"Stalin"

Werke

Band 7

AN DIE ERSTE UNIONSKONFERENZ
DER PROLETARISCHEN STUDENTENSCHAFT[24]

Ein Schreiben

Genossen! Ihre Vertreter haben mich aufgefordert, zu den Aufgaben der Partei und der Parteiarbeit unter der proletarischen Studentenschaft Stellung zu nehmen.

Gestatten Sie mir, Ihnen darüber einige Worte zu sagen.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass es dem Proletariat unseres Landes gelungen ist, sich die Vorbedingungen zu schaffen, die für den sozialistischen Aufbau unerlässlich sind. Es ist nicht wahr, dass man in einem einzelnen Lande, das die Kapitalisten und Gutsbesitzer besiegt und verjagt hat, den Sozialismus nicht aufbauen könne. Ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats besteht, das über gewaltige Hilfsquellen verfügt und die Unterstützung der Proletarier aller Länder genießt - ein solches Land kann und muss den Sozialismus aufbauen. Lenin sagte mit Recht, dass unser Land alle Vorbedingungen besitzt, „um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten”. Die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass wir bereits ernstliche Schritte zur Errichtung des Sozialismus getan und den Sozialismus aus einem Heiligenbild in eine prosaische Angelegenheit alltäglicher praktischer Arbeit verwandelt haben.

Welche Rolle muss die proletarische Studentenschaft bei dieser Aufbauarbeit spielen?

Ihr kommt zweifellos eine wichtige, wenn nicht erstrangige Rolle zu. Hochschulen und kommunistische Hochschulen, Arbeiterfakultäten und Techniken - das sind Schulen zur Heranbildung der Kommandeurkader auf dem Gebiet der Wirtschaft und der Kultur. Mediziner und Ökonomen, Genossenschaftler und Pädagogen, Bergbaufachleute und Statistiker, Techniker und Chemiker, Agronomen und Eisenbahner, Tierärzte und Forstwirtschaftler, Elektriker und Mechaniker - sie alle sind künftige Kommandeure bei der Errichtung der neuen Gesellschaft, beim Aufbau der sozialistischen Wirtschaft und der sozialistischen Kultur. Ohne neue Kommandeurkader kann man die neue Gesellschaft nicht errichten, ebenso wie man ohne neue Kommandeurkader auch keine neue Armee aufbauen kann. Die Überlegenheit der neuen Kommandeurkader besteht darin, dass sie berufen sind, nicht im Interesse der Ausbeutung der Werktätigen durch eine Handvoll Reicher zu wirken, sondern im Interesse der Befreiung der Werktätigen, gegen eine Handvoll von Ausbeutern. Es kommt nur darauf an, dass die Studenten der Hochschulen-Arbeiter und Bauern, Parteimitglieder und Parteilose - diese ihre ehrenvolle Rolle erkennen und sie bewusst, nach bestem Wissen und Gewissen durchführen.

Somit ist die erste Aufgabe der Partei, zu erreichen, dass die proletarische Studentenschaft zum bewussten Erbauer der sozialistischen Wirtschaft und der sozialistischen Kultur wird.

Aber mit den Kräften der Kommandeurkader allein, ohne die direkte Unterstützung durch die werktätigen Massen, kann man die neue Gesellschaft nicht aufbauen. Um den Sozialismus errichten zu können, genügen die Kenntnisse der neuen Kommandeurkader nicht. Dazu ist noch erforderlich, dass die werktätigen Massen diesen Kommandeurkadern Vertrauen entgegenbringen und sie unterstützen. Es war ein kennzeichnender Zug der alten Kommandeurkader, die unter dem Kapitalismus wirkten, dass sie von den Arbeitern und Bauern losgelöst waren, dass sie sich über die werktätigen Massen stellten, dass sie weder auf das Vertrauen noch auf die Unterstützung dieser Massen Wert legten und dass ihnen demzufolge weder das eine noch das andere zuteil wurde. Für unser Land ist dieser Weg völlig ungangbar. Die neuen Kommandeurkader, die die neue Wirtschaft und die neue Kultur aufbauen, heißen eigentlich eben deshalb neue, weil sie mit den alten Methoden des Kommandierens entschieden und ein für allemal brechen müssen. Nicht von den Massen losgelöst, sondern aufs engste mit ihnen verbunden sein; sich nicht über die Massen stellen, sondern den Massen vorangehen, sie führen; sich nicht den Massen entfremden, sondern sich mit ihnen verschmelzen und sich das Vertrauen, die Unterstützung der Massen erringen - das sind die neuen Wege, die die neuen Kommandeurkader bei ihrer Tätigkeit gehen müssen. Anders als auf diesen Wegen ist kein sozialistischer Aufbau denkbar.

Somit ist die zweite Aufgabe der Partei, zu erreichen, dass die proletarische Studentenschaft sich als untrennbaren Teil der werktätigen Massen betrachtet, zu erreichen, dass die Studenten sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst werden und als wahrhaft aktive Teilnehmer am gesellschaftlichen Leben auftreten.

Schließlich speziell über die kommunistischen Studenten. Es heißt, dass die kommunistischen Studenten in der Wissenschaft nur geringe Fortschritte machen. Es heißt, dass sie in dieser Hinsicht ernstlich hinter den Parteilosen zurückbleiben. Es heißt, dass die kommunistischen Studenten es vorziehen, sich mit der „hohen Politik” zu befassen, und zwei Drittel ihrer Zeit mit endlosen Diskussionen „über Weltprobleme” vergeuden. Stimmt das alles? Ich glaube, dass es stimmt. Wenn das aber stimmt, so ergeben sich daraus zum mindesten zwei Schlussfolgerungen. Erstens, die kommunistischen Studenten laufen Gefahr, schlechte Leiter des sozialistischen Aufbaus zu werden, denn man kann den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft nicht leiten, ohne die Wissenschaft gemeistert zu haben. Zweitens, wir laufen Gefahr, dass die Heranbildung der neuen Kommandeurkader zum Monopol in den Händen der alten Professoren wird, die neue Kräfte als Nachwuchs brauchen; denn Menschen, die die Wissenschaft nicht meistern wollen oder dies nicht fertig bringen, können nicht als Nachwuchs oder als neue Wissenschaftler herangebildet werden. Es erübrigt sich zu sagen, dass all das zu einer direkten Gefahr für das ganze Werk des sozialistischen Aufbaus werden muss. Kann man sich mit einer solchen Lage abfinden? Es ist klar, dass man das nicht kann. Darum müssen sich die kommunistischen Studenten und die Sowjetstudenten überhaupt klar und bestimmt als nächste Aufgabe stellen: die Wissenschaft zu meistern und einen Nachwuchs für den alten Professorenbestand aus neuen, aus Sowjetmenschen zu schaffen. Ich will damit keineswegs sagen, dass sich die Studenten nicht mit Politik beschäftigen sollen. Durchaus nicht. Ich spreche nur davon, dass die kommunistischen Studenten es verstehen müssen, die politische Arbeit mit der Meisterung der Wissenschaft zu verbinden. Es heißt, dass es schwer sei, eine solche Verbindung zu erreichen. Das ist natürlich richtig. Aber seit wann fürchten sich Kommunisten vor Schwierigkeiten? Die Schwierigkeiten auf dem Wege unseres Aufbaus sind ja gerade dazu da, von uns bekämpft und überwunden zu werden.

Außerdem muss noch ein Umstand in Betracht gezogen werden. Ich denke, dass unser Land mit seinen revolutionären Gepflogenheiten und Traditionen, mit seinem Kampf gegen Trägheit und geistige Stagnation den denkbar günstigsten Boden für das Aufblühen der Wissenschaften abgibt. Es lässt sich wohl nicht bezweifeln, dass philisterhafte Beschränktheit und Routine, die den alten Professoren der kapitalistischen Schule eigen sind, ein Hemmschuh für die Wissenschaft sind. Es lässt sich wohl nicht bezweifeln, dass zu voll entfaltetem und freiem wissenschaftlichem Schaffen nur neue, von diesen Mängeln freie Menschen fähig sind. Unser Land hat in dieser Hinsicht eine große Zukunft als Hochburg und Pflanzstätte der von allen Fesseln befreiten Wissenschaften. Ich denke, dass wir bereits begonnen haben, diesen Weg zu beschreiten. Es wäre aber traurig und der kommunistischen Studenten unwürdig, wenn sie abseits des großen Entwicklungsweges der Wissenschaft blieben. Darum gewinnt die Losung der Meisterung der Wissenschaft besondere Bedeutung.

Somit ist die dritte Aufgabe der Partei, zu erreichen, dass die proletarische Studentenschaft und vor allem die kommunistischen Studenten die Notwendigkeit der Meisterung der Wissenschaft begreifen und dass sie sie meistern.

Nehmen Sie meinen Gruß entgegen.

J. Stalin

„Prawda“ Nr. 87, 16. April 1925

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