"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE
WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER SOWJETUNION
UND DIE POLITIK DER PARTEI

III
FRAGEN DER SOZIALISTISCHEN AKKUMULATION

Um aber die Industrialisierung voranzutreiben, Genossen, ist es notwendig, die alte Ausrüstung unserer Werke zu erneuern und neue Werke zu errichten. Die gegenwärtige Periode der Entwicklung unserer Industrie ist dadurch gekennzeichnet, dass wir die alten, uns von den Kapitalisten der Zarenzeit hinterlassenen Werke und Fabriken bereits ausgelastet haben, voll ausgelastet haben und dass wir jetzt, um Weiterschreiten zu können, die Technik verbessern, die alten Werke neu ausrüsten und neue Werke errichten müssen. Ohne das ist es jetzt unmöglich, voranzuschreiten.

Um aber unsere Industrie auf der Grundlage der modernen Technik erneuern zu können, dazu, Genossen, sind große, sehr große Kapitalien erforderlich. Kapitalien aber gibt es, wie Ihnen allen bekannt ist, bei uns wenig. In diesem Jahr wird es uns gelingen, für die Hauptausgaben der Industrie etwas über 800 Millionen Rubel anzulegen. Das ist natürlich wenig. Aber es ist immerhin etwas. Das ist unsere erste bedeutsame Investition in unserer Industrie. Ich sage, das ist wenig, weil unsere Industrie bequem ein Mehrfaches dieser Summe aufnehmen könnte. Wir müssen unsere Industrie vorwärts bringen. Wir müssen unsere Industrie in möglichst schnellem Tempo ausbauen, die Zahl der Arbeiter verdoppeln und verdreifachen. Wir müssen unser Land aus einem Agrarland in ein Industrieland verwandeln, und zwar je schneller, desto besser. Dazu sind aber große Kapitalien erforderlich.

Darum gewinnt die Frage der Akkumulation für die Entwicklung der Industrie, die Frage der sozialistischen Akkumulation für uns jetzt erstrangige Bedeutung.

Sind wir, auf uns selbst gestellt, imstande und in der Lage, ohne Anleihen von außen mit den inneren Kräften unseres Landes unserer Industrie die Akkumulation und die Reserven zu sichern, die notwendig sind, um den Kurs auf die Industrialisierung bis zu Ende verfolgen zu können, um dem sozialistischen Aufbau in unserem Lande zum Siege zu verhelfen?

Das ist eine ernste Frage, der wir besondere Aufmerksamkeit schenken müssen.

Die Geschichte kennt verschiedene Methoden der Industrialisierung.

England verdankt seine Industrialisierung dem Umstand, dass es jahrzehnte- und jahrhunderte lang Kolonien ausplünderte, dort „zusätzliche” Kapitalien zusammenraffte, sie in seiner Industrie anlegte und so das Tempo der Industrialisierung beschleunigte. Das ist die eine Methode der Industrialisierung.

Deutschland beschleunigte seine Industrialisierung im Ergebnis des siegreichen Krieges gegen Frankreich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als es den Franzosen eine Kontribution von fünf Milliarden Franken abpresste und diese seiner Industrie zuführte. Das ist die zweite Methode der Industrialisierung.

Beide Methoden kommen für uns nicht in Betracht, denn wir sind das Land der Sowjets, denn die Ausplünderung von Kolonien und militärische Eroberungen zum Zwecke der Ausplünderung sind mit dem Wesen der Sowjetmacht unvereinbar.

Russland, das alte Russland, erteilte Konzessionen zu knechtenden Bedingungen und nahm knechtende Anleihen auf in dem Bestreben, auf diese Weise allmählich auf den Weg der Industrialisierung zu gelangen. Das ist die dritte Methode. Aber das ist der Weg der Knechtschaft oder der halben Knechtschaft, der Weg der Verwandlung Russlands in eine Halbkolonie. Dieser Weg kommt für uns gleichfalls nicht in Betracht, denn nicht darum haben wir drei Jahre lang einen Bürgerkrieg geführt und alle und jegliche Interventionisten zurückgeschlagen, um uns dann, nach dem Siege über die Interventionisten, freiwillig in imperialistische Knechtschaft zu begeben.

Bleibt der vierte Weg der Industrialisierung, der Weg eigener Ersparnisse für die Industrie, der Weg der sozialistischen Akkumulation, auf den Genosse Lenin wiederholt als auf den einzigen Weg der Industrialisierung unseres Landes hingewiesen hat.

Ist also die Industrialisierung unseres Landes auf der Grundlage der sozialistischen Akkumulation möglich?

Verfügen wir über die Quellen einer solchen Akkumulation, Quellen, die ausreichen, um die Industrialisierung zu gewährleisten?

Ja, die Industrialisierung ist möglich. Ja, wir verfügen über solche Quellen.

Ich könnte auf eine Tatsache verweisen wie die Enteignung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in unserem Lande als Ergebnis der Oktoberrevolution, die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, Fabriken, Werken usw. und deren Übergang in das Eigentum des gesamten Volkes. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Tatsache eine ziemlich solide Quelle der Akkumulation bedeutet.

Ich könnte ferner auf eine Tatsache verweisen wie die Annullierung der Zarenschulden, die unsere Volkswirtschaft von einer Schuldenlast von Milliarden Rubel befreit hat. Es darf nicht vergessen werden, dass wir bei Weiterbestehen dieser Schulden jährlich einige Hundert Millionen Rubel allein an Zinsen hätten zahlen müssen, auf Kosten der Industrie, auf Kosten unserer gesamten Volkswirtschaft. Es braucht nicht betont zu werden, dass dieser Umstand das Werk unserer Akkumulation bedeutend erleichtert hat.

Ich könnte auf unsere nationalisierte Industrie hinweisen, die wiederhergestellt worden ist, die sich entwickelt und die gewisse, für die weitere Entwicklung der Industrie notwendige Gewinne abwirft. Auch dies ist eine Quelle der Akkumulation.

Ich könnte auf unseren nationalisierten Außenhandel hinweisen, der einen gewissen Gewinn abwirft und folglich eine bestimmte Quelle der Akkumulation bildet.

Man könnte auf unseren mehr oder weniger organisierten staatlichen Innenhandel verweisen, der gleichfalls einen gewissen Gewinn abwirft und somit eine bestimmte Quelle der Akkumulation bildet.

Man könnte auf einen Hebel der Akkumulation hinweisen wie unser nationalisiertes Banksystem, das einen bestimmten Gewinn abwirft und unsere Industrie nach Kräften nährt.

Schließlich besitzen wir eine Waffe wie die Staatsmacht, die über den Staatshaushalt verfügt und ein kleines Sümmchen Geld für die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft überhaupt und unserer Industrie im Besonderen aufbringt.

Dies sind im Wesentlichen die wichtigsten Quellen unserer inneren Akkumulation.

Sie sind insofern von Interesse, als sie uns die Möglichkeit geben, die notwendigen Reserven zu schaffen, ohne die die Industrialisierung unseres Landes unmöglich ist.

Aber Möglichkeit ist noch nicht Wirklichkeit, Genossen. Wenn man ungeschickt zu Werke geht, kann es sich erweisen, dass von der Möglichkeit der Akkumulation bis zur tatsächlichen Akkumulation ein ziemlich weiter Weg ist. Darum können wir uns mit dem Vorhandensein bloßer Möglichkeiten nicht zufrieden geben. Wir müssen die Möglichkeit der sozialistischen Akkumulation in eine tatsächliche Akkumulation verwandeln, wenn wir wirklich beabsichtigen, die für unsere Industrie notwendigen Reserven zu schaffen.

Daraus ergibt sich die Frage: Wie muss die Akkumulation ins Werk gesetzt werden, damit dies der Industrie zum Nutzen gereicht, an welchen Knotenpunkten des Wirtschaftslebens müssen wir vor allem den Hebel ansetzen, um die Möglichkeit der Akkumulation in eine tatsächliche sozialistische Akkumulation zu verwandeln?

Es gibt eine Reihe von Kanälen der Akkumulation, von denen wenigstens die wichtigsten vermerkt werden müssten.

Erstens. Die Überschüsse der Akkumulation im Lande dürfen nicht verzettelt werden, sondern müssen in unseren Kreditanstalten, den genossenschaftlichen wie den staatlichen, sowie mittels innerer Anleihen konzentriert werden, damit sie vor allem für die Bedürfnisse der Industrie verwandt werden können. Natürlich müssen die Deponenten dafür bestimmte Zinsen erhalten. Man kann nicht sagen, dass es damit bei uns auch nur einigermaßen befriedigend bestellt wäre. Aber die Aufgabe, unser Kreditnetz zu verbessern, die Aufgabe, das Ansehen der Kreditanstalten in den Augen der Bevölkerung zu heben, die Aufgabe, die inneren Anleihen zu organisieren, steht zweifellos als dringliche Aufgabe vor uns, die wir um jeden Preis lösen müssen.

Zweitens. All die Rinnen und Ritzen müssen sorgfältig dicht gemacht werden, durch die ein Teil der Akkumulationsüberschüsse des Landes zum Schaden der sozialistischen Akkumulation in die Taschen des Privatkapitals fließt. Dazu muss eine Preispolitik betrieben werden, die keine Kluft zwischen Großhandels- und Einzelhandelspreisen aufkommen lässt. Es müssen alle Maßnahmen getroffen werden, um die Einzelhandelspreise für Industrieerzeugnisse und landwirtschaftliche Produkte zu senken und dadurch dem Abfluss der Akkumulationsüberschüsse in die Taschen der Privatkapitalisten Einhalt zu gebieten oder ihn wenigstens auf ein Mindestmaß zu beschränken. Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Wirtschaftspolitik. Hier liegt der Ausgangspunkt einer der ernstesten Gefahren sowohl für unsere Akkumulation als auch für den Tscherwonez.

Drittens. In der Industrie selbst, in jedem ihrer Zweige müssen bestimmte Reserven zur Amortisation der Betriebe, zu ihrer Erweiterung, zu ihrer weiteren Entwicklung zurückgelegt werden. Das ist notwendig, das ist absolut unerlässlich, wir müssen damit um jeden Preis vorankommen.

Viertens. In den Händen des Staates müssen bestimmte Reserven angehäuft werden, die notwendig sind, um das Land gegen alle möglichen Eventualitäten (Missernte) zu sichern, um die Industrie zu versorgen, um die Landwirtschaft zu unterstützen, um die Kultur zur Entfaltung zu bringen usw. Ohne Reserven kann man heutzutage nicht leben und nicht arbeiten. Selbst der Bauer mit seiner kleinen Wirtschaft kann heutzutage nicht ohne bestimmte Vorräte auskommen. Umso weniger kann der Staat eines großen Landes ohne Reserven auskommen.

Vor allem müssen wir auf der Linie des Außenhandels eine Reserve haben. Wir müssen unsere Ausfuhr und unsere Einfuhr so organisieren, dass der Staat eine bestimmte Reserve in der Hand behält, über einen bestimmten Aktivsaldo im Außenhandel verfügt. Das ist unbedingt notwendig, nicht nur, um uns gegen unvorhergesehene Ereignisse auf den Auslandsmärkten zu sichern, sondern auch als Mittel, um unseren Tscherwonez zu stützen, der einstweilen stabil ist, der aber ins Schwanken geraten kann, wenn wir nicht eine aktive Außenhandelsbilanz erzielen. Verstärkung unseres Exports, Anpassung unseres Imports an die Exportmöglichkeiten - das ist die Aufgabe.

Wir können nicht sagen, was man früher sagte: „Wir selbst werden uns nicht satt essen, aber ausführen werden wir.” Wir können das nicht sagen, denn die Arbeiter und Bauern wollen menschenwürdig essen, und wir unterstützen sie darin voll und ganz. Aber dennoch könnten wir, ohne dass der Konsum des Volkes darunter leidet, alle Maßnahmen ergreifen, um unseren Export zu steigern und dem Staat eine bestimmte Valutareserve in die Hand zu geben. Wenn wir im Jahre 1923 vermocht haben, vom Papierrubel zur festen Valuta überzugehen, so unter anderem deshalb, weil wir damals auf Grund unserer aktiven Außenhandelsbilanz über eine bestimmte Valutareserve verfügten. Wenn wir unseren Tscherwonez stützen wollen, so müssen wir den Außenhandel auch in Zukunft so organisieren, dass wir eine Valutareserve als eine der Grundlagen für unseren Tscherwonez in der Hand behalten.

Ferner brauchen wir gewisse Reserven auf der Linie des Innenhandels. Ich denke hauptsächlich an die Schaffung von Getreidereserven, über die der Staat verfügen muss, um in die Angelegenheiten des Getreidemarktes eingreifen und das Kulakentum sowie die sonstigen Getreidespekulanten bekämpfen zu können, die die Preise für landwirtschaftliche Produkte maßlos in die Höhe treiben. Dies ist schon allein dazu notwendig, um der Gefahr einer künstlichen Verteuerung der Lebenshaltung in den Industriezentren und einer Untergrabung des Lohnes der Arbeiter vorzubeugen.

Wir brauchen schließlich eine Steuerpolitik, die die Steuerlast den besitzenden Schichten aufbürdet und zugleich auf der Linie des Staatshaushalts dem Staat eine bestimmte Reserve in die Hand gibt. Wie der Verlauf der Realisierung unseres staatlichen Haushaltsplans, der sich auf 4 Milliarden beläuft, zeigt, können wir erreichen, dass die Einnahmen die Ausgaben um etwa 100 Millionen und mehr übersteigen. Dem einen oder anderen Genossen scheint dies eine kolossale Ziffer zu sein. Aber diese Genossen haben offenbar ein schwaches Sehvermögen, sonst würden sie bemerken, dass eine Reserve von 100 Millionen für ein Land wie das unsere ein Tropfen ins Meer ist. Manch einer glaubt, wir hätten diese Reserve überhaupt nicht nötig. Was soll aber werden, wenn in diesem Jahr eine Missernte oder irgendeine andere Katastrophe über uns hereinbricht? Woher sollen wir die Mittel nehmen, um Abhilfe zu schaffen? Umsonst hilft man uns doch nicht und wird man uns nicht helfen. Also muss man selbst einige Reserven haben. Und wenn in diesem Jahr nichts Unvorhergesehenes passiert, so werden wir diese Reserve der Volkswirtschaft und vor allem der Industrie zuführen. Keine Angst, diese Reserven gehen nicht verloren.

Das, Genossen, sind im allgemeinen die Knotenpunkte unseres Wirtschaftslebens, an denen wir vor allem den Hebel ansetzen müssen, um die Möglichkeit der inneren Akkumulation in unserem Lande zum Zwecke seiner Industrialisierung in eine tatsächliche sozialistische Akkumulation zu verwandeln.

Weiter zu IV.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis