"Stalin"

Werke

Band 7

BRIEF AN GENOSSEN JERMAKOWSKI

Genosse Jermakowski!

Entschuldigen Sie bitte, dass meine Antwort so spät erfolgt. Ich war zwei Monate auf Urlaub, kehrte gestern nach Moskau zurück und hatte erst heute die Möglichkeit, mich mit Ihrem Schreiben bekannt zu machen. Im Übrigen: Besser spät als gar nicht.

Die verneinende Antwort von Engels auf die Frage: „Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?” widerspiegelt ganz und gar die Epoche des vormonopolistischen Kapitalismus, die vorimperialistische Epoche, als noch keine Voraussetzungen für die ungleichmäßige, sprunghafte Entwicklung der kapitalistischen Länder vorhanden waren, als folglich auch keine Voraussetzungen für den Sieg der proletarischen Revolution in einem Lande vorhanden waren (die Möglichkeit des Sieges einer solchen Revolution in einem Lande ergibt sich bekanntlich aus dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder im Imperialismus). Das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder und die mit ihm verbundene These von der Möglichkeit des Sieges der proletarischen Revolution in einem Lande wurden von Lenin in der Periode des Imperialismus entdeckt und aufgestellt und konnten erst in dieser Periode entdeckt und aufgestellt werden. Daraus erklärt sich übrigens auch, dass der Lenin ismus der Marxismus der Epoche des Imperialismus ist, dass er die Weiterentwicklung des in der vorimperialistischen Epoche entstandenen Marxismus darstellt. Engels konnte trotz all seiner Genialität nicht erkennen, was in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als er seine „Grundsätze des Kommunismus“ [43] schrieb, noch nicht existierte und was erst später, in der Periode des Monopolkapitalismus entstand. Anderseits vermochte Lenin als genialer Marxist zu erkennen, was nach dem Tode von Engels, in der Periode des Imperialismus, bereits entstanden war. Der Unterschied zwischen Lenin und Engels ist der Unterschied zweier sie voneinander trennender geschichtlicher Perioden.

Es kann keine Rede davon sein, dass „die Theorie Trotzkis mit der Lehre von Engels identisch ist”. Engels hatte allen Grund, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als von dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der kapitalistischen Länder noch keine Rede sein konnte, eine verneinende Antwort auf die 19. Frage (siehe seine „Grundsätze des Kommunismus”) zu geben. Trotzki aber hat ganz im Gegenteil keinerlei Grund, im 20. Jahrhundert die alte Antwort von Engels, die einer bereits hinter uns liegenden Epoche entnommen ist, zu wiederholen und sie mechanisch auf die neue, die imperialistische Epoche anzuwenden, in der das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung zu einer allgemein bekannten Tatsache geworden ist. Engels gründet seine Antwort auf die Analyse des vormonopolistischen Kapitalismus seiner Zeit. Trotzki hingegen analysiert die gegenwärtige Epoche nicht, sondern ignoriert sie, er vergisst, dass er nicht in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lebt, sondern im zwanzigsten Jahrhundert, in der Epoche des Imperialismus; er wendet einen schlauen Trick an und versetzt die Nase des Iwan Iwanowitsch aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf das Kinn Iwan Nikiforowitschs, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt, offenbar in der Annahme, dass man auf diese Weise die Geschichte überlisten könne. Ich glaube nicht, dass diese zwei einander diametral entgegengesetzten Methoden dazu berechtigen könnten, von einer „Identität der Theorie Trotzkis mit der Lehre von Engels” zu sprechen.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

15. IX. 25.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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