"Stalin"

Werke

Band 8

ZU DEN FRAGEN DES Lenin ISMUS

IV
DIE PROLETARISCHE REVOLUTION
UND DIE DIKTATUR DES PROLETARIATS

Worin bestehen die charakteristischen Züge der proletarischen Revolution zum Unterschied von der bürgerlichen Revolution?

Den Unterschied zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Revolution könnte man in fünf Hauptpunkten zusammenfassen:

1. Die bürgerliche Revolution beginnt gewöhnlich, wenn mehr oder weniger fertige Formen der kapitalistischen Ordnung vorhanden sind, die schon vor der offenen Revolution im Schoße der feudalen Gesellschaft herangewachsen und ausgereift sind, während bei Beginn der proletarischen Revolution fertige Formen der sozialistischen Ordnung fehlen oder fast fehlen.

2. Die Hauptaufgabe der bürgerlichen Revolution besteht darin, die Macht zu ergreifen und sie mit der vorhandenen bürgerlichen Ökonomik in Einklang zu bringen, während die Hauptaufgabe der proletarischen Revolution darin besteht, nach der Machtergreifung eine neue, die sozialistische Ökonomik aufzubauen.

3. Die bürgerliche Revolution wird gewöhnlich mit der Machtergreifung abgeschlossen, während die Machtergreifung in der proletarischen Revolution erst ihr Anfang ist, wobei die Macht als Hebel für den Umbau der alten Ökonomik und die Organisierung der neuen benutzt wird.

4. Die bürgerliche Revolution beschränkt sich darauf, die Herrschaft einer Ausbeutergruppe durch die einer anderen Ausbeutergruppe zu ersetzen, und bedarf deshalb nicht der Zertrümmerung der alten Staatsmaschine, während die proletarische Revolution alle und jegliche Ausbeutergruppen von der Macht entfernt und den Führer aller Werktätigen und Ausgebeuteten, die Klasse der Proletarier, an die Macht bringt, weshalb sie nicht ohne die Zertrümmerung der alten Staatsmaschine und deren Ersetzung durch eine neue auskommen kann.

5. Die bürgerliche Revolution kann die Millionenmassen der Werktätigen und Ausgebeuteten nicht für eine einigermaßen lange Periode um die Bourgeoisie zusammenschließen, und zwar gerade deshalb nicht, weil sie Werktätige und Ausgebeutete sind, während die proletarische Revolution sie gerade als Werktätige und Ausgebeutete mit dem Proletariat zu einem dauernden Bund vereinigen kann und muss, wenn sie ihre Hauptaufgabe, die Festigung der Macht des Proletariats und die Errichtung der neuen, der sozialistischen Ökonomik erfüllen will.

Nachstehend einige grundlegende Thesen Lenin s darüber:

 

„Einer der Hauptunterschiede”, sagt Lenin , „zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution besteht darin, dass für die bürgerliche Revolution, die aus dem Feudalismus hervor wächst, im Schoße der alten Ordnung die neuen Wirtschaftsorganisationen allmählich entstehen, die nach und nach alle Seiten der feudalen Gesellschaft ändern. Die bürgerliche Revolution stand nur vor einer Aufgabe: alle Fesseln der früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseite zu werfen, zu zerstören. Jede bürgerliche Revolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt das Wachstum des Kapitalismus.

In einer ganz anderen Lage befindet sich die sozialistische Revolution. Je rückständiger das Land ist, das, infolge der Zickzackbewegungen der Geschichte, die sozialistische Revolution beginnen musste, desto schwieriger ist für dieses Land der Übergang von den alten kapitalistischen Verhältnissen zu sozialistischen. Hier kommen zu den Aufgaben der Zerstörung neue, unerhört schwierige Aufgaben hinzu, nämlich organisatorische.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 67 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.332].)

„Wenn die Schöpferkraft des Volkes in der russischen Revolution”, fährt Lenin fort, „die die große Erfahrung des Jahres 1905 durchgemacht hat, nicht schon im Februar 1917 die Sowjets geschaffen hätte, so hätten sie auf keinen Fall vermocht, im Oktober die Macht zu ergreifen, denn der Erfolg hing lediglich davon ab, ob bereits fertige Organisationsformen der Bewegung vorhanden waren, die Millionen umfasste. Diese fertige Form waren die Sowjets, und deshalb erwarteten uns auf politischem Gebiet jene glänzenden Erfolge, jener ununterbrochene Triumphzug, den wir erlebten, denn die neue Form der politischen Macht war da, und wir brauchten nur mit einigen Dekreten die Sowjetmacht aus dem Embryonalzustand, in dem sie sich in den ersten Monaten der Revolution befand, zur gesetzlich anerkannten Form zu machen, die im Russischen Staat - in der Russischen Sowjetrepublik feste Gestalt erhalten hat.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 27, S. 67/68 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 332/333].)

„Es blieben”, sagt Lenin , „noch zwei ungeheuer schwierige Aufgaben, deren Lösung auf keinen Fall ein Triumphzug sein konnte, wie ihn unsere Revolution in den ersten Monaten erlebte.” (Ebenda, S.68, russ. [S.333, deutsch].)

„Erstens waren das Aufgaben der inneren Organisation, vor denen jede sozialistische Revolution steht. Der Unterschied zwischen der sozialistischen und der bürgerlichen Revolution besteht gerade darin, dass die bürgerliche Revolution die fertigen Formen der kapitalistischen Verhältnisse vorfindet, während die Sowjetmacht, die proletarische Macht, diese fertigen Verhältnisse nicht vorfindet, abgesehen von den entwickeltsten Formen des Kapitalismus, die im Grunde genommen nur unbeträchtliche Spitzen der Industrie erfasst und die Landwirtschaft erst ganz wenig berührt haben. Die Organisierung der Rechnungsführung, die Kontrolle über die Großbetriebe, die Umwandlung des ganzen staatlichen Wirtschaftsmechanismus in eine einzige große Maschine, in einen Wirtschaftsorganismus, der so arbeitet, dass sich Hunderte Millionen Menschen von einem einzigen Plan leiten lassen - das ist die gigantische organisatorische Aufgabe, die uns zugefallen ist. Unter den jetzigen Arbeitsbedingungen ist eine Bewältigung dieser Aufgabe im Sturm, in der Art, wie wir die Aufgaben des Bürgerkrieges zu lösen vermochten, in keiner Weise möglich.” (Ebenda, S.68, russ. [S. 333, deutsch].)

„Die zweite ungeheure Schwierigkeit...- die internationale Frage. Wenn wir mit den Banden Kerenskis so leicht fertig wurden, wenn wir so leicht eine Staatsmacht bei uns schufen, wenn wir ohne die geringste Mühe das Dekret über die Sozialisierung des Bodens, über die Arbeiterkontrolle bekamen, wenn wir das alles so leicht erzielten, so war das nur möglich, weil eine günstige Gestaltung der Verhältnisse uns für einen kurzen Augenblick vor dem internationalen Imperialismus schützte. Der internationale Impetus mit der ganzen Macht seines Kapitals, mit seiner hoch organisierten militärischen Technik, die eine wirkliche Macht, eine wirkliche Festung des internationalen Kapitals darstellt, konnte sich auf keinen Fall, unter keinen Umständen mit der Sowjetrepublik vertragen, sowohl infolge seiner objektiven Lage als auch infolge der ökonomischen Interessen der Kapitalistenklasse, die in ihm verkörpert war, er konnte es nicht wegen der Handelsverbindungen, der internationalen Finanzbeziehungen. Hier ist ein Konflikt unvermeidlich. Hier haben wir die größte Schwierigkeit der russischen Revolution, ihr größtes historisches Problem: die Notwendigkeit, die internationalen Aufgaben zu lösen, die Notwendigkeit, die internationale Revolution auszulösen“ (siehe 4. Ausgabe, Bd.27, S. 69170 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 334/335]).

 

Das ist der innere Charakter und der grundlegende Sinn der proletarischen Revolution.

Kann man eine so radikale Umgestaltung der alten, der bürgerlichen Verhältnisse ohne eine gewaltsame Revolution, ohne die Diktatur des Proletariats bewerkstelligen?

Es ist klar, dass man das nicht kann. Zu glauben, dass man eine solche Revolution friedlich, im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, die der Herrschaft der Bourgeoisie angepasst ist, durchführen kann, bedeutet, entweder den Verstand verloren und die normalen menschlichen Begriffe eingebüßt zu haben oder sich grob und offen von der proletarischen Revolution loszusagen.

Diese Feststellung muss mit um so größerem Nachdruck und um so größerer Entschiedenheit betont werden, als wir es mit einer proletarischen Revolution zu tun haben, die vorläufig in einem Lande gesiegt hat, in einem Lande, das von feindlichen kapitalistischen Ländern umgeben ist und dessen Bourgeoisie, wie es nicht anders sein kann, vom internationalen Kapital unterstützt wird.

Deshalb sagt Lenin :

 

„Die Befreiung der unterdrückten Klasse ist unmöglich nicht nur ohne gewaltsame Revolution, sondern auch ohne Vernichtung des von der herrschenden Klasse geschaffenen Apparats der Staatsgewalt.” (Siehe 4.Ausgabe, Bd.25, S.360 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 162].)

„Möge sich zuerst, bei Aufrechterhaltung des Privateigentums, das heißt bei Aufrechterhaltung der Macht und des Jochs des Kapitals, die Mehrheit der Bevölkerung für die Partei des Proletariats aussprechen - dann erst kann und darf sie die Macht übernehmen’, sagen die kleinbürgerlichen Demokraten, die faktischen Lakaien der Bourgeoisie, die sich ,Sozialisten’ nennen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 30, S. 249, russ.)

„,Möge zuerst das revolutionäre Proletariat die Bourgeoisie stürzen, das Joch des Kapitals abschütteln, den bürgerlichen Staatsapparat zerschlagen - dann wird das siegreiche Proletariat rasch die Sympathien und die Unterstützung der Mehrheit der werktätigen nichtproletarischen Massen für sich gewinnen können, indem es sie auf Kosten der Ausbeuter zufrieden stellt’, sagen wird.” (Ebenda.)

„Um die Mehrheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen”, führt Lenin weiter aus, „muss das Proletariat erstens die Bourgeoisie stürzen und die Staatsmacht erobern; es muss zweitens die Sowjetmacht einführen und dabei den alten Staatsapparat in Trümmer schlagen, wodurch es sofort die Herrschaft, die Autorität, den Einfluss der Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Paktierer unter den nichtproletarischen werktätigen Massen untergräbt. Es muss drittens den Einfluss der Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Paktierer unter der Mehrheit der nichtproletarischen werktätigen Massen durch revolutionäre Befriedigung ihrer ökonomischen Bedürfnisse auf Kosten der Ausbeute endgültig vernichten.” (Ebenda, S. 242, russ.)

 

Das sind die charakteristischen Merkmale der proletarischen Revolution.

Welches sind im Zusammenhang damit die Grundzüge der Diktatur des Proletariats, wenn anerkannt wird, dass die Diktatur des Proletariats den Hauptinhalt der proletarischen Revolution bildet?

Nachstehend die allgemeinste Definition der Diktatur des Proletariats, wie sie von Lenin gegeben wurde:

 

„Die Diktatur des Proletariats ist nicht die Beendigung des Klassenkampfes, sondern seine Fortführung in neuen Formen. Die Diktatur des Proletariats ist der Klassenkampf des Proletariats, das gesiegt und die politische Macht erobert hat, gegen die Bourgeoisie, die zwar besiegt, aber nicht vernichtet, nicht verschwunden ist, nicht aufgehört hat, Widerstand zu leisten, gegen die Bourgeoisie, die ihren Widerstand verstärkt hat.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S.350, russ.)

 

Lenin wendet sich gegen die Verwechslung der Diktatur des Proletariats mit der „vom gesamten Volk ausgehenden”, „aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden”, Macht, die „keine Klassenmacht” ist, und sagt:

 

„Die Klasse, die die politische Herrschaft erobert hat, tat das in dem Bewusstsein, dass sie sie allein übernimmt. Das ist im Begriff der Diktatur des Proletariats enthalten. Dieser Begriff hat nur dann einen Sinn, wenn die Klasse weiß, dass sie allein die politische Macht in die Hand nimmt und weder sich selbst noch andere durch ein Gerede über die ,vom gesamten Volk ausgehende, aus allgemeinen Wahlen hervorgehende, vom ganzen Volk geheiligte Macht betrügt.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 250 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. Il, S.811].)

 

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Macht einer Klasse, der Klasse der Proletarier, die die Macht mit anderen Klassen nicht teilt und nicht teilen kann, zur Verwirklichung ihrer Ziele nicht der Hilfe, des Bündnisses mit den werktätigen und ausgebeuteten Massen anderer Klassen bedarf. Im Gegenteil. Diese Macht, die Macht einer Klasse, kann nur durch eine besondere Form des Bündnisses zwischen der Klasse der Proletarier und den werktätigen Massen der kleinbürgerlichen Klassen, vor allem den werktätigen Massen der Bauernschaft, errichtet und bis zu Ende verwirklicht werden.

Was ist das für eine besondere Form des Bündnisses, worin besteht sie? Widerspricht dieses Bündnis mit den werktätigen Massen anderer, nicht proletarischer Klassen nicht überhaupt der Idee der Diktatur einer Klasse?

Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, dass die führende Kraft dieses Bündnisses das Proletariat ist. Diese besondere Form des Bündnisses besteht darin, dass der Führer des Staates, der Führer im System der Diktatur des Proletariats eine Partei ist, die Partei des Proletariats, die Partei der Kommunisten, die die Führung mit anderen Parteien nicht teilt und nicht teilen kann.

Wie man sieht, ist der Widerspruch hier nur ein vermeintlicher, ein scheinbarer.

 

„Die Diktatur des Proletariats”, sagt Lenin , „ist eine besondere Form des Klassenbündnisses- zwischen dem Proletariat, der Avantgarde der Werktätigen, und den zahlreichen nichtproletarischen Schichten der Werktätigen (Kleinbürgertum, Kleineigentümer, Bauernschaft, Intelligenz usw.) oder deren Mehrheit, eines Bündnisses gegen das Kapital, eines Bündnisses zum Zwecke des völligen Sturzes des Kapitals, der völligen Unterdrückung des Widerstands der Bourgeoisie und ihrer Restaurationsversuche, eines Bündnisses zum Zwecke der endgültigen Errichtung und Festigung des Sozialismus. Das ist ein Bündnis besonderer Art, das sich in einer besonderen Situation herausbildet, nämlich in der Situation eines wütenden Bürgerkriegs; das ist ein Bündnis der standhaften Anhänger des Sozialismus mit dessen schwankenden Verbündeten, manchmal mit ,Neutralen’ (dann wird das Bündnis aus einem Kampfabkommen ein Neutralitätsabkommen), ein Bündnis zwischen ökonomisch, politisch, sozial, geistig ungleichartigen Klassen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 3501351, russ.)

 

In einem seiner Instruktionsreferate sagt Kamenew, gegen diese Auffassung von der Diktatur des Proletariats polemisierend:

„Die Diktatur ist kein Bündnis einer Klasse mit einer anderen.”

Ich glaube, dass Kamenew hier vor allem eine Stelle aus meiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten” im Auge hat, wo es heißt:

„Die Diktatur des Proletariats ist nicht einfach eine Regierungsspitze, die von der sorgsamen Hand eines, erfahrenen Strategen ‚geschickt’ ‚ausgewählt’ wurde und sich auf diese oder jene Schichten der Bevölkerung ‚vernünftig stützt’. Die Diktatur des Proletariats ist ein Klassenbündnis des Proletariats und der werktätigen Massen der Bauernschaft zum Sturz des Kapitals, zum endgültigen Siege des Sozialismus, unter der Bedingung, dass die führende Kraft in diesem Bündnis das Proletariat ist.“[19]

Ich stehe vollständig zu dieser Formulierung der Diktatur des Proletariats, denn ich glaube, dass sie mit der eben angeführten Formulierung Lenin s völlig übereinstimmt.

Ich behaupte, dass die Erklärung Kamenews, dass „die Diktatur kein Bündnis einer Klasse mit einer anderen ist”, in dieser vorbehaltlosen Form mit der Lenin schen Theorie der Diktatur des Proletariats nichts gemein hat.

Ich behaupte, dass so nur Leute sprechen können, die den Sinn der Idee des Zusammenschlusses, der Idee des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, der Idee der Hegemonie des Proletariats in diesem Bündnis nicht begriffen haben.

So können nur Leute sprechen, die die folgende Lenin sche These nicht verstanden haben:

„Nur eine Verständigung mit der Bauernschaft kann die sozialistische Revolution in Russland retten, solange die Revolution in den anderen Ländern nicht eingetreten ist.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 192, russ.)

So können nur Leute sprechen, die den folgenden Leitsatz Lenin s nicht begriffen haben:

„Das höchste Prinzip der Diktatur ist die Aufrechterhaltung des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, damit das Proletariat die führende Rolle und die Staatsmacht behaupten kann.“ (Ebenda, S. 466, russ.)

Lenin hebt eins der wichtigsten Ziele der Diktatur, die Unterdrückung der Ausbeuter, hervor und sagt:

„Der wissenschaftliche Begriff der Diktatur bedeutet nichts anderes als die durch nichts eingeschränkte, durch keinerlei Gesetze, absolut durch keinerlei Regeln gehemmte, sich unmittelbar auf die Gewalt stützende Macht.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 326, russ.)

„Die Diktatur bedeutet - nehmt das ein für allemal zur Kenntnis, ihr Herren Kadetten - die uneingeschränkte, sich auf die Gewalt und nicht auf das Gesetz stützende Macht. Während des Bürgerkriegs kann jede Macht, die den Sieg errungen hat, nur eine Diktatur sein.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 320, russ.)

Aber die Diktatur des Proletariats erschöpft sich natürlich nicht in der Gewalt, obwohl es keine Diktatur ohne Gewalt gibt.

„Die Diktatur”, sagt Lenin , „bedeutet nicht nur Gewalt, obwohl sie ohne Gewalt unmöglich ist, sie bedeutet auch eine Organisation der Arbeit, und zwar eine höhere, als es die vorhergehende war.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 343, russ.)

„Die Diktatur des Proletariats ist ... nicht bloß Gewalt gegenüber den Ausbeutern und sogar nicht einmal hauptsächlich Gewalt. Die ökonomische Grundlage dieser revolutionären Gewalt, die Gewähr für ihre Lebensfähigkeit und ihren Erfolg besteht darin, dass das Proletariat einen im Vergleich zum Kapitalismus höheren Typus der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit repräsentiert und verwirklicht. Das ist der Kern der Sache. Darin liegt die Quelle der Kraft und die Bürgschaft für den unausbleiblichen vollen Sieg des Kommunismus.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 386 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.569].)

„Ihr (der Diktatur. J.St.) Hauptwesen besteht in der Organisation und Disziplin der fortgeschrittensten Abteilung der Werktätigen, ihrer Avantgarde, ihres einzigen Führers, des Proletariats. Sein Ziel ist, den Sozialismus zu errichten, die Teilung der Gesellschaft in Klassen aufzuheben, alle Mitglieder der Gesellschaft zu Werktätigen zu machen, jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen den Boden zu entziehen. Dieses Ziel kann nicht auf einmal verwirklicht werden, es erfordert eine ziemlich lange Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, einmal deshalb, weil die Neuorganisierung der Produktion eine schwierige Sache ist, dann auch deshalb, weil man für radikale Änderungen auf allen Gebieten des Lebens Zeit braucht, und schließlich deshalb, weil die gewaltige Macht der Gewöhnung an kleinbürgerliches und bürgerliches Wirtschaften nur in langem, beharrlichem Kampfe überwunden werden kann. Deshalb spricht auch Marx von einer ganzen Periode der Diktatur des Proletariats als der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.” (Ebenda, S. 358, russ. [S. 557, deutsch].)

Das sind die charakteristischen Züge der Diktatur des Proletariats.

Daraus ergeben sich drei grundlegende Seiten der Diktatur des Proletariats.

1. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Unterdrückung der Ausbeuter, zur Verteidigung des Landes, zur Festigung der Verbindungen mit den Proletariern der anderen Länder, zur Entfaltung und zum Sieg der Revolution in allen Ländern.

2. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur endgültigen Loslösung der werktätigen und ausgebeuteten Massen von der Bourgeoisie, zur Festigung des Bündnisses des Proletariats mit diesen Massen, zur Einbeziehung dieser Massen in den sozialistischen Aufbau, zur staatlichen Leitung dieser Massen durch das Proletariat.

3. Die Macht des Proletariats wird ausgenutzt zur Organisierung des Sozialismus, zur Aufhebung der Klassen, zum Übergang in eine Gesellschaft ohne Klassen, in die sozialistische Gesellschaft.

Die proletarische Diktatur ist die Vereinigung aller dieser drei Seiten. Keine dieser Seiten kann als das einzige charakteristische Merkmal der Diktatur des Proletariats hingestellt werden, und umgekehrt, das Fehlen auch nur eines dieser Merkmale genügt, damit die Diktatur des Proletariats unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung aufhört, eine Diktatur zu sein. Deshalb darf keine dieser drei Seiten ausgeschaltet werden, wenn man nicht Gefahr laufen will, den Begriff der Diktatur des Proletariats zu entstellen. Nur alle diese drei Seiten zusammengenommen geben uns einen vollständigen und abgeschlossenen Begriff von der Diktatur des Proletariats.

Die Diktatur des Proletariats weist verschiedene Perioden auf, hat ihre besonderen Formen, ihre verschiedenartigen Arbeitsmethoden. In der Periode des Bürgerkriegs ist das Merkmal der Gewalt in der Diktatur besonders augenfällig. Aber daraus folgt keineswegs, dass in der Periode des Bürgerkriegs keine Aufbauarbeit geleistet wird. Ohne Aufbauarbeit ist es unmöglich, den Bürgerkrieg zu führen. In der Periode des Aufbaus des Sozialismus sind umgekehrt die friedliche, organisatorische, kulturelle Arbeit der Diktatur, die revolutionäre Gesetzlichkeit usw. besonders augenfällig. Aber daraus folgt wiederum keineswegs, dass das Merkmal der Gewalt in der Diktatur während der Periode des Aufbaus wegfällt oder wegfallen kann. Die Organe der Unterdrückung, die Armee und andere Organisationen, sind jetzt, in der Zeit des Aufbaus, nicht minder notwendig als in der Periode des Bürgerkriegs. Ohne das Vorhandensein dieser Organe ist keine einigermaßen gesicherte Aufbauarbeit der Diktatur möglich. Man darf nicht vergessen, dass die Revolution vor-läufig nur in einem Lande gesiegt hat. Man darf nicht vergessen, dass, solange die kapitalistische Umkreisung besteht, auch die Gefahr der Intervention mit allen sich aus dieser Gefahr ergebenden Folgen bestehen wird.

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