"Stalin"

Werke

Band 7

ZU DEN ERGEBNISSEN DER ARBEITEN DER
XIV. KONFERENZ DER KPR(B)

IV
ÜBER DAS SCHICKSAL DES SOZIALISMUS
IN DER SOWJETUNION

Ich gehe zur vierten Fragengruppe über.

Bisher sprach ich über die von unserer Parteikonferenz angenommenen Resolutionen zu den Fragen, die unmittelbar die Komintern angehen. Jetzt gehen wir zu den Fragen über, die sich sowohl auf die Komintern als auch auf die KPR(B) direkt beziehen und daher das Bindeglied zwischen den äußeren und inneren Fragen bilden.

Wie muss sich die zeitweilige Stabilisierung des Kapitalismus auf das Schicksal des Sozialismus in unserem Lande auswirken? Bedeutet diese Stabilisierung nicht das Ende oder den Anfang vom Ende des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?

Kann man den Sozialismus in unserem in technisch-ökonomischer Hinsicht rückständigen Lande überhaupt aus eigener Kraft errichten, wenn der Kapitalismus in den anderen Ländern für eine mehr oder minder lange Periode bestehen bleibt?

Kann man eine volle Garantie gegen die Interventionsgefahr und folglich auch gegen die Restauration der alten Ordnung in unserem Lande schaffen, wenn die kapitalistische Umkreisung fortbesteht und der Kapitalismus überdies sich gegenwärtig noch stabilisiert hat?

All dies sind Fragen, die im Zusammenhang mit der auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen entstandenen neuen Situation unvermeidlich vor uns auftauchen und die wir nicht umgehen können, auf die wir eine genaue und bestimmte Antwort geben müssen.

Unser Land weist zwei Gruppen von Gegensätzen auf. Die eine Gruppe von Gegensätzen - das sind die inneren Gegensätze, die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen. Die andere Gruppe von Gegensätzen - das sind die äußeren Gegensätze, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind.

Betrachten wir nun diese beiden Gruppen von Gegensätzen gesondert.

Dass gewisse Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen, lässt sich natürlich nicht leugnen. Man braucht sich nur all das ins Gedächtnis zu rufen, was bei uns im Zusammenhang mit der Preispolitik in bezug auf landwirtschaftliche Erzeugnisse, im Zusammenhang mit der Festsetzung von Höchstpreisen, im Zusammenhang mit der Kampagne für die Herabsetzung der Preise für Industriewaren usw. vor sich ging und vor sich geht, um die ganze Realität dieser Gegensätze zu begreifen. Wir haben zwei Hauptklassen vor uns: die Klasse der Proletarier und die Klasse der Privateigentümer, das heißt der Bauernschaft. Daher die Unvermeidlichkeit von Gegensätzen zwischen ihnen. Die ganze Frage ist die, ob wir diese Gegensätze, die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen, aus eigener Kraft überwinden können. Wenn man fragt, ob es möglich ist, den Sozialismus aus eigener Kraft zu errichten, so ist damit die Frage gemeint: Ist es möglich, die zwischen Proletariat und Bauernschaft in unserem Lande bestehenden Gegensätze zu überwinden oder nicht?

Der Lenin ismus beantwortet diese Frage bejahend: Ja, wir können den Sozialismus errichten, und wir werden ihn zusammen mit der Bauernschaft, unter der Führung der Arbeiterklasse aufbauen.

Worin ist eine solche Antwort begründet, womit ist sie motiviert?

Die Motive für diese Antwort bestehen darin, dass zwischen Proletariat und Bauernschaft nicht nur Gegensätze bestehen, sondern dass sie in den grundlegenden Fragen der Entwicklung auch gemeinsame Interessen haben, die diese Gegensätze aufwiegen oder zumindest aufwiegen können und die die Basis, die Grundlage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern bilden.

Worin bestehen diese gemeinsamen Interessen?

Die Sache ist die, dass es zwei Entwicklungswege der Landwirtschaft gibt: den kapitalistischen Weg und den sozialistischen Weg. Der kapitalistische Weg bedeutet eine Entwicklung, die zur Verelendung der Mehrheit der Bauernschaft im Interesse der Bereicherung der oberen Schichten der städtischen und ländlichen Bourgeoisie führt. Der sozialistische Weg hingegen bedeutet eine Entwicklung, die zur fortwährenden Hebung des Wohlstands der Mehrheit der Bauernschaft führt. Wie das Proletariat, so ist auch die Bauernschaft, und diese ganz besonders, daran interessiert, dass die Entwicklung den zweiten, den sozialistischen Weg geht. Denn nur auf diesem Wege kann die Bauernschaft vor Verelendung und Hungerdasein gerettet werden. Es braucht nicht betont zu werden, dass die Diktatur des Proletariats, die die Hauptfäden der Wirtschaft in ihren Händen hält, alle Maßnahmen ergreifen wird, um dem zweiten, dem sozialistischen Wege, zum Siege zu verhelfen. Anderseits ist es selbstverständlich, dass die Bauernschaft zutiefst daran interessiert ist, dass die Entwicklung diesen zweiten Weg geht.

Hieraus entspringt die Gemeinsamkeit der Interessen des Proletariats und der Bauernschaft, die die Gegensätze zwischen ihnen aufwiegt.

Deshalb sagt der Lenin ismus, dass wir zusammen mit der Bauernschaft, auf der Grundlage des Bündnisses der Arbeiter und Bauern die vollendete sozialistische Gesellschaft errichten können und errichten müssen.

Deshalb sagt der Lenin ismus, ausgehend von den gemeinsamen Interessen der Proletarier und Bauern, dass wir die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehenden Gegensätze aus eigener Kraft überwinden können und überwinden müssen.

Das ist der Standpunkt des Lenin ismus zu dieser Frage. Augenscheinlich sind aber nicht alle Genossen mit dem Lenin ismus

einverstanden. Trotzki zum Beispiel schreibt über die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft folgendes:

„Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur - im internationalen Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können.” (Siehe Vorwort zum Buch Trotzkis „Das Jahr 1905“.)

Mit anderen Worten, wir vermögen nicht, sind nicht imstande, die inneren Gegensätze in unserem Lande, die Gegensätze zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft aus eigener Kraft zu überwinden und aufzuheben, denn, so erfährt man, nur im Ergebnis der Weltrevolution und nur auf der Grundlage der Weltrevolution werden wir diese Gegensätze aufheben und den Sozialismus schließlich errichten können.

Es erübrigt sich zu sagen, dass diese These mit dem Lenin ismus nichts gemein hat.

Derselbe Trotzki fährt dann fort:

„Ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde, sozialistische Diktatur zu verwandeln. Daran darf man nicht einen Augenblick zweifeln.” (Siehe Trotzki „Unsere Revolution”, S. 278.)

Mit anderen Worten, solange das westliche Proletariat nicht die Macht ergreift und uns keine staatliche Unterstützung gewährt, dürfen wir nicht einmal davon träumen, die Macht für eine auch nur einigermaßen lange Periode zu behaupten.

Weiter:

„Aussichtslos, zu glauben..., dass zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten könnte” (siehe Trotzkis Schriften, Bd. III, Teil I, S. 90).

Mit anderen Worten, wir können, so erfährt man, den Sozialismus nicht nur nicht errichten, sondern wir können uns auch nicht einmal für eine kurze Zeit, „einem konservativen Europa gegenüber” behaupten, obwohl die ganze Welt weiß, dass wir uns nicht nur behauptet, sondern dass wir auch eine Reihe wütender Attacken des konservativen Europas auf unser Land zurückgeschlagen haben.

Und schließlich:

„Ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland”, sagt Trotzki, „wird erst nach dein Siege - des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein” (ebenda S. 93).

Das ist wohl klar.

Ich habe diese Zitate angeführt, Genossen, um sie Zitaten aus den Werken Lenin s gegenüberzustellen und Ihnen auf diese Weise zu ermöglichen, den Grundkern der Frage der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem von kapitalistischen Staaten umgebenen Lande der proletarischen Diktatur zu erfassen.

Wenden wir uns nun Zitaten aus den Werken Lenin s zu.

Schon im Jahre 1915, während des imperialistischen Krieges, schrieb Lenin :

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen"... Denn „die freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten”. (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S.311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].)

Mit anderen Worten, das Land der proletarischen Diktatur, von Kapitalisten umgeben, ist, wie es sich erweist, nicht nur imstande, die inneren Gegensätze zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft aus eigener Kraft aufzuheben, sondern es kann und muss auch den Sozialismus errichten, eine sozialistische Wirtschaft im eigenen Lande organisieren und eine bewaffnete Macht aufstellen, um den Proletariern der Nachbarländer in ihrem Kampfe um den Sturz des Kapitals zu Hilfe zu eilen.

Das ist die Grundthese des Lenin ismus über den Sieg des Sozialismus in einem Lande.

Das gleiche sagt Lenin , wenn auch in etwas anderer Form, im Jahre 1920 auf dem VIII. Sowjetkongress in Verbindung mit der Frage der Elektrifizierung unseres Landes:

„Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Sonst wird das Land ein kleinbäuerliches Land bleiben, und das müssen wir klar erkennen. Wir sind schwächer als der Kapitalismus, nicht nur im Weltmaßstab, sondern auch im Innern unseres Landes. Das ist allbekannt. Wir haben das erkannt, und wir werden es dahin bringen, dass die wirtschaftliche Grundlage aus einer kleinbäuerlichen zu einer großindustriellen wird. Erst dann, wenn das Land elektrifiziert ist, wenn die Industrie, die Landwirtschaft und das Verkehrswesen eine moderne großindustrielle technische Grundlage erhalten, erst dann werden wir endgültige gesiegt haben.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 484, russ.)

Mit anderen Worten, Lenin ist sich über die technischen Schwierigkeiten der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande durchaus im klaren, aber er zieht daraus keineswegs die absurde Schlussfolgerung, dass „ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird”, sondern er ist der Auffassung, dass wir diese Schwierigkeiten aus eigener Kraft überwinden können und den „endgültigen Sieg” erringen, das heißt den vollendeten Sozialismus errichten können.

Und ein Jahr später, im Jahre 1921, sagt Lenin :

„10-20 Jahre richtiger Beziehungen zur Bauernschaft, und der Sieg ist im Weltmaßstab (sogar bei einer Verzögerung der proletarischen Revolutionen, die anwachsen) gesichert.” („Plan und Konspekte für die Broschüre ‚Über die Naturalsteuer’“, 1921 - siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 302/303, russ.)

Mit anderen Worten, Lenin ist sich über die politischen Schwierigkeiten der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande durchaus im klaren, aber er zieht daraus keineswegs die falsche Schlussfolgerung, dass „ohne direkte staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein wird, die Macht zu behaupten”, sondern er ist der Auffassung, dass wir bei einer richtigen Politik gegenüber der Bauernschaft den „Sieg im Weltmaßstab” durchaus erringen, das heißt den vollendeten Sozialismus errichten können.

Was bedeutet aber eine richtige Politik gegenüber der Bauernschaft? Eine richtige Politik gegenüber der Bauernschaft ist etwas, was voll und ganz von uns und nur von uns abhängt, von der Partei, die die führende Kraft bei der Errichtung des Sozialismus in unserem Lande ist.

Dasselbe, aber mit noch größerer Bestimmtheit, sagt Lenin im Jahre 1922 in seinen Bemerkungen über das Genossenschaftswesen:

„In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 428 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 989].)

Mit anderen Worten, unter der Diktatur des Proletariats sind bei uns, wie es sich erweist, alle Vorbedingungen gegeben, die notwendig sind, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten, wobei alle und jegliche inneren Schwierigkeiten überwunden werden, denn wir können und müssen sie aus eigener Kraft überwinden. Das ist wohl klar.

Dem Einwand, dass die verhältnismäßige ökonomische Rückständigkeit unseres Landes die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus ausschließe, tritt Lenin aufs entschiedenste entgegen und verwirft ihn als etwas, was sich mit dem Sozialismus nicht vereinbaren lässt:

„Unendlich schablonenhaft ist... ihr Argument“, sagt Lenin , „das sie im Verlauf der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben und das darin besteht, dass wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, dass uns, wie sich die verschiedenen ‚gelehrten’ Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 437 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 997].)

Andernfalls hätte es ja keinen Sinn gehabt, im Oktober die Macht zu ergreifen und die Oktoberrevolution durchzuführen. Denn wenn die Möglichkeit und die Notwendigkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft aus diesen oder jenen Erwägungen ausgeschlossen wird, so verliert damit auch die Oktoberrevolution ihren Sinn. Wer die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande leugnet, der muss auch zwangsläufig die Rechtmäßigkeit der Oktoberrevolution leugnen. Und umgekehrt: Wer nicht an den Oktober glaubt, der kann auch die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung nicht anerkennen. Es besteht ein enger und unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Unglauben an den Oktober und der Nichtanerkennung der sozialistischen Möglichkeiten in unserem Lande.

„Ich weiß”, sagt Lenin , „dass es natürlich Neunmalweise gibt, die sich für sehr gescheit halten und sich sogar Sozialisten nennen, die behaupten, man hätte die Macht nicht ergreifen dürfen, solange die Revolution nicht in allen Ländern ausgebrochen wäre. Diese Leute ahnen nicht, dass sie mit diesem Gerede der Revolution den Rücken kehren und auf die Seite der Bourgeoisie übergehen. Zu warten, bis die werktätigen Klassen die Revolution im internationalen Maßstab durchführen, hieße, dass alle in Erwartung zu erstarren hätten. Das ist Unsinn.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)

So verhält es sich mit der ersten Gruppe von Gegensätzen, mit den Gegensätzen innerer Natur, mit der Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung.

Gehen wir nun zur zweiten Gruppe von Gegensätzen über, zu den äußeren Gegensätzen, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, bestehen.

Worin bestehen diese Gegensätze?

Sie bestehen darin, dass, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, auch die Gefahr der Intervention seitens der kapitalistischen Länder bestehen muss und dass, solange eine solche Gefahr besteht, auch die Gefahr der Restauration, die Gefahr der Wiederherstellung der kapitalistischen Ordnung in unserem Lande bestehen muss.

Kann man annehmen, dass diese Gegensätze durch ein Land völlig überwunden werden können? Nein, das kann man nicht. Denn die Anstrengungen eines Landes, selbst wenn dieses Land das Land der proletarischen Diktatur ist, genügen nicht, um es gegen die Gefahr einer Intervention völlig zu sichern. Eine volle Garantie gegen die Intervention und folglich auch der endgültige Sieg des Sozialismus ist infolgedessen nur im internationalen Maßstab, nur als Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier einer Reihe von Ländern oder, noch richtiger gesagt, nur als Ergebnis des Sieges der Proletarier einiger Länder möglich.

Was bedeutet endgültiger Sieg des Sozialismus?

Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen Interventions- und folglich auch gegen Restaurationsversuche, denn ein einigermaßen ernsthafter Restaurationsversuch kann nur mit ernster Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals erfolgen. Deshalb ist die Unterstützung unserer Revolution durch die Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg dieser Arbeiter zum mindesten in einigen Ländern die unerlässliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen Interventions- und Restaurationsversuche, die unerlässliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus.

„Solange unsere Sowjetrepublik”, sagt Lenin , „ein allein stehendes Randgebiet der ganzen kapitalistischen Welt bleibt, wäre es eine absolut lächerliche Phantasterei und Utopie,... an das Verschwinden dieser oder jener Gefahren zu denken. Solange diese grundlegenden Gegensätze bestehen bleiben, bleiben natürlich auch die Gefahren bestehen, und man kann ihnen nicht entrinnen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 462, russ.)

Und weiter:

„Wir leben nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 133, russ.)

Deshalb sagt Lenin :

„Endgültig siegen kann man nur im Weltmaßstab und nur durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter aller Länder.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 336, russ.)

So verhält es sich mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen.

Wer die erste Gruppe von Gegensätzen, die durchaus mit den Kräften eines Landes überwunden werden können, mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen verwechselt, die zu ihrer Überwindung die Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder erfordern, der verstößt aufs gröblichste gegen den Lenin ismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist.

In gewissem Sinne als Musterbeispiel einer solchen Verwirrung könnte der Brief eines Genossen zur Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande dienen, den ich im Januar dieses Jahres erhielt. Er schreibt voller Bestürzung:

„Sie sagen, die Lenin sche Theorie... bestehe darin, dass der Sozialismus in einem einzelnen Lande siegen kann. Ich habe leider an den entsprechenden Stellen bei Lenin keine Hinweise auf den Sieg des Sozialismus in einem Lande gefunden.”

Das Schlimme hierbei ist natürlich nicht, dass dieser Genosse, den ich für einen der besten Genossen unter unserer studierenden Jugend halte, „an den entsprechenden Stellen bei Lenin keine Hinweise auf den Sieg des Sozialismus in einem Lande gefunden” hat. Es wird die Zeit kommen, wo er mehr gelesen und endlich solche Hinweise gefunden haben wird. Das Schlimme ist, dass er die inneren Gegensätze und die äußeren Gegensätze durcheinander gebracht und sich in diesem Durcheinander vollends verstrickt hat. Es wird wohl nicht überflüssig sein, Ihnen meine Antwort auf den Brief dieses Genossen mitzuteilen. Sie lautet:

„Es handelt sich nicht um den vollständigen Sieg des Sozialismus, sondern um den Sieg des Sozialismus überhaupt, das heißt darum, die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu verjagen, die Macht zu ergreifen, die Attacken des Imperialismus abzuschlagen und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. All dies kann dem Proletariat in einem Lande durchaus gelingen, eine vollständige Garantie gegen die Restauration kann jedoch nur das Ergebnis ‚gemeinsamer Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder’ sein.

Es wäre töricht gewesen, die Oktoberrevolution in Rußland zu beginnen, wenn man überzeugt gewesen wäre, dass sich das siegreiche Proletariat Rußlands bei offenkundiger Sympathie von seiten der Proletarier der anderen Länder, aber ohne den Sieg in mehreren Ländern ‚einem konservativen Europa gegenüber nicht behaupten kann’. Das ist kein Marxismus, sondern ganz gewöhnlicher Opportunismus, Trotzkismus, alles, was Sie nur wollen. Wenn die Theorie Trotzkis richtig wäre, so hätte Iljitsch unrecht gehabt, als er behauptete, dass wir das Rußland der NÖP in ein sozialistisches Rußland verwandeln werden, dass wir ,alles haben, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten (siehe ‚Über das Genossenschaftswesen’)...

Das Gefährlichste in unserer politischen Praxis ist, wenn man das siegreiche proletarische Land als etwas Passives zu betrachten sucht, das, solange nicht die siegreichen Proletarier anderer Länder zu Hilfe kommen, zu nichts weiter fähig ist, als auf der Stelle zu treten. Nehmen wir an, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren Sowjetordnung in Rußland im Westen noch nicht zur Revolution kommt; nehmen wir an, dass unsere Republik während dieser Periode ihre Existenz trotzdem behauptet als Sowjetrepublik, die unter den Verhältnissen der NÖP die sozialistische Wirtschaft aufbaut - glauben Sie, dass sich unser Land während dieser fünf bis zehn Jahre damit beschäftigen wird, Wasser ins Meer zu tragen, und nicht damit, die sozialistische Wirtschaft zu organisieren? Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie gefährlich die Theorie der Leugnung des Sieges des Sozialismus in einem Lande ist.

Bedeutet das aber, dass dieser Sieg vollständig, dass er endgültig sein wird? Nein, das bedeutet es nicht..., da, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, die Gefahr einer militärischen Intervention ständig vorhanden sein wird.“ (Januar 1925.)

So verhält es sich mit der Frage des Schicksals des Sozialismus in unserem Lande, vom Standpunkt der bekannten Resolution der XIV. Konferenz unserer Partei aus betrachtet.

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