"Stalin"

Werke

Band 7

DER XIV. PARTEITAG DER KPdSU(B)[50]

18.-31. Dezember 1925

POLITISCHER RECHENSCHAFTSBERICHT
DES ZENTRALKOMITEES

18. Dezember

II
DIE INNERE LAGE DER SOWJETUNION

Ich komme zum zweiten Teil meines Referats über die Tätigkeit des ZK. Dieser Teil betrifft die innere Lage unseres Staates und die Politik des ZK in den Fragen, die mit der inneren Lage zusammenhängen. Ich möchte einige Zahlen anführen. Obwohl in letzter Zeit in der Presse nicht wenig Zahlen veröffentlicht wurden, sind einige Zahlen dennoch leider unerlässlich.

1. Die Volkswirtschaft als Ganzes

Bevor wir aber zu den Zahlen übergehen, sei es mir gestattet, einige allgemeine Grundsätze zu entwickeln, die für unsere Arbeit beim Aufbau der sozialistischen Wirtschaft entscheidend sind (ich möchte mit der Wirtschaft anfangen).

Erster Grundsatz. Wir arbeiten und bauen unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung. Das bedeutet, dass unsere Wirtschaft und unser Aufbau sich im Gegensatz, in Zusammenstößen zwischen unserem Wirtschaftssystem und dem kapitalistischen Wirtschaftssystem entwickeln werden. Diesem Widerspruch können wir in keiner Weise entrinnen. Das ist der Rahmen, innerhalb dessen der Kampf der beiden Systeme vor sich gehen muss, des sozialistischen Systems und des kapitalistischen Systems. Das bedeutet außerdem, dass unsere Wirtschaft nicht nur in ihrer Gegensätzlichkeit zur kapitalistischen Wirtschaft des Auslands aufgebaut werden muss, sondern auch im Rahmen der Gegensätzlichkeit der verschiedenen Elemente innerhalb unseres Landes, der Gegensätzlichkeit der sozialistischen Elemente zu den kapitalistischen Elementen.

Hieraus folgt: Wir müssen unsere Wirtschaft so aufbauen, dass unser Land nicht zu einem Anhängsel des kapitalistischen Weltsystems werde, dass es nicht in das Gesamtsystem der kapitalistischen Entwicklung als deren Hilfsbetrieb einbezogen werde, dass sich unsere Wirtschaft nicht als ein Hilfsbetrieb des Weltkapitalismus entwickle, sondern als eine selbständige Wirtschaftseinheit, die sich hauptsächlich auf den inneren Markt, auf den Zusammenschluss unserer Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft unseres Landes stützt.

Es gibt zwei Generallinien: Die eine geht davon aus, dass unser Land noch lange ein Agrarland bleiben müsse, dass es landwirtschaftliche Erzeugnisse ausführen und Maschinen einführen, dass es dabei bleiben und sich auch in Zukunft in der gleichen Bahn weiterentwickeln müsse. Diese Linie fordert im Grunde genommen den Abbau unserer Industrie. Sie fand vor kurzem in den Thesen Schanins ihren Ausdruck (vielleicht hat sie jemand in der „Ekonomitscheskaja Shisn”[56] gelesen). Diese Linie würde dazu führen, dass unser Land niemals oder fast niemals zu einer richtigen Industrialisierung kommen könnte, dass sich unser Land aus einer wirtschaftlich selbständigen Einheit, die sich auf den inneren Markt stützt, objektiv in ein Anhängsel des kapitalistischen Gesamtsystems verwandeln müsste. Diese Linie bedeutet eine Abkehr von den Aufgaben unseres Aufbaus.

Das ist nicht unsere Linie.

Es gibt eine andere Generallinie, die davon ausgeht, dass wir alle Kräfte aufbieten müssen, um unser Land zu einem wirtschaftlich selbständigen, unabhängigen, auf dem inneren Markt basierenden Land zu machen, zu einem Land, das als ein Anziehungsfeld für alle anderen Länder dient, die nach und nach vom Kapitalismus abfallen und in die Bahnen der sozialistischen Wirtschaft einlenken werden. Diese Linie erfordert maximale Entfaltung unserer Industrie, jedoch nach Maßgabe und im Einklang mit den Hilfsquellen, die uns zur Verfügung stehen. Sie lehnt die Politik der Verwandlung unseres Landes in ein Anhängsel des kapitalistischen Weltsystems entschieden ab. Das ist unsere Aufbaulinie, die die Partei einhält und die sie auch künftig einhalten wird. Diese Linie ist unerlässlich, solange es eine kapitalistische Umkreisung gibt.

Anders wird sich die Lage gestalten, sobald die Revolution in Deutschland oder in Frankreich oder in beiden Ländern gesiegt hat, sobald dort der sozialistische Aufbau auf einer höheren technischen Grundlage beginnt. Dann werden wir von der Politik der Verwandlung unseres Landes in eine unabhängige Wirtschaftseinheit zur Politik der Einbeziehung unseres Landes in die gemeinsame Bahn der sozialistischen Entwicklung übergehen. Solange das aber nicht geschehen ist, brauchen wir für unsere Volkswirtschaft unbedingt jenes Minimum von Unabhängigkeit, ohne das es unmöglich ist, unser Land vor der wirtschaftlichen Unterwerfung unter das System des Weltkapitalismus zu bewahren.

Das ist der erste Grundsatz.

Der zweite Grundsatz, von dem wir uns bei unserem Wirtschaftsaufbau ebenso leiten lassen müssen wie von dein ersten, besteht darin, jedesmal die Besonderheiten unserer Leitung der Volkswirtschaft zum Unterschied von der Leitung der Wirtschaft in den kapitalistischen Ländern in Betracht zu ziehen. Dort, in den kapitalistischen Ländern, herrscht das Privatkapital, dort werden die Fehler der einzelnen kapitalistischen Truste, Syndikate, dieser oder jener Kapitalistengruppen durch die Elementargewalt des Marktes korrigiert. Wird zuviel produziert, so kommt es zu einer Krise, dann aber, nach der Krise, kehrt die Wirtschaft wieder zur Norm zurück. Nimmt die Einfuhr überhand und wird die Handelsbilanz passiv, so beginnt der Wechselkurs zu schwanken, es kommt zu einer Inflation, der Import wird eingeschränkt, der Export gesteigert. Alles das mittels der Krisen. Kein einigermaßen bedeutsamer Fehler, keine einigermaßen erhebliche Überproduktion, keine ernstliche Diskrepanz zwischen der Produktion und der Gesamtsumme der Nachfrage geht in den kapitalistischen Ländern vorüber, ohne dass die Fehlgriffe, Fehler und Diskrepanzen durch diese oder jene Krise korrigiert werden. So lebt man in den kapitalistischen Ländern. Wir aber können nicht so leben. Dort sehen wir Wirtschafts-, Handels-, Finanzkrisen, die einzelne Kapitalistengruppen treffen. Bei uns ist das anders. Jede ernstliche Störung im Handel, in der Produktion, jede größere Fehlkalkulation in unserer Wirtschaft endet nicht mit irgendeiner Teilkrise, sondern wirkt sich auf unsere gesamte Volkswirtschaft aus. Jede Krise, ob Handels-, Finanz- oder Industriekrise, kann bei uns zu einer allgemeinen Krise werden, die den ganzen Staat trifft. Deshalb wird von uns besondere Umsicht, besonderer Scharfblick beim Aufbau gefordert. Deshalb müssen wir hier die Wirtschaft planmäßig so leiten, dass so wenig Fehlkalkulationen wie möglich vorkommen, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Wirtschaftsführung den Gipfel von Scharfblick, den Gipfel von Umsicht, den Gipfel von Fehlerlosigkeit erreiche. Da wir uns aber, Genossen, leider weder durch besonderen Scharfblick noch durch besondere Umsicht und besondere Fähigkeiten zu fehlerloser Wirtschaftsführung auszeichnen, da wir das Bauen eben erst erlernen, so kommen Fehler bei uns vor und werden auch in Zukunft vorkommen. Deshalb müssen wir mit Reserven bauen, deshalb brauchen wir Reserven, mit denen wir unsere Unzulänglichkeiten wettmachen können. Unsere ganze Arbeit in den letzten zwei Jahren zeigt, dass wir weder gegen Zufälligkeiten noch gegen Fehler gefeit sind. Auf dem Gebiet der Landwirtschaft hängt sehr vieles nicht nur von unserer Art zu wirtschaften, sondern auch von den Naturgewalten (Missernten usw.) ab. Auf dem Gebiet der Industrie hängt sehr vieles nicht nur von unserer Art zu wirtschaften, sondern auch vom inneren Markt ab, über den wir noch nicht Herr sind. Auf dein Gebiet des Außenhandels hängt sehr vieles nicht nur von uns, sondern auch von der Haltung der westeuropäischen Kapitalisten ab, und zwar je mehr unser Export und Import ansteigt, desto mehr werden wir vom kapitalistischen Westen abhängig, desto empfindlicher können uns die Schläge unserer Feinde treffen. Um uns gegen alle diese Zufälligkeiten und unvermeidlichen Fehler zu sichern, müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass eine Anhäufung von Reserven notwendig ist.

Wir sind nicht gefeit gegen Missernten in der Landwirtschaft. Deshalb brauchen wir Reserven. Wir sind, was die Entwicklung unserer Industrie angeht, nicht gefeit gegen Zufälligkeiten auf dem inneren Markt. Ich rede schon gar nicht davon, dass wir, da wir von den akkumulierten eigenen Mitteln leben, bei Verausgabung dieser Mittel besonders sparsam und zurückhaltend sein müssen, bestrebt, jede Kopeke vernünftig anzulegen, das heißt in Unternehmungen, deren Entwicklung in jedem gegebenen Augenblick absolut notwendig ist. Daher die Notwendigkeit von Reserven für die Industrie. Wir sind nicht gefeit gegen Zufälligkeiten im Außenhandel (maskierter Boykott, maskierte Blockade usw.). Hieraus ergibt sich wiederum die Notwendigkeit von Reserven.

Man könnte die für landwirtschaftliche Kredite vorgesehenen Summen verdoppeln, aber dann bliebe nicht die für die Finanzierung der Industrie notwendige Reserve übrig, die Industrie würde in ihrer Entwicklung weit hinter der Landwirtschaft zurückbleiben, die Fabrikation müsste eingeschränkt werden, und es käme zu einem Hochschnellen der Preise für Fabrikate mit allen sich daraus ergebenden Folgen.

Man könnte für die Entfaltung der Industrie doppelt soviel bewilligen, aber das würde solch ein rasches Entwicklungstempo der Industrie mit sich bringen, dass wir infolge des großen Mangels an flüssigen Kapitalien dieses Tempo nicht aushalten könnten und bestimmt straucheln würden, ganz abgesehen davon, dass es uns dann an Reserven für landwirtschaftliche Kredite mangeln würde.

Man könnte die Entwicklung unseres Imports, hauptsächlich des Maschinenimports, gegenüber dem jetzigen Stand verdoppeln, um die Entwicklung der Industrie in raschem Tempo voranzubringen, aber das könnte ein Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr zur Folge haben, es würde eine passive Handelsbilanz entstehen, und unsere Währung würde erschüttert werden, das heißt, es wäre die Grundlage erschüttert, auf der allein eine Planung und Weiterentwicklung der Industrie möglich ist.

Man könnte blindlings den Export mit aller Macht steigern, ohne auf den Zustand des inneren Marktes Rücksicht zu nehmen, aber das würde unbedingt große Komplikationen in den Städten hervorrufen wegen des raschen Steigens der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, was wiederum zur Erschütterung der Entlohnung und zu einer gewissen künstlich organisierten Hungersnot mit allen daraus entspringenden Folgen führen würde.

Man könnte die Löhne der Arbeiter noch und noch steigern, nicht nur bis zur Vorkriegshöhe, sondern noch darüber hinaus, aber das würde das Entwicklungstempo unserer Industrie verlangsamen, denn die Entfaltung der Industrie ist unter unseren Verhältnissen, in Ermangelung von Auslandsanleihen, in Ermangelung von Krediten usw., nur möglich, wenn ein gewisser, für die Finanzierung und Versorgung der Industrie notwendiger Gewinn akkumuliert wird, was jedoch ausgeschlossen wäre, das heißt, eine auch nur einigermaßen erhebliche Akkumulation wäre unmöglich, wenn wir bei der Steigerung der Löhne ein allzu rasches Tempo anschlügen.

Und so weiter und dergleichen mehr.

Das sind die beiden wichtigsten Grundsätze, die uns als Fackel, als Leuchtturm bei der Aufbauarbeit in unserem Lande dienen müssen. Gestatten Sie mir, jetzt zu den Zahlen überzugehen.

Übrigens zunächst noch eine Abschweifung. Unser Wirtschaftssystem ist einigermaßen buntscheckig - wir haben ganze fünf wirtschaftliche Formationen. Da ist eine wirtschaftliche Formation, die fast Naturalwirtschaft ist: es sind dies Bauernwirtschaften, deren Erzeugnisse nur in sehr geringem Maße Warenform annehmen. Eine zweite wirtschaftliche Formation ist die wirtschaftliche Formation der Warenproduktion, in der der Warenanteil die entscheidende Rolle in der Bauernwirtschaft spielt. Eine dritte wirtschaftliche Formation ist der Privatkapitalismus, der noch nicht tot ist, der wieder aufgelebt ist und bis zu einer gewissen Grenze weiter aufleben wird, solange wir die NÖP haben. Eine vierte wirtschaftliche Formation ist der Staatskapitalismus, das heißt der Kapitalismus, den wir zugelassen haben und den wir kontrollieren und in Schranken halten können, so, wie es der proletarische Staat will. Die fünfte wirtschaftliche Formation schließlich ist die sozialistische Industrie, das heißt unsere Staatsindustrie, in deren Produktionsprozess nicht zwei feindliche Klassen, Proletariat und Bourgeoisie, vertreten sind, sondern nur eine Klasse, das Proletariat.

Über diese fünf wirtschaftlichen Formationen möchte ich ein paar Worte sagen, weil es ohne diese paar Worte schwer ist, die Gruppe von Zahlen, die ich anführen werde, und die Tendenz zu verstehen, die in der Entwicklung unserer Industrie zu verzeichnen ist, zumal Lenin seinerzeit ziemlich ausführlich über diese fünf Formationen im System unserer Wirtschaftsordnung gesprochen[57] und uns gelehrt hat, bei unserer Aufbauarbeit den Kampf zwischen diesen einzelnen wirtschaftlichen Formationen zu berücksichtigen.

Ich möchte einige Worte sagen über den Staatskapitalismus und die Staatsindustrie, die ihrem Typus nach sozialistisch ist, um die Missverständnisse und die Verwirrung zu beseitigen, die in dieser Frage in der Partei entstanden sind.

Darf man unsere Staatsindustrie als staatskapitalistisch bezeichnen? Nein, das darf man nicht. Weshalb? Weil der Staatskapitalismus unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats eine Organisation der Produktion ist, in der zwei Klassen vertreten sind: die ausbeutende Klasse, die über die Produktionsmittel verfügt, und die ausgebeutete Klasse, die nicht über Produktionsmittel verfügt. Welche besondere Form der Staatskapitalismus auch haben mag, er muss dennoch seinem Wesen nach kapitalistisch sein. Als Iljitsch den Staatskapitalismus analysierte, hatte er vor allem die Konzessionen im Auge. Nehmen wir nun die Konzessionen und sehen wir zu, ob hier zwei Klassen vertreten sind. Ja, sie sind vertreten, die Klasse der Kapitalisten, das heißt der Konzessionäre, die ausbeuten und zeitweilig über die Produktionsmittel verfügen, und die Klasse der Proletarier, die vom Konzessionär ausgebeutet wird. Dass wir hier keine Elemente des Sozialismus haben, ist schon daraus klar ersichtlich, dass es niemandem einfallen würde, in einem Konzessionsbetrieb mit einer Kampagne für die Hebung der Arbeitsproduktivität zu kommen, denn alle wissen, dass der Konzessionsbetrieb ein nichtsozialistischer, dem Sozialismus fremder Betrieb ist.

Nehmen wir einen anderen Typus von Betrieben - die Staatsbetriebe. Sind sie staatskapitalistisch? Nein, sie sind es nicht. Warum? Weil in ihnen nicht zwei Klassen, sondern eine Klasse vertreten ist, die Klasse der Arbeiter, die, vertreten durch ihren Staat, über die Produktionsinstrumente und -mittel verfügt und nicht ausgebeutet wird, denn ein Maximum dessen, was der Betrieb über den Arbeitslohn hinaus erzielt, dient dem weiteren Ausbau der Industrie, das heißt der Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit.

Man könnte sagen, das sei dennoch kein vollständiger Sozialismus, wenn man jene Überreste des Bürokratismus ins Auge fasst, die in den Verwaltungsorganen unserer Betriebe noch verblieben sind. Das stimmt. Aber das widerspricht nicht der Tatsache, dass die Staatsindustrie ihrem Typus nach eine sozialistische Produktionsform ist. Es gibt zwei Typen der Produktion: den kapitalistischen Typus, zu dem auch der staatskapitalistische gehört, wo zwei Klassen vorhanden sind, wo die Produktion dem Profit des Kapitalisten dient, und einen anderen Typus, den sozialistischen Typus der Produktion, wo es keine Ausbeutung gibt, wo die Produktionsmittel der Arbeiterklasse gehören und wo die Betriebe nicht arbeiten, um einer fremden Klasse Profit zu bringen, sondern um die Industrie zum Besten der Arbeiter in ihrer Gesamtheit zu erweitern. Lenin hat ja gerade gesagt, dass unsere Staatsbetriebe ihrem Typus nach konsequent sozialistische Betriebe sind.

Hier könnte man eine Analogie mit unserem Staat ziehen. Unser Staat wird ebenfalls nicht als ein bürgerlicher Staat bezeichnet, denn er stellt nach Lenin einen neuen Staatstypus dar, den Typus eines proletarischen Staates. Weshalb? Weil die Arbeit unseres Staatsapparats nicht der Unterdrückung der Arbeiterklasse gilt, wie das in ausnahmslos allen bürgerlichen Staaten der Fall ist, sondern der Befreiung der Arbeiterklasse vom Joch der Bourgeoisie. Eben deshalb ist unser Staat seinem Typus nach ein proletarischer Staat, obgleich man im Apparat dieses Staates noch Unrat und Überreste des Alten in Hülle und Fülle finden kann. Lenin , der unsere Sowjetordnung als einen proletarischen Staatstypus proklamiert hat, schalt unseren Staat wegen seiner bürokratischen Überreste so kräftig wie niemand sonst. Dennoch betonte er immer wieder, dass unser Staat ein neuer, proletarischer Staatstypus ist. Man muss den Staatstypus unterscheiden von jenem Erbe, jenen Überresten, die noch im System und im Apparat des Staates erhalten geblieben sind. Genauso müssen wir un-bedingt die bürokratischen Überreste in unseren Staatsbetrieben unterscheiden von dem Typus der Industriestruktur, den wir den sozialistischen Typus nennen. Man darf nicht sagen, dass unsere Staatsindustrie, weil in unseren Wirtschaftsorganen oder in den Trusten noch Fehler, Bürokratismus usw. vorkommen, keine sozialistische Industrie sei. So darf man nicht sprechen. Denn dann wäre auch unser Staat, der seinem Typus nach ein proletarischer Staat ist, kein proletarischer Staat. Ich könnte eine ganze Reihe von bürgerlichen Apparaten nennen, die besser und wirtschaftlicher arbeiten als unser proletarischer Staatsapparat. Das bedeutet aber noch nicht, dass unser Staatsapparat kein proletarischer ist, dass unser Staatsapparat seinem Typus nach nicht höher steht als der bürgerliche. Weshalb? Weil dieser bürgerliche Apparat, auch wenn er besser arbeitet, dennoch für den Kapitalisten arbeitet, während unser proletarischer Staatsapparat, auch wenn es zuweilen mit ihm hapert, dennoch für das Proletariat, gegen die Bourgeoisie arbeitet.

Diesen prinzipiellen Unterschied darf man nicht vergessen.

Das gleiche muss über die Staatsindustrie gesagt werden. Man darf angesichts der Mängel und der Überreste des Bürokratismus, die in den Verwaltungsorganen unserer Staatsbetriebe bestehen und noch bestehen werden, man darf angesichts dieser Überreste und dieser Mängel nicht vergessen, dass unsere Betriebe ihrem Wesen nach sozialistische Betriebe sind. In den Fabriken Fords zum Beispiel, die exakt arbeiten, wird vielleicht weniger gestohlen, aber dennoch wird dort für Ford, für den Kapitalisten gearbeitet, während unsere Betriebe, wo manchmal gestohlen wird und nicht immer alles klappt, immerhin für das Proletariat arbeiten.

Diesen prinzipiellen Unterschied darf man nicht vergessen.

Nun zu den Zahlen über unsere Volkswirtschaft als Ganzes.

Die Landwirtschaft. Ihre Bruttoproduktion stieg im Wirtschaftsjahr 1924/25 auf 71 Prozent der Produktion der Vorkriegszeit, das heißt des Jahres 1913. Mit anderen Worten, im Jahre 1913 wurde für etwas über 12 Milliarden Rubel produziert, im Wirtschaftsjahr 1924/25 dagegen für etwas über 9 Milliarden Rubel, in Vorkriegspreisen gerechnet. Für das kommende Wirtschaftsjahr, 1925/26, ist auf Grund der unseren Planungsorganen zur Verfügung stehenden Unterlagen eine weitere Steigerung der Produktion vorgesehen, und zwar soll die Produktion auf 11 Milliarden Rubel, das heißt auf 91 Prozent der Vorkriegshöhe, gesteigert werden. Die Landwirtschaft wächst - das ist die Schlussfolgerung, die sich von selbst aufdrängt.

Die Industrie. Nehmen wir die gesamte Industrie, sowohl die staatliche als auch die Konzessions- und Privatindustrie, so belief sich ihre Bruttoproduktion im Jahre 1924/25 auf 5 Milliarden Rubel gegenüber 7 Milliarden im Jahre 1913. Das sind 71 Prozent der Vorkriegshöhe. Unsere Planungsorgane sehen für das kommende Wirtschaftsjahr eine Steigerung der Produktion auf 6,5 Milliarden vor, das heißt, die Produktion wird rund 93 Prozent der Vorkriegsmenge erreichen. Die Industrie ist im Aufstieg begriffen. Sie hat sich in diesem Jahr rascher entwickelt als die Landwirtschaft.

Besonders erwähnt werden muss die Frage der Elektrifizierung. Durch den GOELRO-Plan wurde 1921 für die nächsten 10-15 Jahre die Errichtung von 30 Kraftwerken mit einer Leistungsfähigkeit von 1500000 Kilowatt im Bauwert von 800 Millionen Goldrubel in Aussicht genommen. Vor der Oktoberrevolution hatten die Elektrizitätswerke des Landes eine Leistungsfähigkeit von 402000 Kilowatt. Wir haben bis jetzt Werke mit einer Leistungsfähigkeit von 152350 Kilowatt fertig gestellt, und im Jahre 1926 sollen weitere Werke mit 326000 Kilowatt in Betrieb genommen werden. Wenn die Entwicklung im gleichen Tempo weitergeht, so wird der Plan der Elektrifizierung der UdSSR in 10 Jahren, das heißt etwa 1932 (also in der als Mindestfrist vorgesehenen Zeit), verwirklicht sein. Parallel mit dem Bau elektrischer Kraftwerke wächst die elektrotechnische Industrie, deren Produktionsprogramm für 1925/26 auf 165-170 Prozent der Vorkriegsproduktion berechnet ist. Es muss jedoch erwähnt werden, dass der Bau großer Wasserkraftwerke viel größere Summen erfordert als in den Plänen vorgesehen war. So sollte laut ursprünglichen Kostenanschlags der Bau des Wolchowkraftwerks 24300000 „Orientierungs“-Rubel kosten, im September 1925 aber war diese Summe bis auf 95200000 Rubel Tscherwonez-Währung gestiegen, das sind 59 Prozent der für die Kraftwerke der ersten Baustufe verausgabten Mittel, wobei auf das Wolchowkraftwerk 30 Prozent der Leistungsfähigkeit dieser Werke entfallen. Der ursprüngliche Kostenanschlag sah für den Bau des Semo-Awtschaly-Kraftwerks 2600000 Goldrubel vor, die letzten Forderungen belaufen sich aber auf etwa 16 Millionen Rubel Tscherwonez-Währung, von denen etwa 12 Millionen bereits verausgabt worden sind.

Nehmen wir die Produktion der staatlichen und der genossenschaftlichen Industrie, die auf diese oder jene Weise zusammengefasst ist, und vergleichen sie mit der Produktion der Privatindustrie, so erhalten wir folgendes Bild: Im Wirtschaftsjahr 1923/24 entfielen auf die staatliche und die genossenschaftliche Industrie 76,3 Prozent der gesamten industriellen Produktion des Jahres, auf die Privatindustrie 23,7 Prozent; im Jahre 1924/25 betrug der Anteil der staatlichen und der genossenschaftlichen Industrie an der gesamten industriellen Produktion 79,3 Prozent, der Anteil der Privatindustrie hingegen nicht mehr 23,7 Prozent, sondern nur noch 20,7 Prozent.

Der Anteil der Privatindustrie ist in dieser Periode zurückgegangen. Im nächsten Jahr soll der Anteil der staatlichen und der genossenschaftlichen Industrie ungefähr 80 Prozent ausmachen, während der Anteil der Privatindustrie auf 20 Prozent zurückgehen wird. Absolut genommen, wächst die Privatindustrie, da aber die staatliche und die genossenschaftliche Industrie rascher wachsen, erfährt der Anteil der Privatindustrie einen progressiven Rückgang.

Das ist eine Tatsache, mit der man unbedingt rechnen muss und die besagt, dass das Übergewicht der sozialistischen Industrie über die Privatindustrie eine unbestreitbare Tatsache ist.

Vergleichen wir das in den Händen des Staates konzentrierte Vermögen mit dem Vermögen, das sich in den Händen privater Eigentümer befindet, so zeigt sich, dass der proletarische Staat auch auf diesem Gebiet - ich habe die Kontrollziffern der Staatlichen Plankommission im Auge - das Übergewicht besitzt, da er über Kapitalfonds in Höhe von nicht weniger als 11,7 Milliarden (in Rubeln Tscherwonez-Währung) verfügt, während die Privateigentümer, hauptsächlich die Bauernwirtschaften, über einen Fonds von höchstens 7,5 Milliarden verfügen.

Diese Tatsache zeigt, dass der Anteil der vergesellschafteten Fonds sehr hoch ist und dass dieser Anteil im Vergleich zum Anteil des Vermögens des nicht vergesellschafteten Sektors wächst.

Und dennoch kann man unsere Ordnung in ihrer Gesamtheit vorläufig weder kapitalistisch noch sozialistisch nennen. Unsere Ordnung in ihrer Gesamtheit stellt einen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus dar, wo, was den Umfang der Produktion betrifft, immer noch die auf dem Privateigentum beruhende bäuerliche Produktion überwiegt, der Anteil der sozialistischen Industrie aber ununterbrochen wächst. Der Anteil der sozialistischen Industrie wächst so, dass diese Industrie dank ihrer Konzentriertheit, dank ihrer Organisiertheit, dank der Tatsache, dass bei uns die Diktatur des Proletariats besteht, dass das Verkehrswesen sich in den Händen des Staates befindet, dass wir das Kreditsystem in der Hand haben, dass die Banken uns gehören, dass also unsere sozialistische Industrie, deren Anteil an der gesamten nationalen Produktion Schritt für Schritt wächst, dass diese Industrie dank alledem bei ihrem Vormarsch beginnt, sich die Privatindustrie zu unterwerfen, alle übrigen Wirtschaftsformen sich anzupassen und sie zu führen. Das ist nun einmal das Los des Dorfes - es muss der Stadt, der Großindustrie folgen.

Dies ist die wichtigste Schlussfolgerung, die sich ergibt, wenn wir die Frage nach dem Charakter unserer Ordnung, nach dem Anteil der sozialistischen Industrie an dieser Ordnung, nach dem Anteil der privatkapitalistischen Industrie und schließlich nach dem Anteil der kleinen Warenproduktion, hauptsächlich der bäuerlichen, an der gesamten Volkswirtschaft aufwerfen.

Ein paar Worte über den Staatshaushalt. Es dürfte Ihnen bekannt sein, dass unser Staatshaushalt auf 4 Milliarden Rubel gestiegen ist. In Vorkriegsrubeln gerechnet, erreicht unser Staatshaushalt nicht weniger als 71 Prozent des Staatshaushalts der Vorkriegszeit. Rechnen wir ferner zur Summe des allgemeinen Staatshaushalts die Summe der lokalen Haushalte, soweit sie berechnet werden können, so erreicht unser Staatshaushalt nicht weniger als 74,6 Prozent des Staatshaushalts von 1913. Charakteristisch ist, dass der Anteil der nicht aus Steuern stammenden Einnahmen im System unseres Staatshaushalts viel größer ist als der Anteil der Steuereinnahmen. Alles das beweist gleichfalls, dass unsere Wirtschaft wächst und voranschreitet.

Die Frage der Gewinne, die wir im verflossenen Jahr in unseren staatlichen und genossenschaftlichen Betrieben erzielt haben, ist von größter Bedeutung, da wir ein kapitalarmes Land sind, ein Land, das über keine großen Auslandsanleihen verfügt. Wir müssen ein scharfes Auge haben für unsere Industriebetriebe, unsere Handelsunternehmungen, Banken und Genossenschaften, um zu wissen, über welche Mittel wir zum weiteren Ausbau unserer Industrie verfügen können. Im Jahre 1923/24 warfen die staatliche Industrie von Unionsbedeutung und die in der Hauptverwaltung „Glawmetall” vereinigten Betriebe, scheint’s, ungefähr 142 Millionen Rubel Tscherwonez-Währung Gewinn ab. Davon wurden 71 Millionen an die Staatskasse abgeführt. Im Wirtschaftsjahr 1924/25 ist bereits ein Gewinn von 315 Millionen erzielt worden. Davon sollen laut Plan 173 Millionen an die Staatskasse abgeführt werden.

Die staatlichen Handelsunternehmungen von Unionsbedeutung warfen im Wirtschaftsjahr 1923/24 ungefähr 37 Millionen ab, wovon 14 Millionen in die Staatskasse flossen. Im Jahre 1925 ist weniger Gewinn erzielt worden, nämlich 22 Millionen, was durch die Politik der Preissenkung bedingt wurde. Von dieser Summe werden etwa 10 Millionen an die Staatskasse abgeführt werden.

Im Außenhandel verbuchten wir im Wirtschaftsjahr 1923/24 etwas über 26 Millionen Rubel Gewinn, von denen etwa 17 Millionen an die Staatskasse abgeführt wurden. Im Jahre 1925 bringt oder richtiger brachte uns der Außenhandel bereits 44 Millionen ein. Davon gehen 29 Millionen an die Staatskasse.

Nach den Berechnungen des Volkskommissariats für Finanzen erzielten die Banken im Wirtschaftsjahr 1923/24 einen Gewinn von 46 Millionen, von denen 18 Millionen an die Staatskasse abgeführt wurden, im Wirtschaftsjahr 1924/25 etwas über 97 Millionen, von denen 51 Millionen der Staatskasse zuflossen.

Die Konsumgenossenschaften erzielten im Wirtschaftsjahr 1923124 einen Gewinn von 57 Millionen, die landwirtschaftlichen Genossenschaften einen Gewinn von 4 Millionen.

Die Zahlen, die ich soeben angeführt habe, sind mehr oder weniger zu niedrig gegriffen. Sie wissen, weshalb, Sie wissen, wie unsere Wirtschaftsorgane rechnen, um mehr Mittel zur Erweiterung ihrer Betriebe in der Hand zu behalten. Wenn diese Zahlen Ihnen gering erscheinen, und sie sind wirklich gering, so bedenken Sie, dass sie etwas zu niedrig gegriffen sind.

Einige Worte über unsere Außenhandelsumsätze.

Wenn wir unseren ganzen Handelsumsatz im Jahre 1913 gleich 100 setzen, so zeigt sich, dass wir in unserem Außenhandel im Wirtschaftsjahr 1923/24 - 21 Prozent, 1924/25 - 26 Prozent des Vorkriegsstandes erreicht haben. Der Export war 1923/24 gleich 522 Millionen Rubel, der Import gleich 439 Millionen Rubel, der Gesamtumsatz erreichte 961 Millionen Rubel, der Aktivsaldo 83 Millionen Rubel. Im Wirtschaftsjahr 1923/24 hatten wir eine aktive Handelsbilanz. Im Wirtschaftsjahr 1924/25 war der Export gleich 564 Millionen Rubel, der Import gleich 708 Millionen Rubel, der Gesamtumsatz erreichte 1272 Millionen, der Saldo schloss mit einem Minus von 144 Millionen Rubel. Die Bilanz unseres Außenhandels schließt in diesem Jahr mit einem Passivsaldo von 144 Millionen Rubel ab.

Erlauben Sie mir, darauf etwas näher einzugehen.

Man ist bei uns häufig geneigt, diesen Passivsaldo im verflossenen Wirtschaftsjahr dadurch zu erklären, dass wir in diesem Jahr infolge der Missernte viel Getreide eingeführt haben. Nun haben wir für 83 Millionen Getreide eingeführt, das Minus beträgt aber 144 Millionen. Wozu führt dieses Minus? Dazu, dass wir, wenn wir mehr kaufen als verkaufen, mehr einführen als ausführen, damit unsere Zahlungsbilanz, also auch unsere Währung gefährden. Uns lag eine Direktive des XIII. Parteitags vor, die dahin ging, dass die Partei um jeden Preis eine aktive Handelsbilanz anstreben müsse[58]. Ich muss gestehen, dass wir alle, sowohl die Sowjetorgane als auch das Zentralkomitee, hier den gröbsten Fehler begingen, indem wir die uns gegebene Direktive nicht durchführten. Es war schwer, sie durchzuführen, aber man hätte mit einigem Nachdruck zumindest doch einen gewissen Aktivsaldo erreichen können. Wir haben diesen groben Fehler begangen, und der Parteitag muss ihn korrigieren. Übrigens hat sich das Zentralkomitee im November dieses Jahres selbst bemüht, ihn zu korrigieren, in einer speziellen Sitzung, wo nach Prüfung unserer Ein- und Ausfuhrzahlen beschlossen wurde, dass bis zum nächsten Jahr - wir umrissen dort die Grundlinie unseres Außenhandelsumsatzes für das nächste Jahr -, dass bis zum nächsten Jahr die Außenhandelsbilanz mit einem Aktivsaldo von mindestens 100 Millionen abschließen soll. Das ist notwendig. Das ist absolut notwendig für ein Land wie das unsere, das wenig Kapitalien besitzt, wo Kapital aus dem Ausland gar nicht oder nur in äußerst geringfügigem Maße hereinkommt und wo die Zahlungsbilanz - ihre Ausgeglichenheit - durch die Handelsbilanz aufrechterhalten werden muss, damit unsere Tscherwonez-Währung nicht ins Schwanken gerate und damit wir dank der Stabilhaltung unserer Währung auch fernerhin die Möglichkeit haben, unsere Industrie und unsere Landwirtschaft weiter auszubauen. Sie alle haben erlebt, was eine schwankende Währung bedeutet. Zu diesem argen Zustand dürfen wir nicht zurückkehren, wir müssen alle Maßnahmen treffen, um alle Faktoren, die in ihrer Konsequenz uns zu Bedingungen führen können, die unsere Währung ins Wanken bringen, radikal zu beseitigen.

Das sind die Zahlen und die Erwägungen hinsichtlich unserer Volkswirtschaft überhaupt, hinsichtlich der Industrie und der Landwirtschaft im besonderen, hinsichtlich des Anteils der sozialistischen Industrie im Vergleich zum Anteil der anderen Wirtschaftsformen und hinsichtlich der Leitsätze für den Aufbau des Sozialismus, von denen ich gesprochen habe und auf deren Boden das Zentralkomitee unserer Partei steht.

2. Industrie und Landwirtschaft

Nehmen wir weiter die Fragen, die die Wechselbeziehungen zwischen Industrie und Landwirtschaft in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft unmittelbar betreffen, so könnte man diese Fragen in folgenden Punkten zusammenfassen.

Erstens. Wir sind noch immer ein Agrarland: die Produktion der Landwirtschaft überwiegt die der Industrie. Das Wichtigste in der Industrie besteht darin, dass sie bereits an die Grenze des Vorkriegsstandes herangekommen ist, dass weitere Schritte in der Industrie ihre Entfaltung auf einer neuen technischen Grundlage bedeuten, die verbunden ist mit der Anwendung neuer Maschinen, mit der Entfaltung neuer Betriebsbauten. Das ist eine sehr schwierige Sache. Wollen wir diese Schwelle überschreiten und von der Politik größtmöglicher Ausnutzung all dessen, was wir in der Industrie besaßen, übergehen zur Politik des Aufbaus einer neuen Industrie auf einer neuen technischen Grundlage, auf der Grundlage der Errichtung neuer Fabriken, so erfordert das Überschreiten dieser Schwelle große Kapitalien. Da wir aber an erheblichem Kapitalmangel leiden, so wird die weitere Entwicklung unserer Industrie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in so raschem Tempo wie bisher erfolgen.

Anders steht es mit der Landwirtschaft. Man kann nicht behaupten, dass alle in der Landwirtschaft angesichts ihrer jetzigen technischen Basis vorhandenen Möglichkeiten bereits erschöpft wären. Die Landwirtschaft kann sich, im Unterschied zur Industrie, auch auf der gegenwärtigen technischen Grundlage eine bestimmte Zeit lang in schnellem Tempo fortentwickeln. Allein schon die einfache Hebung des Kulturniveaus des Bauern, seiner Sachkenntnis, allein schon eine so einfache Sache wie die Reinigung des Saatguts könnte die Bruttoproduktion der Landwirtschaft um 10-15 Prozent steigern. Man berechne einmal, was das für das ganze Land bedeutet. Solche Möglichkeiten bieten sich also noch im Ackerbau. Eben deshalb stößt die weitere Entwicklung des Ackerbaus einstweilen nicht auf solche technischen Schwierigkeiten, wie das bei unserer Industrie der Fall ist. Daher wird die Diskrepanz zwischen der Bilanz der Industrie und der Bilanz der Landwirtschaft in den nächsten Jahren noch zunehmen, und zwar, weil die Landwirtschaft noch eine ganze Reihe innerer potentieller Möglichkeiten besitzt, die bei weitem noch nicht ausgenutzt sind und die in den nächsten Jahren ausgenutzt werden müssen.

Worin bestehen nun unsere Aufgaben im Zusammenhang mit diesem Umstand?

Vor allem darin, unsere staatliche Großindustrie um jeden Preis auszubauen und die Schwierigkeiten, die sich uns entgegenstellen, zu überwinden. Ferner aber müssen wir auch die sowjetische Industrie vom lokalen Typus ausbauen. Genossen, wir dürfen uns nicht auf den Ausbau unserer Industrie von Unionsbedeutung beschränken, denn diese Industrie, unsere zentralisierten Truste und Syndikate können nicht der ganzen Mannigfaltigkeit der Geschmacksrichtungen und Bedürfnisse einer 140-Millionen-Bevölkerung Rechnung tragen. Uni diese Bedürfnisse befriedigen zu können, muss erreicht werden, dass in jedem Bezirk, jedem Kreis, jedem Gouvernement, jedem Gebiet, jeder nationalen Republik ein reges Leben, ein reges industrielles Leben anhebt. Wenn wir bei unserem Wirtschaftsaufbau nicht die an Ort und Stelle schlummernden Kräfte ausnützen, wenn wir die lokale Industrie, von den Bezirken und Kreisen angefangen, nicht mit allen Mitteln unterstützen, wenn wir nicht alle diese Kräfte ausnützen, werden wir nicht den allgemeinen Aufschwung des Wirtschaftsaufbaus in unserem Lande erreichen können, von dem Lenin sprach. Ohne das, ohne die Verknüpfung der Interessen und der Vorteile des Zentrums mit den örtlichen Interessen und Vorteilen werden wir das Problem freier Entfaltung der Initiative beim Aufbauwerk, das Problem des allgemeinen Wirtschaftsaufschwungs im Lande, das Problem der raschesten Industrialisierung des Landes nicht lösen können.

Zweitens. Früher hatten wir es mit der Frage einer Überproduktion an Brennstoffen zu tun. Jetzt ersteht vor uns die Frage einer Brennstoffkrise, denn unsere Industrie wächst schneller als die Brennstoffproduktion. Wir nähern uns jenem Zustand, worin sich unser Land unter dem bürgerlichen Regime befand, als es an Brennstoffen mangelte und wir Brennstoffe einführen mussten. Mit anderen Worten: Die Brennstoffbilanz entspricht nicht der Bilanz der Industrie und ihren Bedürfnissen. Daraus ergibt sich die Aufgabe, unsere Brennstoffwirtschaft in verstärktem Tempo auszubauen und sie technisch zu verbessern, damit die Entwicklung der Brennstofferzeugung die Entwicklung der Industrie einhole, einholen könne.

Drittens. Es besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen der Metallbilanz und der Bilanz der gesamten Volkswirtschaft. Berechnen wir den Mindestbedarf an Metall und die größtmögliche Metallmenge, die wir produzieren können, so ergibt sich, dass uns Metall im Werte von Dutzenden Millionen fehlt. So kann unsere Wirtschaft, insbesondere unsere Industrie, nicht vorankommen. Deshalb muss diesem Umstand besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden. Das Metall ist das A und O unserer Industrie, und die Metallbilanz muss mit der Bilanz der Industrie und des Verkehrswesens in Einklang gebracht werden.

Viertens. Das Missverhältnis zwischen der Zahl unserer qualifizierten Arbeitskräfte und der Bilanz unserer Industrie. Eine Reihe von Zahlen sind in der Presse veröffentlicht worden, ich werde sie hier nicht vortragen, sondern möchte nur erwähnen, dass die Industrie für das Jahr 1925/26 insgesamt 433000 zusätzliche qualifizierte Arbeiter braucht, während wir diesen Bedarf nur zu einem Viertel decken können.

Fünftens. Ich möchte noch einen Mangel und ein Missverhältnis erwähnen, die darin bestehen, dass die Beanspruchung des rollenden Materials der Eisenbahnen alle Grenzen überschreitet. Der Bedarf an rollendem Material ist so groß, dass wir im nächsten Jahr gezwungen sein werden, die Lokomotiven und Waggons nicht zu 100, sondern zu 120 bis 130 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch zu nehmen. So wird das fixe Kapital des Volkskommissariats für Verkehrswesen über alle Maßen abgenutzt, was uns in nächster Zukunft mit einer Katastrophe bedrohen kann, wenn wir keine entschiedenen Maßnahmen ergreifen.

Das sind all die Mängel und Diskrepanzen, die in unserer Volkswirtschaft im Allgemeinen und in der Industrie im Besonderen vorhanden sind und die überwunden werden müssen.

3. Fragen des Handels

Gestatten Sie mir jetzt, zu den Fragen des Handels überzugehen. Die Zahlen beweisen, dass auf diesem Gebiet, ebenso wie in der Industrie, der Anteil des staatlichen Elements im Vergleich zum Anteil des privatkapitalistischen Elements zunimmt. Wenn wir den Gesamtumsatz des Binnenhandels vor dem Kriege mit 20 Milliarden Warenrubel ansetzen, so erhalten wir für 1923/24 einen Umsatz von 10 Milliarden, das heißt 50 Prozent des Vorkriegsumsatzes, und für 1924/25 einen Umsatz von 14 Milliarden, das heißt 70 Prozent des Vorkriegsumsatzes. Die Gesamtumsätze des Binnenhandels wachsen zweifellos an. Was den Anteil des Staates an diesem Umsatz anbelangt, so belief er sich 1923/24 auf 45 Prozent des gesamten Binnenhandelsumsatzes, während auf die Genossenschaften 19 Prozent, auf das Privatkapital 35 Prozent entfielen. Im nächsten Jahr dann, das heißt 1924/25, war der Anteil des Staates gleich 50 Prozent, der der Genossenschaften 24,7 Prozent statt 19 Prozent, der des Privatkapitals dagegen 24,9 Prozent statt 35 Prozent. Der Anteil des Privatkapitals am Gesamtumsatz geht zurück, die Anteile des Staates und der Genossenschaften nehmen zu. Teilen wir den Gesamtumsatz in zwei Teile, das heißt in Großhandel und Kleinhandel, so haben wir hier die gleiche Tendenz zu verzeichnen. Am Großhandel war 1923/24 der Staat mit über 62 Prozent des Gesamtumsatzes beteiligt, im Jahre 1924/25 mit 68,9 Prozent. Das ist eine unverkennbare Steigerung. Bei den Genossenschaften haben wir eine Steigerung von 15 auf 19 Prozent. Der Privathandel ist von 21 Prozent auf 11 Prozent zurückgegangen. Am Kleinhandel war 1923/24 der Staat mit 16 Prozent, 1924/25 mit fast 23 Prozent beteiligt. Der Anteil der Genossenschaften am Kleinhandel war im Vorjahr gleich 25,9 Prozent, im Jahre 1924/25 gleich 32,9 Prozent. Das ist eine unverkennbare Steigerung. Der Anteil des Privatkapitals am Kleinhandel dagegen ist von 57 Prozent im Jahre 1923/24 auf 44,3 Prozent zurückgegangen. Auf dem Gebiet des Kleinhandels sind wir offensichtlich über den Berg. Im vorigen Jahr hatte im Kleinhandel das Privatkapital das Übergewicht, in diesem Jahr überwiegen Staat und Genossenschaften.

Der Anteil des Staates und der Genossenschaften an der Aufbringung von Rohstoffen und Getreide hat sich wie folgt vergrößert: er erreichte 1924/25 bei Ölsamen 65 Prozent, bei Flachs 94 Prozent, bei Baumwolle fast 100 Prozent, während er bei Getreide im Jahre 1923/24 - 75 Prozent, im Jahre 1924/25 - 70 Prozent ausmachte. Hier ist ein gewisser Rückgang zu verzeichnen. Im Allgemeinen aber steigt der Anteil des staatlichen Elements und des genossenschaftlichen Elements am Binnenhandel zweifellos sowohl auf dem Gebiet des Großhandels als auch auf dem des Kleinhandels.

Wenn auch der Anteil des Staates an der Getreideaufbringung überwiegt, so nimmt er doch langsamer zu als im Vorjahr. Das deutet auf die Fehler hin, die bei der Getreideaufbringung gemacht wurden. Die Sache ist die, dass für die Fehlkalkulation in der Aufbringung nicht nur die Sowjetorgane aufkommen müssen, sondern auch das ZK, das die Sowjetorgane zu überwachen hat und für alles verantwortlich ist, was in den Sowjetorganen geschieht. Diese Fehlkalkulation bestand darin, dass wir bei der Planung die Tatsache nicht berücksichtigten, dass der Zustand des Marktes und die Beschaffungsbedingungen in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr und dem vorvorigen Jahr etwas Neues und Besonderes aufzuweisen hatten. In diesem Jahr sind wir auf dem Getreidemarkt zum erstenmal ohne Maßnahmen administrativen Drucks aufgetreten, wir haben die Steuerlast, den Steuerdruck auf ein Minimum reduziert, und der Bauer und der staatliche Aufkäufer traten einander auf dem Markt zum erstenmal als gleichberechtigte Partner gegenüber. Diese Umstände waren es, die unsere Planungsorgane nicht berücksichtigten, als sie glaubten, bis zum 1. Januar 1926 70 Prozent des gesamten Jahresgetreides aufbringen zu können. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass der Bauer gleichfalls zu manövrieren versteht, dass er die Ware, die seine Valuta ist, den Weizen, in Erwartung einer weiteren Preissteigerung für die Zukunft zurückbehält und es vorzieht, einstweilen andere, minder wertvolle Getreidearten auf den Markt zu bringen. Das haben wir nicht berücksichtigt. Im Zusammenhang damit sind der Getreideaufbringungsplan geändert und der Getreideausfuhrplan gekürzt worden, und demgemäß auch der Einfuhrplan. Der Ein- und Ausfuhrplan wird revidiert, damit er mit einem Aktivsaldo von mindestens 100 Millionen Rubel abschließt, ist aber noch nicht endgültig fertig gestellt.

4. Die Klassen, ihre Aktivität, ihre Wechselbeziehungen

Die Entwicklung der Volkswirtschaft im Lande hat zu einer Verbesserung der materiellen Lage vor allem der Arbeiterklasse geführt. Die Deklassierung der Arbeiterklasse hat schon lange aufgehört. Die Wiederherstellung und das Wachstum der Arbeiterklasse vollziehen sich in raschem Tempo. Hier die Zahlen: Am 1. April 1924 hatten wir, alle Arbeiter in allen Industrien gerechnet, auch die Arbeiter der Kleinindustrie, die Saisonarbeiter und die Landarbeiter, nach den Unterlagen des Volkskommissariats für Arbeit 5500000 Arbeiter, davon 1 Million Landarbeiter und 760000 Arbeitslose. Am 1. Oktober 1925 zählten wir bereits über 7 Millionen Arbeiter, davon 1200000 Landarbeiter und 715000 Arbeitslose. Das zahlenmäßige Anwachsen der Arbeiterklasse ist unbestreitbar.

Der durchschnittliche Monatslohn der Arbeiter in der gesamten Industrie belief sich, in Rubeln Tscherwonez-Währung gerechnet, im April 1925 auf 35 Rubel je Arbeiter oder 62 Prozent des Vorkriegslohnes; im September 1925 auf 50 Rubel oder 88,5 Prozent des Vorkriegslohnes. Es gibt einzelne Industriezweige, die über das Vorkriegsniveau bereits hinaus sind. Der durchschnittliche Reallohn betrug, in Warenrubeln gerechnet, im April 1925 täglich 0,88 Rubel, im September 1925 1,21 Rubel je Arbeiter. Die durchschnittliche Produktionsleistung je Tag und Arbeiter erreichte in der gesamten Industrie im April 1924, in Vorkriegsrubeln gerechnet, 4,18 und im Jahre 1925 6,14, das heißt 85 Prozent des Vorkriegsstandes. Nehmen wir das Verhältnis zwischen Lohn und Arbeitsproduktivität monatsweise, so sehen wir sie miteinander Schritt halten: der Lohn steigt, und es steigt auch die Arbeitsproduktivität. Im Juni und Juli jedoch steigt der Lohn weiter, die Arbeitsproduktivität dagegen steigt in geringerem Maße als der Lohn. Das erklärt sich durch die Urlaube sowie dadurch, dass neue, halbbäuerliche Arbeiterschichten in die Fabriken eingetreten sind.

Jetzt zum Lohnfonds. Der Lohnfonds erreichte nach den Unterlagen des Volkskommissariats für Arbeit (ich habe nur die Industrie im Auge, ohne die anderen Wirtschaftszweige zu berücksichtigen) im Jahre 1923/24 808 Millionen, im Jahre 1924/25 über 1,2 Milliarden; für das Jahr 1925/26 sind 1,7 Milliarden Rubel vorgesehen.

Ich will hier nicht darüber reden, Genossen, welchen Zwecken der Sozialversicherungsfonds dient, das ist jedem bekannt. Gestatten Sie mir, eine Gesamtzahl zu nennen, damit man sich darüber orientieren kann, wieviel der proletarische Staat für die Versicherung der Arbeiter verausgabt. Im Jahre 1924/25 gab es insgesamt 6700000 Versicherte, 1925/26 soll ihre Zahl 7 Millionen erreichen. Die durchschnittlichen Überweisungen aus dem Lohnfonds beliefen sich 1924/25, gemessen an der gesamten Lohnsumme, auf 14,6 Prozent, für 1925/26 sind 13,84 Prozent vorgesehen. Insgesamt wurden 1924/25 für diese Zwecke 422 Millionen bewilligt, für 1925/26 sind 588 Millionen veranschlagt. Nicht überflüssig dürfte die Mitteilung sein, dass aus der für das vorige Jahr angesetzten Summe ein Betrag in Höhe von 71 Millionen Rubel in den Kassen der Sozialversicherung übrig geblieben ist.

Was die Bauern anbelangt, so musste die Hebung der landwirtschaftlichen Produktion natürlich eine Verbesserung der materiellen Lage der bäuerlichen Bevölkerung bewirken. Aus den Angaben unserer Planungsorgane geht hervor, dass der persönliche Konsum der bäuerlichen Bevölkerung prozentual rascher gewachsen ist als der Konsum der städtischen Bevölkerung. Heute isst der Bauer besser und behält viel mehr in seiner Wirtschaft für sich, für seinen persönlichen Verbrauch, als das im vorigen Jahr der Fall war.

Worin kam die Hilfe zum Ausdruck, die der proletarische Staat den Wirtschaften der armen Bauern und den Opfern der Missernte zuteil werden ließ? Das Volkskommissariat für Finanzen schätzt diese finanzielle Hilfe für die Dorfarmut im Wirtschaftsjahr 1924/25 pauschal auf 100-105 Millionen Rubel, wovon auf Steuer- und Versicherungsvergünstigungen ungefähr 60 Millionen, auf Zuwendungen aus dem Fonds zum Kampf gegen die Folgen der Missernte 24 Millionen und auf Darlehen 12 Millionen Rubel entfallen. Die den Opfern der Missernte im Jahre 1924 geleistete Hilfe erstreckt sich auf ein Gebiet mit über 7 Millionen Einwohnern. Insgesamt wurden auf dieser Linie 108-110 Millionen Rubel verausgabt, hiervon aus dem Staatshaushalt 71 Millionen und aus den Mitteln der Massenorganisationen sowie der Banken 38 Millionen. Außerdem wurde ein Fonds zur Bekämpfung der Dürre in Höhe von 77 Millionen angelegt. Darin kam die Hilfe zum Ausdruck, die der proletarische Staat den unbemittelten Schichten der Bauernschaft zuteil werden ließ, eine Hilfe, die natürlich unzureichend, aber immerhin groß genug ist, dass es lohnte, ein paar Worte darüber zu sagen.

Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiterklasse und der Bauernschaft - das sind die hauptsächlichsten Voraussetzungen, ohne die unser Aufbau nicht vorangebracht werden kann. Wir sehen, dass diese Voraussetzungen bei uns bereits vorhanden sind.

Einige Worte über das Steigen der Aktivität der Massen. Die Hauptsache in unserer innerpolitischen Lage, das, was in die Augen springt und worüber man keineswegs hinweggehen kann, besteht darin, dass infolge der verbesserten materiellen Lage der Arbeiter und der Bauern ihre politische Aktivität gestiegen ist, dass sie begonnen haben, kritischer an unsere Mängel heranzutreten und lauter über die Unzulänglichkeiten unserer Praxis zu sprechen. Wir sind in eine Periode der Belebung aller Klassen und aller sozialen Gruppierungen eingetreten. Belebt hat sich die Arbeiterklasse, belebt hat sich die Bauernschaft mit allen ihren Gruppierungen, belebt hat sich auch die neue Bourgeoisie, belebt haben sich ihre Agenten im Dorfe (die Kulaken) und ihre Vertreter in der Intelligenz. Diese Tatsache bildete die Grundlage jener Wendung in unserer Politik, die in den Beschlüssen der XIV. Parteikonferenz zum Ausdruck kam. Die Politik der Belebung der Sowjets, die Politik der Belebung der Genossenschaften, der Gewerkschaften, die Zugeständnisse an die Bauernschaft im Sinne einer Präzisierung der Fragen der Pacht und der Lohnarbeit, die materielle Unterstützung der Dorfarmut, die Politik des festen Bündnisses mit den Mittelbauern, die Liquidierung der Überreste des Kriegskommunismus - darin hauptsächlich kam der neue Kurs der Partei auf dem Lande zum Ausdruck. Wie es bei uns im Dorfe Ende des vergangenen und zu Beginn dieses Jahres ausgesehen hat, ist Ihnen sehr wohl bekannt. Eine allgemeine Unzufriedenheit wuchs unter den Bauern heran, hier und da kam es sogar zu Aufstandsversuchen. Das sind die Umstände, die für den neuen Kurs der Partei auf dem Lande maßgebend waren.

Das sind die Grundlagen der Politik der Partei gegenüber der Bauernschaft in einer Periode gesteigerter Aktivität der Massen und der Belebung ihrer Organisation, einer Politik, die darauf berechnet ist, die Verhältnisse auf dem Lande zu regeln, die Autorität des Proletariats und seiner Partei dort zu heben und das feste Bündnis des Proletariats und der Dorfarmut mit der Mittelbauernschaft zu sichern.

Sie wissen, dass diese Politik sich voll und ganz bewährt hat.

5. Die drei Losungen Lenin s in der Bauernfrage

War es richtig, dass wir Kurs auf den Mittelbauern genommen haben? Wie steht es um die grundsätzliche Seite des neuen Kurses? Besitzen wir nicht irgendwelche Hinweise Lenin s in dieser Frage?

Man sagt, auf dem II. Kongress der Komintern sei eine Resolution zur Bauernfrage angenommen worden, in der es heißt, dass in der Epoche des. Kampfes um die Macht nur die Dorfarmut der Bundesgenosse des Proletariats sein könne und dass man den Mittelbauern lediglich neutralisieren könne. Stimmt das? Ja, das stimmt. Lenin schrieb diese Resolution[59] im Hinblick auf Parteien, die erst zur Macht schreiten. Wir aber sind eine Partei, die bereits zur Macht gelangt ist. Das ist der Unterschied. In der Frage der Bauernschaft, in der Frage des Bündnisses der Arbeiter mit der Bauernschaft oder mit einzelnen Schichten der Bauernschaft hat der Lenin ismus drei grundlegende Losungen, die drei Perioden der Revolution entsprechen. Es handelt sich nur darum, den Augenblick für den Übergang von der ersten Losung zur zweiten, von der zweiten zur dritten richtig abzupassen.

Früher, als wir der bürgerlichen Revolution entgegen schritten, als wir Bolschewiki zum erstenmal unsere Taktik hinsichtlich der Bauernschaft entwarfen, sagte Lenin : Bündnis mit der gesamten Bauernschaft gegen den Zaren und die Gutsbesitzer bei Neutralisierung der kadettischen Bourgeoisie. Mit dieser Losung schritten wir damals der bürgerlichen Revolution entgegen, und wir haben gesiegt. Das war die erste Etappe unserer Revolution.

Später, als wir an die zweite Etappe, den Oktober, herankamen, stellte Lenin eine neue Losung auf, die der neuen Lage entsprach: Bündnis des Proletariats mit der Dorfarmut gegen alle Bourgeois bei Neutralisierung der Mittelbauernschaft. Das ist die Losung, die die zur Macht schreitenden kommunistischen Parteien brauchen. Und selbst wenn sie bereits die Macht erobert, sie aber noch nicht gefestigt haben, können sie nicht auf ein Bündnis mit dem Mittelbauern rechnen. Der Mittelbauer ist ein Mann, der nur zögernd seine Wahl trifft. Er schaut zu, wer das Rennen macht, er wartet ab, und erst wenn du die Oberhand gewonnen und die Gutsherren und Bourgeois verjagt hast, ist er zu einem Bündnis mit dir bereit. Dafür ist er eben Mittelbauer. In der zweiten Etappe unserer Revolution marschierten wir also nicht mehr unter der Losung des Bündnisses der Arbeiter mit der gesamten Bauernschaft, sondern unter der Losung des Bündnisses des Proletariats mit der armen Bauernschaft.

Und im weiteren? Im weiteren, als wir unsere Macht genügend gefestigt, als wir die Angriffe der Imperialisten abgeschlagen hatten und als wir in die Periode des umfassenden sozialistischen Aufbaus eintraten, da stellte Lenin eine dritte Losung auf, die Losung des festen Bündnisses des Proletariats und der Dorfarmut mit der Mittelbauernschaft. Diese Losung ist die einzig richtige, die der neuen Periode unserer Revolution, der Periode des umfassenden Aufbaus, entsprechende Losung. Sie ist richtig, nicht nur weil man jetzt auf das Bündnis rechnen kann, sondern auch weil wir beim Aufbau des Sozialismus nicht nur mit Millionen, sondern mit Dutzenden Millionen von Dorfbewohnern zu operieren haben. Anders kann man den Sozialismus nicht aufbauen. Der Sozialismus ergreift nicht nur die Stadt. Der Sozialismus ist eine Organisation der Wirtschaft, die Industrie und Landwirtschaft auf der Grundlage der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und -instrumente zusammenfasst. Ohne Zusammenfassung dieser beiden Wirtschaftszweige ist der Sozialismus unmöglich.

So steht es mit den Losungen des Lenin ismus hinsichtlich des Bündnisses mit der Bauernschaft.

Was Lenin auf dem 11. Kongress der Komintern ausgeführt hat, ist absolut richtig, denn wenn du erst zur Macht schreitest oder die eroberte Macht noch nicht zu festigen vermochtest, kannst du lediglich auf ein Bündnis mit der Dorfarmut rechnen, während der Mittelbauer zu neutralisieren ist. Hast du aber erst einmal festen Fuß gefasst, hast du die Macht erobert, den Aufbau begonnen und hast du bereits mit Dutzenden Millionen von Menschen zu operieren, so ist das Bündnis des Proletariats und der Dorfarmut mit den Mittelbauern die einzig richtige Losung.

Dieser Übergang von der alten Losung „Bündnis des Proletariats mit der Dorfarmut”, von der alten Losung der Neutralisierung der Mittelbauernschaft zur Losung eines festen Bündnisses mit dem Mittelbauern ist bereits auf unserem VIII. Parteitag vollzogen worden. Gestatten Sie mir, eine Stelle aus der Rede Iljitschs bei Eröffnung dieses Parteitags anzuführen. Hier ist sie:

„Die besten Vertreter des Sozialismus der alten Zeit, als sie noch an die Revolution glaubten und ihr theoretisch und ideologisch dienten, sprachen von der Neutralisierung der Bauernschaft, das heißt davon, aus der Mittelbauernschaft eine gesellschaftliche Schicht zu machen, die, wenn sie auch die Revolution des Proletariats nicht aktiv unterstützt, so doch wenigstens nicht hindert, neutral bleibt, sich nicht auf die Seite unserer Feinde stellt. Diese abstrakte, theoretische Aufgabenstellung ist für uns vollständig klar. Doch genügt sie nicht. Wir sind in das Stadium des sozialistischen Aufbaus eingetreten, wo es gilt, konkret, detailliert, auf Grund der Erfahrung der Arbeit im Dorfe überprüfte, grundlegende Regeln und Anweisungen auszuarbeiten, nach denen wir uns richten müssen, um uns in bezug auf den Mittelbauern auf den Boden eines festen Bündnisses zu stellen.”[60]

Das ist die theoretische Grundlage für die Politik der Partei, die in der gegenwärtigen geschichtlichen Periode auf ein festes Bündnis mit dem Mittelbauern berechnet ist.

Wer mit Hilfe der von Lenin verfassten Resolution des II. Kominternkongresses diese Worte Lenin s zu widerlegen gedenkt, der möge das offen sagen.

So ist die Frage theoretisch gestellt. Wir nehmen Lenin s Lehre nicht im einzelnen, sondern im ganzen. Lenin hatte drei Losungen hinsichtlich der Bauernschaft: die eine zur Zeit der bürgerlichen Revolution, eine zweite zur Zeit der Oktoberrevolution und eine dritte nach der Festigung der Sowjetmacht. Wer diese drei Losungen durch irgendeine einzige und allgemeine Losung zu ersetzen gedenkt, der begeht den gröbsten Fehler.

So ist die Frage theoretisch gestellt. Praktisch aber Ist sie so gestellt, dass es, nachdem wir die Oktoberrevolution vollbracht, die Gutsherren verjagt und das Land an die Bauern verteilt haben, klar ist, dass wir Rußland, wie Lenin sich ausdrückt, mehr oder weniger vermittelbauert haben und der Mittelbauer heute die Mehrheit im Dorfe bildet, trotz des Differenzierungsprozesses.

Eine Differenzierung vollzieht sich natürlich. Unter der NÖP, im gegenwärtigen Stadium, kann es auch gar nicht anders sein. Aber sie vollzieht sich langsamen Schritts. Ich habe neulich einen Leitfaden gelesen, der sogar von der Agitpropabteilung des ZK herausgegeben worden sein soll, und einen anderen Leitfaden, der, wenn ich nicht irre, von der Agitpropabteilung der Lenin grader Organisation herausgegeben worden ist. Wollte man diesen Leitfäden Glauben schenken, so hätten wir demnach unter dem Zaren an die 60 Prozent armer Bauern gehabt, jetzt aber hätten wir 75 Prozent; unter dem Zaren hätte es etwa 5 Prozent Kulaken gegeben, jetzt aber gebe es 8 oder gar 12 Prozent; unter dem Zaren hätte es soundso viel Mittelbauern gegeben, jetzt aber seien es weniger. Ich will keine starken Ausdrücke gebrauchen, aber gesagt werden muss, dass solche Zahlenangaben schlimmer sind als Konterrevolution. Wie kann jemand, der marxistisch denkt, so etwas hinhauen und noch dazu drucken lassen, und noch dazu in einem Leitfaden? Als Mitglied des ZK bin ich natürlich für diese unerhörte Fahrlässigkeit mitverantwortlich. Wenn unter dem Zaren eine Politik der Züchtung von Kulaken betrieben wurde, das Privateigentum an Grund und Boden bestand und der Boden Handelsobjekt war (was die Differenzierung besonders verschärft), wenn die Regierung derart war, dass sie die Differenzierung bis aufs äußerste forcierte und damals dennoch nicht mehr als 60 Prozent der Bauern arme Bauern waren, wie konnte es zugehen, dass unter unserer Regierung, unter der Sowjetregierung, wo kein Privateigentum an Grund und Boden besteht, das heißt der Grund und Boden nicht mehr Handelsobjekt ist, wo der Differenzierung also dieser Hemmschuh angelegt ist, wie konnte, nachdem wir uns zwei Jahre lang der Entkulakisierung befleißigt haben, wo wir uns auch jetzt noch nicht aller Methoden der Entkulakisierung entledigt haben, wo wir eine besondere Kredit- und Genossenschaftspolitik betreiben, die eine Differenzierung keineswegs begünstigt - wie konnte es zugehen, dass angesichts solcher Beschränkungen die Differenzierung bei uns bedeutend weiter fortgeschritten sein soll als unter dem Zaren, dass es viel mehr Kulaken und arme Bauern geben soll als früher? Wie können Leute, die sich Marxisten nennen, einen solchen blühenden Unsinn zusammenschwatzen? Das ist doch einfach zum Lachen, ein Malheur, ein Jammer. (Heiterkeit.)

Das gleiche gilt von der im Juni vorgelegten unglückseligen Getreide- und Futtermittelbilanz der Statistischen Zentralverwaltung (SZV), der zufolge die begüterten Bauern angeblich über 61 Prozent der für den Markt bestimmten Getreideüberschüsse verfügten, während die armen Bauern gar keine Überschüsse besaßen und die Mittelbauern den restlichen Prozentsatz. Das Lächerliche daran ist, dass die SZV nach einigen Monaten mit einer anderen Zahl ankam, nicht 61 Prozent, sondern 52 Prozent. Ganz kürzlich nun hat die SZV nicht mehr 52 Prozent, sondern 42 Prozent angegeben. Ich bitte Sie, nennt sich so was etwa berechnen? Wir halten die Statistische Zentralverwaltung für eine Zitadelle der Wissenschaft. Wir glauben, dass keine Verwaltungsstelle ohne die Zahlen der SZV kalkulieren und planen kann. Wir sind der Ansicht, dass die Statistische Zentralverwaltung verpflichtet ist, objektive Unterlagen zu liefern, die von jeder wie immer gearteten vorgefaßten Meinung frei sind, denn der Versuch, eine Zahl wegen dieser oder jener vorgefaßten Meinung zurechtzustutzen, ist ein Verbrechen krimineller Natur. Aber wie kann man hiernach den Zahlen der SZV Glauben schenken, wenn sie selbst nicht mehr an ihre Zahlen glaubt?

Kurzum: Da wir dank der Agrarrevolution das Dorf vermittelbauert haben, da der Mittelbauer trotz des Differenzierungsprozesses im Dorf die Mehrheit bildet und unsere Aufbauarbeit sowie der Lenin sche Genossenschaftsplan die Einbeziehung der Hauptmasse der Bauernschaft in dieses Werk erfordern, so ist die Politik des Bündnisses mit dem Mittelbauern unter den Bedingungen der NÖP die einzig richtige Politik. Das ist die praktische Seite der Frage.

Sehen Sie, wie Lenin unsere Aufgaben formulierte, als er die Neue Ökonomische Politik begründete. Vor mir liegt der von Lenin verfasste Entwurf zu seiner Schrift „Über die Naturalsteuer”, wo er die leitenden Grundfäden klar und deutlich herausarbeitet:

„Jetzt wird (ist) die Mehrung der Produkte der Angelpunkt, der Probierstein... Also ‚setzen’ wir auf den Mittelbauern in der Landwirtschaft.

Der fleißige Landwirt als ,zentrale Figur` unseres wirtschaftlichen Aufschwungs.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 302, russ.)

Demnach Kurs auf den Mittelbauern in der Landwirtschaft; der fleißige Landwirt als zentrale Figur unseres wirtschaftlichen Aufschwungs. So schrieb Genosse Lenin im Jahre 1921.

Diese Idee nun, Genossen, lag auch jenen Resolutionen und jenen Zugeständnissen an die Bauernschaft zugrunde, die von uns auf der XIV. Konferenz unserer Partei im April beschlossen worden sind.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Resolutionen der XIV. Parteikonferenz vom April und der Resolution über die Arbeit unter der Dorfarmut, die vom ZK im Oktober[61] ebenso einstimmig wie vordem die Resolutionen der XIV. Konferenz beschlossen wurde? Die Hauptaufgabe, vor der wir auf dem Oktoberplenum des Zentralkomitees standen, war, zu verhindern, dass die Politik, die wir auf der Aprilkonferenz beschlossen hatten, die Politik des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern, hintertrieben werde, diese Politik nicht hintertreiben zu lassen, da bei uns in der Partei Stimmungen aufkamen, die die Ansicht zum Ausdruck brachten, die Politik des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern sei falsch oder unannehmbar. Es kamen auch Stimmungen auf, wonach die Politik eines festen Bündnisses mit dem Mittelbauern angeblich bedeutet, dass man die Dorfarmut vernachlässige, dass irgend jemand versuche, das feste Bündnis mit dem Mittelbauern über den Kopf der Dorfarmut hinweg zu schließen. Genossen, das ist dumm, aber es ist eine Tatsache, denn solche Stimmungen hat es gegeben. War für uns die Frage der Dorfarmut irgendetwas Neues, als wir im Oktober zu unserer Plenartagung zusammentraten? Natürlich nicht. Solange es eine Dorfarmut gibt, müssen wir ein Bündnis mit ihr haben. Das wissen wir schon seit 1903, als Lenin s Schrift „An die Dorfarmut”[62] zum erstenmal erschien. Dafür sind wir ja Marxisten, dafür sind wir ja Kommunisten, dass wir uns auf die Armut im Dorfe stützen. Auf wen sollen wir uns denn sonst stützen? Diese Frage ist nicht neu, sie war für uns weder im April noch im Oktober, weder auf der Konferenz noch auf der Plenartagung des ZK irgendetwas Neues und konnte es gar nicht sein. Wenn trotzdem die Frage der Dorfarmut auftauchte, so geschah das im Zusammenhang mit den Erfahrungen, die wir während der Neuwahlen zu den Sowjets gesammelt hatten. Was stellte sich heraus? Die Sowjets wurden belebt. Der Sowjetdemokratie wurde Geltung verschafft. Aber zu welchem Zweck? Sowjetdemokratie bedeutet doch Führung durch die Arbeiterklasse. Keine Sowjetdemokratie kann doch eine wirkliche Sowjetdemokratie, eine wirkliche proletarische Demokratie genannt werden, wenn dabei die Führung durch das Proletariat und seine Partei fehlt. Was heißt aber Sowjetdemokratie unter Führung des Proletariats? Das heißt, dass das Proletariat seine Vertrauensleute im Dorf haben muss. Woher müssen sich diese Vertrauensleute rekrutieren? Aus Vertretern der Dorfarmut. In welcher Lage aber befand sich die Dorfarmut, als wir die Sowjets belebten? Sie war aufs äußerste zerbröckelt und zersplittert. Nicht nur manchen Elementen der Dorfarmut, sondern auch manchen Kommunisten schien es, als ob der Verzicht auf die Entkulakisierung und auf den administrativen Druck bedeutete, sich von der Dorfarmut loszusagen und ihre Interessen unberücksichtigt zu lassen. Und statt einen organisierten Kampf gegen das Kulakentum zu führen, begannen sie auf die unwürdigste Weise zu flennen.

Was mussten wir tun, um diese Stimmungen zu überwinden? Erstens galt es, die Aufgabe zu bewältigen, die die XIV. Parteikonferenz der Partei gestellt hatte, das heißt, es mussten die Bedingungen, Methoden und Maßnahmen zur materiellen Unterstützung der Dorfarmut festgelegt werden. Zweitens musste die Losung der Organisierung besonderer Gruppen oder Fraktionen der armen Bauern aufgestellt werden, die bei den Wahlen zu den Sowjets, bei den Wahlen in den Genossenschaften usw. einen offenen politischen Kampf zu führen haben, um die Mittelbauern zu gewinnen und die Kulaken zu isolieren.

Das eben tat Genosse Molotow in seinen Thesen über die Arbeit unter der Dorfarmut, die ein Ergebnis seiner dreimonatigen Tätigkeit in der Dorfkommission des ZK waren und die vom Oktoberplenum des ZK einstimmig gebilligt wurden.

Wie Sie sehen, stellt die vom Oktoberplenum des ZK angenommene Resolution eine direkte Fortsetzung der Beschlüsse der XIV. Parteikonferenz dar.

Es galt erstens, die Frage der materiellen Hilfe konkret aufzuwerfen, um die materielle Lage der Dorfarmut zu verbessern, und zweitens, die Losung der Organisierung der Dorfarmut auszugeben. Das ist das Neue, das wir ganz dem Genossen Molotow verdanken, die Losung der Organisierung von Gruppen der Dorfarmut ist seine Idee.

Wozu bedurfte es der Losung der Organisierung von Gruppen armer Bauern? Es bedurfte ihrer, um die Zersplitterung der Dorfarmut überwinden zu können und ihr die Möglichkeit zu geben, sich mit Hilfe der Kommunisten zu einer selbständigen politischen Kraft zu organisieren, die fähig ist, eine organisierte Stütze für das Proletariat auf dem Lande abzugeben in dem Kampf, den das Proletariat gegen den Kulaken und um die Gewinnung der Mittelbauernschaft führt. Die Dorfarmut ist noch immer in der Mentalität von Unterstützungsempfängern befangen, sie verlässt sich auf die GPU, auf die Obrigkeit, auf alles Mögliche, nur nicht auf sich selbst, auf die eigene Kraft. Eben diese Passivität und diese Mentalität von Unterstützungsempfängern müssen aus dem Bewusstsein der Dorfarmut ausgetrieben werden. Es gilt, der Dorfarmut eine Losung zu geben, damit sie sich endlich auf die eigenen Füße stelle, sich mit Hilfe der Kommunistischen Partei und mit Hilfe des Staates zu Gruppen organisiere und es lerne, auf dem Forum der Sowjets, auf dem Forum der Genossenschaften, auf dem Forum der bäuerlichen Hilfskomitees und auf allen Arbeitsfeldern der Dorföffentlichkeit gegen den Kulaken zu kämpfen, zu kämpfen aber nicht durch Appelle an die GPU, sondern im Rahmen eines politischen, eines organisierten Kampfes. Nur so kann die Dorfarmut gestählt werden, nur so kann die Dorfarmut organisiert und nur so kann erreicht werden, dass die Dorfarmut aus einer Gruppe von Unterstützungsempfängern zu einer Stütze des Proletariats auf dem Lande wird.

Das ist es, weshalb im Oktober die Frage der Dorfarmut auf die Tagesordnung gestellt wurde.

6. Zwei Gefahren und zwei Abweichungen in der Bauernfrage

In der Bauernfrage sind in unserer Partei zwei Abweichungen aufgetreten. Eine Abweichung in Richtung auf eine Bagatellisierung der Kulakengefahr und eine Abweichung, die diese Gefahr übertreibt und die Rolle des Mittelbauern bagatellisiert und unterschätzt. Ich will nicht sagen, dass diese Abweichungen irgendeine tödliche Gefahr für uns darstellen. Eine Abweichung ist eben eine Abweichung, eine Abweichung ist etwas, was noch keine feste Form gewonnen hat. Eine Abweichung ist der Beginn eines Fehlers. Entweder lassen wir diesen Fehler groß werden, dann steht die Sache schlecht, oder wir reißen diesen Fehler mit der Wurzel aus, und dann ist die Gefahr beseitigt. Eine Abweichung ist etwas Fehlerhaftes, was dann zu Weiterungen führt, wenn ihr nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird.

Ein paar Worte über die Unterschätzung der Kulakengefahr. Man spricht von einer kulakischen Abweichung. Das ist natürlich töricht. Es kann in der Partei keine kulakische Abweichung geben. Es handelt sich nicht um eine kulakische Abweichung, sondern um eine Abweichung in Richtung auf eine Unterschätzung der Kulakengefahr. Selbst wenn es bis jetzt niemand gegeben hätte, der dieser Abweichung zum Opfer gefallen ist, der sich auf den Boden dieser Abweichung gestellt hat, so würden sich sowieso solche Leute finden, da die Entwicklung bei uns in Richtung einer gewissen Belebung des Kapitalismus geht, eine Belebung des Kapitalismus aber löst unweigerlich eine gewisse Verwirrung an der Peripherie unserer Partei aus. Anderseits entwickelt sich unsere sozialistische Industrie, und zwischen ihr und dem Privatkapital spielt sich ein Kampf ab. Wer wird wem den Rang ablaufen? Gegenwärtig haben die sozialistischen Elemente das Übergewicht. Wir werden sowohl den Kulaken als auch den Privatkapitalisten in der Stadt unterkriegen. Vorläufig aber bleibt es bei der Tatsache, dass die Kulaken an Stärke zunehmen, dass wir sie ökonomisch noch lange nicht zerschlagen haben. Der Kulak sammelt zweifellos Kräfte, und wer dies nicht bemerkt, wer da sagt, dies sei eine Bagatelle, der Kulak sei nur ein Popanz, der setzt die Partei der Gefahr aus, ihre Wachsamkeit einzubüßen und im Kampf gegen den Kulaken, im Kampf gegen den Kapitalismus ohne Waffen dazustehen, denn der Kulak ist der Agent des Kapitalismus im Dorfe.

Man spricht von Boguschewski. Natürlich ist bei ihm keine kulakische Abweichung zu verzeichnen. Seine Abweichung liegt in Richtung auf eine Unterschätzung der Kulakengefahr. Wäre er einer kulakischen Abweichung verfallen, so müsste man ihn aus der Partei ausschließen. Bisher aber, scheint’s, hat niemand, soweit mir bekannt, seinen Ausschluss aus der Partei gefordert. Diese Abweichung - eine Abweichung in Richtung auf eine Unterschätzung der Kulakengefahr im Dorfe -, eine Abweichung, die uns daran hindert, die Partei im Zustand steter Kampfbereitschaft zu halten, die die Partei in ihrem Kampf gegen die kapitalistischen Elemente entwaffnet, diese Abweichung wurde bekanntlich durch Beschluss des Zentralkomitees der Partei verurteilt.

Aber es gibt eine andere Abweichung, die der Überschätzung der Kulakengefahr, der Bestürzung angesichts der Kulakengefahr, der Panik: „Zu Hilfe, zu Hilfe, der Kulak kommt!” Seltsam! Man hat die NÖP eingeführt und wusste, dass die NÖP ein Aufleben des Kapitalismus, ein Aufleben des Kulaken bedeutet, dass der Kulak unbedingt sein Haupt erheben wird. Kaum aber zeigte sich der Kulak, und schon schreit man „Hilfe”, schon verliert man den Kopf. Und die Bestürzung ging so weit, dass der Mittelbauer vergessen wurde. Indessen besteht die grundlegende Aufgabe auf dem Lande gegenwärtig im Kampf um die Gewinnung des Mittelbauern, im Kampf um die Loslösung des Mittelbauern vom Kulaken, im Kampf um die Isolierung des Kulaken durch Herstellung eines festen Bündnisses mit dem Mittelbauern. Das vergessen die Genossen, die jetzt vor der Kulakengefahr in Panik geraten.

Ich glaube, dass diese beiden Abweichungen, wenn man ihnen restlos auf den Grund geht, sich auf folgende Ausgangspunkte zurückführen lassen.

Die erste Abweichung besteht in der Bagatellisierung der Rolle des Kulaken und überhaupt der kapitalistischen Elemente im Dorf, in der Vertuschung der Kulakengefahr. Sie geht von der falschen Annahme aus, dass die Entwicklung der NÖP nicht zum Aufleben der kapitalistischen Elemente im Dorfe führe, dass der Kulak und überhaupt die kapitalistischen Elemente bei uns in die historische Vergangenheit abtreten oder bereits abgetreten seien, dass im Dorfe keine Differenzierung vor sich gehe, dass der Kulak nur ein Nachklang der Vergangenheit sei, ein Popanz und weiter nichts.

Wozu führt diese Abweichung?

In der Praxis führt diese Abweichung zur Leugnung des Klassenkampfs im Dorfe.

Die zweite Abweichung besteht in der Aufbauschung der Rolle des Kulaken und überhaupt der kapitalistischen Elemente im Dorf, in einer Panik vor diesen Elementen, in der Leugnung der Tatsache, dass das Bündnis des Proletariats und der Dorfarmut mit dem Mittelbauern möglich und zweckmäßig ist.

Diese Abweichung geht von der Annahme aus, dass bei uns auf dem Lande eine einfache Restauration des Kapitalismus stattfinde, dass dieser Prozess der Restauration des Kapitalismus alles andere verschlinge, dass er auch unsere Genossenschaften ganz oder zum überwiegenden Teil ergreife, dass infolge einer solchen Entwicklung die Differenzierung der Bauernschaft in großem Umfang unaufhörlich fortschreiten müsse, dass die extremen Gruppen, das heißt die Kulaken und die armen Bauern, von Jahr zu Jahr größer werden und anschwellen müssten, dass die mittleren Gruppen, das heißt die Mittelbauern, auch von Jahr zu Jahr immer schwächer werden und immer mehr dahinschwinden müssten.

In der Praxis führt diese Abweichung zur Schürung des Klassenkampfs im Dorf, zur Rückkehr zu der von den Komitees der Dorfarmut betriebenen Politik der Entkulakisierung, also zur Proklamierung des Bürgerkriegs in unserem Lande und somit zur Vereitelung unserer ganzen Aufbauarbeit und damit zur Ablehnung des Lenin schen Genossenschaftsplans, der die Einbeziehung von Millionen Bauernwirtschaften in das System des sozialistischen Aufbaus vorsieht.

Sie werden fragen, welche Abweichung ist schlimmer? So darf man die Frage nicht stellen. Beide sind „schlimmer”, sowohl die erste als auch die zweite Abweichung, und falls diese Abweichungen um sich greifen, so sind sie imstande, die Partei zu zersetzen und zugrunde zu richten. Zum Glück gibt es in unserer Partei Kräfte, die sowohl die erste als auch die zweite Abweichung ausmerzen können. (Beifall.) Obwohl beide Abweichungen „schlimmer” sind und obwohl es dumm ist zu fragen, welche von ihnen gefährlicher sei, so gibt es doch einen anderen Standpunkt, von dem aus man an diese beiden Abweichungen herantreten muss. Zum Kampf gegen welche Abweichung ist die Partei am besten gerüstet, zum Kampf gegen die erste oder zum Kampf gegen die zweite Abweichung? - so muss die Frage praktisch gestellt werden. Beide Abweichungen sind gefährlich, beide sind „schlimmer”, man kann nicht sagen, welche von ihnen gefährlicher sei, aber darüber sprechen, zum Kampf gegen welche Abweichung die Partei am besten gerüstet ist - das kann und muss man. Würde man die Kommunisten fragen, worauf die Partei besser vorbereitet sei, ob darauf, den Kulaken auszuziehen, oder darauf, das nicht zu tun, wohl aber ein Bündnis mit dem Mittelbauern einzugehen, dann, glaube ich, würden von 100 Kommunisten 99 sagen; dass die Partei am besten auf die Losung vorbereitet ist: Schlagt den Kulaken! Lasst das nur zu, und im Handumdrehen werden sie den Kulaken ausziehen. Wenn es aber gilt, nicht zu entkulakisieren, sondern die kompliziertere Politik der Isolierung des Kulaken durch das Bündnis mit dem Mittelbauern zu betreiben, so geht einem das nicht so leicht ein. Deshalb glaube ich, dass die Partei in ihrem Kampf gegen beide Abweichungen das Feuer doch auf die zweite Abweichung konzentrieren muss. (Beifall.) Durch keinerlei Berufung auf den Marxismus, auf den Lenin ismus lässt sich der Grundsatz verschleiern, dass der Kulak gefährlich ist. Kulak ist eben Kulak. Er ist gefährlich, mag Boguschewski noch soviel von Popanz sprechen. Das kann man keinem Kommunisten durch noch so viele Zitate ausreden. Den Grundsatz aber, dass wir ein festes Bündnis mit dem Mittelbauern brauchen, während Iljitsch in der Resolution des II. Weltkongresses von der Neutralisierung des Mittelbauern spricht, diesen Grundsatz kann man immer durch Phrasen über Lenin ismus, über Marxismus vertuschen und verdunkeln. Hier bietet sich ein reiches Feld für Zitate, hier bietet sich ein reiches Feld für jeden, der die Partei verwirren, der die Wahrheit vor der Partei verbergen will, die Wahrheit, dass Lenin hinsichtlich der Bauernschaft nicht eine, sondern drei Losungen hatte. Hier lassen sich unter Berufung auf den Marxismus die verschiedensten Manipulationen vornehmen. Und gerade deshalb muss das Feuer auf die zweite Abweichung konzentriert werden.

So ist es bestellt um die Frage der inneren Lage der Union, ihrer Wirtschaft, der Industrie und der Landwirtschaft, der Klassen, der Aktivität der Klassen, der Belebung der Sowjets, um die Frage der Bauernschaft usw.

Ich werde einige Fragen übergehen, die den Staatsapparat betreffen, der sich erweitert und sich der Führung durch die Partei zu entziehen sucht, was ihm natürlich nicht gelingen wird.

Ich werde ferner nicht vorn Bürokratismus unseres Staatsapparats sprechen, und zwar deswegen nicht, weil sich mein Bericht schon allzu sehr in die Länge gezogen hat. Ich spreche nicht darüber, weil diese Frage für die Partei nicht neu ist.

7. Die Aufgaben der Partei

Ich komme zu den Aufgaben der Partei auf innenpolitischem Gebiet. Auf dem Gebiet der Entwicklung der Volkswirtschaft als Ganzes müssen wir hinarbeiten auf:

a) die weitere Steigerung der Produktion der Volkswirtschaft;
b) die Verwandlung unseres Landes aus einem Agrarland in ein Industrieland;
c) die Sicherung des entscheidenden Übergewichts der sozialistischen Elemente in der Volkswirtschaft über die kapitalistischen Elemente;
d) die Sicherung der notwendigen Unabhängigkeit der Volkswirtschaft der Sowjetunion unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung;
e) die Vergrößerung des Anteils der nicht aus Steuern herrührenden Einnahmen am Gesamtsystem des Staatshaushalts.

Auf dem Gebiet der Industrie und der Landwirtschaft haben wir hinzuarbeiten auf:

a) die Entfaltung unserer sozialistischen Industrie auf der Grundlage eines erhöhten technischen Niveaus, die Hebung der Arbeitsproduktivität, die Herabsetzung der Selbstkosten, die Beschleunigung des Kapitalumlaufs;
b) die Übereinstimmung der Brennstoff- und Metallbilanz sowie des fixen Kapitals der Eisenbahnen mit den wachsenden Bedürfnissen des Landes;
c) die verstärkte Entwicklung der Sowjetindustrie von lokaler Bedeutung;
d) die Steigerung der Bodenerträge, die Hebung des technischen Niveaus der Landwirtschaft, den verstärkten Anbau gewerblicher Nutzpflanzen, die Industrialisierung der Landwirtschaft;
e) die Einbeziehung der zersplitterten Bauernwirtschaften in den sozialistischen Aufbau durch massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss und Hebung ihres Kulturniveaus.

Auf dem Gebiet des Handels haben wir hinzuarbeiten auf:

a) den weiteren Ausbau und die qualitative Verbesserung des Warenverteilungssystems (Genossenschaften aller Art, staatlicher Handel);
b) die maximale Beschleunigung des Warenumsatzes;
c) die Herabsetzung der Kleinhandelspreise und die weitere Steigerung des Übergewichts des Sowjet- und Genossenschaftshandels über den Privathandel;
d) ein einheitliches Vorgehen und eine strenge Aufbringungsdisziplin aller Aufbringungsorgane;
e) die Verstärkung des Warenaustauschs mit der Außenwelt unter Sicherung einer aktiven Handelsbilanz, also auch einer aktiven Zahlungsbilanz, die eine ganz unerlässliche Vorbedingung für die Aufrechterhaltung einer stabilen Währung und die erforderliche Garantie gegen eine Inflation bildet.

Auf dem Gebiet der Planung muss darauf hingearbeitet werden, dass die notwendigen Reserven unbedingt sichergestellt werden.

Nebenbei ein paar Worte über eine Reservequelle - den Wodka. Es gibt Leute, die glauben, man könne den Sozialismus in Glacehandschuhen aufbauen. Das ist ein ganz grober Fehler, Genossen. Da wir nun einmal keine Anleihen erhalten, da wir nun einmal an Kapitalmangel leiden und da wir uns außerdem nicht in die Knechtschaft der westeuropäischen Kapitalisten begeben können und jene knechtenden Bedingungen, die sie uns vorschlagen und die wir abgelehnt haben, nicht annehmen können, bleibt nur eins: auf anderen Gebieten Quellen zu suchen. Das ist immer noch besser als die Knechtschaft. Hier muss zwischen Knechtschaft und Wodka gewählt werden, und diejenigen, die glauben, man könne den Sozialismus in Glacehandschuhen aufbauen, sind in einem groben Irrtum befangen.

Auf dem Gebiet der 'Wechselbeziehungen zwischen den Klassen haben wir hinzuarbeiten auf:

a) die Sicherung des Bündnisses des Proletariats und der Dorfarmut mit der Mittelbauernschaft;
b) die Sicherung der führenden Rolle des Proletariats in diesem Bündnis;
c) die politische Isolierung und die wirtschaftliche Zurückdrängung des Kulaken und des städtischen Kapitalisten.

Beim Ausbau des Sowjetapparats muss ein entschlossener Kampf gegen den Bürokratismus geführt werden, zu dem die breiten Massen der Arbeiterklasse heranzuziehen sind.

Ich möchte ein paar Worte über die neue Bourgeoisie und ihre Ideologen, die Smena-Wech-Leute, sagen. Die Smena-Wech-Strömung ist die Ideologie der neuen Bourgeoisie, die im Wachsen begriffen ist und sich allmählich mit den Kulaken und mit der beamteten Intelligenz zusammenfindet. Die neue Bourgeoisie hat ihre eigene Ideologie geschaffen, die Smena-Wech-Ideologie, die von der Annahme ausgeht, die Kommunistische Partei werde zwangsläufig entarten und die neue Bourgeoisie werde sich zwangsläufig konsolidieren, wobei wir Bolschewiki, ihrer Ansicht nach, ohne es selbst zu merken, an die Schwelle einer demokratischen Republik gelangen, sodann diese Schwelle überschreiten und mit Hilfe irgendeines „Cäsaren”, der, man weiß nicht, ob aus den Reihen der Militärs oder aus der Zivilbeamtenschaft, hervorgehen wird, uns eines schönen Tages in einer gewöhnlichen bürgerlichen Republik befinden müssen.

So sieht diese neue Ideologie aus, mit der man unsere beamtete Intelligenz, und nicht nur sie, sondern auch einige uns nahe stehende Kreise, benebeln möchte. Ich will die Behauptung von der Entartung unserer Partei nicht widerlegen. Es lohnt sich nicht, eine Dummheit zu widerlegen. Unsere Partei entartet nicht und wird nicht entarten. Sie ist nicht aus solchem Holz geschnitzt und nicht von einem solchen Mann geschmiedet worden, dass sie entarten könnte. (Beifall.) Unsere Kader, die jungen wie die alten, wachsen in ideologischer Hinsicht. Es ist unser Glück, dass es uns gelungen ist, Lenin s Werke in mehreren Auflagen erscheinen zu lassen. Jetzt liest man, lernt und beginnt zu begreifen. Nicht nur die Führer, sondern auch die Durchschnittsmitglieder der Partei beginnen zu begreifen und lassen sich nichts mehr vormachen. Mit Geschrei über Entartung wird man jetzt niemand mehr einschüchtern. Die Leute werden sich selbst ein Urteil bilden. Man kann schreien, soviel man will, man kann versuchen, mit Zitaten bange zu machen, soviel man will, unsere einfachen Parteimitglieder werden sich das anhören und sich selbst ein Urteil bilden, weil sie jetzt Lenin s Werke zur Hand haben. (Beifall.) Diese Tatsache ist eine der Hauptgarantien dafür, dass unsere Partei den Weg des Lenin ismus nicht verlassen wird. (Stürmischer Beifall.)

Wenn ich trotzdem die Smena-Wech-Leute erwähnt habe, so um mit ein paar Worten allen denen zu antworten, die auf eine Entartung unserer Partei und unseres ZK spekulieren. Ustrjalow ist der geistige Vater dieser Ideologie. Er ist bei uns im Verkehrswesen angestellt. Man sagt, dass er seinen Dienst gut versieht. Ich glaube, wenn er seinen Dienst gut versieht, soll er ruhig von einer Entartung unserer Partei träumen. Zu träumen ist bei uns nicht verboten. Mag er träumen, soviel er Lust hat. Aber er soll auch wissen, dass er über seinen Träumen von Entartung nicht vergessen darf, das Korn in unsere bolschewistische Mühle zu tragen. Sonst wird es ihm schlecht ergehen. (Beifall.)

Weiter zu III.

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