"Stalin"

Werke

Band 8

AN GENOSSEN KAGANOWITSCH
UND ANDERE MITGLIEDER DES POLITBÜROS
DES ZK DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI
DER UKRAINE (BOLSCHEWIKI)[53]

Ich hatte eine Unterredung mit Schumski. Die Unterredung war lang, sie währte etwas über zwei Stunden. Sie wissen, dass er mit der Lage in der Ukraine nicht zufrieden ist. Die Motive seiner Unzufriedenheit lassen sich auf zwei Hauptpunkte zurückführen.

1. Er ist der Meinung, dass die Ukrainisierung nur mühsam vonstatten geht, dass man die Ukrainisierung als lästige Pflicht betrachtet, die man nur widerstrebend, nur sehr zögernd erfüllt. Er ist der Meinung, dass das Wachstum der ukrainischen Kultur und der ukrainischen Intelligenz in schnellem Tempo vor sich geht, dass diese Bewegung, wenn wir sie nicht in die Hand nehmen, an uns vorbeigehen kann. Er ist der Meinung, dass an der Spitze dieser Bewegung Leute stehen müssen, die an die Sache der ukrainischen Kultur glauben, die diese Kultur kennen und sich mit ihr befassen wollen, die die anwachsende Bewegung für die ukrainische Kultur unterstütze und unterstützen können. Besonders unzufrieden ist er mit dem Verhalten der Partei- und Gewerkschaftsspitze in der Ukraine, die seiner Meinung nach die Ukrainisierung hemmt. Eine der Hauptsünden der Partei- und Gewerkschaftsspitze besteht seiner Ansicht nach darin, dass sie zur Leitung der Partei- und Gewerkschaftsarbeit keine Kommunisten heranzieht, die unmittelbar mit der ukrainischen Kultur verbunden sind. Er glaubt, dass die Ukrainisierung vor allem in den Reihen der Partei und unter dem Proletariat vorgenommen werden muss.

2. Er glaubt, dass zur Behebung dieser Mängel vor allem eine Veränderung in der Partei- und Sowjetspitze vorgenommen werden muss, und zwar unter dem Gesichtswinkel der Ukrainisierung, dass nur unter dieser Bedingung bei den Kadern unserer Funktionäre in der Ukraine ein Umschwung in Richtung auf die Ukrainisierung herbeigeführt werden kann. Er schlägt vor, Grinko zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, Tschubar zum politischen Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki) zu machen, die Zusammensetzung des Sekretariats und des Politbüros zu verbessern usw. Er ist der Meinung, dass es ihm, Schumski, ohne solche oder ähnliche Veränderungen unmöglich sein werde, in der Ukraine zu arbeiten. Er sagt, er sei bereit, wenn das ZK darauf besteht, in die Ukraine zurückzukehren, selbst wenn die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen unverändert bestehen bleiben, er sei aber überzeugt, dass dabei nichts herauskommen werde. Besonders unzufrieden ist er mit Kaganowitschs Arbeit. Er ist der Meinung, dass es Kaganowitsch gelungen ist, die organisatorische Arbeit der Partei in Fluss zu bringen, glaubt aber, dass das Überwiegen organisatorischer Methoden in der Arbeit des Genossen Kaganowitsch eine normale Arbeit unmöglich mache. Er versichert, dass die Resultate des organisatorischen Drucks in der Arbeit des Genossen Kaganowitsch, die Resultate des Beiseiteschiebens der höchsten Sowjetinstitutionen sowie der Leiter dieser Institutionen sich in nächster Zukunft zeigen würden, wobei er sich nicht dafür verbürgen könne, dass diese Resultate nicht die Formen eines ernsten Konflikts annehmen würden.

Meine Meinung hierzu:

 

1. In Schumskis Erklärungen zum ersten Punkt sind einige richtige Gedanken enthalten. Richtig ist, dass in der Ukraine eine breite Bewegung für die ukrainische Kultur und für ein ukrainisches öffentliches Leben begonnen hat und im Wachsen begriffen ist. Richtig ist, dass diese Bewegung auf keinen Fall uns fremden Elementen überlassen werden darf. Richtig ist, dass eine ganze Reihe von Kommunisten in der Ukraine Sinn und Bedeutung dieser Bewegung nicht begreift und daher keine Maßnahmen trifft, um sie in die Hand zu bekommen. Richtig ist, dass bei den Kadern unserer Partei- und Sowjetfunktionäre, die in der Frage der ukrainischen Kultur und des ukrainischen öffentlichen Lebens immer noch vom Geist der Ironie und des Skeptizismus durchdrungen sind, ein Umschwung herbeigeführt werden muss. Richtig ist, dass man sorgfältig Kader auswählen und heranbilden muss aus Menschen, die fähig sind, die neue Bewegung in der Ukraine in die Hand zu nehmen. Alles das ist richtig. Aber Schumski begeht dabei mindestens zwei schwerwiegende Fehler.

Erstens. Er verwechselt die Ukrainisierung des Apparats unserer Partei und anderer Institutionen mit der Ukrainisierung des Proletariats. Man kann und muss, unter Einhaltung eines bestimmten Tempos, den Apparat unserer Partei, des Staates und andere Apparate, die für die Bevölkerung arbeiten, ukrainisieren. Aber man darf das Proletariat nicht von oben her ukrainisieren. Man darf die russischen Arbeitermassen nicht zwingen, auf die russische Sprache und die russische Kultur zu verzichten und die ukrainische Kultur und Sprache als die ihrige anzuerkennen. Das widerspricht dem Prinzip der freien Entwicklung der Nationalitäten. Das wäre nicht nationale Freiheit, sondern eine eigentümliche Form der nationalen Unterdrückung. Es steht außer Zweifel, dass die Zusammensetzung des ukrainischen Proletariats sich in dem Maße ändern wird, wie sich die Ukraine industriell entwickeln wird, wie ukrainische Arbeiter aus den umliegenden Dörfern in die Industrie strömen werden. Es steht außer Zweifel, dass das ukrainische Proletariat sich ukrainisieren wird, ebenso wie das Proletariat, sagen wir, in Lettland und in Ungarn, das eine Zeit-lang deutschen Charakter hatte, sich später zu lettisieren beziehungsweise zu madjarisieren begann. Das ist aber ein lang währender, elementar verlaufender, natürlicher Prozess. Diesen elementaren Prozess durch eine gewaltsame Ukrainisierung des Proletariats von oben her ersetzen wollen - heißt eine utopische und schädliche Politik betreiben, die in den nichtukrainischen Schichten des Proletariats der Ukraine einen antiukrainischen Chauvinismus hervorrufen kann. Mir scheint, dass Schumski die Ukrainisierung falsch auffasst und mit dieser letztgenannten Gefahr nicht rechnet.

Zweitens. Schumski hebt zwar den positiven Charakter der in der Ukraine zu beobachtenden neuen Bewegung für die ukrainische Kultur und ein ukrainisches öffentliches Leben völlig richtig hervor, sieht jedoch nicht die Schattenseiten dieser Bewegung. Schumski übersieht, dass diese Bewegung, die meistens von nichtkommunistischen Intellektuellen geleitet wird, angesichts der Schwäche der einheimischen kommunistischen Kader in der Ukraine manchenorts den Charakter eines Kampfes für die Absonderung der ukrainischen Kultur und des ukrainischen öffentlichen Lebens von der Kultur und dem öffentlichen Leben des gesamten Sowjetlandes, den Charakter eines Kampfes gegen „Moskau” überhaupt, gegen die Russen überhaupt, gegen die russische Kultur und ihre höchste Errungenschaft, den Lenin ismus, annehmen kann. Ich brauche nicht den Beweis zu führen, dass diese Gefahr in der Ukraine immer realer wird. Ich möchte nur sagen, dass selbst manche ukrainische Kommunisten von solchen Fehlern nicht frei sind. Ich denke dabei an eine solch allgemein bekannte Tatsache wie den Artikel des bekannten Kommunisten Chwilewoi in der ukrainischen Presse. Chwilewois Forderung nach „unverzüglicher Entrussifizierung des Proletariats” in der Ukraine, seine Meinung, dass „die ukrainische Poesie sich so schnell wie möglich von der russischen Literatur, von ihrem Stil frei machen muss”, seine Erklärung, dass „die Ideen des Proletariats uns auch ohne die Moskauer Kunst bekannt sind”, seine Begeisterung für irgendeine Messiasrolle der ukrainischen „jungen” Intelligenz, sein lächerlicher und unmarxistischer Versuch, die Kultur von der Politik zu trennen - all das und vieles Ähnliche mutet jetzt, von einem ukrainischen Kommunisten ausgesprochen, mehr als seltsam an (und kann nicht anders anmuten!). Zu einer Zeit, da die westeuropäischen Proletarier und ihre kommunistischen Parteien von Sympathie für „Moskau”, diese Zitadelle der internationalen revolutionären Bewegung und des Lenin ismus, erfüllt sind, zu einer Zeit, da die westeuropäischen Proletarier begeistert auf das Banner blicken, das über Moskau weht, weiß der ukrainische Kommunist Chwilewoi zugunsten „Moskaus” nichts anderes zu sagen, als die ukrainischen Persönlichkeiten aufzufordern, sich „so schnell wie möglich” von „Moskau” frei zu machen. Und das nennt sich Internationalismus! Was soll man da noch von den anderen ukrainischen Intellektuellen aus dem nichtkommunistischen Lager sagen, wenn Kommunisten in der Sprache eines Chwilewoi zu reden, und nicht nur zu reden, sondern auch in unserer Sowjetpresse zu schreiben beginnen? Schamski begreift nicht, dass man die neue Bewegung für die ukrainische Kultur in der Ukraine nur dann in die Hand bekommen kann, wenn man die Auswüchse eines Chwilewoi in den Reihen der Kommunisten bekämpft. Schumski begreift nicht, dass man nur im Kampf gegen solche Auswüchse die im Aufstieg begriffene ukrainische Kultur in eine sowjetische Kultur und das im Aufstieg begriffene ukrainische öffentliche Leben in ein sowjetisches öffentliches Leben verwandeln kann.

 

2. Recht hat Schumski, wenn er behauptet, dass die führende Spitze (der Partei u. a.) in der Ukraine ukrainisch werden muss. Aber er irrt sich in Bezug auf das Tempo. Das aber ist jetzt die Hauptsache. Er vergisst, dass es vorerst an rein ukrainischen marxistischen Kadern hier für mangelt. Er vergisst, dass sich solche Kader nicht künstlich schaffen lassen. Er vergisst, dass solche Kader nur im Prozess der Arbeit heranwachsen können, dass man dafür Zeit braucht ... Was bedeutet es, Grinko jetzt zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare zu machen? Wie kann das von der Partei insgesamt und den Parteikadern im Besonderen eingeschätzt werden? Werden sie das nicht so auffassen, als ob wir Kurs darauf nehmen, die Bedeutung des Rates der Volkskommissare herabzusetzen? Denn es lässt sich vor der Partei doch nicht verheimlichen, dass Grinkos Parteiangehörigkeit und revolutionäre Tätigkeit viel jüngeren Datums ist als die Parteiangehörigkeit und revolutionäre Tätigkeit Tschubars. Können wir jetzt, in der gegenwärtigen Periode der Belebung der Sowjets und der Erhöhung der Bedeutung der Sowjetorgane einen solchen Schritt tun? Wäre es nicht besser, sowohl im Interesse der Sache als auch im Interesse Grinkos, vorläufig von derartigen Plänen Abstand zu nehmen? Ich bin dafür, dass das Sekretariat und das Politbüro des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine (Bolschewiki) sowie die Spitzen des Sowjetapparats durch ukrainische Elemente verstärkt werden. Aber man darf die Dinge doch nicht so hinstellen, als gäbe es in den führenden Organen der Partei und der Sowjets keine Ukrainer.

Sind etwa Skrypnik und Satonski, Tschubar und Petrowski, Grinko und Schumski keine Ukrainer? Schumskis Fehler besteht hier darin, dass er zwar eine richtige Perspektive hat, aber das Tempo nicht berücksichtigt. Das Tempo aber ist jetzt die Hauptsache.

Mit kommunistischem Gruß

J. Stalin

26. IV. 1926.

Zum ersten Mal in vollem
Wortlaut veröffentlicht.

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