"Stalin"

Werke

Band 7

ZU DEN ERGEBNISSEN DER ARBEITEN DER
XIV. KONFERENZ DER KPR(B)

V
DIE POLITIK DER PARTEI AUF DEM LANDE

Ich gehe zur fünften Fragengruppe über.

Bevor wir uns den Resolutionen der XIV. Konferenz zuwenden, die sich mit der Politik der Partei auf dem Lande befassen, möchte ich einige Worte über den Lärm sagen, den die bürgerliche Presse anlässlich der von unserer Partei an den Mängeln unserer Arbeit auf dem Lande geübten Kritik erhob. Die bürgerliche Presse lässt alle Künste spielen, um jedermann einzureden, dass die offene Kritik an unseren eigenen Mängeln ein Zeichen der Schwäche der Sowjetmacht, ein Zeichen ihrer Zersetzung und ihres Zerfalls sei. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, dass bei diesem ganzen Lärm alles erfunden und erlogen ist.

Selbstkritik ist ein Zeichen der Stärke, nicht aber der Schwäche unserer Partei. Nur eine starke Partei, die im Leben verwurzelt ist und deren Weg zum Siege führt, kann sich eine so schonungslose Kritik an ihren eigenen Mängeln erlauben, wie sie sich unsere Partei vor dem ganzen Volk erlaubte und immer erlauben wird. Eine Partei, die die Wahrheit vor dem Volk verheimlicht, eine Partei, die das Tageslicht und die Kritik scheut, ist keine Partei, sondern eine Clique von Betrügern, die zum Untergang verurteilt sind. Die Herren Bourgeois messen uns mit ihrem Maß. Sie scheuen das Tageslicht und geben sich alle Mühe, die Wahrheit vor dem Volk zu verbergen, indem sie ihre Mängel mit dem Parademäntelchen des Wohlbefindens zu verdecken suchen. Und nun glauben sie, dass auch wir Kommunisten die Wahrheit vor dem Volk verbergen müssten. Sie scheuen das Tageslicht, denn sie brauchen nur eine einigermaßen ernsthafte Selbstkritik, eine einigermaßen freie Kritik an ihren eigenen Mängeln zuzulassen, und schon würde von der bürgerlichen Ordnung kein Stein auf dem andern bleiben. Und nun glauben sie, dass, wenn wir Kommunisten Selbstkritik üben, dies ein Zeichen dafür sei, dass wir keinen Boden unter den Füßen haben und in der Luft hängen. Sie messen uns mit ihrem Maß, die verehrten Bourgeois und Sozialdemokraten. Nur Parteien, deren Zeit abläuft und die zum Untergang verurteilt sind, können das Tageslicht und die Kritik scheuen. Wir scheuen weder das eine noch das andere, weil wir eine aufsteigende Partei sind, deren Weg zum Siege führt. Deshalb ist die Selbstkritik, die schon seit einigen Monaten geübt wird, ein Zeichen der größten Stärke, nicht aber der Schwäche unserer Partei, ein Mittel ihrer Festigung, nicht aber ihrer Zersetzung.

Nun aber wollen wir zur Frage der Politik der Partei auf dem Lande übergehen.

Welche neuen Momente wären auf dem Lande im Zusammenhang mit der neuen inneren und internationalen Lage festzustellen?

Ich glaube, dass vier grundlegende Tatsachen hervorzuheben wären:

1. Die Veränderung der internationalen Lage und das verlangsamte Tempo der Revolution, die uns veranlassen, einen möglichst schmerzlosen, wenn auch langwierigen Weg zu wählen, um die Bauernschaft in den sozialistischen Aufbau einzubeziehen, um zusammen mit der Bauernschaft den Sozialismus aufzubauen;

2. das wirtschaftliche Wachstum des Dorfes und der Prozess der Differenzierung der Bauernschaft, die die Beseitigung der Überreste des Kriegskommunismus auf dem Lande erheischen;

3. die politische Aktivität der Bauernschaft, die eine Änderung der alten Methoden der Führung und des Administrierens auf dem Lande erheischt;

4. die Neuwahlen der Sowjets, die die unbestreitbare Tatsache offenbart haben, dass in einer ganzen Reihe von Bezirken unseres Landes der Mittelbauer auf der Seite des Kulaken gegen den armen Bauern steht.

Worin besteht im Zusammenhang mit diesen neuen Tatsachen die grundlegende Aufgabe der Partei auf dem Lande?

Einige Genossen gelangen, von der Tatsache der Differenzierung des Dorfes ausgehend, zu der Schlussfolgerung, die grundlegende Aufgabe der Partei bestehe in der Schürung des Klassenkampfs im Dorfe. Das ist falsch. Das ist leeres Geschwätz. Nicht darin besteht jetzt unsere Hauptaufgabe. Das ist ein Nachleiern alter menschewistischer Lieder aus dem alten menschewistischen Liederschatz.

Das Wichtigste ist heute durchaus nicht die Schürung des Klassenkampfs im Dorfe. Das Wichtigste besteht jetzt darin, die Mittelbauern um das Proletariat zu scharen, sie erneut zu gewinnen. Das Wichtigste besteht jetzt darin, sich mit der Hauptmasse der Bauernschaft zusammen zuschließen, ihr materielles und kulturelles Niveau zu heben und zusammen mit dieser Hauptmasse auf dem Wege zum Sozialismus vorwärts zuschreiten. Das Wichtigste besteht darin, den Sozialismus zusammen mit der Bauernschaft aufzubauen, unbedingt zusammen mit der Bauernschaft und unbedingt unter der Führung der Arbeiterklasse, denn die Führung seitens der Arbeiterklasse ist die wichtigste Garantie dafür, dass der Aufbau den Weg zum Sozialismus gehen wird.

Das ist jetzt die grundlegende Aufgabe der Partei.

Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, uns die sich darauf beziehenden Worte Iljitschs in Erinnerung zu rufen, die er zur Zeit der Einführung der NÖP sagte und die bis auf den heutigen Tag ihre volle Gültigkeit behalten haben:

„Der Kernpunkt liegt darin, dass man sich jetzt in ungleich größerer und gewaltigerer Masse vorwärts bewege, nicht anders als gemeinsam mit der Bauernschaft“ (siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S.291 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.9581).

Und weiter:

„Es gilt, sich eng mit der Bauernmasse, mit der einfachen, werktätigen Bauernschaft zusammenzuschließen und zu beginnen, sich vorwärts zu bewegen, zwar unvergleichlich, unendlich langsamer, als wir es geträumt haben, dafür aber so, dass die ganze Masse wirklich mit uns vorwärts schreitet. Dann wird auch zur gegebenen Zeit eine solche Beschleunigung dieser Bewegung einsetzen, von der wir augenblicklich nicht einmal träumen können.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 243 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.9201.)

Im Zusammenhang damit stehen wir vor zwei grundlegenden Aufgaben auf dem Lande.

1. Erstens müssen wir erreichen, dass die bäuerliche Wirtschaft in das allgemeine System der sowjetischen Wirtschaftsentwicklung einbezogen wird. Früher war es so, dass wir es mit zwei parallelen Prozessen zu tun hatten: die Stadt ging ihren Weg, das Dorf den seinen. Der Kapitalist war bestrebt, die bäuerliche Wirtschaft in das System der kapitalistischen Entwicklung einzubeziehen. Diese Einbeziehung erfolgte aber auf dem Wege der Verelendung der Bauernmassen und der Bereicherung einer Oberschicht der Bauernschaft. Es ist bekannt, dass dieser Weg sich als ein Weg erwies, der die Revolution förderte. Nach dem Siege des Proletariats erfolgt die Einbeziehung der bäuerlichen Wirtschaft in das allgemeine System der sowjetischen Wirtschaftsentwicklung dadurch, dass Bedingungen geschaffen werden, um die Volkswirtschaft auf der Grundlage einer allmählichen, aber stetigen Hebung des Wohlstands der Mehrheit der Bauern vorwärts zubringen, das heißt, dass ein Weg eingeschlagen wird, der demjenigen entgegengesetzt ist, auf dem die Kapitalisten die Bauernschaft vor der Revolution führten und den zu gehen sie die Bauernschaft aufforderten.

Wie kann aber die bäuerliche Wirtschaft in das System des Wirtschaftsaufbaus einbezogen werden? Durch die Genossenschaften. Durch die Kreditgenossenschaft, die landwirtschaftliche Genossenschaft, die Konsumgenossenschaft, die Gewerbegenossenschaft.

Das sind jene Wege und Pfade, die wir beschreiten müssen, um die bäuerliche Wirtschaft langsam aber gründlich in das allgemeine System des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen.

2. Die zweite Aufgabe besteht darin, allmählich, aber beharrlich mit den alten Methoden des Administrierens und der Führung auf dem Lande aufzuräumen, die Sowjets zu beleben, die Sowjets in wirklich gewählte Organe zu verwandeln, die Grundsätze der Sowjetdemokratie auf dem Lande einzubürgern. Iljitsch sagte, dass die proletarische Diktatur der höchste Typus der Demokratie für die Mehrheit der Werktätigen ist. Iljitsch sagte, dass dieser höchste Typus der Demokratie nur nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat eingeführt werden kann und nur, nachdem wir die Möglichkeit bekommen haben, diese Macht zu festigen. Nun, diese Phase der Festigung der Sowjetmacht und der Entfaltung der Sowjetdemokratie hat bereits begonnen. Wir müssen diesen Weg vorsichtig und ohne Hast gehen und dabei im Verlauf der Arbeit um die Partei ein zahlenmäßig starkes Aktiv aus parteilosen Bauern schaffen.

Wenn die erste Aufgabe, die Aufgabe der Einbeziehung der bäuerlichen Wirtschaft in das allgemeine System des Wirtschaftsaufbaus uns ermöglicht zu erreichen, dass die Bauernschaft bei der Errichtung des Sozialismus gemeinsam mit dem Proletariat am gleichen Strang zieht, so muss uns die zweite Aufgabe, die Aufgabe der Entfaltung der Sowjetdemokratie und der Belebung der Sowjets im Dorfe, ermöglichen, unseren Staatsapparat umzugestalten, ihn mit den Volksmassen zu verbinden, ihn zu einem gesunden und ehrlichen, einfachen und billigen Staatsapparat zu machen, um somit die Bedingungen zu schaffen, die den allmählichen Übergang von der Gesellschaft der Diktatur des Proletariats zur kommunistischen Gesellschaft erleichtern.

Das sind die Grundlinien der Resolutionen, die die XIV. Parteikonferenz zur Frage der Politik unserer Partei auf dem Lande angenommen hat.

Dementsprechend muss sich auch die Methode der Parteiführung auf dem Lande ändern.

Bei uns gibt es Leute in der Partei, die behaupten, da wir nun einmal die NÖP haben und der Kapitalismus sich zeitweilig zu stabilisieren beginnt, bestehe unsere Aufgabe darin, sowohl in der Partei als auch im Staatsapparat eine Politik des maximalen Drucks durchzuführen, dass alles nur so kracht. Ich muss sagen, dass das eine falsche und verhängnisvolle Politik wäre. Wir brauchen jetzt nicht maximalen Druck, sondern maximale Elastizität sowohl in der Politik als auch in der Organisation, maximale Elastizität sowohl in der politischen als auch in der organisatorischen Führung. Ohne dies werden wir unter den heutigen komplizierten Verhältnissen das Steuer nicht in der Hand behalten können. Wir brauchen eine maximale Elastizität, damit die Partei das Steuer in der Hand behält und ihr die volle Führung gesichert bleibt.

Weiter. Es ist notwendig, dass die Kommunisten auf dem Lande mit den abstoßenden Formen des Administrierens Schluss machen. Man darf bei der Bauernschaft nicht immer nur auf Verfügungen herumreiten. Man muss es lernen, den Bauern die Fragen, die sie nicht verstehen, geduldig zu erklären, man muss es lernen, die Bauern zu überzeugen, und darf dafür weder Zeit noch Mühe scheuen. Natürlich ist es viel leichter und einfacher, Verfügungen zu erlassen und sich damit zu begnügen, wie das häufig einige unserer Vorsitzenden der Exekutivkomitees der Amtsbezirke tun. Aber nicht alles ist gut, was einfach und leicht ist. Kürzlich antwortete der Sekretär einer der Amtsbezirkszellen auf die Frage eines Vertreters des Gouvernementskomitees, warum es im Amtsbezirk keine Zeitungen gibt: „Wozu brauchen wir Zeitungen? Ohne Zeitungen ist es ruhiger und besser, sonst fangen die Bauern noch an, zu lesen und alles Mögliche zu fragen, und die Scherereien mit ihnen nehmen dann kein Ende.” Und dieser Sekretär nennt sich Kommunist! Es bedarf wohl keines Beweises, dass das kein Kommunist, sondern ein Häufchen Unglück ist. Die Sache ist die, dass man heutzutage ohne „Scherereien” gar nicht leiten kann, und ohne Zeitungen noch viel weniger. Diese einfache Wahrheit müssen wir begreifen und beherzigen, wenn wir der Partei und der Sowjetmacht die Führerstellung auf dem Lande sichern wollen.

Weiter. Um heutzutage führen zu können, muss man auch wirtschaften können, muss man die Wirtschaft kennen und etwas von ihr verstehen. Mit Wortgeprassel über „Weltpolitik“, über Chamberlain und MacDonald allein kommt man heutzutage nicht weit. Wir sind in die Periode des wirtschaftlichen Aufbaus eingetreten. Deshalb kann nur der führen, der sich in der Wirtschaft gründlich auskennt, der es versteht, dem Bauern nützliche Ratschläge in bezug auf die Entwicklung seiner Wirtschaft zu geben, der es versteht, dem Bauern beim Aufbau seiner Wirtschaft zu helfen. Sich mit der Wirtschaft eingehendst befassen, zur Wirtschaft engste Bindungen herstellen, in alle Einzelfragen des Wirtschaftsaufbaus eindringen - das ist jetzt die Aufgabe der Kommunisten im Dorfe. Ohne die Erfüllung dieser Aufgabe kann man von einer Führung nicht einmal träumen.

In der alten Art und Weise kann man heute nicht mehr führen, denn die politische Aktivität der Bauernschaft ist gewachsen, und es ist notwendig, dass diese Aktivität in den Sowjets zum Ausdruck kommt, dass sie ihren Weg über die Sowjets nimmt und nicht an den Sowjets vorbeigeht. Führen kann nur der, der die Sowjets belebt und um die Partei auf dem Lande ein Bauernaktiv schafft.

In der alten Art und Weise kann man heute nicht mehr führen, denn die wirtschaftliche Aktivität des Dorfes ist gewachsen, und es ist notwendig, dass diese Aktivität in den Genossenschaften zum Ausdruck kommt, dass sie ihren Weg über die Genossenschaften nimmt und nicht an den Genossenschaften vorbeigeht. Führen kann nur der, der das Genossenschaftswesen auf dem Lande entwickelt.

Das sind im Allgemeinen die konkreten Aufgaben der Parteiführung auf dem Lande.

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