"Stalin"

Werke

Band 8

ZU DEN FRAGEN DES Lenin ISMUS

VI
DIE FRAGE DES SIEGES DES SOZIALISMUS
IN EINEM LANDE

In der Schrift „Über die Grundlagen des Lenin ismus” (Mai 1924, erste Ausgabe) kommen zwei Formulierungen zur Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande vor. Die erste Formulierung lautet:

 

„Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem Lande für unmöglich, da man annahm, dass zum Siege über die Bourgeoisie eine gemeinsame Aktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder oder jedenfalls der Mehrzahl dieser Länder erforderlich sei. Jetzt entspricht diese Ansicht nicht mehr der Wirklichkeit. Jetzt muss man von der Möglichkeit eines solchen Sieges ausgehen, denn der ungleichmäßige und sprunghafte Charakter der Entwicklung der verschiedenen kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen des Imperialismus, die Entwicklung der katastrophalen Widersprüche innerhalb des Imperialismus, die unausweichlich zu Kriegen führen, das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt - all das macht den Sieg des Proletariats in einzelnen Ländern nicht nur möglich, sondern auch notwendig.” (Siehe „Über die Grundlagen des Lenin ismus“[26].)

 

Dieser Leitsatz ist völlig richtig und bedarf keines Kommentars. Er ist gegen die Theorie der Sozialdemokraten gerichtet, die die Machtergreifung durch das Proletariat in einem Lande, ohne die gleichzeitige siegreiche Revolution in anderen Ländern, für eine Utopie halten.

Aber die Schrift „Über die Grundlagen des Lenin ismus” enthält noch eine zweite Formulierung. Es heißt dort:

 

„Aber die Macht der Bourgeoisie stürzen und die Macht des Proletariats in einem Lande aufrichten, heißt noch nicht, den vollen Sieg des Sozialismus sichern. Die Hauptaufgabe des Sozialismus - die Organisierung der sozialistischen Produktion - steht noch bevor. Kann man diese Aufgabe lösen, kann man den endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande erreichen ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer fortgeschrittener Länder? Nein, das kann man nicht. Zum Sturz der Bourgeoisie genügen die Anstrengungen eines Landes - davon zeugt die Geschichte unserer Revolution. Zum endgültigen Siege des Sozialismus, zur Organisierung der sozialistischen Produktion, genügen nicht die Anstrengungen eines Landes, zumal eines Bauernlandes wie Russland - dazu sind die Anstrengungen der Proletarier mehrerer fortgeschrittener Länder notwendig.” (Siehe „Ober die Grundlagen des Lenin ismus”, erste Ausgabe[27].)

 

Diese zweite Formulierung war gegen die Behauptung der Kritiker des Lenin ismus, gegen die Trotzkisten, gerichtet, die erklärten, die Diktatur des Proletariats in einem Lande könne sich nicht „einem konservativen Europa gegenüber behaupten”, wenn der Sieg in anderen Ländern ausbleibt.

Insofern - aber nur insofern - war diese Formulierung damals (Mai 1924) ausreichend, und sie hat zweifellos einen gewissen Dienst geleistet.

In der Folge aber, als die Kritik am Lenin ismus auf diesem Gebiet in der Partei schon überwunden war und als eine neue Frage auf die Tagesordnung kam, die Frage nach der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften unseres Landes, ohne Hilfe von außen, da erwies sich diese zweite Formulierung bereits als offenkundig ungenügend und deshalb unrichtig.

Worin besteht der Mangel dieser Formulierung?

Ihr Mangel besteht darin, dass sie zwei verschiedene Fragen zu einer Frage zusammenzieht: die Frage der Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus mit den Kräften eines Landes, worauf eine bejahende Antwort gegeben werden muss, und die Frage, ob sich ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats errichtet ist, als völlig gesichert gegen eine Intervention und folglich gegen die Restauration der alten Ordnung betrachten kann ohne die siegreiche Revolution in einer Reihe anderer Länder, worauf eine verneinende Antwort gegeben werden muss. Ich spreche schon gar nicht davon, dass diese Formulierung zu dem Gedanken Anlass geben kann, dass die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften eines Landes unmöglich sei, was natürlich falsch ist.

Aus diesem Grunde habe ich diese Formulierung in meiner Schrift „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten” (Dezember 1924) abgeändert und richtig gestellt, indem ich diese Frage in zwei Fragen zerlegte: in die Frage der vollständigen Garantie gegen die Restauration der bürgerlieben Ordnung und in die Frage der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem Lande. Das wurde erreicht, erstens dadurch, dass der „vollständige Sieg des Sozialismus” im Sinne der „vollständigen Garantie gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung” behandelt wurde, die nur durch die „gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder” erreicht werden kann, und zweitens dadurch, dass auf Grund der Lenin schen Schrift „über das Genossenschaftswesen”[28] die unbestreitbare Wahrheit ausgesprochen wurde, dass wir alles haben, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten („Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“). (In den nachfolgenden Auflagen der Schrift „Über die Grundlagen des Lenin ismus” wurde diese neue Formulierung der Frage an die Stelle der alten gesetzt.)

Diese neue Formulierung wurde denn auch der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B)“[29] zugrunde gelegt, die die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande in Verbindung mit der Stabilisierung des Kapitalismus behandelt (April 1925) und die Errichtung des Sozialismus mit den Kräften unseres Landes für möglich und notwendig hält.

Sie diente auch als Grundlage für meine Schrift „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR(B)”, die unmittelbar nach der XIV. Parteikonferenz, im Mai 1925, erschien.

Über die Behandlung der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande wird in dieser Schrift gesagt:

 

„Unser Land weist zwei Gruppen von Gegensätzen auf. Die eine Gruppe von Gegensätzen - das sind die inneren Gegensätze, die zwischen Proletariat und Bauernschaft bestehen (gemeint ist hier die Errichtung des Sozialismus in einem Lande. J. St.). Die andere Gruppe von Gegensätzen - das sind die äußeren Gegensätze, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind (gemeint ist hier der endgültige Sieg des Sozialismus. J. St.)...” „Wer die erste Gruppe von Gegensätzen, die durchaus mit den Kräften eines Landes überwunden werden können, mit der zweiten Gruppe von Gegensätzen verwechselt, die zu ihrer Überwindung die Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder erfordern, der verstößt aufs gröblichste gegen den Lenin ismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist.” (Siehe „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Konferenz der KPR(B)[30].)

 

Über die Frage des Sieges des Sozialismus in unserem Lande wird in der Schrift gesagt:

 

„Wir können den Sozialismus errichten, und wir werden ihn zusammen mit der Bauernschaft, unter der Führung der Arbeiterklasse aufbauen”, ... denn „unter der Diktatur des Proletariats sind bei uns ...alle Vorbedingungen gegeben, die notwendig sind, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten, wobei alle und jegliche inneren Schwierigkeiten überwunden werden, denn wir können und müssen sie aus eigener Kraft überwinden.” (Ebenda[31].)

 

Über die Frage des endgültigen Sieges des Sozialismus heißt es dort:

 

„Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen Interventions- und folglich auch gegen Restaurationsversuche, denn ein einigermaßen ernsthafter Restaurationsversuch kann nur mit ernster Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals erfolgen. Deshalb ist die Unterstützung unserer Revolution durch die Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg dieser Arbeiter zum mindesten in einigen Ländern die unerlässliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen Interventions- und Restaurationsversuche, die unerlässliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus.” (Ebenda[32].)

 

Das ist wohl klar.

Bekanntlich wird diese Frage in meiner Schrift „Fragen und Antworten” (Juni 1925) und in dem politischen Rechenschaftsbericht des ZK auf dem XIV. Parteitag der KPdSU(B)[33] (Dezember 1925) in dem gleichen Sinne behandelt.

Das sind die Tatsachen.

Diese Tatsachen sind, wie ich glaube, allen Genossen bekannt, darunter auch Sinowjew.

Hält es Sinowjew jetzt, fast zwei Jahre nach dem ideologischen Kampf in der Partei und nach der auf der XIV. Parteikonferenz angenommenen Resolution (April 1925), für möglich, in seinem Schlusswort auf dem XIV. Parteitag (Dezember 1925) die alte, vollständig ungenügende Formel aus Stalins Schrift, die im April 1924 verfasst wurde, als Grundlage für die Lösung der schon gelösten Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande hervorzuholen, so zeigt diese sonderbare Manier Sinowjews nur, dass er sich in dieser Frage vollends verheddert hat. Die Partei rückwärts zerren, nachdem sie vorwärts geschritten ist, die Resolution der XIV. Parteikonferenz umgehen, nachdem sie vom Plenum des ZK[34] bestätigt worden ist, das heißt, sich hoffnungslos in Widersprüche verstricken, an die Sache des Aufbaus des Sozialismus nicht glauben, den Weg Lenin s verlassen und die eigene Niederlage dokumentieren.

Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande?

Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorhergehenden Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.

Ohne diese Möglichkeit ist das Bauen des Sozialismus ein Bauen ohne Perspektive, ein Bauen ohne die Überzeugung, dass man den Sozialismus aufbauen wird. Man kann den Sozialismus nicht bauen, wenn man nicht überzeugt ist, dass es möglich ist, ihn aufzubauen, wenn man nicht überzeugt ist, dass die technische Rückständigkeit unseres Landes kein unüberwindliches Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft ist. Die Verneinung dieser Möglichkeit bedeutet Unglauben an die Sache des Aufbaus des Sozialismus, Abkehr vom Lenin ismus.

Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen, endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern?

Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollständigen Garantie gegen die Intervention und folglich auch gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat. Die Verneinung dieses unbestreitbaren Leitsatzes bedeutet Abkehr vom Internationalismus, Abkehr vom Lenin ismus.

„Wir leben”, sagt Lenin , „nicht nur in einem Staat, sondern in einem Staatensystem, und die Existenz der Sowjetrepublik neben den imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird entweder das eine oder das andere siegen. Aber bis dieses Ende eintritt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidlich. Das heißt, dass die herrschende Klasse, das Proletariat, wenn es herrschen will und herrschen wird, dies auch durch seine militärische Organisation beweisen muss.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 29, S.133, russ.)

„Wir haben”, sagt Lenin an anderer Stelle, „ein gewisses, im höchsten Grade labiles, aber immerhin unzweifelhaftes, unbestreitbares Gleichgewicht vor uns. Ob es von langer Dauer sein wird, weiß ich nicht, und ich glaube, dass man das nicht wissen kann. Und deshalb ist unserseits die größte Vorsicht am Platze. Und das erste Gebot unserer Politik, die erste Lehre, die sich aus unserer Regierungstätigkeit während dieses Jahres ergibt, eine Lehre, die sich alle Arbeiter und Bauern zu eigen machen müssen, ist die: auf der Hut sein, daran denken, dass wir von Leuten, Klassen, Regierungen umgeben sind, die offen den größten Hass gegen uns bekunden. Man muss daran denken, dass wir stets nur um ein Haar von einem Überfall entfernt sind.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 122, russ.)

 

Das ist wohl klar.

Wie steht es bei Sinowjew bezüglich der Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande?

Man höre:

 

„Unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus ist mindestens zu verstehen: 1. die Aufhebung der Klassen und folglich 2. die Abschaffung der Diktatur einer Klasse, im gegebenen Fall der Diktatur des Proletariats ...” „Um noch genauer klarzustellen“, sagt Sinowjew weiter, „wie die Frage bei uns in der UdSSR im Jahre 1925 steht, muss man zweierlei unterscheiden: 1. die gesicherte Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen - diese Möglichkeit, den Sozialismus zu bauen, ist natürlich auch im Rahmen eines Landes durchaus vorstellbar, und 2. die endgültige Errichtung und Festigung des Sozialismus, das heißt die Verwirklichung der sozialistischen Ordnung, der sozialistischen Gesellschaft.”

 

Was kann das alles bedeuten?

Nichts anderes, als dass Sinowjew unter dem endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande nicht die Garantie gegen Intervention und Restauration versteht, sondern die Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Unter dem Sieg des Sozialismus in einem Lande aber versteht Sinowjew ein solches Bauen des Sozialismus, das nicht zur Errichtung des Sozialismus führen kann und führen soll. Ein Bauen aufs Geratewohl, ohne Perspektive, ein Bauen des Sozialismus, bei dem man nicht die Möglichkeit hat, die sozialistische Gesellschaft zu errichten - das ist die Position Sinowjews.

Den Sozialismus bauen, ohne die Möglichkeit zu haben, ihn wirklich aufzubauen, mit dem Bewusstsein bauen, dass man ihn doch nicht aufbauen wird - bis zu solchen Ungereimtheiten hat sich Sinowjew verstiegen.

Aber das ist doch ein Hohn auf die Frage und keine Lösung der Frage!

Noch eine Stelle aus dem Schlusswort Sinowjews auf dem XIV. Parteitag:

 

„Man sehe nur, wie weit sich zum Beispiel Genosse Jakowlew auf der letzten Kursker Gouvernementsparteikonferenz verstiegen hat: ,Können wir’, fragt er, ,in einem Lande, wo uns von allen Seiten kapitalistische Feinde umgeben, können wir unter solchen Verhältnissen in einem Lande den Sozialismus errichten?’ Und er antwortet: ‚Auf Grund des Gesagten haben wir das Recht zu behaupten, dass wir nicht nur den Sozialismus bauen, sondern dass wir, obwohl wir einstweilen allein sind, obwohl wir einstweilen das einzige Sowjetland in der Welt, der einzige Sowjetstaat sind, den Sozialismus errichten werden.’ („Kurskaja Prawda” Nr. 279 vom 8. Dezember 1925.) Ist das etwa eine Lenin istische Fragestellung“, fragt Sinowjew, „riecht das etwa nicht nach nationaler Beschränktheit?“

 

Somit heißt es nach Sinowjew, auf dem Standpunkt der nationalen Beschränktheit stehen, wenn man die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande anerkennt, und auf dem Standpunkt des Internationalismus stehen, wenn man diese Möglichkeit verneint.

Wenn das aber stimmt, lohnt es sich dann überhaupt, den Kampf für den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zu führen? Folgt nicht daraus, dass ein solcher Sieg unmöglich ist?

Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft - dahin führt die innere Logik der Argumentation Sinowjews. Und diese Ungereimtheit, die mit dem Lenin ismus nichts gemein hat, wird uns von Sinowjew als „Internationalismus”, als „hundertprozentiger Lenin ismus” aufgetischt!

Ich behaupte, dass Sinowjew in der so wichtigen Frage des Aufbaus des Sozialismus sich vom Lenin ismus abkehrt und auf den Standpunkt des Menschewiks Suchanow hin abgleitet.

Wenden wir uns Lenin zu. Lenin sagte über den Sieg des Sozialismus in einem Lande noch vor der Oktoberrevolution, im August 1915:

 

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Landes der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in ihnen den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten’ vorgehen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I. S.753].)

 

Was bedeuten die von uns hervorgehobenen Worte Lenin s: „nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande”? Das bedeutet, dass das Proletariat des siegreichen Landes die sozialistische Produktion im eigenen Lande nach der Machtergreifung organisieren kann und muss. Und was bedeutet „die Organisierung der sozialistischen Produktion“? Das bedeutet, die sozialistische Gesellschaft errichten. Es erübrigt sich nachzuweisen, dass dieser klare und bestimmte Leitsatz Lenin s keines weiteren Kommentars bedarf. Andernfalls wäre es nicht verständlich, warum Lenin im Oktober 1917 zur Machtergreifung durch das Proletariat aufrief.

Man sieht, dass zwischen diesem klaren Leitsatz Lenin s und dem verworrenen und anti Lenin istischen „Leitsatz” Sinowjews, wonach wir den Sozialismus „im Rahmen eines Landes” bauen können, dass es aber unmöglich ist, ihn aufzubauen, ein himmelweiter Unterschied besteht.

Das sagte Lenin im Jahre 1915, vor der Machtergreifung durch das Proletariat. Aber vielleicht haben sich seine Ansichten nach den Erfahrungen der Machtergreifung, nach 1917, geändert? Wenden wir uns der Schrift Lenin s „Über das Genossenschaftswesen” zu, die im Jahre 1923 verfasst wurde.

 

„In der Tat”, sagt Lenin , „die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als Krämerei behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NÖP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist1.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd.33, S. 428 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 9891.)

 

Mit anderen Worten: Wir können und müssen die vollendete sozialistische Gesellschaft errichten, denn wir haben alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.

Ich glaube, klarer könnte man sich kaum ausdrücken.

Man vergleiche diesen klassischen Leitsatz Lenin s mit der anti Lenin istischen Erwiderung Sinowjews an Jakowlew, und man wird begreifen, dass Jakowlew nur die Worte Lenin s über die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande wiederholt hat, während Sinowjew, der sich gegen diesen Leitsatz wendet und Jakowlew geißelt, von Lenin abgerückt ist und sich auf den Standpunkt des Menschewiks Suchanow gestellt hat, auf den Standpunkt, dass die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande infolge seiner technischen Rückständigkeit unmöglich sei.

Unbekannt bleibt nur, wozu wir eigentlich im Oktober 1917 die Macht ergriffen haben, wenn wir nicht darauf rechneten, den Sozialismus zu errichten?

Man hätte im Oktober 1917 nicht die Macht ergreifen sollen - das ist die Schlussfolgerung, zu der die innere Logik der Argumentation Sinowjews führt.

Ich behaupte ferner, dass Sinowjew in der so wichtigen Frage des Sieges des Sozialismus gegen bestimmte Beschlüsse unserer Partei zu Felde zieht, die in der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz „Über die Aufgaben der Komintern und der KPR(B) im Zusammenhang mit dem erweiterten Plenum des EKKI” festgelegt worden sind.

Wenden wir uns dieser Resolution zu. Dort wird über den Sieg des Sozialismus in einem Lande gesagt:

 

„Das Bestehen zweier diametral entgegen gesetzter gesellschaftlicher Systeme ruft die ständige Gefahr der kapitalistischen Blockade, anderer Formen des ökonomischen Druckes, der bewaffneten Intervention und der Restauration hervor. Die einzige Garantie für den endgültigen Sieg des Sozialismus, das heißt die Garantie gegen die Restauration, ist folglich die siegreiche sozialistische Revolution in einer Reihe von Ländern...” „Der Lenin ismus lehrt, dass der endgültige Sieg des Sozialismus im Sinne der vollständigen Garantie gegen eine Restauration’ der bürgerlichen Verhältnisse nur im internationalen Maßstab möglich ist...” „Daraus folgt keineswegs’, dass die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft’ in einem so rückständigen Lande wie Russland ohne ‚staatliche Hilfe’ (Trotzki) der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder unmöglich sei.” (Siehe Resolution[35].)

 

Man sieht, die Resolution behandelt den endgültigen Sieg des Sozialismus im Sinne der Garantie gegen die Intervention und die Restauration - in vollem Gegensalz zu der Auffassung, wie sie Sinowjew in seinem Buch „ Lenin ismus” vertritt.

Man sieht, die Resolution erkennt an, dass die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in einem rückständigen Lande wie Russland ohne „staatliche Hilfe” der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder möglich ist - in vollem Gegensalz zu der gegenteiligen Behauptung, die Sinowjew in seiner Erwiderung an Jakowlew im Schlusswort auf dem XIV. Parteitag aufstellt.

Wie soll man das anders nennen als einen Kampf Sinowjews gegen die Resolution der XIV. Parteikonferenz?

Freilich sind Parteiresolutionen manchmal nicht ohne Mängel. Es kommt vor, dass Parteiresolutionen Fehler enthalten. Allgemein gesprochen wäre die Annahme zulässig, dass auch die Resolution der XIV. Parteikonferenz einige Fehler enthalte. Es ist möglich, dass Sinowjew diese Resolution für fehlerhaft hält. Dann aber muss man das klar und offen aussprechen, wie es einem Bolschewik ziemt. Das tut jedoch Sinowjew aus irgendeinem Grunde nicht. Er zog es vor, einen anderen Weg zu wählen und die Resolution der XIV. Parteikonferenz aus dem Hinterhalt anzugreifen, ohne diese Resolution zu erwähnen und ohne irgendeine offene Kritik an der Resolution zu üben. Sinowjew glaubt offenbar, dass man auf diesem Wege am besten zum Ziele kommt. Sein Ziel aber ist das eine: die Resolution zu „verbessern” und Lenin „ein klein wenig” zu korrigieren. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass Sinowjew sich in seinen Berechnungen getäuscht hat.

Woher kommt der Fehler Sinowjews? Wo steckt die Wurzel dieses Fehlers?

Die Wurzel dieses Fehlers liegt meines Erachtens in der Überzeugung Sinowjews, dass die technische Rückständigkeit unseres Landes ein unüberwindliebes Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft sei, dass das Proletariat infolge der technischen Rückständigkeit unseres Landes den Sozialismus nicht errichten könne. Sinowjew und Kamenew versuchten einmal, mit diesem Argument in einer der Sitzungen des ZK der Partei vor der Aprilkonferenz der Partei[36] aufzutreten. Aber sie holten sich eine Abfuhr und waren gezwungen, den Rückzug anzutreten, indem sie sich formell dem entgegengesetzten Standpunkt, dem Standpunkt der Mehrheit des ZK, unterordneten. Obwohl sich Sinowjew formell diesem Standpunkt untergeordnet hatte, setzte er jedoch den Kampf gegen denselben die ganze Zeit fort. Über diesen „Zwischenfall” im ZK der KPR(B) sagt das Moskauer Komitee unserer Partei in seiner „Antwort” auf den Brief der Lenin grader Gouvernementsparteikonferenz[37]:

 

„Noch vor kurzem haben Kamenew und Sinowjew im Politbüro den Standpunkt vertreten, dass wir infolge unserer technischen und ökonomischen Rückständigkeit nicht imstande wären, mit den inneren Schwierigkeiten fertig zu werden, es sei denn, dass uns die internationale Revolution rette. Wir aber sind, zusammen mit der Mehrheit des ZK, der Meinung, dass wir den Sozialismus bauen können, dass wir ihn bauen und den Aufbau zu Ende führen werden, ungeachtet unserer technischen Rückständigkeit, und ihr zum Trotz. Wir sind der Meinung, dass dieser Aufbau natürlich viel langsamer vor sich gehen wird, als es bei einem Sieg im Weltmaßstab der Fall wäre, aber dennoch schreiten wir vorwärts und werden vorwärts schreiten. Ebenso sind wir der Ansicht, dass der Standpunkt Kamenews und Sinowjews den Unglauben an die inneren Kräfte unserer Arbeiterklasse und der ihr folgenden Bauernmassen zum Ausdruck bringt. Wir sind der Ansicht, dass dieser Standpunkt eine Abkehr von der Lenin schen Position bedeutet.” (Siehe „Antwort“.)

Dieses Dokument erschien in der Presse während der ersten Sitzungen des XIV. Parteitags. Sinowjew hatte natürlich die Möglichkeit, noch auf dem Parteitag gegen dieses Dokument Stellung zu nehmen. Es ist bezeichnend, dass Sinowjew und Kamenew keine Argumente gegen diese schwere Beschuldigung fanden, die vom Moskauer Komitee unserer Partei gegen sie erhoben wurde. Ist das ein Zufall? Ich glaube, dass es kein Zufall ist. Die Beschuldigung hat offenbar ins Schwarze getroffen. Sinowjew und Kamenew haben auf diese Beschuldigung darum mit Schweigen „geantwortet”, weil sie nichts hatten, was sie dagegen „ins Treffen führen” konnten.

Die „neue Opposition” ist gekränkt, dass man Sinowjew des Unglaubens an dem Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande beschuldigt. Aber wenn Sinowjew, nachdem die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande ein volles Jahr diskutiert wurde, nachdem der Standpunkt Sinowjews vom Politbüro des ZK (April 1925) abgelehnt wurde, nachdem sich schon eine bestimmte Meinung der Partei über diese Frage herausgebildet hatte, die in der bekannten Resolution der XIV. Parteikonferenz (April 1925) niedergelegt worden ist, wenn Sinowjew sich nach alledem entschließt, in seinem Buch „ Lenin ismus” (September 1925) gegen den Standpunkt der Partei aufzutreten, wenn er dann dieses Auftreten auf denn XIV. Parteitag wiederholt - wie soll man das alles, diese Verstocktheit, diese Hartnäckigkeit bei der Verteidigung seines Fehlers, anders erklären als damit, dass Sinowjew angesteckt, hoffnungslos angesteckt ist mit dem Unglauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?

Sinowjew beliebt, diesen seinen Unglauben als Internationalismus auszugeben. Aber seit wann wird bei uns die Abkehr vom Lenin ismus in der Kardinalfrage des Lenin ismus Internationalismus genannt?

Wäre es nicht richtiger zu sagen, dass nicht die Partei, sondern Sinowjew sich hier gegen den Internationalismus und die internationale Revolution versündigt? Denn was ist unser Land, das Land „des Sozialismus im Aufbau”, anderes als die Basis der Weltrevolution? Kann es aber die wirkliche Basis der Weltrevolution sein, wenn es nicht fähig ist, die sozialistische Gesellschaft zu errichten? Kann es das gewaltige Anziehungszentrum für die Arbeiter aller Länder, das es jetzt zweifellos ist, bleiben, wenn es unfähig ist, im eigenen Lande den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft, den Sieg des sozialistischen Aufbaus zu erringen? Ich glaube, das kann es nicht. Folgt aber daraus nicht, dass der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus, die Propagierung dieses Unglaubens zur Diskreditierung unseres Landes als der Basis der Weltrevolution führt, die Diskreditierung unseres Landes führt aber zur Schwächung der revolutionären Weltbewegung. Wodurch suchten die Herren Sozialdemokraten die Arbeiter von uns abzuschrecken? Durch die Propaganda, dass „bei den Russen nichts herauskommen wird”.

Was ist es, womit wir jetzt die Sozialdemokraten schlagen, was ganze Scharen von Arbeiterdelegationen in unser Land ziehen lässt, wodurch wir die Positionen des Kommunismus in der ganzen Welt stärken? Das sind unsere Erfolge beim Aufbau des Sozialismus. Ist es aber nunmehr nicht klar, dass derjenige, der den Unglauben an unsere Erfolge beim Aufbau des Sozialismus propagiert, indirekt den Sozialdemokraten hilft, die Schwungkraft der internationalen revolutionären Bewegung schwächt und sich unvermeidlich vom Internationalismus abwendet?...

Man sieht, dass es mit dem „Internationalismus” Sinowjews durchaus nicht besser bestellt ist als mit seinem „hundertprozentigen Lenin ismus” in der Frage des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande.

Deshalb hat der XIV. Parteitag richtig gehandelt, als er die Ansichten der „neuen Opposition” als „Unglauben an den Aufbau des Sozialismus” und als „Entstellung des Lenin ismus”[38] kennzeichnete.

Weiter zu VII.

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