"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DEN ENGLISCHEN STREIK
UND DIE EREIGNISSE IN POLEN

Referat in der
Versammlung der Arbeiter der Eisenbahnhauptwerkstätten in Tiflis
8. Juni 1926

Genossen! Gestatten Sie mir, mit meiner Information über die Lage in England im Zusammenhang mit dem Streik[54] und über die jüngsten Ereignisse in Polen[55] zu beginnen - einer Information, die Genosse Tschcheidse, der hier den Vorsitz führt, ein Referat zu nennen beliebte, die aber wegen ihrer Kürze nicht anders als eine Information genannt werden kann.

WARUM KAM ES IN ENGLAND ZUM STREIK?

Die erste Frage ist die Frage nach den Ursachen des Streiks in England. Wie konnte es geschehen, dass England, dieses Land kapitalistischer Macht und beispielloser Kompromisse, sich in letzter Zeit in einen Schauplatz gewaltiger sozialer Konflikte verwandelt hat? Wie konnte es geschehen, dass das „große England”, der „Beherrscher der Meere”, sich in ein Land des Generalstreiks verwandelt hat?

Ich möchte eine Reihe von Umständen hervorheben, die für die Unvermeidlichkeit des Generalstreiks in England bestimmend waren. Die Zeit ist noch nicht gekommen, um diese Frage erschöpfend beantworten zu können. Aber einige entscheidende Ereignisse, die für die Unvermeidlichkeit des Streiks bestimmend waren, können und müssen wir hervorheben. Von diesen Umständen könnten vier Umstände als die wichtigsten hervorgehoben werden.

Erstens. Früher hatte England unter den kapitalistischen Staaten eine Monopolstellung inne. Als Herr über eine ganze Reihe riesiger Kolonien und im Besitz einer für die damalige Zeit vorbildlichen Industrie, hatte England die Möglichkeit, als „Werkstätte der Welt” aufzutreten und ungeheure Extraprofite einzustecken. Das war die Periode „der Eintracht und des Wohlergehens” in England. Das Kapital steckte Extraprofite ein, Brosamen dieses Extraprofits fielen der Oberschicht der englischen Arbeiterbewegung zu; die Führer der englischen Arbeiterbewegung wurden allmählich vom Kapital gefügig gemacht, und Konflikte zwischen Arbeit und Kapital wurden gewöhnlich durch Kompromisse beigelegt.

Die weitere Entwicklung des internationalen Kapitalismus, besonders aber die Entwicklung Deutschlands, Amerikas und zum Teil Japans, die als Konkurrenten Englands auf dem Weltmarkt auftraten, haben jedoch die ehemalige Monopolstellung Englands von Grund aus untergraben. Der Krieg und die Nachkriegskrise haben der Monopolstellung Englands einen weiteren entscheidenden Schlag versetzt. Die Extraprofite wurden geringer, die den Arbeiterführern Englands zufallenden Brosamen begannen zu schwinden. Immer häufiger wurden Stimmen laut über den sinkenden Lebensstandard der Arbeiterklasse in England. Die Periode „der Eintracht und des Wohlergehens” wurde von einer Periode der Konflikte, Aussperrungen und Streiks abgelöst. Der englische Arbeiter begann eine Linksentwicklung durchzumachen und wandte immer häufiger die Methode des direkten Kampfes gegen das Kapital an.

Es ist nicht schwer zu begreifen, dass bei diesem Stand der Dinge die grobe Drohung der Grubenbesitzer, die Arbeiter auszusperren, von den Bergarbeitern nicht unbeantwortet gelassen werden konnte.

Zweitens. Der zweite Umstand - das ist die Wiederherstellung der internationalen Marktverbindungen und die damit zusammenhängende Verschärfung des Kampfes der kapitalistischen Gruppen um die Märkte. Für die Nachkriegskrise ist charakteristisch, dass sie fast alle Verbindungen der kapitalistischen Staaten zum Weltmarkt unterbrochen und an die Stelle dieser Verbindungen ein Chaos in den Beziehungen gesetzt hat. Jetzt tritt dieses Chaos im Zusammenhang mit der zeitweiligen Stabilisierung des Kapitals in den Hintergrund, und die alten Verbindungen auf dem Weltmarkt werden allmählich wiederhergestellt. Wenn es vor einigen Jahren darum ging, Fabriken und Werke wiederherzustellen und die Arbeiter für das Kapital arbeiten zu lassen, so handelt es sich jetzt darum, Märkte und Rohstoffe für die wiederhergestellten Fabriken und Werke zu sichern. Im Zusammenhang damit ist der Kampf um die Märkte mit neuer Kraft entbrannt, wobei den Sieg in diesem Kampf die Kapitalistengruppe und der kapitalistische Staat davontragen, deren Waren am billigsten und deren Technik am weitesten entwickelt sind. Auf dem Markt treten aber neue Kräfte auf: Amerika, Frankreich, Japan, Deutschland, die Dominien Englands, die Kolonien Englands, die ihre Industrie während des Krieges entwickelt haben und jetzt um Märkte kämpfen. Aus all dem ergibt sich naturgemäß, dass es jetzt unmöglich geworden ist, aus den ausländischen Märkten mühelos Profit zu ziehen, was England von jeher getan hat. Die alte Kolonialmethode der monopolistischen Ausplünderung der Märkte und Rohstoffquellen musste einer neuen Methode weichen, der Eroberung der Märkte mit Hilfe billiger Waren. Daher das Bestreben des englischen Kapitals, die Produktion zu drosseln oder sie jedenfalls nicht wahllos zu erweitern. Daher die gewaltige Arbeitslosenarmee in England als ständige Erscheinung der letzten Jahre. Daher die Gefahr weiterer Arbeitslosigkeit, die die Arbeiter Englands aufbringt und in Kampfesstimmung versetzt. Daher die blitzartige Wirkung, die die Androhung der Aussperrung auf die Arbeiter überhaupt und auf die Bergarbeiter im Besonderen ausgeübt hat.

Drittens. Der dritte Umstand - das ist das Bestreben des englischen Kapitals, die Selbstkosten der englischen Industrieerzeugnisse zu senken und die Waren auf Kosten der Interessen der englischen Arbeiterklasse zu verbilligen. Die Tatsache, dass der Hauptschlag im gegebenen Fall gegen die Bergarbeiter geführt wurde - diese Tatsache kann nicht als Zufall bezeichnet werden. Das englische Kapital ist nicht nur deshalb über die Bergarbeiter hergefallen, weil die Koh Lenin dustrie technisch schlecht ausgerüstet ist und der „Rationalisierung” bedarf, sondern vor allem deshalb, weil die Bergarbeiter stets den Vortrupp des englischen Proletariats bildeten und bis auf den heutigen Tag bilden. Diesem Vortrupp den Zaum anzulegen, den Arbeitslohn herabzudrücken und den Arbeitstag zu verlängern, um sich nach Abrechnung mit diesem ausschlaggebenden Trupp auch die anderen Trupps der Arbeiterklasse vorzunehmen - das war die Strategie des englischen Kapitals. Daher der Heldenmut, mit dem die englischen Bergarbeiter ihren Streik führen. Daher die beispiellose Hilfsbereitschaft, die die englischen Arbeiter durch ihren Generalstreik den Bergarbeitern gegenüber bewiesen haben.

Viertens. Der vierte Umstand - das ist die Herrschaft der Konservativen Partei in England, einer Partei, die der schlimmste Feind der Arbeiterklasse ist. Zweifellos hätte jede andere bürgerliche Regierung zur Unterdrückung der Arbeiterklasse im Wesentlichen das gleiche getan wie die konservative Regierung. Es unterliegt jedoch ebenfalls keinem Zweifel, dass nur solch geschworene Feinde der Arbeiterklasse wie die Konservativen so skrupellos und zynisch zu einer so beispiellosen Herausforderung der gesamten Arbeiterklasse Englands greifen konnten, wie es die Konservativen getan haben, als sie mit der Aussperrungsdrohung auftraten. Es muss heute als völlig erwiesen gelten, dass die englische Konservative Partei die Aussperrung und den Streik nicht nur gewollt, sondern sich fast ein Jahr lang darauf vorbereitet hat. Im Juli vorigen Jahres schob sie den Überfall auf die Bergarbeiter hinaus, da sie den Augenblick für „ungeeignet” hielt. Aber während dieser ganzen Periode hat sie sich darauf vorbereitet, hat Kohlenvorräte angelegt, Streikbrecher organisiert und die öffentliche Meinung entsprechend bearbeitet, um im April dieses Jahres gegen die Bergarbeiter loszuschlagen. Nur die Partei der Konservativen konnte sich zu einem solch hinterhältigen Schritt entschließen.

Die Partei der Konservativen hat sich auf Grund von gefälschten Dokumenten und Provokationen die Regierungsmacht erschlichen. Gleich einen Tag nach ihrem Machtantritt überfiel sie Ägypten unter Ausnutzung aller Mittel der Provokation. Schon ein Jahr lang führt sie mit den bewährten Methoden kolonialer Ausplünderung und Unterdrückung direkt Krieg gegen das chinesische Volk. Sie spart keine Mittel, um eine Annäherung zwischen den Völkern der Sowjetunion und den Völkern Großbritanniens zu verhindern, und trifft nach und nach alle Vorbereitungen für eine mögliche Intervention. Jetzt überfällt sie die Arbeiterklasse ihres eigenen Landes, nachdem sie diesen Überfall ein ganzes Jahr lang mit einem Eifer vorbereitet hat, der einer besseren Sache wert wäre. Die Partei der Konservativen kann ohne Konflikte, sowohl innerhalb als auch außerhalb Englands, nicht leben. Kann man sich nach all dem wundern, dass die englischen Arbeiter den Schlag mit einem Gegenschlag beantwortet haben?

Das sind im Wesentlichen die Umstände, die für die Unvermeidlichkeit des Streiks in England bestimmend waren.

WARUM SCHEITERTE DER GENERALSTREIK
IN ENGLAND?

Der englische Generalstreik scheiterte infolge einer ganzen Reihe von Umständen, von denen zumindest folgende hervorgehoben werden müssten:

Erstens. Die englischen Kapitalisten und die Partei der Konservativen haben sich, wie der Verlauf des Streiks gezeigt hat, im allgemeinen als erfahrener, organisierter, entschlossener und daher stärker erwiesen als die englischen Arbeiter und ihre Führer in Gestalt des Generalrats und der so genannten Arbeiterpartei. Es hat sich gezeigt, dass die Führer der Arbeiterklasse den vor der Arbeiterklasse stehenden Aufgaben nicht gewachsen waren.

Zweitens. Die englischen Kapitalisten und die Partei der Konservativen sind dem gewaltigen sozialen Konflikt wohl gerüstet und in voller und unbestreitbarer Bereitschaft begegnet, während die Führer der englischen Arbeiterbewegung von der Aussperrung der Bergarbeiter durch die Grubenbesitzer überrascht wurden und keine oder fast keine Vorbereitungsarbeit geleistet hatten. Dabei muss festgestellt werden, dass die Führer der Arbeiterklasse noch eine Woche vor dem Konflikt ihrer Überzeugung Ausdruck gaben, dass es zu keinem Konflikt kommen werde.

Drittens. Der Stab der Kapitalisten, die Partei der Konservativen, führte den Kampf geschlossen und organisiert und richtete die Schläge gegen die entscheidenden Punkte des Kampfes, während sich der Stab der Arbeiterbewegung, der Generalrat der Gewerkschaften und seine „politische Kommission”, die Arbeiterpartei, als innerlich demoralisiert und zersetzt erwiesen haben. Bekanntlich haben sich die Hauptpersonen dieses Stabes entweder als direkte Verräter der Bergarbeiter und der Arbeiterklasse Englands überhaupt erwiesen (Thomas, Henderson, MacDonald und Konsorten) oder als charakterlose Mitläufer dieser Verräter, die den Kampf der Arbeiterklasse und noch mehr ihren Sieg fürchten (Purcell, Hicks und andere).

Man mag fragen: Wie konnte es geschehen, dass das machtvolle Proletariat Englands, das mit beispiellosem Heldenmut gekämpft hat, sich entweder käuflichen oder feigen oder einfach charakterlosen Führern anvertraut hat? Das ist eine Frage von großer Bedeutung. Solche Führer haben sich nicht mit einem Male herausgebildet. Sie sind aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, sie sind durch eine bestimmte Schule gegangen, die Schule der Erziehung von Arbeiterführern in England, die Schule zu einer Zeit, da das englische Kapital, das die Extraprofite einstrich, den Arbeiterführern Wohltaten erweisen und sie zu Kompromissen mit der englischen Arbeiterklasse ausnützen konnte; während sich diese Führer der Arbeiterklasse ihren Lebensgewohnheiten und ihrer Lage nach der Bourgeoisie näherten, entfremdeten sie sich den Arbeitermassen, kehrten ihnen den Rücken und hörten schließlich auf, sie zu verstehen. Das sind Führer der Arbeiterklasse, die der Glanz des Kapitalismus geblendet hat, die sich der Macht des Kapitals unterworfen haben und die davon träumen, „es zu etwas zu bringen” und in den Kreis der „Wohlhabenden” aufgenommen zu werden. Zweifellos sind diese, mit Verlaub zu sagen, Führer ein Nachhall der Vergangenheit, die den neuen Verhältnissen bereits nicht mehr entsprechen. Zweifellos werden sie mit der Zeit gezwungen sein, neuen Führern das Feld zu räumen, die dem Kampfgeist und dem Heldenmut des englischen Proletariats gerecht werden. Engels hatte Recht, als er solche Führer verbürgerte Führer der Arbeiterklasse[56] nannte.

Viertens. Der Stab des englischen Kapitalismus, die Partei der Konservativen, hatte begriffen, dass der großartige Streik der englischen Arbeiter eine Tatsache von gewaltiger politischer Bedeutung ist, dass gegen einen derartigen Streik ein ernstlicher Kampf nur mit Mitteln politischer Art geführt werden kann, dass zur Unterdrückung des Streiks sowohl die Autorität des Königs als auch die Autorität des Unterhauses und der Verfassung ins Feld geführt werden müssen, dass der Streik nicht ohne Mobilmachung von Truppen und Verhängung des Ausnahmezustands unterdrückt werden kann. Der Stab der Arbeiterbewegung Englands dagegen, der Generalrat, hatte diese einfache Sache nicht begriffen oder wollte sie nicht begreifen, oder er fürchtete sich, sie zuzugeben, denn er versicherte aller Welt, der Generalstreik sei ein Mittel ausschließlich ökonomischen Charakters, er wünsche und beabsichtige nicht, den Kampf auf das Geleise des politischen Kampfes überzuleiten, er denke nicht daran, den Schlag gegen den Generalstab des englischen Kapitals, die Partei der Konservativen, zu führen, er, der Generalrat, habe nicht die Absicht, die Frage der Macht auf die Tagesordnung zu stellen.

Dadurch hat der Generalrat den Streik unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Denn die Geschichte zeigt, dass ein Generalstreik, der nicht auf das Geleis des politischen Kampfes übergeleitet wird, unvermeidlich scheitern muss.

Fünftens. Der Stab der englischen Kapitalisten hatte begriffen, dass die dem englischen Streik angebotene internationale Hilfe eine tödliche Gefahr für die Bourgeoisie darstellt, während der Generalrat nicht begriff oder so tat, als begreife er nicht, dass der Streik der englischen Arbeiter nur mit Hilfe der internationalen proletarischen Solidarität gewonnen werden konnte. Daher die Weigerung des Generalrats, von den Arbeitern der Sowjetunion[57] und anderer Staaten finanzielle Hilfe anzunehmen.

Ein so gewaltiger Streik wie der Generalstreik in England konnte nur unter mindestens zwei Grundvoraussetzungen greifbare Ergebnisse zeitigen: wenn der Streik auf politische Geleise gelenkt und wenn er in eine Kampfaktion der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder gegen das Kapital verwandelt worden wäre. Aber der englische Generalrat setzte sich mit der ihm eigenen „Weisheit” über beide Voraussetzungen hinweg und verurteilte damit von vornherein den Generalstreik zum Scheitern.

Sechstens. Es steht außer Zweifel, dass das mehr als zweideutige Verhalten der II. Internationale und der Amsterdamer Gewerkschaftsvereinigung in bezug auf die Unterstützung des englischen Generalstreiks eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Die ihrem Wesen nach platonischen Beschlüsse dieser Organisationen von Sozialdemokraten, den Streikenden Hilfe zu leisten, liefen faktisch darauf hinaus, jegliche finanzielle Hilfe zu verweigern, denn durch nichts anderes als durch das zweideutige Verhalten der sozialdemokratischen Internationale lässt sich die Tatsache erklären, dass die Gewerkschaften Europas und Amerikas zusammengenommen für die finanzielle Hilfe nur den achten Teil der Mittel aufbrachten, die die Gewerkschaften der Sowjetunion zur Unterstützung ihrer englischen Brüder aufzubringen vermochten. Ich spreche schon gar nicht von einer Hilfe anderer Art, von einer Hilfe, die darin besteht, dass die Kohlenzufuhr unterbunden wird, wo die Amsterdamer Gewerkschaftsvereinigung buchstäblich nach Streikbrecherart handelt.

Siebentens. Es steht gleichfalls außer Zweifel, dass eine nicht unbedeutende Rolle beim Scheitern des Generalstreiks die Schwäche der englischen Kommunistischen Partei gespielt hat. Es muss gesagt werden, dass die englische Kommunistische Partei eine der besten Sektionen der Kommunistischen Internationale ist. Es muss bemerkt werden, dass sie während der ganzen Zeit des Streiks in England eine absolut richtige Position einnahm. Es muss aber auch zugegeben werden, dass ihre Autorität unter den englischen Arbeitern immer noch gering ist. Und dieser Umstand musste für den Verlauf des Generalstreiks eine verhängnisvolle Rolle spielen.

Dies sind die Umstände, zumindest die wichtigsten von ihnen, die wir gegenwärtig auf Grund unserer Beobachtung klar sehen können und die für den unerwünschten Ausgang des Generalstreiks in England bestimmend waren.

DIE LEHREN DES GENERALSTREIKS

Welches sind die Lehren des Generalstreiks in England, zumindest die wichtigsten von ihnen? Diese Lehren lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Erstens. Die Krise in der Koh Lenin dustrie in England und der damit zusammenhängende Generalstreik stellen die Frage der Sozialisierung der Produktionsinstrumente und -mittel in der Koh Lenin dustrie bei gleichzeitiger Errichtung der Arbeiterkontrolle auf die Tagesordnung. Das ist die Frage des Kampfes um den Sozialismus. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass es keinen anderen Weg zur restlosen Überwindung der Krise in der Koh Lenin dustrie gibt noch geben kann als den von der englischen Kommunistischen Partei vorgeschlagenen Weg. Die Krise in der Koh Lenin dustrie und der Generalstreik führen die englische Arbeiterklasse unmittelbar an die Frage der praktischen Verwirklichung des Sozialismus heran.

Zweitens. Die englische Arbeiterklasse musste am eigenen Leibe erfahren, dass das Haupthindernis auf dem Wege zum Ziel die politische Macht der Kapitalisten ist, im gegebenen Fall die Partei der Konservativen und ihre Regierung. Wenn der Generalrat der Gewerkschaften wie die Pest fürchtete, den unlöslichen Zusammenhang zwischen ökonomischem Kampf und politischem Kampf zuzugeben, so müssen die englischen Arbeiter jetzt begreifen, dass in ihrem schweren Kampf gegen das organisierte Kapital die Machtfrage jetzt die Hauptfrage ist, dass ohne die Lösung der Machtfrage weder die Krise in der Koh Lenin dustrie noch überhaupt die Krise in der gesamten Industrie Englands überwunden werden kann.

Drittens. Der Verlauf und der Ausgang des Generalstreiks müssen die Arbeiterklasse Englands davon überzeugen, dass das Parlament, die Verfassung, der König und die übrigen Attribute der bürgerlichen Macht nichts anderes sind als ein Schirm und Schutz der Kapitalistenklasse gegen das Proletariat. Der Streik hat sowohl von dem Parlament als auch von der Verfassung die Hüllen heruntergerissen, die sie als Fetisch und unantastbares Heiligtum erscheinen ließen. Die Arbeiter werden begreifen, dass die gegenwärtige Verfassung eine Waffe der Bourgeoisie gegen die Arbeiter ist. Die Arbeiter müssen begreifen, dass sie gleichfalls eine eigene Arbeiterverfassung als Waffe gegen die Bourgeoisie brauchen. Ich glaube, dass die Erkenntnis dieser Wahrheit für die Arbeiterklasse Englands die größte Errungenschaft sein wird.

Viertens. Der Verlauf und der Ausgang des Streiks müssen die Arbeitermassen Englands von der Untauglichkeit der alten Führer überzeugen, von der Untauglichkeit der alten Führer, die in der Schule der alten englischen Kompromisspolitik herangewachsen sind. Sie müssen begreifen, dass die alten Führer durch neue, revolutionäre Führer ersetzt werden müssen.

Fünftens. Die englischen Arbeiter müssen jetzt begreifen, dass die Bergarbeiter Englands der Vortrupp der Arbeiterklasse Englands sind, dass es somit Sache der gesamten Arbeiterklasse Englands ist, den Streik der Bergarbeiter zu unterstützen und seinen Sieg zu gewährleisten. Der ganze Verlauf des Streiks beweist der Arbeiterklasse Englands eindringlich die absolute Unbestreitbarkeit dieser Lehre.

Sechstens. Die englischen Arbeiter mussten sich in den schwierigen Tagen des Generalstreiks, als die Plattformen und Programme der verschiedenen Parteien durch die Praxis überprüft wurden, davon überzeugen, dass die einzige Partei, die die Interessen der Arbeiterklasse konsequent, kühn und entschlossen vertreten kann, die Partei der Kommunisten ist.

Das sind im Allgemeinen die Hauptlehren des Generalstreiks in England.

EINIGE SCHLUSSFOLGERUNGEN

Ich komme zu einigen Schlussfolgerungen, die von praktischer Bedeutung sind.

Die erste Frage ist die Frage der Stabilisierung des Kapitalismus. Der Streik in England hat gezeigt, dass die Entschließung der Kommunistischen Internationale über den zeitweiligen und unbeständigen Charakter der Stabilisierung völlig richtig ist[58]. Der Überfall des englischen Kapitals auf die Bergleute Englands ist ein Versuch, die zeitweilige, unbeständige Stabilisierung in eine dauerhafte und ständige Stabilisierung zu verwandeln. Dieser Versuch war nicht von Erfolg gekrönt und konnte es auch nicht sein. Die englischen Arbeiter, die diesen Versuch mit einem gewaltigen Streik beantworteten, haben der ganzen kapitalistischen Welt gezeigt, dass eine dauerhafte Stabilisierung des Kapitalismus unter den Verhältnissen der Nachkriegszeit unmöglich ist, dass Experimente in der Art des englischen die Grundlagen des Kapitalismus zu zerstören drohen. Wenn aber die Behauptung, dass die kapitalistische Stabilisierung dauerhaft sei, falsch ist, so ist die entgegengesetzte Behauptung, dass die Stabilisierung vorüber sei, dass sie nicht mehr bestehe und dass wir jetzt in eine Periode größter revolutionärer Stürme eingetreten seien, nicht minder falsch. Die Stabilisierung des Kapitalismus, die zeitweilig, unbeständig, aber dennoch eine Stabilisierung ist, bleibt einstweilen bestehen.

Ferner. Gerade weil die jetzige zeitweilige und unbeständige Stabilisierung dennoch bestehen bleibt, gerade deshalb wird das Kapital auch in Zukunft versuchen, die Arbeiterklasse zu überfallen. Natürlich muss die Lehre des englischen Streiks der gesamten kapitalistischen Welt zeigen, wie gefährlich für das Leben und die Existenz des Kapitals ein Experiment ist, wie es die Konservative Partei in England angestellt hat. Dass das Experiment für die Partei der Konservativen nicht ohne Folgen bleiben wird, lässt sich kaum bezweifeln. Es lässt sich auch nicht bezweifeln, dass die Kapitalisten aller Länder diese Lehre in Rechnung ziehen werden. Dennoch wird das Kapital bemüht sein, die Arbeiterklasse erneut zu überfallen, denn es fühlt sich unsicher und hat das Bedürfnis, seine Lage zu sichern. Die Aufgabe der Arbeiterklasse und der kommunistischen Parteien besteht darin, ihre Kräfte für die Abwehr eines solchen Überfalls auf die Arbeiterklasse vorzubereiten. Die Aufgabe der kommunistischen Parteien besteht darin, auch in Zukunft die Organisierung der Einheitsfront der Arbeiter fortzusetzen und dabei alle Kräfte aufzubieten, um die Angriffe der Kapitalisten in einen Gegenangriff der Arbeiterklasse zu verwandeln, in eine revolutionäre Offensive der Arbeiterklasse, in einen Kampf der Arbeiterklasse um die Errichtung der Diktatur des Proletariats und um die Beseitigung des Kapitalismus.

Schließlich muss sich die Arbeiterklasse Englands, um diese dringenden Aufgaben erfüllen zu können, vor allem von ihren jetzigen Führern frei machen. Man kann nicht gegen die Kapitalisten zu Felde ziehen, wenn man solche Führer hat wie die Thomas und MacDonald. Man kann nicht auf einen Sieg hoffen, wenn man solche Verräter im Rücken hat wie Henderson und Clynes. Die Arbeiterklasse Englands muss lernen, solche Führer durch bessere zu ersetzen, denn eins von beiden: Entweder die Arbeiterklasse Englands lernt es, die Thomas und MacDonald ihrer Posten zu entheben, oder sie bekommt ihren Sieg ebensowenig zu sehen, wie man seine eigenen Ohren zu sehen bekommt.

Das, Genossen, sind einige Schlussfolgerungen, die sich von selbst aufdrängen.

Jetzt gestatten Sie mir, zur Frage der Ereignisse in Polen überzugehen.

ÜBER DIE JÜNGSTEN EREIGNISSE IN POLEN

Es besteht die Ansicht, die Bewegung, an deren Spitze Pilsudski steht, sei eine revolutionäre Bewegung. Man sagt, Pilsudski sei für die Sache der Revolution in Polen, er sei für die Bauernschaft und gegen die Gutsbesitzer, für die Arbeiter und gegen die Kapitalisten, für die Freiheit der unterdrückten Nationalitäten Polens und gegen den polnischen Chauvinismus und Faschismus. Man sagt, Pilsudski verdiene es daher, von den Kommunisten unterstützt zu werden.

Das ist völlig falsch, Genossen!

In Wirklichkeit geht jetzt in Polen ein Kampf zwischen zwei Fraktionen der Bourgeoisie vor sich: zwischen der Fraktion der Großbourgeoisie mit den Posenern an der Spitze und der kleinbürgerlichen Fraktion mit Pilsudski an der Spitze. Dieser Kampf hat die Festigung, die Stabilisierung des bürgerlichen Staates zum Ziel, nicht aber die Verteidigung der Interessen der Arbeiter und Bauern, der Interessen der unterdrückten Nationalitäten. Der Kampf geht um die verschiedenen Methoden der Festigung des bürgerlichen Staates.

Die Sache ist die, dass der polnische Staat in eine Phase völliger Zersetzung eingetreten ist. Die Finanzen sind ruiniert. Der Zloty fällt. Die Industrie ist gelähmt. Die nichtpolnischen Nationalitäten werden unterdrückt. Oben aber, in den Kreisen, die den herrschenden Schichten nahe stehen, herrscht ein wahres Bacchanal von Unterschlagungen, worüber die Vertreter aller Sejmfraktionen[59] ganz ungeniert sprechen. Infolgedessen stehen die bürgerlichen Klassen vor dem Dilemma: Entweder die Zersetzung des Staates geht so weit, dass sie den Arbeitern und Bauern die Augen öffnet und sie vor die Notwendigkeit stellt, sich gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu erheben und die revolutionäre Umgestaltung der Macht vorzunehmen, oder die Bourgeoisie muss sich beeilen, dem Verfall ein Ende zu bereiten, mit dem Bacchanal der Unterschlagungen Schluss zu machen und so dem wahrscheinlichen Ausbruch der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern zuvorzukommen, ehe es zu spät ist.

Es handelt sich jetzt darum, welche Fraktion der Bourgeoisie die Stabilisierung des polnischen Staates in ihre Hand nimmt, die Fraktion Pilsudskis oder die Fraktion der Posener?

Zweifellos verbinden die Arbeiter und Bauern mit dem Kampf Pilsudskis die Hoffnung auf eine gründliche Besserung ihrer Lage. Zweifellos unterstützt gerade deshalb die Oberschicht der Arbeiterklasse und der Bauernschaft in dieser oder jener Weise den Kampf Pilsudskis, als des Vertreters der Schichten des Kleinbürgertums und des niederen Adels, gegen die Posener, die die Großkapitalisten und Großgrundbesitzer vertreten. Aber auch darüber kann kein Zweifel bestehen, dass die Hoffnungen gewisser Schichten der werktätigen Klassen Polens gegenwärtig nicht im Interesse der Revolution ausgenützt werden, sondern im Interesse der Festigung des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Ordnung.

Natürlich spielen hier auch einige außenpolitische Faktoren eine Rolle. Polen ist kein großer Staat, es ist in finanzieller Hinsicht mit gewissen Kreisen der Entente liiert. Es, das bürgerliche Polen, kann bei dem jetzigen jämmerlichen Zustand seiner Finanzen natürlich nicht ohne Auslandsanleihen auskommen. Die so genannten Großmächte können aber keinen Staat finanziell unterstützen, dessen führende Kreise übereinstimmend zugeben, dass auf der ganzen Linie der staatlichen Verwaltung ein wahres Bacchanal von Unterschlagungen stattfindet. Um Anleihen zu bekommen, muss vor allem die staatliche Verwaltung „verbessert”, mit dem Bacchanal der Unterschlagungen Schluss gemacht und eine gewisse Garantie dafür geschaffen werden, dass die Zinsen für die Anleihen bezahlt werden usw. Daher die Notwendigkeit einer „Rationalisierung” des polnischen Staates.

Das sind im Wesentlichen die innenpolitischen und außenpolitischen Voraussetzungen, die für den gegenwärtigen Kampf der beiden Hauptfraktionen der Bourgeoisie Polens bestimmend waren.

Polen weist gegenwärtig eine Reihe grundlegender Widersprüche auf, die in ihrer Weiterentwicklung unvermeidlich eine unmittelbar revolutionäre Situation in Polen schaffen müssen. Diese Widersprüche sind im Wesentlichen auf drei Gebieten zu verzeichnen: auf dem Gebiet der Arbeiterfrage, auf dem Gebiet der Bauernfrage, auf dem Gebiet der nationalen Frage. Alle diese Widersprüche können im Nu hervorbrechen und eine Explosion hervorrufen, wenn Polen ein Kriegsabenteuer beginnt, wenn es nicht zuwege bringt, gutnachbarliche Beziehungen zu den umliegenden Staaten herzustellen. Kann Pilsudski, kann die buntscheckige Gruppe Pilsudskis diese Widersprüche aus der Welt schaffen? Kann diese kleinbürgerliche Gruppe die Arbeiterfrage lösen? Nein, das kann sie nicht, denn das würde sie dann zwangsläufig in einen grundsätzlichen Konflikt mit der Kapitalistenklasse bringen, worauf sie es nicht ankommen lassen kann und keinesfalls ankommen lassen wird, wenn sie nicht der finanziellen Unterstützung durch die Großmächte verlustig gehen will. Kann sie, diese Gruppe, die Bauernfrage im Sinne beispielsweise einer Konfiskation der Gutsbesitzerländereien lösen? Nein, das kann sie nicht - und sie wird es nicht tun, wenn sie nicht in das Kommandeurkorps der Pilsudskiarmee, das durchweg aus kleinen und mittleren Gutsbesitzern besteht, völlige Zersetzung hineintragen will. Kann sie, diese Gruppe, die nationale Frage in Polen in dem Sinne lösen, dass sie den unterdrückten Nationen, den Ukrainern, Litauern, Bjelorussen usw. die Freiheit der nationalen Selbstbestimmung gewährt? Nein, das kann sie nicht - und sie wird es nicht tun, wenn sie nicht jegliches Vertrauen in den Augen der großpolnischen Chauvinisten und Faschisten verlieren will, die die hauptsächliche moralische Existenzquelle der Pilsudskigruppe bilden.

Was bleibt also in einem solchen Fall übrig?

Es bleibt eins übrig: Nachdem man die Fraktion der Großbourgeoisie militärisch besiegt hat, sich der gleichen Fraktion politisch unterzuordnen und hinter ihr einher zu trotten, es sei denn, dass die Arbeiterklasse Polens und der revolutionäre Teil der polnischen Bauernschaft in nächster Zeit das Werk der revolutionären Umgestaltung des polnischen Staates in Angriff nehmen und beide Fraktionen der polnischen Bourgeoisie davonjagen - sowohl die Fraktion Pilsudskis als auch die Fraktion der Posener.

Im Zusammenhang damit erhebt sich die Frage nach der polnischen Kommunistischen Partei. Wie konnte es geschehen, dass die revolutionäre Unzufriedenheit eines beträchtlichen Teils der Arbeiter und Bauern in Polen Wasser auf die Mühle Pilsudskis, nicht aber auf die Mühle der Kommunistischen Partei Polens war? Das geschah unter anderem deshalb, weil die polnische Kommunistische Partei schwach, äußerst schwach ist, weil sie sich in dem vor sich gehenden Kampf durch ihre falsche Position gegenüber den Pilsudskitruppen noch mehr geschwächt hat und infolgedessen nicht an die Spitze der revolutionär gestimmten Massen treten konnte.

Vor kurzem las ich in unserer Sowjetpresse einen Artikel des Genossen Thälmann[60], Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands, über polnische Angelegenheiten. Genosse Thälmann geht in diesem Artikel auf die Position der polnischen Kommunisten ein, die die Losung der Unterstützung der Pilsudskitruppen aufgestellt haben, und kritisiert diese Position als unrevolutionär. Ich muss leider feststellen, dass die Kritik des Genossen Thälmann absolut richtig ist. Ich muss feststellen, dass unsere polnischen Genossen in diesem Fall einen ganz groben Fehler begangen haben.

Das ist alles, Genossen, was ich Ihnen über die Lage in England im Zusammenhang mit dem Generalstreik und über die jüngsten Ereignisse in Polen mitteilen wollte. (Stürmischer Beifall.)

„Sarja Wostoka”
(Die Morgenröte des Ostens) (Tiflis) Nr. 1197,
10. Juni 1926.

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