"Stalin"

Werke

Band 8

ZU DEN FRAGEN DES Lenin ISMUS

VII
DER KAMPF FÜR DEN SIEG
DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS

Ich denke, dass der Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus der Hauptfehler der „neuen Opposition” ist. Dieser Fehler ist meines Erachtens deshalb der Hauptfehler, weil sich aus ihm alle übrigen Fehler der „neuen Opposition” ergeben. Die Fehler der „neuen Opposition” in der Frage der NÖP, des Staatskapitalismus, der Natur unserer sozialistischen Industrie, der Rolle der Genossenschaften unter der Diktatur des Proletariats, der Niethoden des Kampfes gegen das Kulakentum, der Rolle und Bedeutung der Mittelbauernschaft - alle diese Fehler folgen aus dem Hauptfehler der Opposition, dem Unglauben an die Möglichkeit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften unseres Landes.

Was ist Unglaube an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande?

Das ist vor allem die fehlende Überzeugung, dass die Hauptmassen der Bauernschaft, infolge bestimmter Entwicklungsbedingungen unseres Landes, in das Werk des sozialistischen Aufbaus einbezogen werden können.

Das ist zweitens die fehlende Überzeugung, dass das Proletariat unseres Landes, das die Kommandohöhen der Volkswirtschaft innehat, fähig ist, die Hauptmassen der Bauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen.

Von diesen Voraussetzungen geht die Opposition in ihren Konstruktionen über die Wege unserer Entwicklung stillschweigend aus - einerlei, ob sie das bewusst oder unbewusst tut.

Kann man die Hauptmasse der Sowjetbauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einbeziehen?

In der Schrift „Über die Grundlagen des Lenin ismus” sind diesbezüglich zwei grundlegende Leitsätze enthalten:

 

1. „Man darf die Bauernschaft der Sowjetunion nicht mit der Bauernschaft des Westens verwechseln. Eine Bauernschaft, die durch die Schule dreier Revolutionen gegangen ist, die zusammen mit dem Proletariat und mit dem Proletariat an der Spitze gegen den Zaren und die bürgerliche Macht gekämpft hat, eine Bauernschaft, die Boden und Frieden aus der Hand der proletarischen Revolution erhalten hat und infolgedessen zur Reserve des Proletariats geworden ist - eine solche Bauernschaft muss sich zwangsläufig von einer Bauernschaft unterscheiden, die während der bürgerlichen Revolution unter der Führung der liberalen Bourgeoisie gekämpft hat, die den Grund und Boden aus der Hand dieser Bourgeoisie erhalten hat und infolgedessen zur Reserve der Bourgeoisie geworden ist. Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die Sowjetbauernschaft, die die politische Freundschaft und die politische Zusammenarbeit mit dem Proletariat schätzen gelernt hat und die dieser Freundschaft und dieser Zusammenarbeit ihre Freiheit verdankt, für die ökonomische Zusammenarbeit mit dem Proletariat ganz besonders geeignet sein muss.”

2. „Man darf die Landwirtschaft Russlands nicht mit der Landwirtschaft des Westens verwechseln. Dort vollzieht sich die Entwicklung der Landwirtschaft in den gewöhnlichen Bahnen des Kapitalismus, unter den Verhältnissen einer tiefgehenden Differenzierung der Bauernschaft, mit großen Gütern und privatkapitalistischen Latifundien auf dem einen Pol und mit Pauperismus, Elend und Lohnsklaverei auf dem andern. Dort sind infolgedessen Zerfall und Zersetzung ganz natürlich. Anders in Russland. Bei uns kann die Entwicklung der Landwirtschaft schon deswegen nicht diesen Weg gehen, weil das Bestehen der Sowjetmacht und die Nationalisierung der wichtigsten Produktionsinstrumente und -mittel eine solche Entwicklung nicht zulassen. In Russland muss die Entwicklung der Landwirtschaft einen anderen Weg gehen, den Weg des genossenschaftlichen Zusammenschlusses von Millionen Klein- und Mittelbauern, den Weg der Entwicklung von Massengenossenschaften auf dein Lande, die vom Staat durch Gewährung von Vorzugskrediten unterstützt werden. Lenin hat in seinen Artikeln über das Genossenschaftswesen treffend darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Landwirtschaft bei uns einen neuen Weg gehen muss, den Weg der Einbeziehung der Mehrheit der Bauern in den sozialistischen Aufbau durch die Genossenschaften, den Weg der allmählichen Durchdringung der Landwirtschaft mit den Prinzipien des Kollektivismus, zuerst auf dem Gebiet des Absatzes und dann auch auf dem Gebiet der Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse...

Es erübrigt sich wohl nachzuweisen, dass die gewaltige Mehrheit der Bauernschaft gern diesen neuen Entwicklungsweg beschreiten und den Weg der privatkapitalistischen Latifundien und der Lohnsklaverei, den Weg des Elends und des Ruins verschmähen wird.”[39]

 

Sind diese Leitsätze richtig?

Ich glaube, diese beiden Leitsätze sind richtig und unbestreitbar für unsere gesamte Aufbauperiode unter den Bedingungen der NÖP.

Sie sind nur der Ausdruck der bekannten Thesen Lenin s über den Zusammenschluss des Proletariats und der Bauernschaft, über die Einbeziehung der Bauernwirtschaften in das System der sozialistischen Entwicklung des Landes, darüber, dass das Proletariat zusammen mit den Hauptmassen der Bauernschaft zum Sozialismus fortschreiten muss, dass der genossenschaftliche Zusammenschluss der Millionenmassen der Bauernschaft die breite Heerstraße des sozialistischen Aufbaus im Dorfe ist, dass beim Wachstum unserer sozialistischen Industrie „das einfache Wachstum der Genossenschaften für uns ... mit dem Wachstum des Sozialismus identisch ist” (siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 434 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 994]).

In der Tat, welchen Weg kann und soll die Entwicklung der Bauernwirtschaft in unserem Lande gehen?

Die Bauernwirtschaft ist keine kapitalistische Wirtschaft. Die Bauernwirtschaft ist, wenn wir die erdrückende Mehrzahl der Bauernwirtschaften in Betracht ziehen, eine kleine Warenwirtschaft. Was aber ist eine bäuerliche kleine Warenwirtschaft? Das ist eine Wirtschaft, die am Scheidewege zwischen Kapitalismus und Sozialismus steht. Sie kann sich sowohl in der Richtung zum Kapitalismus entwickeln, wie das jetzt in den kapitalistischen Ländern geschieht, als auch in der Richtung zum Sozialismus, wie das bei uns, in unserem Lande, unter der Diktatur des Proletariats der Fall sein muss.

Woher kommt diese Unbeständigkeit, diese Unselbständigkeit der Bauernwirtschaft? Wodurch ist sie zu erklären?

Sie ist zu erklären durch die Zersplitterung der Bauernwirtschaften, durch ihre Unorganisiertheit, ihre Abhängigkeit von der Stadt, von der Industrie, vom Kreditsystem, vom Charakter der Staatsmacht im Lande, schließlich durch den allgemein bekannten Umstand, dass das Dorf sowohl in materieller als auch in kultureller Hinsicht der Stadt folgt und folgen muss.

Der kapitalistische Entwicklungsweg der Bauernwirtschaft bedeutet eine Entwicklung mit tiefgehender Differenzierung der Bauernschaft, mit großen Latifundien auf dem einen Pol und Massenverelendung auf dem anderen Pol. Dieser Entwicklungsweg ist in den kapitalistischen Ländern unvermeidlich, weil das Dorf, die Bauernwirtschaft, von der Stadt, von der Industrie, von dem in der Stadt konzentrierten Kredit, vom Charakter der Staatsmacht abhängt, in der Stadt aber die Bourgeoisie, die kapitalistische Industrie, das kapitalistische Kreditsystem, die kapitalistische Staatsmacht herrscht.

Ist dieser Entwicklungsweg der Bauernwirtschaften auch in unserem Lande obligatorisch, wo die Stadt ein völlig anderes Aussehen hat, wo die Industrie sich in der Hand des Proletariats befindet, wo das Verkehrswesen, das Kreditsystem, die Staatsmacht usw. in der Hand des Proletariats konzentriert sind, wo die Nationalisierung des Bodens ein allgemeines Gesetz im Lande ist? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Gerade weil die Stadt der Führer des Dorfes ist und bei uns in der Stadt das Proletariat herrscht, das alle Kommandohöhen der Volkswirtschaft innehat, gerade deswegen müssen die Bauernwirtschaften in ihrer Entwicklung einen anderen Weg gehen, den Weg des sozialistischen Aufbaus.

Was ist das für ein Weg?

Das ist der Weg des massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschlusses der Millionen Bauernwirtschaften in Genossenschaften aller Art, der Weg der Vereinigung der zersplitterten Bauernwirtschaften um die sozialistische Industrie, der Weg der Verbreitung der Grundlagen des Kollektivismus unter der Bauernschaft - zuerst auf dem Gebiet des Absatzes der Erzeugnisse der Landwirtschaft und der Versorgung der Bauernwirtschaften mit den Erzeugnissen der Stadt, späterhin aber auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion.

Und je weiter, desto mehr wird dieser Weg unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats unvermeidlich, denn der genossenschaftliche Zusammenschluss auf dem Gebiet des Absatzes, der genossenschaftliche Zusammenschluss auf dem Gebiet der Versorgung und schließlich der genossenschaftliche Zusammenschluss auf dem Gebiet des Kredits und der Produktion (landwirtschaftliche Genossenschaften) ist der einzige Weg zur Hebung des Wohlstands im Dorfe, das einzige Mittel zur Rettung der breiten Bauernmassen vor Elend und Ruin.

Man sagt, dass die Bauernschaft bei uns ihrer Lage nach nicht sozialistisch und daher zu einer sozialistischen Entwicklung unfähig sei. Es ist natürlich richtig, dass die Bauernschaft ihrer Lage nach nicht sozialistisch ist. Doch ist das kein Argument gegen die Entwicklung der Bauernwirtschaften in der Richtung zum Sozialismus, wenn einmal erwiesen ist, dass das Dorf der Stadt folgt, in der Stadt aber die sozialistische Industrie herrscht. Während der Oktoberrevolution war die Bauernschaft ihrer Lage nach auch nicht sozialistisch, und sie wollte keineswegs den Sozialismus im Lande errichten. Sie wollte damals hauptsächlich die Beseitigung der Macht der Gutsbesitzer und die Beendigung des Krieges, sie wollte den Frieden. Nichtsdestoweniger folgte sie damals dem sozialistischen Proletariat. Warum? Weil der Sturz der Bourgeoisie und die Machtergreifung durch das sozialistische Proletariat damals der einzige Ausweg aus dem imperialistischen Kriege, der einzige Weg zum Frieden war. Weil es damals keine anderen Wege gab und geben konnte. Weil es unserer Partei damals gelungen war, den Grad der Vereinigung und der Unterordnung der spezifischen Interessen der Bauernschaft (Sturz der Gutsbesitzer, Frieden) unter die allgemeinen Interessen des Landes (Diktatur des Proletariats) herauszufühlen und herauszufinden, der für die Bauernschaft annehmbar und vorteilhaft war. Und die Bauernschaft ist damals, obwohl sie nicht sozialistisch war, dem sozialistischen Proletariat gefolgt.

Das gleiche muss man vom sozialistischen Aufbau in unserem Lande, von der Einbeziehung der Bauernschaft in den Strom dieses Aufbaus sagen. Die Bauernschaft ist ihrer Lage nach nicht sozialistisch. Aber sie muss und wird unbedingt den Weg der sozialistischen Entwicklung beschreiten, denn für die Bauernschaft gibt es keine und kann es keine anderen Wege geben, um sich vor Elend lind Ruin zu retten, als den Zusammenschluss mit dem Proletariat, als den Zusammenschluss mit der sozialistischen Industrie, als die Einbeziehung der Bauernwirtschaft in den allgemeinen Strom der sozialistischen Entwicklung durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft.

Warum gerade durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft?

Weil wir in dem massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss „jenen Grad der Vereinigung der Privatinteressen, der privaten Handelsinteressen, ihrer Überwachung und Kontrolle durch den Staat, den Grad ihrer Unterordnung unter die allgemeinen Interessen gefunden haben” ( Lenin )[40], der für die Bauernschaft annehmbar und vorteilhaft ist und dem Proletariat die Möglichkeit sichert, die Hauptmasse der Bauernschaft in das Werk des sozialistischen Aufbaus einzubeziehen. Gerade weil es für die Bauernschaft vorteilhaft ist, den Absatz ihrer Waren und die Versorgung ihrer Wirtschaft mit Maschinen durch Genossenschaften zu organisieren, gerade darum muss und wird sie den Weg des massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschlusses beschreiten.

Was bedeutet aber der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernwirtschaften beim Vorherrschen einer sozialistischen Industrie?

Er bedeutet die Abkehr der bäuerlichen kleinen Warenwirtschaft von dem alten, dem kapitalistischen Weg, der zum Massenruin der Bauernschaft führt, und den Übergang auf einen neuen Entwicklungsweg, auf den Weg des sozialistischen Aufbaus.

Darum ist der Kampf für den neuen Entwicklungsweg der Bauernwirtschaft, der Kampf für die Einbeziehung der Hauptmasse der Bauernschaft in das Werk des Aufbaus des Sozialismus die nächste Aufgabe unserer Partei.

Der XIV. Parteitag der KPdSU(B) hat deshalb richtig gehandelt, als er beschloss:

„Der Hauptweg des Aufbaus des Sozialismus auf dem Lande besteht darin, bei zunehmender ökonomischer Führung seitens der sozialistischen staatlichen Industrie, der staatlichen Kreditinstitutionen und anderer in der Hand des Proletariats befindlicher Kommandohöhen die Hauptmasse der Bauernschaft in die genossenschaftliche Organisation einzubeziehen und dieser Organisation eine sozialistische Entwicklung zu sichern, wobei deren kapitalistische Elemente ausgenutzt, überwunden und verdrängt werden müssen.” (Siehe Resolution des Parteitags zum Rechenschaftsbericht des ZK[41].)

Der größte Fehler der „neuen Opposition” besteht darin, dass sie an diesen neuen Entwicklungsweg der Bauernschaft nicht glaubt, die Unvermeidlichkeit dieses Weges unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats nicht sieht oder nicht begreift. Und zwar begreift sie dies deshalb nicht, weil sie nicht an den Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande glaubt, nicht an die Fähigkeit unseres Proletariats glaubt, die Bauernschaft den Weg des Sozialismus zu führen.

Daher das Unverständnis für den zwiespältigen Charakter der NÖP, die Überschätzung der negativen Seiten der NÖP und die Auffassung, dass die NÖP vorwiegend ein Rückzug sei.

Daher die Überschätzung der Rolle, die die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft spielen, und die Unterschätzung der Rolle, die den Hebeln unserer sozialistischen Entwicklung (sozialistische Industrie, Kreditsystem, Genossenschaften, Staatsmacht des Proletariats usw.) zukommt.

Daher das Unverständnis für die sozialistische Natur unserer staatlichen Industrie und die Zweifel an der Richtigkeit des Lenin schen Genossenschaftsplans.

Daher die Überschätzung der Differenzierung im Dorfe, die Panik vor dem Kulaken, die Unterschätzung der Rolle des Mittelbauern, die Versuche, die auf die Sicherung des festen Bündnisses mit dem Mittelbauern gerichtete Politik der Partei zu vereiteln, und überhaupt das Hin- und Herpendeln in der Frage der Politik der Partei auf dem Lande.

Daher das Unverständnis für die so gewaltige Arbeit der Partei zur Heranziehung der Millionenmassen der Arbeiter und Bauern zum Aufbau der Industrie und Landwirtschaft, zur Belebung der Genossenschaften und der Sowjets, zur Verwaltung des Landes, zum Kampf gegen den Bürokratismus, zum Kampf für die Verbesserung und Umgestaltung unseres Staatsapparats, eine Arbeit, die eine neue Entwicklungsphase bezeichnet und ohne die kein sozialistischer Aufbau denkbar ist.

Daher die Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten unseres Aufbaus, die Zweifel an der Möglichkeit der Industrialisierung unseres Landes, das pessimistische Geschwätz über die Entartung der Partei usw.

Bei ihnen, bei den Bourgeois, sei alles mehr oder minder gut, bei uns aber, bei den Proletariern, mehr oder minder schlecht; wenn vom Westen nicht rechtzeitig die Revolution kommt, so sei unsere Sache verloren - das ist der allgemeine Ton der „neuen Opposition”, der meines Erachtens ein liquidatorischer Ton ist, aber von der Opposition aus irgendeinem Grunde (wohl spaßeshalber) für „Internationalismus” ausgegeben wird.

Die NÖP sei Kapitalismus, sagt die Opposition. Die NÖP sei vorwiegend ein Rückzug, sagt Sinowjew. Das alles ist natürlich falsch. In Wirklichkeit ist die NÖP eine Politik der Partei, die den Kampf der sozialistischen und der kapitalistischen Elemente zulässt und auf den Sieg der sozialistischen Elemente über die kapitalistischen Elemente berechnet ist. In Wirklichkeit hatte die NÖP bloß mit einem Rückzug begonnen, sie ist aber darauf berechnet, dass im Verlauf des Rückzugs eine Umgruppierung der Kräfte vorgenommen und die Offensive ergriffen wird. In Wirklichkeit führen wir schon seit mehreren Jahren eine Offensive, führen sie mit Erfolg, indem wir unsere Industrie entwickeln, den Sowjethandel entfalten und das Privatkapital zurückdrängen.

Was ist aber der Sinn der These: die NÖP ist Kapitalismus, die NÖP ist vorwiegend ein Rückzug? Wovon geht diese These aus?

Sie geht von der falschen Annahme aus, dass bei uns gegenwärtig eine einfache Wiederherstellung des Kapitalismus, eine einfache „Rückkehr” des Kapitalismus stattfinde. Nur durch diese Annahme kann man die Zweifel der Opposition über die sozialistische Natur unserer Industrie erklären. Nur durch diese Annahme kann man die Panik der Opposition vor dem Kulaken erklären. Nur durch diese Annahme kann man die Eilfertigkeit erklären, mit der die Opposition die falschen Zahlen über die Differenzierung der Bauernschaft aufgriff. Nur durch diese Annahme kann man die besondere Vergesslichkeit der Opposition gegenüber der Tatsache erklären, dass der Mittelbauer bei uns die zentrale Figur der Landwirtschaft ist. Nur durch diese Annahme kann man die Unterschätzung der Bedeutung des Mittelbauern und die Zweifel über Lenin s Genossenschaftsplan erklären. Nur durch diese Annahme kann man den Unglauben der „neuen Opposition” an den neuen Entwicklungsweg des Dorfes, an den Weg der Einbeziehung des Dorfes in den sozialistischen Aufbau, „begründen”.

In Wirklichkeit vollzieht sich bei uns jetzt nicht der einseitige Prozess der Wiederherstellung des Kapitalismus, sondern der doppelseitige Prozess der Entwicklung des Kapitalismus und der Entwicklung des Sozialismus, der widerspruchsvolle Prozess des Kampfes der sozialistischen Elemente gegen die kapitalistischen Elemente, der Prozess der Überwindung der kapitalistischen Elemente durch die sozialistischen Elemente. Dies ist gleichermaßen unbestreitbar sowohl für die Stadt, wo die staatliche Industrie die Basis des Sozialismus ist, als auch für das Dorf, wo die Massengenossenschaft, die sich mit der sozialistischen Industrie eng verbindet, den grundlegenden Anknüpfungspunkt der sozialistischen Entwicklung bildet.

Eine einfache Wiederherstellung des Kapitalismus ist schon deswegen unmöglich, weil bei uns die Staatsmacht proletarisch ist, die Großindustrie sich in der Hand des Proletariats befindet und der proletarische Staat über das Verkehrs- und Kreditwesen verfügt.

Die Differenzierung im Dorf kann nicht die früheren Dimensionen annehmen, der Mittelbauer bildet weiterhin die Hauptmasse der Bauernschaft, der Kulak aber kann schon allein deswegen nicht die frühere Stärke erlangen, weil der Grund und Boden bei uns nationalisiert ist, nicht gekauft und verkauft werden kann und weil unsere Handels-, Kredit-, Steuer- und Genossenschaftspolitik darauf gerichtet ist, die Ausbeuterbestrebungen des Kulakentums einzuschränken, den Wohlstand der breitesten Massen der Bauernschaft zu heben und die Extreme im Dorfe auszugleichen. Ich spreche schon gar nicht davon, dass der Kampf gegen das Kulakentum bei uns jetzt nicht nur auf der alten Linie vor sich geht, auf der Linie der Organisierung der Dorfarmut gegen das Kulakentum, sondern auch auf einer neuen Linie, auf der Linie der Festigung des Bündnisses des Proletariats und der Dorfarmut mit den Massen der Mittelbauernschaft gegen den Kulaken. Die Tatsache, dass die Opposition Sinn und Bedeutung des Kampfes gegen das Kulakentum auf dieser zweiten Linie nicht versteht, diese Tatsache bestätigt ein übriges Mal, dass die Opposition auf den alten Entwicklungsweg des Dorfes abweicht, auf den Weg seiner kapitalistischen Entwicklung, bei der der Kulak und die Dorfarmut die Hauptkräfte des Dorfes bildeten, der Mittelbauer aber „weggespült” wurde.

Die Genossenschaften seien eine Abart des Staatskapitalismus, sagt die Opposition unter Berufung auf Lenin s Schrift „Die Naturalsteuer”[42] und glaubt deswegen nicht an die Möglichkeit, die Genossenschaften als grundlegenden Anknüpfungspunkt für die sozialistische Entwicklung aus-nutzen zu können. Die Opposition begeht auch hier einen ganz groben Fehler. Eine solche Auffassung von den Genossenschaften war genügend und befriedigend im Jahre 1921, als die Schrift „Die Naturalsteuer” verfasst wurde, als wir keine entwickelte sozialistische Industrie hatten, als Lenin an den Staatskapitalismus als die mögliche Grundform unserer Wirtschaft dachte und die Genossenschaften in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus betrachtete. Aber diese Auffassung genügt jetzt schon nicht mehr und ist von der Geschichte überholt, denn seither haben sich die Zeiten geändert, die sozialistische Industrie hat sich bei uns entwickelt, der Staatskapitalismus hat nicht in dem Maße, wie es wünschenswert war, Fuß gefasst, die Genossenschaften aber, die jetzt über zehn Millionen Mitglieder umfassen, haben begonnen, sich mit der sozialistischen Industrie eng zu verbinden.

Wie ließe sich anders die Tatsache erklären, dass Lenin bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen der Schrift „Die Naturalsteuer”, im Jahre 1923, die Genossenschaften auf andere Art zu betrachten begann und meinte, dass „die Genossenschaften unter unseren Verhältnissen sich in der Regel völlig mit dem Sozialismus decken”? (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 433 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.993].)

Wie ließe sich das anders erklären als dadurch, dass die sozialistische Industrie während dieser zwei Jahre bereits emporzuwachsen vermochte, der Staatskapitalismus dagegen nicht in gebührendem Maße Fuß gefasst hat, weswegen Lenin die Genossenschaften schon nicht mehr in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus, sondern in Gemeinschaft mit der sozialistischen Industrie zu betrachten begann?

Die Entwicklungsbedingungen der Genossenschaften hatten sich verändert. Auch die Behandlung der Frage des Genossenschaftswesens musste sich ändern.

Da haben wir zum Beispiel eine ausgezeichnete Stelle aus Lenin s Schrift „Über das Genossenschaftswesen” (1923), die Licht in diese Frage bringt:

 

„Unter dem Staatskapitalismus1 unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von staatskapitalistischen dadurch, dass sie erstens private, zweitens kollektive Betriebe sind. In der bei uns bestehenden Geseilschaftsordnung unterscheiden sich genossenschaftliche Betriebe von privatkapitalistischen als kollektive Betriebe, aber sie unterscheiden sich nichts von sozialistischen Betrieben, wenn sie auf dem Grund und Boden gegründet und mit Produktionsmitteln ausgerüstet sind, die dem Staat, d. h. der Arbeiterklasse, gehören.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 433 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 993].)

 

In diesem kleinen Zitat sind zwei große Fragen gelöst. Erstens, dass „die bei uns bestehende Gesellschaftsordnung” kein Staatskapitalismus ist. Zweitens, dass genossenschaftliche Betriebe, in Gemeinschaft mit „unserer Gesellschaftsordnung” genommen, sich von sozialistischen Betrieben „nicht unterscheiden”.

Ich glaube, man könnte sich kaum deutlicher ausdrücken.

Und nun noch eine Stelle aus derselben Schrift Lenin s:

 

„Das einfache Wachstum der Genossenschaften ist für uns (mit der oben erwähnten ‚kleinen’ Ausnahme) mit dem Wachstum des Sozialismus identisch, und zugleich damit müssen wir eine grundlegende Änderung unserer ganzen Auffassung vom Sozialismus zugeben.” (Ebenda, S. 434, russ. [S.994, deutsch].)

 

Es ist offenkundig, dass wir es in der Schrift „Über das Genossenschaftswesen” mit einer neuen Einschätzung der Genossenschaften zu tun haben, was die „neue Opposition” nicht zugeben will und was sie sorgfältig verschweigt, den Tatsachen zum Trotz, der offenkundigen Wahrheit zum Trotz, dem Lenin ismus zum Trotz.

Die Genossenschaften in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus und die Genossenschaften in Gemeinschaft mit der sozialistischen Industrie sind zwei verschiedene Dinge.

Daraus darf jedoch nicht gefolgert werden, dass zwischen den Schriften „Die Naturalsteuer” und „Über das Genossenschaftswesen” ein Abgrund liege. Das wäre natürlich falsch. Es genügt zum Beispiel folgende Stelle aus der Schrift „Die Naturalsteuer” anzuführen, um sogleich den untrennbaren Zusammenhang zwischen den Schriften „Die Naturalsteuer” und „Über das Genossenschaftswesen“ in der Einschätzung der Genossenschaften festzustellen. Diese Stelle lautet:

 

„Der Übergang von den Konzessionen zum Sozialismus bedeutet den Übergang von einer Form der Großproduktion zu einer anderen Form der Großproduktion. Der Übergang von den Genossenschaften der Kleinbesitzer zum Sozialismus ist der Übergang von der Kleinproduktion zur Großproduktion, d. h. ein komplizierterer Übergang, der aber dafür im Falle des Gelingens geeignet ist, breitere Massen der Bevölkerung zu erfassen, geeignet ist, die tieferen und zäheren Wurzeln der alten, vorsozialistischen, ja selbst vorkapitalistischen Verhältnisse auszureißen, die im Sinne des Widerstandes gegen jede ,Neuerung’ am zählebigsten sind.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 327 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 8441.)

 

Aus diesem Zitat ist ersichtlich, dass Lenin bereits zur Zeit der „Naturalsteuer”, als es bei uns noch keine entwickelte sozialistische Industrie gab, es für möglich hielt, die Genossenschaften im Falle des Gelingens in ein mächtiges Kampfmittel gegen die „vorsozialistischen” und folglich auch gegen die kapitalistischen Verhältnisse zu verwandeln. Ich glaube, dass es gerade dieser Gedanke war, der ihm in der Folge als Ausgangspunkt für seine Schrift „Über das Genossenschaftswesen” diente.

Was aber folgt aus alledem?

Daraus folgt, dass die „neue Opposition” an die Genossenschaftsfrage nicht marxistisch, sondern metaphysisch herangeht. Sie betrachtet die Genossenschaften nicht als historische Erscheinung, die in Gemeinschaft mit anderen Erscheinungen genommen wird, sagen wir, in Gemeinschaft mit dem Staatskapitalismus (im Jahre 1921) oder mit der sozialistischen Industrie (im Jahre 1923), sondern als etwas Feststehendes und ein für allemal Gegebenes, als „Ding an sich”.

Daher die Fehler der Opposition in der Genossenschaftsfrage, daher ihr Unglaube an die Entwicklung des Dorfes zum Sozialismus mit Hilfe der Genossenschaft, daher das Abschwenken der Opposition auf den alten Weg, auf den Weg der kapitalistischen Entwicklung des Dorfes.

Das ist im Allgemeinen die Stellung der „neuen Opposition” in den praktischen Fragen des sozialistischen Aufbaus.

Die Schlussfolgerung hieraus ist die eine: Die Linie der Opposition, soweit sie eine Linie hat, das Schwanken und Wanken der Opposition, ihr Unglaube an unsere Sache und ihre Ratlosigkeit gegenüber den Schwierigkeiten führen zur Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft.

Denn wenn die NÖP vorwiegend ein Rückzug ist, wenn die sozialistische Natur der staatlichen Industrie angezweifelt wird, wenn der Kulak nahezu allmächtig ist, wenn auf die Genossenschaften wenig zu hoffen ist, die Rolle des Mittelbauern fortschreitend geringer wird, der neue Entwicklungsweg des Dorfes zweifelhaft ist, die Partei fast entartet, die Revolution vom Westen aber noch nicht so nahe ist, was bleibt nach alledem im Arsenal der Opposition übrig, worauf rechnet sie im Kampf gegen die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft? Man kann doch nicht allein mit der „Philosophie der Epoche”[43] in den Kampf ziehen.

Es ist klar, dass das Arsenal der „neuen Opposition” kein beneidenswertes ist, wenn man es überhaupt ein Arsenal nennen kann. Das ist kein Arsenal für den Kampf. Noch weniger für den Sieg.

Es ist klar, dass sich die Partei mit einem solchen Arsenal „im Handumdrehen” zugrunde richten würde, wenn sie sich in einen Kampf einließe - sie würde einfach vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft kapitulieren müssen.

Darum hat der XIV. Parteitag völlig richtig gehandelt, als er in seinem Beschluss erklärte, dass „der Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR die grundlegende Aufgabe unserer Partei ist”; dass eine der unerlässlichen Bedingungen zur Lösung dieser Aufgabe „der Kampf gegen den Unglauben an den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ist, sowie gegen die Versuche, unsere Betriebe, die Betriebe von ,konsequent-sozialistischem Typus’ ( Lenin ) sind, als staatskapitalistische Betriebe hinzustellen”; dass „ideologische Strömungen, die ein bewusstes Verhalten der Massen zum Aufbau des Sozialismus im allgemeinen und der sozialistischen Industrie im besonderen unmöglich machen, nur geeignet sind, das Wachstum der sozialistischen Elemente der Wirtschaft zu hemmen und ihre Bekämpfung durch das Privatkapital zu erleichtern”; dass „der Parteitag deshalb eine umfassende Erziehungsarbeit zur Überwindung dieser Entstellungen des Lenin ismus für notwendig hält”. (Siehe Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU(B)[44].)

Die historische Bedeutung des XIV. Parteitags der KPdSU(B) besteht darin, dass er es verstand, die Fehler der „neuen Opposition” bis auf die Wurzeln aufzudecken, dass er ihren Unglauben und ihr Flennen völlig unbeachtet ließ, klar und deutlich den Weg des weiteren Kampfes für den Sozialismus vorzeichnete, der Partei die Perspektive des Sieges gab und damit das Proletariat mit dem unerschütterlichen Glauben an den Sieg des sozialistischen Aufbaus ausgerüstet hat.

 

25. Januar 1926.

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