"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE MÖGLICHKEIT DER ERRICHTUNG
DES SOZIALISMUS IN UNSEREM LANDE

Antwort an Genossen Pokojew

Genosse Pokojew!

Ich schreibe mit Verspätung, wofür ich Sie und Ihre Genossen um Entschuldigung bitte.

Leider haben Sie unsere Meinungsverschiedenheiten auf dem XIV. Parteitag nicht verstanden. Es handelt sich gar nicht darum, dass die Opposition etwa behauptet habe, wir hätten noch nicht den Sozialismus erreicht, der Parteitag aber gesagt habe, wir hätten den Sozialismus bereits erreicht. Das stimmt nicht. In unserer Partei wird sich niemand finden, der sagen könnte, dass wir den Sozialismus bereits verwirklicht hätten.

Der Streit ging auf dem Parteitag gar nicht darum. Der Streit ging um folgendes: Der Parteitag sagte, dass die Arbeiterklasse im Bündnis mit der werktätigen Bauernschaft die Kapitalisten unseres Landes vollends schlagen und die sozialistische Gesellschaft errichten kann, selbst wenn ihr die siegreiche Revolution im Westen nicht zu Hilfe kommt. Die Opposition hingegen sagte, dass wir die eigenen Kapitalisten nicht vollends schlagen und die sozialistische Gesellschaft nicht errichten könnten, solange die Arbeiter im Westen nicht gesiegt hätten. Da sich nun aber die Sache mit dem Sieg der Revolution im Westen etwas verzögert, so bleibt uns offenbar nichts anderes übrig, als den Motor auf Leerlauf zu stellen. Der Parteitag sagte - und er sagte das in seiner Resolution zum Rechenschaftsbericht des ZK[46] -, dass solche Ansichten der Opposition Unglauben an den Sieg über die eigenen Kapitalisten bedeuten.

Darum ging es, werte Genossen.

Ds bedeutet natürlich nicht, dass wir die Hilfe der westeuropäischen Arbeiter nicht brauchen. Angenommen, die westeuropäischen Arbeiter sympathisierten nicht mit uns und erwiesen uns keine moralische Unterstützung. Angenommen, die westeuropäischen Arbeiter hinderten ihre Kapitalisten nicht daran, einen Feldzug gegen unsere Republik zu unternehmen. Was wäre die Folge davon? Die Folge davon wäre, dass die Kapitalisten gegen uns vorrücken und unsere Aufbauarbeit an der Wurzel untergraben oder gar uns völlig zerschlagen würden. Wenn die Kapitalisten einen solchen Versuch nicht unternehmen, so deshalb, weil sie fürchten, dass die Arbeiter im Falle eines Feldzugs gegen unsere Republik ihnen in den Rücken fallen. Das eben nennen wir Unterstützung unserer Revolution durch die westeuropäischen Arbeiter.

Aber zwischen der Unterstützung durch die Arbeiter des Westens und dem Sieg der Revolution im Westen besteht ein sehr, sehr großer Unterschied. Ohne die Unterstützung durch die Arbeiter des Westens könnten wir uns kaum gegen die uns umringenden Feinde behaupten. Schön und gut, wenn diese Unterstützung später in die siegreiche Revolution im Westen ausmündet. Dann wird der Sieg des Sozialismus in unserem Lande endgültig sein. Was aber dann, wenn diese Unterstützung nicht in den Sieg der Revolution im Westen ausmündet? Können wir ohne diesen Sieg im Westen die sozialistische Gesellschaft bauen und sie aufbauen? Der Parteitag hat geantwortet, dass wir das können. Sonst wäre es sinnlos gewesen, im Oktober 1917 die Macht zu ergreifen. Wenn wir nicht darauf gerechnet hätten, dass wir die eigenen Kapitalisten vollends schlagen können, dann hätten wir - das wird ein jeder sagen - die Macht im Oktober 1917 vergeblich ergriffen. Die Opposition hingegen sagt, dass wir die eigenen Kapitalisten mit unseren eigenen Kräften nicht vollends schlagen können.

Darin liegt der Unterschied zwischen uns.

Auf dem Parteitag wurde ferner über den endgültigen Sieg des Sozialismus gesprochen. Was bedeutet das? Das bedeutet die vollständige Garantie gegen die Intervention der ausländischen Kapitalisten und gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung in unserem Land durch den bewaffneten Kampf dieser Kapitalisten gegen unser Land. Können wir mit unseren eigenen Kräften diese Garantie schaffen, das heißt die militärische Intervention des internationalen Kapitals unmöglich machen? Nein, das können wir nicht. Diese Aufgabe können wir nur gemeinsam mit den Proletariern des gesamten Westens lösen. Nur mit den Kräften der Arbeiterklasse aller Länder oder zumindest der ausschlaggebenden Länder Europas kann das internationale Kapital endgültig gezügelt werden. Hierzu bedarf es bereits des Sieges der Revolution in einigen Ländern Europas, ohne den der endgültige Sieg des Sozialismus unmöglich ist.

Und was ist schließlich die Schlussfolgerung?

Die Schlussfolgerung ist, dass wir die sozialistische Gesellschaft auch ohne den Sieg der Revolution im Westen aus eigener Kraft errichten können, für unser Land aber eine Garantie gegen die Anschläge des internationalen Kapitals zu schaffen, dazu ist unser Land allein nicht imstande - dazu bedarf es des Sieges der Revolution in einigen Ländern des Westens. Die Möglichkeit, den Sozialismus in unserem Lande zu errichten, und die Möglichkeit, unser Land gegen die Anschläge des internationalen Kapitals zu sichern, sind zwei verschiedene Dinge.

Ihr Fehler und der Fehler Ihrer Genossen bestehen meiner Meinung nach darin, dass Sie sich hierüber noch nicht klar geworden sind und diese beiden Fragen durcheinander gebracht haben.

Mit kameradschaftlichem Gruß

J. Stalin

PS. Sie sollten den (Moskauer) „Bolschewik”[47] Nr. 3 zur Hand nehmen und dort meinen Artikel durchlesen. Das würde Ihnen die Sache erleichtern.

J. Stalin

10. Februar 1926.

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