"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE
WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER SOWJETUNION
UND DIE POLITIK DER PARTEI

II
DER KURS AUF DIE INDUSTRIALISIERUNG

Darin besteht das Wesen und der eigentliche Sinn der vom XIV. Parteitag verkündeten Losung, die jetzt in die Tat umgesetzt wird, des Kurses auf die Industrialisierung des Landes. Diese Hauptlosung machte die Plenartagung des Zentralkomitees im April dieses Jahres zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Folglich besteht jetzt die nächste und wichtigste Aufgabe darin, das Entwicklungstempo unserer Industrie zu beschleunigen, unsere Industrie mit aller Macht und unter Ausnutzung der vorhandenen Hilfsquellen voranzutreiben und dadurch die Entwicklung der gesamten Wirtschaft zu beschleunigen.

Diese Aufgabe wird gerade jetzt, im gegebenen Augenblick, unter anderem deshalb besonders akut, weil sich bei uns infolge der bekannten Entwicklung der Wirtschaft ein gewisses Missverhältnis zwischen der Nachfrage nach Industrieerzeugnissen in Stadt und Land und dem Angebot an diesen Erzeugnissen durch die Industrie herausgebildet hat, weil die Nachfrage nach Industrieerzeugnissen schneller wächst als die Industrie selbst, weil der bei uns herrschende Warenhunger mit allen seinen Folgeerscheinungen der Ausdruck und das Ergebnis dieses Missverhältnisses ist. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass die schnelle Entwicklung unserer Industrie das sicherste Mittel ist, um dieses Missverhältnis zu beseitigen und den Warenhunger zu überwinden.

Manche Genossen glauben, Industrialisierung bedeute überhaupt Entwicklung irgendeiner beliebigen Industrie. Es gibt sogar Sonderlinge, die da meinen, dass bereits Iwan Grosny, der dereinst daranging, gewisse Keimformen einer Industrie zu schaffen, ein Industrialist gewesen sei. Wenn man diesen Weg weiter verfolgt, dann müsste man Peter den Großen einen Industrialisten ersten Ranges nennen. Das trifft natürlich nicht zu. Nicht jede beliebige Entwicklung der Industrie bedeutet Industrialisierung. Den Schwerpunkt der Industrialisierung, ihre Grundlage bildet die Entwicklung der Schwerindustrie (Brennstoffe, Metall und dergleichen), die Entwicklung letzten Endes der Produktion von Produktionsmitteln, die Entwicklung eines eigenen Maschinenbaus. Die Industrialisierung hat nicht nur die Aufgabe, eine Vergrößerung des Anteils der Industrie an der Volkswirtschaft als Ganzem herbeizuführen, sondern sie hat darüber hinaus die Aufgabe, bei dieser Entwicklung unserem von kapitalistischen Staaten umringten Lande die wirtschaftliche Selbständigkeit zu sichern, es davor zu bewahren, dass es sich in ein Anhängsel des Weltkapitalismus verwandelt. Ein Land der Diktatur des Proletariats kann angesichts der kapitalistischen Umkreisung wirtschaftlich nicht selbständig bleiben, wenn es nicht im eigenen Lande selbst Produktionsinstrumente und -mittel produziert, wenn es auf einer Entwicklungsstufe stecken bleibt, bei der seine Volkswirtschaft zwangsläufig an die kapitalistisch entwickelten Länder gefesselt bleibt, die Produktionsinstrumente und -mittel produzieren und ausführen. Auf einer solchen Stufe stecken bleiben heißt sich dem Weltkapital unterwerfen.

Nehmen Sie Indien. Jedermann weiß, dass Indien eine Kolonie ist. Gibt es in Indien eine Industrie? Zweifellos. Entwickelt sie sich? Ja, sie entwickelt sich. Aber dort entwickelt sich eine Industrie, die keine Produktionsinstrumente und -mittel produziert. Dort werden die Produktionsinstrumente aus England eingeführt. Aus diesem Grunde (wenn auch natürlich nicht nur aus diesem Grunde) ist die Industrie dort ganz und gar der englischen Industrie unterworfen. Es ist dies eine besondere Methode des Imperialismus, in den Kolonien eine Industrie zu entwickeln, derart, dass diese an die Metropole, an den Imperialismus gefesselt bleibt.

Daraus folgt aber, dass sich die Industrialisierung unseres Landes nicht in der Entwicklung irgendeiner beliebigen Industrie, sagen wir der Leichtindustrie, erschöpfen kann, wenn auch die Leichtindustrie und ihre Entwicklung für uns absolut notwendig sind. Daraus folgt, dass unter Industrialisierung vor allem die Entwicklung unserer Schwerindustrie und insbesondere die Entwicklung unseres eigenen Maschinenbaus, dieses Hauptnervs der Industrie überhaupt, zu verstehen ist. Ohne das kann von einer Sicherung der ökonomischen Selbständigkeit unseres Landes gar keine Rede sein.

Weiter zu III.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis