"Stalin"

Werke

Band 7

ZUR INTERNATIONALEN LAGE UND ZU DEN
AUFGABEN DER KOMMUNISTISCHEN PARTEIEN

Aus der Reihe der Erscheinungen, die auf dem Gebiet der internationalen Lage von entscheidender Bedeutung sind, müssen folgende grundlegende Tatsachen hervorgehoben werden:

1. Es steht außer Zweifel, dass es dem Kapital gelungen ist, aus dem Morast der Nachkriegskrise herauszukommen. Die Stabilisierung der Währung in einer Reihe kapitalistischer Länder, das Anwachsen des Welthandels und die Erweiterung der Produktion in einzelnen Ländern, die Ausfuhr und das Eindringen von Kapital, besonders von englisch-amerikanischem, in die Länder Europas und Asiens - all dies zeugt von den Erfolgen der „Aufbauarbeit” des Kapitals. Diese „Arbeit” geht bekanntlich mit dem englisch-amerikanischen Block an der Spitze vor sich. Als eins der wichtigsten Ergebnisse dieser „Arbeit” ist die so genannte „Dawesierung” Deutschlands anzusehen, das heißt der Übergang von der Methode der militärischen Intervention zur Methode der finanziellen Intervention, zur Methode der finanziellen Knechtung Deutschlands.

2. Es steht gleichfalls außer Zweifel, dass im Zentrum Europas, in Deutschland, die Periode des revolutionären Aufschwungs bereits beendet ist. Die Periode des Aufschwungs der Revolution, wenn die Bewegung aufwallt, anschwillt und über die Ufer tritt, die Losungen der Partei aber hinter der Bewegung zurückbleiben, wenn die Massen den Rahmen der Gesetzlichkeit sprengen und gegen die alte Ordnung Sturm laufen, sich eigenmächtig ein neues Recht schaffend - diese Periode ist in Deutschland bereits vorüber. Aus der Periode des Sturms ist die Arbeiterbewegung in Deutschland in eine Periode der Sammlung der Kräfte eingetreten, in eine Periode der Formierung und Ausbildung der proletarischen Armee unter dem Banner des Kommunismus. Es bedarf wohl kaum des Beweises, dass dieser Umstand eine ernste Bedeutung haben muss. Dies muss mit umso größerer Bestimmtheit gesagt werden, damit man sich in der neuen Lage schnell orientieren und die Arbeit zur Vorbereitung der Revolution auf neue Weise beginnen kann.

Das sind die Tatsachen, die für die Bourgeoisie eine positive Bedeutung haben, denn sie zeugen von der Kraft und von den Erfolgen des Kapitals im gegebenen Augenblick.

Neben diesen Tatsachen gibt es aber noch eine Reihe von Tatsachen, die für den Kapitalismus eine negative Bedeutung haben:

1. Es steht außer Zweifel, dass zugleich mit der Erstarkung des Kapitalismus ein Anwachsen der Gegensätze zwischen den kapitalistischen Gruppen vor sich geht, ein Anwachsen der Kräfte, die den Kapitalismus schwächen und zersetzen. Der Kampf zwischen England und Amerika um das Erdöl, um Kanada, um Absatzmärkte und dergleichen mehr; der Kampf zwischen dem englisch-amerikanischen Block und Japan um die östlichen Märkte; der Kampf zwischen England und Frankreich um den Einfluss in Europa; schließlich der Kampf zwischen dem geknechteten Deutschland und der herrschenden Entente - all dies sind allgemein bekannte Tatsachen, die davon zeugen, dass die Erfolge des Kapitals nicht von Dauer sind, dass der Prozess der „Gesundung” des Kapitalismus die Voraussetzungen seiner inneren Schwäche und Zersetzung in sich birgt.

2. Das Anwachsen und die Stärkung der nationalen Befreiungsbewegung in Indien, in China, in Ägypten, in Indonesien, in Nordafrika usw., die das Hinterland des Kapitalismus untergraben. Wenn die „Gesundung” des Imperialismus eine Erweiterung der Einflusssphäre in den Kolonien und abhängigen Ländern erfordert, der Kampf dieser Länder gegen den Imperialismus sich aber zweifellos verstärkt, so ist es klar, dass die Erfolge des Imperialismus auf diesem Gebiet nicht dauerhaft sein können.

3. Der Kampf um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung in Europa und die Krise der Amsterdamer Vereinigung[20]. Der Kampf der englischen Gewerkschaften um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung, die Unterstützung dieses Kampfes seitens der sowjetischen Gewerkschaften, die Verwandlung des Kampfes um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung in einen Kampf gegen die konterrevolutionäre Spitze von Amsterdam (Oudegeest, Sassenbach, Jouhaux usw.), die die Linie der Spaltung der Gewerkschaften verfolgt - all dies sind Tatsachen, die dafür sprechen, dass die Amsterdamer Vereinigung eine tiefe Krise durchmacht. Was aber bedeutet die Krise von Amsterdam? Sie zeugt von der Labilität der bürgerlichen Macht; denn die Amsterdamer Gewerkschaftsbürokratie bildet einen Bestandteil und eine Stütze dieser Macht.

4. Das wirtschaftliche Wachstum der Sowjetunion. Es steht außer Zweifel, dass die Lügenmärchen der bürgerlichen Schreiberlinge über die Unfähigkeit der Sowjets, die Industrie in Gang zu bringen, völliges Fiasko erlitten haben. Es steht außer Zweifel, dass die Industrie der Sowjetunion in den letzten zwei Jahren nach der Intervention und der Blockade wiedererstanden und erstarkt ist. Es steht außer Zweifel, dass sich die materielle und kulturelle Lage der Arbeiter in dieser kurzen Frist wesentlich verbessert hat. Es steht außer Zweifel, dass diese Verbesserung auch weiterhin fortschreiten wird. Alle diese Umstände sind jetzt von entscheidender Bedeutung für die Revolutionierung der Arbeiter der kapitalistischen Länder. Ich glaube, dass sich die Arbeiter des Westens nie so sehr für Rußland interessiert haben wie jetzt. Warum? Weil zu ihnen Gerüchte gelangen über das neue Dasein der sowjetischen Arbeiter in einem Arbeiterstaat, der Sowjetunion heißt, und sie die Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte nachprüfen möchten. Die Tatsache, dass Dutzende und Hunderte von Arbeitern, ohne Unterschied der Richtungen, aus Europa nach Rußland reisen und jeden Winkel durchforschen diese Tatsache zeugt ohne Zweifel davon, dass das Interesse für Rußland unter den Arbeitern des Westens mit jedem Monat wachsen wird. Es steht außer Zweifel, dass diese Pilgerfahrten nach Rußland zunehmen werden. Und wenn sie sich überzeugt haben werden, dass jeder Schritt in der Entwicklung der Industrie in Rußland zugleich einen Schritt zur Verbesserung der Lage der Arbeiter bedeutet, nicht aber zu deren Verschlechterung, wie dies gewöhnlich in den kapitalistischen Ländern der Fall ist, dann werden sie verstehen, dass es auch für sie, die Arbeiter des Westens, an der Zeit ist, bei sich zu Hause einen Arbeiterstaat zu errichten. Darum stellt schon allein die Existenz des Sowjetstaates für den Imperialismus eine tödliche Gefahr dar. Darum können keine Erfolge des Imperialismus von Dauer sein, solange der Sowjetstaat auf der Welt besteht und sich entwickelt.

Dies sind die Tatsachen, die für die Bourgeoisie eine negative Bedeutung haben, denn sie zeugen von der Stärke der revolutionären Bewegung und von ihren voraussichtlichen Erfolgen in der nächsten Zukunft.

Der Kampf dieser entgegengesetzten Tendenzen, der negativen und der positiven, stellt die Grundlage und den Inhalt der gegenwärtigen internationalen Lage dar.

In diesem Kampf der Gegensätze erwuchs der so genannte Pazifismus, der verblühte, noch ehe er aufgeblüht war, und der weder eine „Ära” noch eine „Epoche” noch eine „Periode” einleitete. Er hat weder die Hoffnungen der Paktierer noch die Befürchtungen der Konterrevolutionäre gerechtfertigt.

In diesem Kampf sind die „glorreichen” Namen Poincares und Hughes', MacDonalds und Herriots untergegangen.

Welche von diesen Tendenzen werden die Oberhand gewinnen, die positiven oder die negativen?

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass mit der Zeit die für den Kapitalismus negativen, für die Revolution günstigen Tendenzen siegen müssen; denn der Imperialismus ist unfähig, die ihn zerfressenden Widersprüche zu lösen, denn er ist nur fähig, sie zeitweise zu lindern, so dass sie dann wieder hervortreten und sich mit neuer vernichtender Kraft entfalten. Aber es besteht auch kein Zweifel, dass gegenwärtig die für den Kapitalismus positiven, günstigen Tendenzen die Oberhand gewinnen.

Darin besteht die Besonderheit der jetzigen internationalen Lage. Das Ergebnis ist, dass wir eine gewisse Periode der Stille in Europa und Amerika haben, die durch die national-revolutionäre Bewegung in den Kolonien „gestört” und durch die Existenz, Entwicklung und Stärkung der Sowjetunion „getrübt” wird.

Für die Bourgeoisie bedeutet das eine Atempause, verstärkte Kapitalausfuhr, weitere Bereicherung, Verstärkung der Unterdrückung und Ausbeutung in den Kolonien, Verstärkung des Drucks auf die Sowjetunion, Konzentrierung aller Kräfte der Konterrevolution uni das englisch-amerikanische Kapital.

Für das Proletariat der kapitalistischen Länder bedeutet das den Beginn einer Periode der Sammlung der Kräfte, den Beginn einer Periode der Formierung und Ausbildung proletarischer Armeen unter dem Banner des Kommunismus unter den Verhältnissen eines Systems von Repressalien, das mit einem System von „Freiheiten” abwechselt.

Für die Kolonien bedeutet das die Verstärkung des Kampfes gegen die nationale Unterdrückung und Ausbeutung, die Verstärkung des Kampfes um die Befreiung vorn Imperialismus.

Für die Sowjetunion bedeutet das die Anspannung aller Kräfte für die weitere Entwicklung der Industrie, für die Verstärkung der Wehrfähigkeit des Landes, für die Konzentrierung der revolutionären Kräfte aller Länder gegen den Imperialismus.

Hieraus ergeben sich die Aufgaben der kommunistischen Parteien:

1. Alle und jegliche Gegensätze im Lager der Bourgeoisie zwecks Zersetzung und Schwächung ihrer Kräfte, zwecks Stärkung der Positionen des Proletariats restlos auszunützen.

2. Die konkreten Formen und Methoden der engeren Verbindung der Arbeiterklasse der fortgeschrittenen Länder mit der national-revolutionären Bewegung der Kolonien und abhängigen Länder zwecks allseitiger Unterstützung dieser Bewegung gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Imperialismus, festzulegen.

3. Den Kampf um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung vorwärts zutreiben und zu Ende zu führen, eingedenk dessen, dass dies das zuverlässigste Mittel zur Gewinnung der Millionenmassen der Arbeiterklasse ist. Denn man kann die Millionenmassen des Proletariats nicht gewinnen, ohne die Gewerkschaften zu erobern, die Gewerkschaften aber kann man nicht erobern, ohne in ihnen zu arbeiten und dort Monat um Monat, Jahr um Jahr das Vertrauen der Arbeitermassen immer mehr zu erwerben. Ohne dies ist an die Erringung der Diktatur des Proletariats gar nicht zu denken.

4. Die konkreten Formen und Methoden der engeren Verbindung der Arbeiterklasse mit dem durch die bürokratische Maschine des bürgerlichen Staates und durch die räuberischen Preise der allmächtigen Truste niedergedrückten Kleinbauerntum festzulegen, eingedenk dessen, dass der Kampf um das Kleinbauerntum eine dringende Aufgabe der Partei ist, die zur Diktatur des Proletariats schreitet.

5. Die Sowjetmacht zu unterstützen und die interventionistischen Machenschaften des Imperialismus gegen die Sowjetunion zu durchkreuzen, eingedenk dessen, dass die Sowjetunion das Bollwerk der revolutionären Bewegung aller Länder ist, dass die Erhaltung und Stärkung der Sowjetunion die Beschleunigung des Sieges der Arbeiterklasse über die Weltbourgeoisie bedeutet.

„Prawda” Nr. 66,
22. März 1925.
Unterschrift: J. Stalin.

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