"Stalin"

Werke

Band 7

ZU DEN ERGEBNISSEN DER ARBEITEN DER
XIV. KONFERENZ DER KPR(B)

II
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN
DER KOMMUNISTISCHEN PARTEIEN DER
KAPITALISTISCHEN LÄNDER

Ich gehe zur zweiten Fragengruppe über.

Das Neue und Besondere in der Lage der kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder besteht gegenwärtig darin, dass die Periode der Flut der Revolution von einer Periode der Ebbe der Revolution, einer Periode der Stille abgelöst worden ist. Die Aufgabe besteht darin, die gegenwärtige Periode der Stille auszunützen zur Festigung der kommunistischen Parteien, zu ihrer Bolschewisierung, zu ihrer Verwandlung in wirkliche Massenparteien, die sich auf die Gewerkschaften stützen, zum Zusammenschluss der werktätigen Elemente der nichtproletarischen Klassen und vor allem der Bauernschaft um das Proletariat, schließlich zur Erziehung der Proletarier im Geiste der Revolution und der Diktatur des Proletariats.

Ich werde nicht alle aktuellen Aufgaben aufzählen, vor denen die kommunistischen Parteien des Westens stehen. Wenn Sie die entsprechenden Resolutionen, besonders die Resolution des erweiterten Plenums der Komintern über die Bolschewisierung[29] durchlesen, wird es Ihnen nicht schwer sein, zu begreifen, worin eben diese Aufgaben konkret bestehen.

Ich möchte auf die grundlegende Aufgabe eingehen, auf diejenige Aufgabe der kommunistischen Parteien des Westens, deren Klärung die Lösung aller übrigen aktuellen Aufgaben erleichtert.

Was ist das für eine Aufgabe?

Diese Aufgabe besteht darin, eine enge Verbindung zwischen den kommunistischen Parteien des Westens und den Gewerkschaften herzustellen. Diese Aufgabe besteht darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zu führen, allen Kommunisten zur unbedingten Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische Arbeit für den Zusammenschluss der Arbeiter zu einer Einheitsfront gegen das Kapital zu leisten und dadurch die Bedingungen zu schaffen, die es den kommunistischen Parteien er-möglichen, sich auf die Gewerkschaften zu stützen.

Ohne die Durchführung dieser Aufgabe ist weder die Verwandlung der kommunistischen Parteien in wirkliche Massenparteien noch die Vorbereitung der für den Sieg des Proletariats notwendigen Bedingungen möglich.

Die Gewerkschaften und die Parteien im Westen sind etwas anderes als die Gewerkschaften und die Partei bei uns in Rußland. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den Parteien im Westen stimmen bei weitem nicht mit den gegenseitigen Beziehungen überein, die sich bei uns in Rußland herausgebildet haben. Die Gewerkschaften sind bei uns später als die Partei und um die Partei der Arbeiter-klasse entstanden. Bei uns gab es noch keine Gewerkschaften, als die Partei und ihre Organisationen bereits nicht nur den politischen, sondern auch den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiterklasse, die kleinen und kleinsten Streiks mit inbegriffen, leiteten. Dadurch erklärt sich hauptsächlich jene außergewöhnliche Autorität, die unsere Partei unter den Arbeitern vor der Februarrevolution im Vergleich zu jenen Keimen der Gewerkschaften besaß, die bei uns damals hie und da bestanden. Wirkliche Gewerkschaften sind bei uns erst nach dem Februar 1917 entstanden. Vor dem Oktober hatten wir bereits ausgebaute Gewerkschaftsorganisationen, die unter den Arbeitern gewaltige Autorität besaßen. Lenin sagte schon damals, dass ohne eine solche Stütze, wie es die Gewerkschaften sind, die Diktatur des Proletariats weder erkämpft noch behauptet werden kann. Die stärkste Entwicklung nahmen die Gewerkschaften bei uns nach der Machteroberung, besonders unter den Verhältnissen der NÖP. Es unterliegt keinem Zweifel, dass unsere machtvollen Gewerkschaften heute eine der Hauptstützen der Diktatur des Proletariats darstellen. Das Charakteristischste an der Entwicklungsgeschichte unserer Gewerkschaften besteht darin, dass sie später als die Partei, um die Partei und in Freundschaft mit der Partei entstanden, sich entwickelten und erstarkten.

Unter ganz anderen Verhältnissen entwickelten sich die Gewerkschaften im Westen Europas. Erstens sind sie dort lange vor der Partei der Arbeiterklasse entstanden und erstarkt. Zweitens haben sich dort die Gewerkschaften nicht um die Partei der Arbeiterklasse entwickelt, sondern umgekehrt, die Parteien der Arbeiterklasse sind selbst aus den Gewerkschaften hervorgegangen. Drittens mussten sich die Parteien, da das Gebiet des wirtschaftlichen Kampfes, das der Arbeiterklasse am nächsten liegt, von den Gewerkschaften sozusagen bereits erobert war, hauptsächlich mit dem politisch-parlamentarischen Kampf befassen, was auf den Charakter ihrer Arbeit und auf ihr Ansehen in den Augen der Arbeiter-klasse zurückwirken musste. Und gerade weil die Parteien dort später als die Gewerkschaften entstanden, gerade weil die Gewerkschaften lange vor den Parteien geschaffen wurden und eigentlich auch die Hauptfestungen des Proletariats in seinem Kampf gegen das Kapital darstellten - gerade deshalb sahen sich die Parteien, die sich nicht auf die Gewerkschaften stützten, als selbständige Kraft in den Hintergrund gedrängt.

Hieraus folgt aber, dass die kommunistischen Parteien, wenn sie zu einer wirklichen Massenkraft werden wollen, die fähig ist, die Revolution voranzutreiben, eine enge Verbindung mit den Gewerkschaften herstellen und sich auf sie stützen müssen.

Diese Besonderheit der Lage im Westen nicht in Betracht ziehen heißt ganz bestimmt die Sache der kommunistischen Bewegung zugrunde richten.

Dort im Westen gibt es heute noch immer einzelne „Kommunisten”, die diese Besonderheit nicht begreifen wollen und die nach wie vor für die antiproletarische und antirevolutionäre Losung „Heraus aus den Gewerkschaften!” Reklame machen. Es muss gesagt werden, dass niemand der kommunistischen Bewegung im Westen so viel Schaden zufügen kann wie diese und ähnliche „Kommunisten”. Diese Leute gedenken, die Gewerkschaften von außen her „zu attackieren”, da sie diese für ein feindliches Lager halten. Sie begreifen nicht, dass bei einer solchen Politik die Arbeiter diese Leute eben als Feinde betrachten werden. Sie begreifen nicht, dass die Arbeiter in ihrer Masse die Gewerkschaften - ob sie nun gut oder schlecht sind - dennoch als ihre Festungen betrachten, die ihnen helfen, den Arbeitslohn, den Arbeitstag usw. zu wahren. Sie begreifen nicht, dass eine solche Politik das Eindringen der Kommunisten in die Millionenmassen der Arbeiterklasse nicht erleichtert, sondern ihm Abbruch tut.

„Ihr attackiert meine Festung”, kann der Durchschnittsarbeiter aus der Masse solchen „Kommunisten” sagen. „Ihr wollt das Werk zerstören, an dem ich jahrzehntelang gebaut habe, und mir beweisen, dass der Kommunismus besser ist als der Trade-Unionismus. Ich weiß nicht, vielleicht habt ihr auch recht in euren theoretischen Berechnungen bezüglich des Kommunismus - wie soll ich einfacher Arbeiter mich auskennen in euren Theorien - ich weiß aber das eine, dass ich meine Festungen, die Gewerkschaften, habe. Sie haben mich in den Kampf geführt, sie haben mich - recht und schlecht - gegen die Angriffe der Kapitalisten verteidigt, und jeder, der diese Festungen zu zerstören gedenkt, zerstört mein eigenes Arbeiterwerk. Hört auf, meine Festungen zu attackieren, tretet in die Gewerkschaften ein, arbeitet dort fünf Jahre oder noch länger, helft, sie zu verbessern und zu festigen, und ich werde dann sehen, was ihr für Kerle seid, und wenn ihr euch wirklich als tüchtige Kerle erweist, so werde ich mich natürlich nicht weigern, euch zu unterstützen” usw.

So oder ungefähr so begegnet der heutige Durchschnittsarbeiter des Westens den Antigewerkschaftlern.

Wer diese Besonderheit in der Psychologie des europäischen Durchschnittsarbeiters nicht begriffen hat, der wird auch nichts von der gegenwärtigen Lage unserer kommunistischen Parteien begreifen.

Worin liegt die Stärke der Sozialdemokratie im Westen?

Darin, dass sie sich auf die Gewerkschaften stützt.

Worin liegt die Schwäche unserer kommunistischen Parteien im Westen?

Darin, dass sie noch keine enge Verbindung mit den Gewerkschaften hergestellt haben und dass gewisse Elemente dieser kommunistischen Parteien gar keine enge Verbindung mit den Gewerkschaften herstellen wollen.

Daher besteht die Hauptaufgabe der kommunistischen Parteien des Westens im gegenwärtigen Moment darin, die Kampagne für die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu entfalten und zu Ende zu führen, ausnahmslos allen Kommunisten zur Pflicht zu machen, in die Gewerkschaften einzutreten, dort eine systematische geduldige Arbeit im Interesse des Zusammenschlusses der Arbeiterklasse gegen das Kapital zu leisten und dadurch zu erreichen, dass die kommunistischen Parteien sich auf die Gewerkschaften stützen können.

Das ist der Sinn der Beschlüsse des erweiterten Plenums der Komintern über die nächsten Aufgaben der kommunistischen Parteien des Westens im gegenwärtigen Moment.

Weiter zu III.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis