihe alter führender Funktionäre aus den Kreisen der Literaten und alter „Führer” ebenfalls statt. Er verschärfte sich in Perioden revolutionärer Krisen, er ließ nach in Perioden der Sammlung der Kräfte, aber er fand immer statt. Die Lunatscharski, Pokrowski, Roshkow, Goldenberg, Bogdanow, Krassin usw. - das sind die ersten mir einfallenden Beispiele ehemaliger bolschewistischer Führer, die dann eine untergeordnete Rolle spielten. Das ist ein notwendiger Prozess der Erneuerung der führenden Kader einer lebendigen und sich entwickelnden Partei. Der Unterschied zwischen den Brandler-Thalheimer und diesen letzteren Genossen besteht, nebenbei bemerkt, darin, dass die Brandler und Thalheimer, außer allem anderen, den alten sozialdemokratischen Ballast mit sich schleppen, während die oben genannten russischen Genossen von einem solchen Ballast frei waren. Und dieser Unterschied spricht, wie Sie sehen, nicht zugunsten der Brandler-Thalheimer, sondern gegen sie. Die Tatsache, dass es der KPD gelungen ist, die Brandler und Thalheimer von der Bühne zu verdrängen und zu verjagen - schon allein diese Tatsache spricht dafür, dass die KPD wächst, sich vorwärts bewegt, bedeutende Erfolge hat. Ich spreche schon gar nicht von jenen unzweifelhaften Erfolgen der KPD, über die Sie vollkommen richtig in Ihrem Briefe schreiben. Jetzt zu meinen, es gäbe im ZK der KPR(B) Leute, die planten, das Rad der Entwicklung der deutschen Kommunistischen Partei zurückzudrehen, bedeutet, eine zu schlechte Meinung vom ZK der KPR(B) zu haben. Vorsichtiger, Genosse Me-rt...

3. Sie sprechen von der Linie der KPD. Zweifellos ist ihre Linie - ich spreche von der politischen Linie - richtig. Damit erklären sich eigentlich auch jene nahen, freundschaftlichen (und nicht nur kameradschaftlichen) Beziehungen zwischen der KPR(B) und der KPD, von denen Sie selbst in Ihrem Briefe sprechen. Aber bedeutet das, dass wir einzelne Fehler in der politischen Arbeit der KPD oder der KPR(B) vertuschen sollen? Natürlich bedeutet es das nicht. Kann man behaupten, das ZK der KPD oder das ZK der KPR(B) seien frei von einzelnen Fehlern? Kann man behaupten, eine teilweise Kritik an der Tätigkeit des ZK der KPD (ungenügende Ausnützung des Barmat-Skandals[18], die bekannte Abstimmung der kommunistischen Fraktion im Preußischen Landtag zur Frage der Wahl des Landtagspräsidenten, die Frage der Steuern in Verbindung mit dem Dawesplan usw.) sei unvereinbar mit einer völligen Solidarisierung mit der allgemeinen Linie des ZK der KPD? Es ist klar, dass man das nicht kann. Was wird aus unseren Parteien werden, wenn wir, sagen wir, im Exekutivkomitee der Komintern zusammenkommen und die Augen vor einzelnen Fehlern unserer Parteien verschließen, uns für eine Parade „des völligen Einverständnisses” und des „Wohlergehens” begeistern und in allem einander zustimmen werden? Ich denke, dass solche Parteien niemals revolutionäre Parteien werden können. Das wären Mumien, aber keine revolutionären Parteien. Mir scheint, dass manche deutsche Genossen zuweilen nicht abgeneigt sind, von uns zu fordern, dem Zentralkomitee der KPD immer nur zuzustimmen, wobei sie selber stets bereit sind, dem Zentralkomitee der KPR(B) in allem zuzustimmen. Ich bin entschieden gegen diese gegenseitige Zustimmerei. Nach Ihrem Brief zu urteilen, sind auch Sie dagegen. Umso besser für die KPD.

4. Ich bin entschieden gegen die Politik des Hinausjagens aller anders denkenden Genossen. Ich bin nicht darum gegen eine solche Politik, weil ich mit den Andersdenkenden Mitleid hätte, sondern darum, weil eine solche Politik in der Partei ein Regime des Einschüchterns, ein Regime des Furchteinflößens, ein Regime erzeugt, das den Geist der Selbstkritik und der Initiative tötet. Es ist nicht gut, wenn man die Führer der Partei fürchtet, sie aber nicht achtet. Führer der Partei können nur in dem Falle wirkliche Führer sein, wenn man sie nicht nur fürchtet, sondern sie auch in der Partei achtet, ihre Autorität anerkennt. Solche Führer heranzubilden ist schwer, das ist eine langwierige und schwierige, aber unbedingt notwendige Sache, denn ohne diese Bedingung kann die Partei nicht als wirklich bolschewistische Partei bezeichnet werden, kann die Disziplin der Partei keine bewusste Disziplin sein. Ich glaube, dass die deutschen Genossen gegen diese offenkundige Wahrheit sündigen. Um Trotzki und seine Anhänger zu desavouieren, entfalteten wir russischen Bolschewiki eine ganz intensive prinzipielle Aufklärungskampagne für die Grundlagen des Bolschewismus gegen die Grundlagen des Trotzkismus, obgleich wir, nach der Kraft und dem spezifischen Gewicht des ZK der KPR(B) zu urteilen, ohne diese Kampagne hätten auskommen können. War diese Kampagne notwendig? Sie war unbedingt notwendig, denn durch sie haben wir Hunderttausende neuer Mitglieder der Partei (und Nichtmitglieder) im Geiste des Bolschewismus erzogen. Es ist äußerst traurig, dass unsere deutschen Genossen nicht die Notwendigkeit empfinden, den Repressalien gegen die Opposition eine breite prinzipielle Aufklärungskampagne vorausgehen zu lassen oder sie durch eine solche zu ergänzen, und somit die Erziehung der Parteimitglieder und der Parteikader im Geiste des Bolschewismus erschweren. Brandler und Thalheimer davonzujagen ist nicht schwer, das ist eine leichte Sache. Aber das Brandlerianertum zu überwinden ist eine komplizierte und ernste Angelegenheit; da kann man mit Repressalien allein die Sache nur verderben - hier muss man den Boden tief umpflügen und die Köpfe ernstlich aufklären. Die KPR(B) entwickelte sich stets durch Widersprüche, das heißt im Kampf gegen nichtkommunistische Strömungen, und nur in diesem Kampf wurde sie stark, schmiedete sie wirkliche Kader. Vor der KPD liegt derselbe Weg der Entwicklung durch Widersprüche, durch einen wirklichen, ernsten und langwierigen Kampf gegen nichtkommunistische Strömungen, besonders gegen die sozialdemokratischen Traditionen, das Brandlerianertum u. a. Aber für einen solchen Kampf sind Repressalien allein nicht genügend. Gerade darum denke ich, dass man die innerparteiliche Politik des ZK der KPD elastischer gestalten muss. Ich bezweifle nicht, dass es die KPD verstehen wird, die Mängel auf diesem Gebiet abzustellen.

5. Sie haben vollkommen Recht hinsichtlich der Arbeit in den Gewerkschaften. Die Rolle der Gewerkschaften ist in Deutschland eine andere als in Rußland. In Rußland sind die Gewerkschaften nach der Partei entstanden und waren im Grunde genommen Hilfsorgane der Partei. Anders war es in Deutschland und in Europa überhaupt. Dort ist die Partei aus den Gewerkschaften hervorgegangen, hinsichtlich des Einflusses auf die Massen konkurrierten die Gewerkschaften erfolgreich mit der Partei und hingen der Partei oft wie ein schweres Bleigewicht an den Füßen. Würde man die breiten Massen in Deutschland oder in Europa überhaupt fragen, mit welcher Organisation sie sich mehr verbunden fühlen, mit der Partei oder mit den Gewerkschaften, so würden sie ohne Zweifel antworten, dass ihnen die Gewerkschaften näher stehen als die Partei. Ob das nun schlecht ist oder gut, jedenfalls ist es Tatsache, dass die parteilosen Arbeiter in Europa die Gewerkschaften als ihre Hauptfestungen betrachten, die ihnen im Kampf gegen die Kapitalisten (Arbeitslohn, Arbeitstag, Versicherung und dergleichen mehr) helfen, während sie die Partei als eine Art Hilfsorganisation, als etwas Zweitrangiges, wenn auch Notwendiges einschätzen. Daraus erklärt sich denn auch, dass der direkte Kampf, den die „Ultralinken” gegen die heutigen Gewerkschaften von außen her führen, von den breiten Arbeitermassen als Kampf gegen ihre Hauptfestungen gewertet wird, an denen sie jahrzehntelang gebaut haben und die die „Kommunisten” jetzt zerstören wollen. Dieser Besonderheit keine Rechnung tragen heißt die ganze Sache der kommunistischen Bewegung im Westen zugrunde richten. Hieraus aber ergeben sich zwei Schlussfolgerungen:

Erstens, man kann im Westen die Millionenmassen der Arbeiterklasse nicht gewinnen, ohne die Gewerkschaften zu erobern, und zweitens, man kann die Gewerkschaften nicht erobern, ohne innerhalb dieser Gewerkschaften zu arbeiten und dort seinen Einfluss zu festigen.

Gerade darum muss man auf die Arbeit unserer Genossen in den Gewerkschaften besondere Aufmerksamkeit richten.

Das ist vorläufig alles. Schelten Sie mich nicht wegen meiner Offenheit und Schärfe.

J. Stalin
28.2.25.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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