"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE BAUERNSCHAFT
ALS VERBÜNDETEN DER ARBEITERKLASSE

Antwort an die Genossen P. F. Boltnew, W.I. Jefremow, W. I. Iwlew

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mit Verspätung antworte.

In meiner Rede[45] heißt es keineswegs, dass die Arbeiterklasse die Bauernschaft als Verbündeten der Arbeiterklasse nur gegenwärtig braucht.

Dort heißt es nicht, dass nach dem Sieg der Revolution in einem der Länder Europas das Bündnis der Arbeiterklasse und Bauernschaft in Russland überflüssig sein wird. Ich glaube, Sie haben meine Rede auf der Moskauer Konferenz schlecht gelesen.

Dort heißt es lediglich, dass „die Bauernschaft der einzige Verbündete ist, der unserer Revolution schon jetzt direkte Hilfe leisten kann”. Folgt daraus, dass die Bauernschaft nach der siegreichen Revolution in Europa für die Arbeiterklasse unseres Landes überflüssig werden kann? Natürlich nicht.

Sie fragen: „Was wird aber, wenn die Weltrevolution stattgefunden hat, wenn man den vierten Verbündeten, die Bauernschaft, nicht mehr braucht? Welches wird unsere Einstellung ihr gegenüber sein?”

Erstens trifft es nicht zu, dass man die Bauernschaft „nach der Weltrevolution” nicht mehr braucht. Das trifft nicht zu, da unsere wirtschaftliche Aufbauarbeit „nach der Weltrevolution” mit Siebenmeilenstiefeln voranschreiten muss, man aber den Sozialismus ohne Bauernschaft ebenso wenig aufbauen kann, wie die Bauernschaft ohne das Proletariat aus dem Elend herauszukommen vermag. Also wird das Bündnis der Arbeiter und Bauern nach der siegreichen Revolution im Westen nicht schwächer werden, sondern im Gegenteil, es muss sich festigen.

Zweitens wird es „nach der Weltrevolution”, wenn sich unsere Aufbauarbeit um das Hundertfache verstärkt, dahin kommen, dass die Arbeiter und die Bauern als ökonomisch völlig verschiedene Gruppen verschwinden, dass sie sich in Werktätige der Landwirtschaft und der Fabrik verwandeln werden, das heißt, dass sie ihrer ökonomischen Lage nach einander gleichkommen werden. Was aber bedeutet das? Das bedeutet, dass aus dem Bündnis der Arbeiter und Bauern allmählich eine Verschmelzung, eine völlige Einheit, eine einheitliche sozialistische Gesellschaft von ehemaligen Arbeitern und ehemaligen Bauern und sodann einfach von Werktätigen der sozialistischen Gesellschaft werden wird.

Das ist unsere Einstellung gegenüber der Bauernschaft „nach dem Sieg der Weltrevolution”.

In meiner Rede handelt es sich nicht darum, welche Einstellung unsere Partei in Zukunft zur Bauernschaft haben wird, sondern darum, welcher von den vier Verbündeten gerade jetzt, im gegebenen Augenblick, da die Kapitalisten im Westen sich etwas zu erholen beginnen, der unmittelbarste Verbündete und der unmittelbare Helfer der Arbeiterklasse ist.

Warum habe ich in meiner Rede die Frage gerade in diesem Sinne gestellt? Weil es in unserer Partei Leute gibt, die aus Dummheit oder Unverstand der Meinung sind, dass die Bauernschaft nicht unser Verbündeter sei. Ob es nun gut oder schlecht ist, dass es solche Leute in unserer Partei gibt, ist eine andere Frage, aber solche Leute gibt es. Ich wandte mich in meiner Rede gerade gegen diese Leute und erbrachte deshalb den Beweis, dass die Bauernschaft im gegebenen Augenblick der unmittelbarste Verbündete der Arbeiterklasse ist, dass Leute, die Misstrauen gegenüber der Bauernschaft säen, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind, die Sache unserer Revolution, das heißt sowohl die Sache der Arbeiter als auch die Sache der Bauern, zugrunde richten können.

Darum handelt es sich.

Mir scheint, Sie sind etwas gekränkt, weil ich die Bauernschaft als nicht sehr festen Verbündeten und nicht so zuverlässigen Verbündeten bezeichne, wie es das Proletariat der kapitalistisch entwickelten Länder ist. Ich sehe, Sie sind dadurch gekränkt. Aber habe ich etwa nicht Recht? Soll ich etwa die Wahrheit nicht offen aussprechen? Trifft es etwa nicht zu, dass die Bauernschaft während der Invasion Koltschaks und Denikins auf Schritt und Tritt schwankte, bald nach der Seite der Arbeiter hin, bald nach der Seite der Generale hin? Gab es denn wenig Bauern in den Armeen Denikins und Koltschaks, Bauern, die Freiwillige waren?

Ich beschuldige die Bauern nicht, denn ihr Schwanken erklärt sich durch ungenügendes Bewusstsein. Aber als Kommunist muss ich die Wahrheit offen aussprechen. So hat es uns Lenin gelehrt. Die Wahrheit aber ist, dass die Bauernschaft als Verbündeter der Arbeiterklasse in der schweren Stunde, als Koltschak und Denikin die Arbeiter hart bedrängten, nicht immer genügend Standhaftigkeit und Festigkeit aufbrachte.

Bedeutet das, dass man die Bauernschaft links liegenlassen kann, wie das jetzt einige unvernünftige Genossen tun, die die Bauernschaft überhaupt nicht für einen Verbündeten des Proletariats halten? Nein, das bedeutet es nicht. Die Bauernschaft links liegenlassen heißt sowohl gegen die Arbeiter als auch gegen die Bauern ein Verbrechen begehen. Wir werden alle Maßnahmen ergreifen, um das Bewusstsein der Bauern zu heben, sie aufzuklären, sie näher an die Arbeiterklasse als den Führer unserer Revolution heranzuziehen - und wir werden erreichen, dass die Bauernschaft ein immer festerer und zuverlässigerer Verbündeter des Proletariats in unserem Lande wird.

Und wenn die Revolution im Westen losbricht, dann wird die Bauernschaft vollends erstarken und zu einem der treuesten Verbündeten der Arbeiterklasse unseres Landes werden.

So ist die Einstellung der Kommunisten zur Bauernschaft als Verbündetem der Arbeiterklasse zu verstehen.

Mit kameradschaftlichem Gruß

J. Stalin

9. Februar 1926.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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