"Stalin"

Werke

Band 7

NOCH EINMAL ZUR NATIONALEN FRAGE

Anlässlich des Artikels von Semitsch

Es ist nur zu begrüßen, dass Semitsch sich jetzt, nach der Diskussion in der jugoslawischen Kommission, in seinem Artikel voll und ganz dem Standpunkt der Delegation der KPR(B) in der Komintern anschließt; es wäre aber falsch, wollte man daraus schließen, dass es zwischen der Delegation der KPR(B) auf der einen und Semitsch auf der anderen Seite vor der Diskussion oder während der Diskussion in der jugoslawischen Kommission keine Meinungsverschiedenheiten gegeben hätte. Semitsch ist offenbar geneigt, die Meinungsverschiedenheiten in der nationalen Frage eben in dieser Weise aufzufassen, ist er doch bestrebt, sie auf Missverständnisse zurückzuführen. Leider aber ist er in einem großen Irrtum befangen. Er behauptet in seinem Artikel, die Polemik gegen ihn beruhe auf einer „Reihe von Missverständnissen”, hervorgerufen durch „eine, und zwar unvollständig übersetzte” Rede, die er in der jugoslawischen Kommission gehalten hat. Mit anderen Worten heißt das, dass der Sündenbock der Übersetzer sei, der aus irgendeinem Grunde Semitschs Rede unvollständig übersetzt habe. Im Interesse der Wahrheit sehe ich mich gezwungen zu erklären, dass diese Behauptung Semitschs nicht im Geringsten der Wirklichkeit entspricht. Es wäre natürlich besser gewesen, wenn Semitsch diese seine Erklärung durch Zitate aus seiner Rede in der jugoslawischen Kommission, die im Archiv der Komintern aufbewahrt wird, bekräftigt hätte. Er hat das aber aus irgendeinem Grunde nicht getan. Infolgedessen sehe ich mich gezwungen, an Semitschs Stelle diese zwar nicht sehr angenehme, aber absolut notwendige Prozedur vorzunehmen.

Das ist umso notwendiger, als Semitschs jetziger Standpunkt auch heute noch, da er sich mit dem Standpunkt der Delegation der KPR(B) völlig solidarisiert, nicht wenige Unklarheiten aufweist.

Ich sprach in meiner Rede vor der jugoslawischen Kommission (siehe „Bolschewik”[40] Nr. 7) von Meinungsverschiedenheiten in drei Fragen: 1. in der Frage nach den Wegen zur Lösung der nationalen Frage; 2. in der Frage nach dem inneren sozialen Gehalt der nationalen Bewegung in der gegenwärtigen historischen Epoche und 3. in der Frage nach der Rolle des internationalen Moments in der nationalen Frage.

Zur ersten Frage habe ich behauptet, dass Semitsch „sich nicht ganz darüber klar geworden ist, worin das eigentliche Wesen der bolschewistischen Behandlung der nationalen Frage besteht”, dass er die nationale Frage von der allgemeinen Frage der Revolution trennt, dass er somit einen Weg betritt, der dazu führt, dass die nationale Frage auf eine Verfassungsfrage reduziert wird.

Stimmt das alles?

Man lese folgende Stellen aus der von Semitsch in der jugoslawischen Kommission gehaltenen Rede (30. März 1925) nach und urteile selbst:

„Lässt sich die nationale Frage auf eine Verfassungsfrage reduzieren? Stellen wir die Frage zunächst einmal rein theoretisch. Angenommen, in einem Staate X leben drei Nationen: A, B und C. Diese drei Nationen äußern den Wunsch, in einem Staat zu leben. Um was handelt es sich in diesem Fall? Natürlich um die Regelung der inneren Beziehungen innerhalb dieses Staates. Es ist also eine Frage konstitutioneller Natur. In diesem theoretischen Fall läuft die nationale Frage auf eine Verfassungsfrage hinaus... Wenn wir in einem solchen theoretischen Fall die nationale Frage auf eine Verfassungsfrage reduzieren, dann müssen wir sagen - und ich habe das stets betont -, dass die bis zur Lostrennung gehende Selbstbestimmung der Völker die Vorbedingung zur Lösung der Verfassungsfrage bildet. Und nur in diesem Sinne stelle ich die Verfassungsfrage.”

Ich denke, dass diese Stellen aus Semitschs Rede keines weiteren Kommentars bedürfen. Es ist klar: Wer die nationale Frage als einen Bestandteil der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution betrachtet, kann sie nicht auf eine Verfassungsfrage reduzieren. Und umgekehrt: Nur derjenige kann die nationale Frage auf eine Verfassungsfrage reduzieren, der sie von der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution trennt.

In Semitschs Rede findet sich ein Hinweis, dass das Recht auf nationale Selbstbestimmung nicht ohne revolutionären Kampf errungen werden kann. Semitsch sagt: „Es ist selbstverständlich, dass man solche Rechte nur durch revolutionären Kampf erringen kann. Sie lassen sich nicht auf parlamentarischem Wege erringen, sondern können nur durch revolutionäre Massenaktionen erlangt werden.” Was bedeuten aber „revolutionärer Kampf” und „revolutionäre Aktionen”? Kann man „revolutionären Kampf” und „revolutionäre Aktionen” mit dem Sturz der herrschenden Klasse, mit der Eroberung der Macht, mit dem Sieg der Revolution als der Voraussetzung für die Lösung der nationalen Frage identifizieren? Natürlich kann man das nicht. Es sind zwei grundverschiedene Dinge, ob man vom Sieg der Revolution als von der grundlegenden Voraussetzung für die Lösung der nationalen Frage spricht, oder ob man als Voraussetzung für die Lösung der nationalen Frage „revolutionäre Aktionen” und „revolutionären Kampf” hinstellt. Es muss hervorgehoben werden, dass der Weg der Reformen, der konstitutionelle Weg „revolutionäre Aktionen” und „revolutionären Kampf” keineswegs ausschließt. Bei der Bestimmung des revolutionären beziehungsweise des reformistischen Charakters dieser oder jener Partei sind nicht die „revolutionären Aktionen” an sich als entscheidend zu betrachten, sondern die politischen Ziele und Aufgaben, derentwegen diese Aktionen von der Partei unternommen und ausgenutzt werden. Die russischen Menschewiki machten 1906, nach der Auseinanderjagung der ersten Duma, bekanntlich den Vorschlag, den „Generalstreik” und sogar den „bewaffneten Aufstand” zu organisieren. Das änderte jedoch nicht im Geringsten etwas daran, dass sie Menschewiki blieben. Denn zu welchem Zweck schlugen sie damals das alles vor? Natürlich nicht, um den Zarismus zu zerschmettern und der Revolution zum vollen Siege zu verhelfen, sondern um auf die zaristische Regierung „einen Druck auszuüben” zwecks Erzwingung einer Reform, zwecks Erweiterung der „Verfassung”, zwecks Einberufung einer „verbesserten” Duma. „Revolutionäre Aktionen”, um die alten Zustände bei Aufrechterhaltung der Macht der herrschenden Klasse zu reformieren - das ist eine Sache, das ist der konstitutionelle Weg. „Revolutionäre Aktionen”, um mit den alten Zuständen aufzuräumen, um die herrschende Klasse zu stürzen - das ist etwas anderes, das ist der revolutionäre Weg, das ist der Weg des vollständigen Sieges der Revolution. Der Unterschied ist hier grundlegender Natur.

Deshalb glaube ich, dass Semitschs Berufung auf den „revolutionären Kampf” bei Reduzierung der nationalen Frage auf eine Verfassungsfrage, meine Behauptung, dass Semitsch „sich nicht ganz darüber klar geworden ist, worin das eigentliche Wesen der bolschewistischen Behandlung der nationalen Frage besteht”, nicht widerlegt, sondern nur bestätigt, denn er hat nicht begriffen, dass die nationale Frage nicht isoliert, sondern in un-löslichem Zusammenhang mit der Frage des Sieges der Revolution, als Teil der allgemeinen Frage der Revolution zu betrachten ist.

Wenn ich hierauf bestehe, so will ich damit keineswegs sagen, dass ich über Semitschs Fehler in dieser Frage etwas Neues gesagt habe. Nicht im Geringsten. Über diesen Fehler Semitschs sprach Genosse Manuilski bereits auf dem V. Kongress der Komintern[41], wobei er erklärte:

„In seiner Broschüre ,Die nationale Frage im Lichte des Marxismus` und in einer Reihe von Artikeln, die im Organ der jugoslawischen Kommunistischen Partei ‚Radnik’ veröffentlicht worden sind, schlägt Semitsch als praktische Losung für die Kommunistische Partei die Losung des Kampfes für eine Revision der Verfassung vor, das heißt, faktisch reduziert er die ganze Frage der Selbstbestimmung der Nationen ausschließlich auf eine Verfassungsfrage” (siehe Stenogramm des V. Kongresses, S. 596/597, russ.).

Über den gleichen Fehler sprach Sinowjew in der jugoslawischen Kommission, wobei er erklärte:

„In Semitschs Perspektive fehlt also nur eine Kleinigkeit - die Revolution”; die nationale Frage ist „ein revolutionäres und kein Verfassungsproblem” (siehe „Prawda” Nr. 83).

Es kann nicht sein, dass alle diese Bemerkungen, die von Vertretern der KPR(B) in der Komintern über Semitschs Fehler gemacht wurden, zufällig und grundlos sind. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.

So ist es um den ersten, um Semitschs Hauptfehler bestellt.

Seine übrigen Fehler entspringen unmittelbar diesem Hauptfehler. Zur zweiten Frage habe ich in meiner Rede (siehe „Bolschewik” Nr. 7) behauptet, dass Semitsch „nicht sehen will, dass die nationale Frage dem Wesen der Sache nach eine Bauernfrage ist“. Stimmt das?

Man lese folgende Stelle aus der von Semitsch in der jugoslawischen Kommission gehaltenen Rede nach und urteile selbst:

„Worin besteht”, fragt Semitsch, „der soziale Sinn der nationalen Bewegung in Jugoslawien?” Und er antwortet ebenda: „Dieser soziale Gehalt besteht im Konkurrenzkampf zwischen dem serbischen Kapital auf der einen und dem kroatischen und slowenischen Kapital auf der anderen Seite” (siehe Semitschs Rede in der jugoslawischen Kommission).

Dass der Konkurrenzkampf der slowenischen und der kroatischen Bourgeoisie gegen die serbische Bourgeoisie hier eine gewisse Rolle spielen muss, darüber kann natürlich kein Zweifel bestehen. Ebenso unzweifelhaft ist es aber auch, dass ein Mensch, der den sozialen Sinn der nationalen Bewegung im Konkurrenzkampf der Bourgeoisie verschiedener Nationalitäten erblickt, die nationale Frage nicht als eine Frage betrachten kann, die dem Wesen der Sache nach eine Bauernfrage ist. Worin besteht das Wesen der nationalen Frage jetzt, da die nationale Frage sich aus einer lokalen und innerstaatlichen Frage in eine Weltfrage, in eine Frage des Kampfes der Kolonien und der abhängigen Nationalitäten gegen den Imperialismus verwandelt hat? Das Wesen der nationalen Frage besteht jetzt im Kampf der Volksmassen der Kolonien und der abhängigen Nationalitäten gegen die finanzielle Ausbeutung, gegen die politische Versklavung und die Vernichtung der nationalen Kultur dieser Kolonien und dieser Nationalitäten durch die imperialistische Bourgeoisie der herrschenden Nationalität. Welche Bedeutung kann bei einer solchen Auffassung der nationalen Frage dem gegenseitigen Konkurrenzkampf der Bourgeoisie verschiedener Nationalitäten zukommen? Gewiss keine entscheidende und in manchen Fällen sogar nicht einmal eine erhebliche Bedeutung. Es ist ganz offensichtlich, dass es hier hauptsächlich nicht darum geht, dass die Bourgeoisie der einen Nationalität die Bourgeoisie einer anderen Nationalität im Konkurrenzkampf schlägt oder schlagen kann, sondern darum, dass die imperialistische Gruppe der herrschenden Nationalität die großen Massen und vor allem die Bauernmassen der Kolonien und der abhängigen Nationalitäten ausbeutet und unterdrückt und sie infolge dieser Unterdrückung und Ausbeutung in den Kampf gegen den Imperialismus hineinzieht, sie zu Verbündeten der proletarischen Revolution macht. Man kann die nationale Frage nicht als eine Frage betrachten, die dem Wesen der Sache nach eine Bauernfrage ist, wenn man den sozialen Sinn der nationalen Bewegung auf den Konkurrenzkampf der Bourgeoisie verschiedener Nationalitäten reduziert. Und umgekehrt: Man kann den sozialen Sinn der nationalen Bewegung nicht im Konkurrenzkampf der Bourgeoisie verschiedener Nationalitäten erblicken, wenn man die nationale Frage als eine Frage betrachtet, die dem Wesen der Sache nach eine Bauernfrage ist. Es ist völlig unmöglich, zwischen diesen beiden Formeln ein Gleichheitszeichen zu setzen.

Semitsch beruft sich auf eine Stelle in Stalins Schrift „Marxismus und nationale Frage”, die Ende 1912 verfasst wurde. Dort heißt es, dass „der nationale Kampf unter den Bedingungen des aufsteigenden Kapitalismus ein Kampf der bürgerlichen Klassen untereinander ist”. Augenscheinlich will Semitsch damit andeuten, dass seine Formel der Bestimmung des sozialen Sinns der nationalen Bewegung unter den obwaltenden historischen Verhältnissen richtig sei. Stalins Schrift wurde aber vor dem imperialistischen Krieg verfasst, als die nationale. Frage in der Vorstellung der Marxisten noch nicht die Bedeutung einer Weltfrage hatte, als die Grundforderung der Marxisten, die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht, nicht als Teil der proletarischen Revolution, sondern als Teil der bürgerlich-demokratischen Revolution aufgefasst wurde. Es wäre lächerlich, nicht sehen zu wollen, dass sich die internationale Lage seitdem von Grund aus geändert hat, dass der Krieg einerseits und die Oktoberrevolution in Rußland anderseits die nationale Frage aus einer Teilfrage der bürgerlich-demokratischen Revolution in eine Teilfrage der proletarisch-sozialistischen Revolution verwandelt haben. Schon im Oktober 1916 sagte Lenin in seinem Artikel über „Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung”[42], dass der wesentliche Punkt der nationalen Frage, der Punkt über das Selbstbestimmungsrecht, aufgehört hat, einen Teil der allgemeindemokratischen Bewegung zu bilden, dass er bereits zu einem Bestandteil der allgemeinproletarischen, sozialistischen Revolution geworden ist. Von den weiteren Arbeiten sowohl Lenin s als auch anderer Vertreter des russischen Kommunismus zur nationalen Frage will ich hier ganz absehen. Welche Bedeutung kann nach alledem Semitschs Berufung auf die bekannte Stelle in Stalins Schrift, die in der Periode der bürger1ich-demokratischen Revolution in Rußland verfasst wurde, heute haben, da wir kraft der neuen historischen Situation in eine neue Epoche, in die Epoche der proletarischen Revolution eingetreten sind? Sie kann nur die Bedeutung haben, dass Semitsch außerhalb von Raum und Zeit, unabhängig von der lebendigen historischen Situation, zitiert und somit gegen die elementaren Forderungen der Dialektik verstößt und außer acht lässt, dass etwas, was in der einen historischen Situation richtig ist, sich in einer anderen historischen Situation als falsch erweisen kann. Ich habe bereits in meiner Rede in der jugoslawischen Kommission ausgeführt, dass man in der Behandlung der nationalen Frage durch die russischen Bolschewiki zwei Stadien unterscheiden muss: das Stadium vor dem Oktober, als es sich um die bürgerlich-demokratische Revolution handelte und die nationale Frage als Teil der allgemeindemokratischen Bewegung betrachtet wurde, und das Stadium des Oktober, als es sich bereits um die proletarische Revolution handelte und die nationale Frage zu einem Bestandteil der proletarischen Revolution geworden war. Es erübrigt sich wohl, den Nachweis zu führen, dass diese Unterscheidung von ausschlaggebender Bedeutung ist. Ich fürchte, dass Semitsch sich über den Sinn und die Bedeutung dieses Unterschieds zwischen den zwei Stadien in der Behandlung der nationalen Frage noch immer nicht klar geworden ist.

Aus diesem Grunde bin ich der Ansicht, dass hinter Semitschs Versuch, die nationale Bewegung nicht als eine Frage, die dem Wesen der Sache nach eine Bauernfrage ist, sondern als eine Frage des Konkurrenzkampfes der Bourgeoisie verschiedener Nationalitäten zu betrachten, sich „eine Unterschätzung der der nationalen Bewegung innewohnenden Kraft und eine Verkennung des zutiefst volkstümlichen, zutiefst revolutionären Charakters der nationalen Bewegung verbirgt” (siehe „Bolschewik” Nr.7).

So ist es um Semitschs zweiten Fehler bestellt.

Charakteristisch ist, dass Sinowjew in seiner Rede in der jugoslawischen Kommission über diesen Fehler Semitschs das gleiche sagt, wenn er erklärt:

„Falsch ist Semitschs Behauptung, dass die Bauernbewegung in Jugoslawien unter der Führung der Bourgeoisie stehe und deshalb nicht revolutionär sei” (siehe „Prawda” Nr.83).

Ist diese Übereinstimmung ein Zufall? Natürlich nicht!

Wiederum: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.

Schließlich behauptete ich zur dritten Frage, dass Semitsch „versucht, die nationale Frage in Jugoslawien außerhalb des Zusammenhangs mit der internationalen Lage und mit den voraussichtlichen Perspektiven in Europa zu behandeln“.

Stimmt das?

Ja, das stimmt. Denn in seiner Rede hat Semitsch nicht einmal auch nur andeutungsweise darauf hingewiesen, dass die internationale Lage unter den heutigen Verhältnissen, besonders für Jugoslawien, ein höchst wichtiger Faktor bei der Lösung der nationalen Frage ist. Die Tatsache, dass der jugoslawische Staat selbst als Ergebnis einer Rauferei der zwei imperialistischen Hauptkoalitionen entstanden ist, dass Jugoslawien sich dem großen Kräftespiel, das heute in den ihm benachbarten Staaten des Imperialismus vor sich geht, nicht entziehen kann - all dies hat Semitsch unbeachtet gelassen. Semitschs Berufung darauf, dass er sich gewisse Veränderungen in der internationalen Lage durchaus vorstellen könne, infolge deren die Frage der Selbstbestimmung zu einer aktuellen praktischen Frage werden könnte - diese Berufung muss heute, in der gegebenen internationalen Situation, bereits als unzureichend betrachtet werden. Es handelt sich jetzt gar nicht darum, für den Fall, dass möglicherweise und in ferner Zukunft gewisse Veränderungen in der internationalen Lage eintreten, die Aktualität der Frage des Selbstbestimmungsrechts der Nationen anzuerkennen - das könnten jetzt zur Not selbst bürgerliche Demokraten als Perspektive anerkennen. Darum handelt es sich jetzt nicht, sondern es handelt sich darum, dass die gegenwärtigen Grenzen des jugoslawischen Staates, die im Ergebnis von Kriegen und Gewalttaten zustande gekommen sind, nicht zum Ausgangspunkt und zur rechtmäßigen Grundlage für die Lösung der nationalen Frage gemacht werden dürfen. Eins von beiden: Entweder ist die Frage der nationalen Selbstbestimmung, das heißt die Frage einer radikalen Änderung der Grenzen Jugoslawiens, ein Anhängsel des nationalen Programms, dessen Umrisse aus einer fernen Zukunft matt hervortreten, oder sie ist die Grundlage des nationalen Programms. Es ist jedenfalls klar, dass der Punkt über das Selbstbestimmungsrecht nicht gleichzeitig sowohl Anhängsel als auch Grundlage des nationalen Programms der jugoslawischen Kommunistischen Partei sein kann. Ich fürchte, dass Semitsch das Selbstbestimmungsrecht nach wie vor als Anhängsel des nationalen Programms betrachtet, das vielleicht einmal in ferner Zukunft verwirklicht werden könnte.

Aus diesem Grunde bin ich der Ansicht, dass Semitsch die nationale Frage von der Frage der allgemeinen internationalen Situation loslöst, so dass für ihn die Frage der Selbstbestimmung, das heißt der Änderung der Grenzen Jugoslawiens, im Grunde genommen keine aktuelle, sondern eine akademische Frage ist.

So ist es um Semitschs dritten Fehler bestellt.

Charakteristisch ist, dass Genosse Manuilski in seinem Bericht auf dem V. Kongress der Komintern über diesen Fehler Semitschs das gleiche sagt:

„Die grundlegende Voraussetzung für die gesamte Behandlung der nationalen Frage, wie wir sie bei Semitsch finden, ist der Gedanke, dass das Proletariat den bürgerlichen Staat in den Grenzen nehmen muss, die durch eine Reihe von Kriegen und Gewalttaten geschaffen worden sind" (siehe Stenogramm des V. Kongresses der Komintern, S. 597, russ.).

Kann man etwa diese Übereinstimmung als einen Zufall betrachten? Das kann man natürlich nicht!

Nochmals: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.

Zeitschrift „Bolschewik” Nr. 11-12,
30. Juni 1925.
Unterschrift: J. Stalin.

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