"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE
WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER SOWJETUNION
UND DIE POLITIK DER PARTEI

IV
DIE RICHTIGE
VERWENDUNG DER AKKUMULIERTEN MITTEL.
DAS SPARSAMKEITSREGIME

Aber mit der Akkumulation allein ist die Frage nicht erschöpft und kann sie nicht erschöpft sein. Darüber hinaus muss man es verstehen, die angehäuften Reserven mit Verstand, mit Berechnung zu verausgaben, so, dass nicht eine einzige Kopeke des Volksvermögens vergeudet wird, dass die akkumulierten Mittel entsprechend der von uns verfolgten grundlegenden Linie für die Befriedigung der dringendsten Erfordernisse der Industrialisierung unseres Landes verwandt werden. Ohne diese Voraussetzungen laufen wir Gefahr, plötzlich feststellen zu müssen, dass die akkumulierten Mittel veruntreut, dass sie für alle möglichen kleinen und großen Ausgaben verzettelt werden, die weder mit der Entwicklung der Industrie noch mit der Weiterentwicklung der Volkswirtschaft als Ganzes etwas gemein haben. Es verstehen, die Mittel mit Verstand, mit Berechnung zu verausgaben - das ist eine überaus wichtige Kunst, die man nicht auf einmal erlernt. Man kann nicht sagen, dass sich unsere Genossen, unsere Sowjet- und Genossenschaftsorgane, in dieser Beziehung durch große Geschicklichkeit auszeichnen. Im Gegenteil, alles zeugt davon, dass es bei uns in dieser Beziehung keineswegs zum Besten bestellt ist. Es fällt einem schwer, das zuzugeben, Genossen, aber das ist eine Tatsache, die sich durch keinerlei Resolutionen hinwegleugnen lässt. Es gibt Fälle, wo unsere leitenden Organe in die Lage jenes Bauern geraten, der sich ein bisschen Geld gespart hat und, statt dafür seinen Pflug zu reparieren und Neuanschaffungen für seine Wirtschaft zu machen, ein Riesengrammophon kauft und ... Pleite macht. Ich schweige ganz von Fällen direkter Veruntreuung angehäufter Reserven, von Fällen der Gefräßigkeit einer ganzen Reihe von Organen unseres Staatsapparats, von Fällen des Diebstahls usw.

Daher muss eine Reihe von Maßnahmen getroffen werden, um zu verhindern, dass unsere akkumulierten Mittel verzettelt, veruntreut, über unnütze Kanäle verschleudert und dem Aufbau unserer Industrie, der unsere grundlegende Linie bildet, entzogen werden.

Erstens dürfen unsere Industriepläne nicht das Produkt bürokratischer Erfindungen sein, sondern sie müssen in engem Zusammenhang mit dem Zustand unserer Volkswirtschaft und unter Berücksichtigung der Hilfsquellen, der Reserven unseres Landes aufgestellt werden. Man darf in der Planung des Industrieaufbaus nicht hinter der Entwicklung der Industrie zurückbleiben. Man darf aber auch nicht vorauseilen, sich von der Landwirtschaft loslösen und das Tempo der Akkumulation in unserem Lande außer Acht lassen.

Die Bedürfnisse unseres inneren Marktes und der Umfang unserer Hilfsquellen - das bildet die Basis für die Entfaltung unserer Industrie. Unsere Industrie basiert auf dem inneren Markt. In dieser Beziehung erinnert die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes an die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, deren Industrie auf der Basis des inneren Marktes erwachsen ist, zum Unterschied von England, dessen Industrie vor allem auf den Auslandsmärkten basiert. In England gibt es eine Reihe von Industriezweigen, die zu 40-50 Prozent für Auslandsmärkte arbeiten. Amerika dagegen stützt sich immer noch auf seinen inneren Markt und exportiert nicht mehr als 10-20 Prozent seiner Produktion nach Auslandsmärkten. Die Industrie unseres Landes wird sich in noch höherem Maße als die Industrie Amerikas auf den inneren Markt stützen, vor allem auf den bäuerlichen Markt. Das bildet die Grundlage für den Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft.

Das gleiche gilt für das Tempo unserer Akkumulation, für die Reserven, die uns für die Entwicklung unserer Industrie zur Verfügung stehen. Bisweilen stellt man bei uns gern phantastische Industriepläne auf, ohne unseren Hilfsquellen Rechnung zu tragen. Man vergisst bisweilen, dass sich ohne ein bestimmtes Minimum an Mitteln, ohne ein bestimmtes Minimum an Reserven weder Industriepläne aufstellen noch irgendwelche „groß angelegten” und „allumfassenden” Betriebe aufbauen lassen. Man vergisst das und eilt voraus. Was heißt aber bei der Industrieplanung vorauseilen? Das heißt über die Mittel hinaus bauen wollen. Das heißt, mit viel Geschrei groß angelegte Pläne ankündigen, neue Tausende und Zehntausende von Arbeitern einstellen, viel Lärm machen und dann, wenn sich herausstellt, dass die Mittel nicht reichen, die Arbeiter entlassen, ihnen die Papiere geben, dabei kolossale Verluste erleiden, Enttäuschung über das Aufbauwerk hervorrufen und einen politischen Skandal verursachen. Ist uns damit gedient? Nein, Genossen, damit ist uns nicht gedient. Wir dürfen weder hinter der Entwicklung der Industrie zurückbleiben, noch ihr vorauseilen. Wir müssen mit der Entwicklung Schritt halten, wir müssen die Industrie vorwärts bringen, ohne sie von ihrer Basis loszulösen.

Unsere Industrie ist das führende Element im Gesamtsystem der Volkswirtschaft, sie reißt unsere Volkswirtschaft, darunter auch die Landwirtschaft, mit sich und treibt sie voran. Sie reorganisiert unsere gesamte Volkswirtschaft nach ihrem Vorbild und Ebenbild, sie veranlasst die Landwirtschaft, ihr zu folgen, indem sie die Bauernschaft durch die Genossenschaften in den Strom des sozialistischen Aufbaus einbezieht. Aber unsere Industrie kann diese führende und umgestaltende Rolle nur dann in Ehren erfüllen, wenn sie sich von der Landwirtschaft nicht loslöst, wenn sie das Tempo unserer Akkumulation sowie die uns zur Verfügung stehenden Hilfsquellen und Reserven nicht außer Acht lässt. Ein Kommandeurkorps in der Armee, das sich von seiner Armee loslöst und die Verbindung zu ihr verliert, ist kein Kommandeurkorps. Ebenso wenig kann eine Industrie, die sich von der Volkswirtschaft als Ganzem loslöst und die Verbindung zu ihr verliert, das führende Element der Volkswirtschaft sein.

Darum ist die richtige und vernünftige Planung der Industrie eine der unerlässlichen Voraussetzungen für die zweckmäßige Verwendung der akkumulierten Mittel.

Zweitens ist es notwendig, unseren Staats- und Genossenschaftsapparat, die Institutionen unserer Volkskommissariate und die Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung von unten bis oben einzuschränken und zu vereinfachen, zu verbilligen und zu verbessern. Die aufgeblähten Stellenpläne und die beispiellose Gefräßigkeit unserer Verwaltungsorgane sind bereits sprichwörtlich geworden. Nicht umsonst hat Lenin dutzende- und hundertemal betont, dass die Schwerfälligkeit und die Kostspieligkeit unseres Staatsapparats für die Arbeiter und die Bauern unerträglich sind, dass man ihn um jeden Preis, auf jede nur mögliche Art und mit allen Mitteln einschränken und verbilligen muss. Man muss hier endlich allen Ernstes auf bolschewistische Art ans Werk gehen und ein ganz strenges Sparsamkeitsregime einführen. (Beifall.) Man muss endlich ans Werk gehen, wenn wir nicht auch in Zukunft eine Verzettelung der von uns akkumulierten Mittel zum Schaden der Industrie dulden wollen.

Hier ein Beispiel aus dem Leben. Man sagt, die Ausfuhr unseres Getreides sei unvorteilhaft, unrentabel. Aber warum ist sie unvorteilhaft? Weil der Beschaffungsapparat für die Aufbringung des Getreides mehr verausgabt, als zulässig ist. Von allen unseren Planungsorganen ist festgestellt worden, dass zur Beschaffung eines Puds Getreide 8 Kopeken ausreichen. In Wirklichkeit stellte sich jedoch heraus, dass statt 8 Kopeken 13 Kopeken pro Pud, also 5 Kopeken zu viel, verausgabt wurden. Wie aber konnte das passieren? Dies passierte eben deshalb, weil jeder mehr oder weniger selbständige Mitarbeiter des Beschaffungsapparats - ganz gleich, ob Kommunist oder Parteiloser -, bevor er mit der Beschaffung des Getreides beginnt, es für nötig befindet, seinen Mitarbeiterstab aufzublähen, sich mit einem Heer von Stenographinnen und Maschinenschreiberinnen umgibt, sich unbedingt ein Auto verschafft, einen Haufen unproduktiver Ausgaben macht, und dann, wenn man alles zusammenrechnet, stellt sich heraus, dass der Export bei uns unrentabel ist. Wenn man berücksichtigt, dass wir Hunderte von Millionen Pud Getreide aufbringen und für jedes Pud fünf Kopeken zuviel bezahlen, so kommen Dutzende von Millionen hinausgeworfener Rubel zusammen. Da sieht man, wohin die von uns akkumulierten Mittel gehen und noch gehen werden, wenn wir nicht strengste Maßnahmen gegen die Gefräßigkeit unseres Staatsapparats treffen.

Ich habe hier nur ein einziges Beispiel angeführt. Aber wem ist nicht bekannt, dass es bei uns Hunderte und Tausende solcher Beispiele gibt?

Das Plenum des Zentralkomitees unserer Partei hat beschlossen, unseren Beschaffungsapparat zu vereinfachen und zu verbilligen. Die entsprechende Resolution des Plenums[52] haben Sie sicher bereits gelesen, sie ist in der Presse veröffentlicht worden. Diese Resolution werden wir mit aller Strenge durchführen. Aber das genügt nicht, Genossen. Das ist nur ein Teil unseres Staatsapparats, der Unordnung aufweist und mit Mängeln behaftet ist. Wir müssen weitergehen und Maßnahmen treffen, um den gesamten Staatsapparat, den Apparat der Volkskommissariate und die Institutionen mit wirtschaftlicher Rechnungsführung, den gesamten Genossenschaftsapparat und das gesamte Warenverteilungsnetz von unten bis oben einzuschränken und zu verbilligen.

Drittens müssen wir einen entschiedenen Kampf gegen jede Art überflüssigen Aufwands in unseren Verwaltungsorganen und in unserem täglichen Leben führen, gegen das verbrecherische Umgehen mit Volkseigentum und staatlichen Reserven, das bei uns in der letzten Zeit zu beobachten ist. Bei uns feiert man jetzt Bacchanalien, man schwelgt in allen möglichen Feierlichkeiten, Festversammlungen, Jubiläen, Denkmalsenthüllungen usw. Zehntausende und Hunderttausende Rubel werden für derartige „Beschäftigungen” vergeudet. Bei uns gibt es eine solche Unmenge aller möglichen Jubilare und Liebhaber von Feierlichkeiten und eine so erstaunliche Bereitwilligkeit, ein halbjähriges, einjähriges, zweijähriges usw. Jubiläum zu feiern, dass wahrhaft Dutzende von Millionen Rubel erforderlich sind, um die Nachfrage zu befriedigen. Genossen, mit diesen eines Kommunisten unwürdigen Maßlosigkeiten muss Schluss gemacht werden. Es gilt, endlich zu begreifen, dass wir, auf deren Schultern die Sorge für die Bedürfnisse unserer Industrie liegt und die wir solche Tatsachen vor Augen haben wie die Masse Arbeitsloser und obdachloser Kinder, derartige Gelage und Bacchanalien der Verschwendungssucht nicht dulden können noch dulden dürfen.

Am bemerkenswertesten ist der Umstand, dass Parteilose, wie man beobachten kann, mit den Mitteln unseres Staates bisweilen sorgsamer umgehen als Parteimitglieder. Ein Kommunist handelt in solchen Fällen dreister und resoluter. Es kommt ihm nicht darauf an, einer Reihe von Angestellten eine Unterstützung zu geben, die er Tantieme nennt, obgleich hier von einer Tantieme gar keine Rede sein kann. Es kommt ihm nicht darauf an, sich über ein Gesetz hinwegzusetzen, es zu umgehen, es zu übertreten. Ein Parteiloser ist hier vorsichtiger und zurückhaltender. Das erklärt sich wohl daraus, dass der Kommunist die Gesetze, den Staat und dergleichen bisweilen als eine Familienangelegenheit betrachtet. (Heiterkeit.) Eben deshalb kostet es manchen Kommunisten bisweilen keine große Mühe, einem Schweine gleich (entschuldigen Sie bitte den Ausdruck, Genossen) in den Garten des Staates einzudringen und dort zu stibitzen oder seine auf Kosten des Staates gehende Freigebigkeit zu zeigen. (Heiterkeit.) Diesem Übelstand muss ein Ende gemacht werden, Genossen. Der Vergnügungssucht und der Verschwendung unserer Verwaltungsorgane sowie in unserem täglichen Leben muss ein entschiedener Kampf angesagt werden, wenn wir die von uns akkumulierten Mittel tatsächlich für die Bedürfnisse unserer Industrie zusammenhalten wollen.

Viertens müssen wir einen systematischen Kampf gegen den Diebstahl, gegen den so genannten „frischfröhlichen” Diebstahl in den Organen unseres Staates, in den Genossenschaften, in den Gewerkschaften usw. führen. Es gibt einen verschämten, versteckten Diebstahl, und es gibt einen dreisten, „frischfröhlichen” Diebstahl, wie man ihn in der Presse nennt. Vor kurzem las ich in der „Komsomolskaja Prawda” eine Notiz Okunews über den „frischfröhlichen” Diebstahl. Es gab da, so erfährt man, einen Stutzer, einen jungen Mann mit einem Schnurrbärtchen, der in einer unserer Institutionen frischfröhlich drauflos stahl, systematisch, ohne Unterlass stahl und immer mit Erfolg stahl. Hier verdient nicht so sehr der Dieb selbst Aufmerksamkeit als vielmehr die Tatsache, dass seine Umgebung, die von dem Diebe wusste, ihn nicht nur nicht bekämpfte, sondern im Gegenteil nicht abgeneigt war, ihm auf die Schulter zu klopfen und ihn seiner Geschicklichkeit wegen zu loben, so dass der Dieb in den Augen dieser Leute als eine Art Held dastand. Das ist es, Genossen, was Aufmerksamkeit verdient und was am gefährlichsten ist. Wenn man einen Spion oder einen Verräter erwischt, kennt die Empörung der Öffentlichkeit keine Grenzen, sie verlangt seine Erschießung. Wenn aber ein Dieb vor aller Augen sein Wesen treibt und Staatsvermögen stiehlt, beschränkt sich seine Umgebung auf gutmütiges Grinsen und klopft ihm auf die Schulter. Indes ist klar, dass ein Dieb, der Volksvermögen stiehlt und den Interessen der Volkswirtschaft Abbruch tut, nicht minder ein Spion und Verräter ist, wenn er nicht noch schädlicher ist. Dieses Bürschchen, diesen Stutzer mit dem Schnurrbärtchen, hat man natürlich schließlich und endlich verhaftet. Aber was bedeutet schon die Verhaftung eines einzelnen „frischfröhlichen” Diebes? Solcher Diebe gibt es bei uns Hunderte und Tausende. Man kann nicht alle mit Hilfe der GPU hinwegräumen. Hier ist eine andere Maßnahme erforderlich, eine wirksamere und ernsthaftere. Diese Maßnahme besteht darin, um solche Diebsgesellen eine Atmosphäre des allgemeinen moralischen Boykotts zu schaffen und sie mit Hass zu umgeben. Diese Maßnahme besteht darin, eine solche Kampagne einzuleiten und eine solche moralische Atmosphäre unter den Arbeitern und Bauern zu schaffen, dass die Möglichkeit des Diebstahls ausgeschlossen und den Dieben und Defraudanten des Volksvermögens, den „frischfröhlichen” wie den „nicht frischfröhlichen”, das Leben und Dasein unmöglich gemacht wird. Kampf gegen den Diebstahl als eins der Mittel, die von uns akkumulierten Reserven vor Veruntreuung zu schützen - das ist die Aufgabe.

Schließlich müssen wir eine Kampagne führen, um dem Bummelantentum in den Werken und Fabriken ein Ende zu machen, um die Arbeitsproduktivität zu steigern, um die Arbeitsdisziplin in unseren Betrieben zu festigen. Zehntausende und Hunderttausende von Arbeitstagen gehen der Industrie infolge von Bummelantentum verloren. Hunderttausende und Millionen Rubel gehen dadurch verloren, zum Schaden unserer Industrie, zum Schaden unserer Betriebe. Wir können unsere Industrie nicht vorwärts bringen, wir können den Arbeitslohn nicht erhöhen, wenn das Bummelantentum nicht aufhört, wenn die Arbeitsproduktivität auf einem Punkte stehen bleibt. Den Arbeitern, besonders denen, die erst vor kurzem in die Betriebe gekommen sind, muss klargemacht werden, dass sie der gemeinsamen Sache schaden, der gesamten Arbeiterklasse schaden, unserer Industrie schaden, wenn sie sich des Bummelantentums schuldig machen und die Arbeitsproduktivität nicht steigern. Kampf gegen das Bummelantentum, Kampf für die Steigerung der Arbeitsproduktivität im Interesse unserer Industrie, im Interesse der gesamten Arbeiterklasse - das ist die Aufgabe.

Das sind die Mittel und Wege, um die von uns akkumulierten Mittel und unsere Reserven vor Verzettelung, vor Veruntreuung zu bewahren, um diese Mittel und Reserven für die Industrialisierung unseres Landes nutzbar zu machen.

Weiter zu V.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis