"Stalin"

Werke

Band 8

REDE IN DER FRANZÖSISCHEN KOMMISSION
DES VI. ERWEITERTEN PLENUMS DES EKKI[48]

6. März 1926

Genossen! Leider bin ich mit den französischen Angelegenheiten wenig vertraut. Ich kann deshalb diese Frage nicht so erschöpfend behandeln, wie es hier notwendig wäre. Dennoch habe ich mir auf Grund der Reden, die ich hier auf der Plenartagung des EKKI gehört habe, eine bestimmte Meinung über die französischen Angelegenheiten gebildet, und ich halte es aus diesem Grunde für meine Pflicht, in der Kommission einige Bemerkungen zu machen.

Wir haben es hier mit mehreren Fragen zu tun.

Die erste Frage betrifft die politische Lage in Frankreich. Mich beunruhigt etwas die Sorglosigkeit gegenüber der gegenwärtigen politischen Lage in Frankreich, die in den Reden der Genossen durchklingt. Es entsteht der Eindruck, als sei die Lage in Frankreich mehr oder weniger ausgeglichen, als gehe es im allgemeinen so einigermaßen; es gibt zwar einige Schwierigkeiten, aber zu irgendeiner Krise werden sie wohl nicht führen usw. Das stimmt nicht, Genossen. Ich kann nicht sagen, dass Frankreich jetzt vor seinem Jahr 1923[49] steht, bin aber dennoch der Meinung, dass es einer Krise entgegengeht. In dieser Beziehung halte ich sowohl die Thesen der Kommission als auch die Bemerkungen bestimmter Genossen für richtig.

Diese Krise ist von besonderer Art, denn in Frankreich gibt es keine Arbeitslosigkeit. Die Krise wird dadurch gemildert, dass Frankreich jetzt von deutschem Golde lebt. Aber das sind vorübergehende Erscheinungen, erstens, weil das deutsche Gold für Frankreich nicht ausreicht, um die Löcher im Innern zuzustopfen und die Schulden an England und Amerika zu bezahlen; zweitens, weil auch Frankreich der Arbeitslosigkeit nicht entgehen kann. Solange die Inflation, die den Export stimuliert, anhält, gibt es vielleicht keine Arbeitslosigkeit, später aber, wenn sich die Währung stabilisiert hat und sich die internationale Schuldenverrechnung auswirken wird, sind Konzentration der Industrie und Arbeitslosigkeit in Frankreich nicht zu vermeiden. Das untrüglichste Symptom dafür, dass Frankreich einer Krise entgegengeht, ist das Durcheinander, das in den regierenden Kreisen Frankreichs herrscht, ist der ständige Ministerwechsel, der in Frankreich vor sich geht.

Man darf die Entwicklung einer Krise niemals als aufsteigende Linie immer größer werdender Misserfolge darstellen. Eine solche Krise gibt es nicht. Eine revolutionäre Krise entwickelt sich gewöhnlich in einer Zickzacklinie; ein kleiner Misserfolg, dann eine Verbesserung der Lage, danach ein ernsterer Misserfolg, darauf ein gewisser Aufschwung usw. Die Tatsache, dass die Entwicklung der Krise im Zickzack vor sich geht, kann nicht zu der Annahme berechtigen, dass sich die Geschäfte der Bourgeoisie bessern.

Deshalb ist Sorglosigkeit hier gefährlich. Sie ist gefährlich, weil die Krise schneller voranschreiten kann, als man denkt, und dann können die französischen Genossen überrumpelt werden. Eine Partei aber, die überrumpelt wird, ist nicht imstande, die Ereignisse zu meistern. Deshalb hin ich der Meinung, dass die französische Kommunistische Partei auf das allmähliche Heranreifen einer revolutionären Krise Kurs halten muss. Und die französische Partei muss ihre Agitation und Propaganda darauf einstellen, dass die Hirne und Herzen der Arbeiter auf diese Krise vorbereitet werden.

Die zweite Frage betrifft die zunehmende rechte Gefahr innerhalb der Partei. Ich bin der Ansicht, dass es sowohl rings um die französische Kommunistische Partei als auch innerhalb der Partei bereits eine ziemlich solide Kampfgruppe von Rechten gibt, an deren Spitze Leute stehen, die aus der Partei ausgeschlossen sind und auch solche, die nicht ausgeschlossen sind - eine Gruppe, die der Kommunistischen Partei ständig zu schaffen machen wird. Ich habe soeben mit Cremet gesprochen. Er hat mir eine neue Tatsache darüber mitgeteilt, dass es nicht nur in der Partei, sondern auch in den Gewerkschaftsorganisationen Gruppierungen von Rechten gibt, die im geheimen arbeiten, manchenorts aber direkte Angriffe gegen den revolutionären Flügel der Kommunistischen Partei führen. Sogar Englers heutiges Auftreten ist in dieser Beziehung symptomatisch, und die Genossen müssen mit allem Ernst darauf aufmerksam gemacht werden.

In der Periode einer heranreifenden Krise erheben die Rechten stets das Haupt. Das ist ein allgemeines Gesetz der revolutionären Krise. Die Rechten erheben das Haupt, denn sie fürchten die revolutionäre Krise und sind deshalb bereit, alles zu tun, um die Partei zurückzuzerren und die heranreifende Krise nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Ich denke deshalb, dass die nächste Aufgabe der Kommunistischen Partei Frankreichs, die neue revolutionäre Kader schmieden und die Massen auf die Krise vorbereiten muss, darin besteht, den Rechten eine Abfuhr zu erteilen, sie zu isolieren.

Ist die Kommunistische Partei Frankreichs darauf vorbereitet, diese Abfuhr zu erteilen?

Ich komme zur dritten Frage, zur Lage in der führenden Gruppe der französischen Kommunistischen Partei. Es werden Stimmen darüber laut, dass man, uni die Rechten zu isolieren, aus der führenden Gruppe der französischen Kommunistischen Partei zwei Genossen entfernen müsse, die die Rechten zwar bekämpft, aber dabei grobe Fehler begangen haben. Ich meine Treint und Suzanne Girault. Ich will offen sprechen, denn es ist am besten, wenn man die Dinge bei ihrem Namen nennt.

Ich weiß nicht, inwieweit es zweckmäßig ist, den Angriff gegen die Rechten damit zu beginnen, dass man aus der führenden Gruppe diejenigen entfernt, die gegen die Rechten kämpfen. Ich nahm an, es würde im Gegenteil ein anderer Vorschlag eingebracht werden, etwa der Art: Da die Rechten frech geworden sind, da sie nach Einstellung des Erscheinens ihres Organs „Bulletin Communiste”[50] eine Erklärung veröffentlicht haben, in der die Partei beschimpft wird - müsste man da die Angelegenheit nicht so anpacken, dass man diesen oder jenen von den Rechten politisch entlarvt, wenn nicht gar überhaupt aus der Partei ausschließt? Ich nahm an, die Frage würde angesichts der rechten Gefahr so gestellt werden. Ich nahm an, dass ich hier gerade eine solche Erklärung hören würde. Stattdessen schlägt man uns vor, die Isolierung der Rechten damit zu beginnen, dass man zwei der nicht zu den Rechten Gehörenden isoliert. Darin sehe ich keine Logik, Genossen!

Aber mit dieser Frage, der Frage des Kampfes gegen die Rechten, verflicht sich eine andere Frage, dass es nämlich innerhalb des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs keine geschlossene Mehrheitsgruppe gibt. Es ist völlig richtig, dass die Partei den Kampf weder gegen die rechte Gruppe noch gegen die „ultralinke” Gruppe führen kann, wenn es in der führenden Gruppe der Partei keine kompakte Mehrheit gibt, die an einem Strang zieht. Das ist völlig richtig. Ich bin der Ansicht, dass sich eine solche Gruppe herausbilden muss, und sie hat sich meiner Meinung nach um solche Genossen wie Semard, Cremet, Thorez, Monmousseau bereits herausgebildet oder wird sich in Kürze herausbilden. Eine solche Gruppe zu schaffen oder unter den Genossen, von denen ich sprach, sozusagen eine gute Zusammenarbeit in einer führenden Gruppe herzustellen, bedeutet, die Kräfte zu konzentrieren im Kampf gegen die Rechten. Sie können die Rechten nicht schlagen, da die Rechten im Wachsen begriffen sind und offenbar einige Wurzeln in der Arbeiterklasse Frankreichs haben. Sie können, wie gesagt, die Rechten nicht schlagen, wenn Sie nicht innerhalb der führenden Gruppe alle revolutionären Kommunisten zusammenfassen, die bereit sind, den Kampf gegen die Rechten bis zur letzten Konsequenz zu führen. Den Kampf gegen die Rechten damit zu beginnen, dass man die eigenen Kräfte zersplittert, ist unklug, ist unvernünftig. Sie können sowohl sich selbst schwächen als auch den Kampf gegen die Rechten verlieren, wenn die Kräfte nicht konzentriert werden.

Natürlich kann es sein, dass die französischen Genossen eine Konzentration aller Kräfte einschließlich Treint und Suzanne Girault nicht für möglich halten; es kann sein, dass sie das für unmöglich halten. Dann mögen die französischen Genossen auf ihrem ZK-Plenum oder auf ihrem Kongress entsprechende Veränderungen in der Zusammensetzung ihres Politbüros vornehmen. Mögen sie das allein tun, ohne das EKKI. Sie haben das Recht dazu.

Wir russischen Genossen haben erst kürzlich auf dem XIV. Parteitag eine bestimmte Entschließung angenommen, dass den Sektionen die Möglichkeit gegeben werden muss, in größerem Maße die Führung selbständig auszuüben. Wir verstehen darunter, dass nach Möglichkeit eine direkte Einmischung des EKKI in die Angelegenheiten der Sektionen, besonders in Fragen der Herausbildung führender Gruppen in unseren Kominternsektionen, vermieden werden soll. Zwingen Sie uns also nicht, Genossen, gegen die eben erst auf unserem Parteitag angenommenen Entschließungen zu verstoßen. Natürlich gibt es Fälle, in denen Repressalien gegenüber einzelnen Genossen notwendig sind, aber im gegebenen Augenblick sehe ich keine solche Notwendigkeit.

Deshalb denke ich, dass von unserer Kommission folgendes verlangt wird:

Erstens, eine klare politische Resolution zur französischen Frage auszuarbeiten, die die Losung des entschiedenen Kampfes gegen die Rechten enthält und die Fehler aufzeigt, die einige Genossen begangen haben.

Zweitens, den französischen Genossen den Rat zu erteilen, die führende Gruppe im ZK der Kommunistischen Partei Frankreichs um diese Resolution, die sich mit ihrer Spitze gegen die Rechten richten muss, zusammenzuschließen, das heißt, die Mitglieder dieser Gruppe zu verpflichten, diese Resolution mit vereinten Kräften gewissenhaft durchzuführen.

Drittens, den französischen Genossen den Rat zu erteilen, sich in ihrer praktischen Arbeit nicht zur Methode des Absägens, zur Methode der Repressalien hinreißen zu lassen.

Die vierte Frage ist die Frage der Arbeitergewerkschaften in Frankreich. Ich habe den Eindruck, dass einige französische Genossen diese Sache zu leicht nehmen. Ich kann mir denken, dass von Vertretern der Gewerkschaftskonföderation Fehler gemacht wurden, ich kann mir daher ebenfalls denken, dass auch vom ZK der französischen Kommunistischen Partei gegenüber der Konföderation Fehler gemacht wurden. Es ist ganz natürlich, dass Genosse Monmousseau weniger Bevormundung von Seiten der Partei wünscht. Das liegt in der Natur der Dinge, da zwei Organisationen parallel nebeneinander bestehen: die Partei und die Gewerkschaftskonföderation, zwischen denen es bisweilen zu gewissen Reibungen kommen muss. Das ist sowohl bei uns Russen als auch in allen kommunistischen Parteien der Fall - so etwas ist unvermeidlich. Aber es wird umso weniger Reibungen geben, je weniger sich das ZK der französischen Kommunistischen Partei in alle möglichen Kleinigkeiten der Gewerkschaften einmischt. Die Führung der Gewerkschaften lässt sich nur mit Hilfe der Kommunisten ausüben, die ständig in den Gewerkschaften arbeiten, nicht aber, wenn man sie umgeht. Bei uns, in der russischen Partei, gab es Fälle von Hypertrophie in Bezug auf die Führung der Gewerkschaften. Im Archiv unserer Partei könnten Sie eine ganze Reihe von Resolutionen unserer Parteitage finden, in denen gesagt wird, dass die Partei die Gewerkschaften nicht bevormunden, dass sie diese führen, nicht aber bevormunden soll. Ich fürchte, die französische Partei - mögen mir die Genossen das nicht übel nehmen - hat sich in dieser Beziehung ebenfalls ein wenig gegen die Gewerkschaften versündigt. Ich bin der Ansicht, dass die Partei die höchste Form der Organisation der Arbeiterklasse ist und dass man gerade deshalb größere Anforderungen an sie stellen muss. Deshalb müssen in erster Linie die Fehler des ZK beseitigt werden, damit das Verhältnis zu den Gewerkschaften besser und fester wird und Genosse Monmousseau und die anderen Gewerkschaftsfunktionäre in der Richtung arbeiten können, die vom Standpunkt der Kommunistischen Partei notwendig ist.

Die Partei kann sich, besonders unter den im Westen obwaltenden Verhältnissen nicht weiterentwickeln, die Partei kann sich nicht festigen, wenn sie nicht in den Gewerkschaften und ihren Führern eine starke Stütze hat. Nur die Partei, die es versteht, mit den Gewerkschaften und ihren Führern weitestgehend Verbindung zu halten, und die es versteht, auf wirklich proletarische Art Kontakt mit ihnen herzustellen, nur eine solche Partei kann die Mehrheit der Arbeiterklasse im Westen gewinnen. Sie wissen selbst, dass es ohne Gewinnung der Mehrheit der Arbeiter-klasse unmöglich ist, auf den Sieg zu rechnen.

Welches sind also die Schlussfolgerungen?

Die Schlussfolgerungen sind:

a) Frankreich geht einer Krise entgegen;

b) die rechten Elemente, die diese Krise wittern und sie fürchten, erheben das Haupt und sind bemüht, die Partei zurückzuzerren;

c) die nächste Aufgabe der Partei ist, die rechte Gefahr zu beseitigen, die Rechten zu isolieren;

d) um die Rechten zu isolieren, ist eine Konzentration aller wirklich kommunistischen Führer in der Parteiführung notwendig, die fähig sind, den Kampf gegen die Rechten bis zu Ende auszutragen;

e) damit die Konzentration der Kräfte im Kampf gegen die Rechten und bei der Vorbereitung der Arbeiter auf die revolutionäre Krise die gewünschten Resultate zeitigt, ist es erforderlich, dass sich die führende Gruppe auf die Gewerkschaften stützt und es versteht, mit den Gewerkschaften und ihren Funktionären auf wirklich proletarische Art Kontakt zu halten;

f) in der praktischen Arbeit darf man sich nicht zur Methode des Absägens, zur Methode der Repressalien gegenüber einzelnen Genossen hinreißen lassen, sondern muss hauptsächlich von der Methode der Überzeugung Gebrauch machen.

Zum erstenmal veröffentlicht.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis