"Stalin"

Werke

Band 8

ZU DEN FRAGEN DES Lenin ISMUS

III
DIE FRAGE DER „PERMANENTEN” REVOLUTION

In der Schrift „ Über die Grundlagen des Lenin ismus” wird die „Theorie der permanenten Revolution” als „Theorie” der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bewertet. Dort heißt es:

Lenin kämpfte also gegen die Anhänger der, permanenten’ Revolution nicht wegen der Frage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution, sondern weil sie die Rolle der Bauernschaft unterschätzten, die eine gewaltige Reserve des Proletariats bildet.”[16]

Diese Charakteristik der russischen „Permanenzler” galt bis in die letzte Zeit hinein als allgemein anerkannt. Dennoch kann sie, obwohl im Allgemeinen richtig, nicht als erschöpfend betrachtet werden. Die Diskussion von 1924 einerseits und eine sorgfältige Analyse der Werke Lenin s anderseits zeigten, dass der Fehler der russischen „Permanenzler” nicht nur in der Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft bestand, sondern auch in der Unterschätzung der Kräfte und der Fähigkeit des Proletariats, die Bauernschaft zu führen, im Unglauben an die Idee der Hegemonie des Proletariats.

Deshalb habe ich in meiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten” (Dezember 1924) diese Charakteristik erweitert und sie durch eine andere, vollständigere ersetzt. In dieser Schrift heißt es:

„Bisher wurde gewöhnlich eine Seite der Theorie der ‚permanenten Revolution’ betont - der Unglaube an die revolutionären Möglichkeiten der Bauernbewegung. Jetzt muss, der Gerechtigkeit halber, diese Seite durch eine andere Seite ergänzt werden durch den Unglauben an die Kräfte und Fähigkeiten des Proletariats Russlands.“[17]

Das bedeutet natürlich nicht, dass der Lenin ismus gegen die Idee der permanenten Revolution, ohne Anführungszeichen, wie sie von Marx in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündet wurde[18], war oder ist. Im Gegenteil. Lenin war der einzige Marxist, der die Idee der permanenten Revolution richtig verstanden und entwickelt hat. Lenin unterscheidet sich in dieser Frage von den „Permanenzlern” darin, dass die „Permanenzler” die Marxsche Idee der permanenten Revolution entstellten, indem sie sie in eine leblose Bücherweisheit verwandelten, während Lenin sie in ihrer reinen Gestalt nahm und zu einer der Grundlagen seiner Theorie der Revolution machte. Man muss bedenken, dass die Idee des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, wie sie von Lenin bereits im Jahre 1905 entwickelt wurde, eine der Formen der Verkörperung der Marxschen Theorie der permanenten Revolution ist. Darüber schrieb Lenin bereits im Jahre 1905:

„Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des Klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehen bleiben...

Ohne in Abenteurertum zu verfallen, ohne unserem wissenschaftlichen Gewissen untreu zu werden, ohne nach billiger Popularität zu haschen, können wir sagen und sagen wir nur das eine: Wir werden mit allen Kräften der gesamten Bauernschaft helfen, die demokratische Revolution zu vollbringen, damit es uns, der Partei des Proletariats, um so leichter sei, möglichst rasch zu einer neuen und höheren Aufgabe, zur sozialistischen Revolution, überzugehen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 9, S. 213/214 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S.541/542].)

Und sechzehn Jahre später, nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, schreibt Lenin über dieses Thema:

„Die Kautsky, Hilferding, Martow, Tschernow, Hillquit, Longuet, Mac-Donald, Turati und sonstigen Helden des, zweieinhalbten’ Marxismus vermochten nicht, ... das Wechselverhältnis zwischen der bürgerlich-demokratischen und der proletarisch-sozialistischen Revolution zu verstehen. Die erste wächst in die zweite bin über. Die zweite löst im Vorbeigehen die Fragen der ersten. Die zweite verankert das Werk der ersten. Der Kampf, und nur der Kampf entscheidet, wie weit es der zweiten gelingt, über die erste hinauszuwachsen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S.32 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.886].)

Ich verweise besonders auf das erste Zitat, das dem Artikel Lenin s „Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung” entnommen ist, der am 1. September 1905 veröffentlicht wurde. Ich betone das zur Kenntnisnahme für diejenigen, die noch immer behaupten, Lenin sei zur Idee des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution, das heißt zur Idee der permanenten Revolution erst nach dem imperialistischen Krieg gelangt. Dieses Zitat lässt keinen Zweifel darüber, dass diese Leute in einem tiefen Irrtum befangen sind.

Weiter zu IV.

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