"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DAS ENGLISCH-RUSSISCHE EINHEITSKOMITEE[61]

Rede auf der gemeinsamen Plenartagung des ZK und der ZKK
der KPdSU(B)[62]
15. Juli 1926

(In gekürzter Form veröffentlicht)

Genossen! Wir leben jetzt in einer Periode der Sammlung der Kräfte, in einer Periode der Gewinnung der Massen und der Vorbereitung des Proletariats auf neue Kämpfe. Die Massen aber befinden sich in den Gewerkschaften. Die Gewerkschaften im Westen sind jetzt in ihrer Mehrzahl jedoch mehr oder weniger reaktionär. Wie sollen wir uns den Gewerkschaften gegenüber verhalten? Sollen und können wir Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften arbeiten? Im Grunde genommen, ist es gerade diese Frage, die Trotzki in seinem kürzlich in der „Prawda” veröffentlichten Brief aufwirft. Diese Frage enthält natürlich nichts Neues. Sie wurde bereits vor fünf Jahren, noch ehe Trotzki sie stellte, von den „Ultralinken” in Deutschland aufgeworfen. Trotzki aber hielt es für notwendig, sie erneut aufzuwerfen. Und wie beantwortet er sie? Gestatten Sie, ein Zitat aus Trotzkis Brief anzuführen.

 

„Der gesamte gegenwärtige ‚Überbau’ der britischen Arbeiterklasse - in ausnahmslos allen Schattierungen und Gruppierungen - ist ein Apparat, der die Revolution hemmt. Das deutet für eine lange Periode darauf hin, dass die spontane und halbspontane Bewegung auf den Rahmen der alten Organisationen Druck ausüben wird und dass es infolge dieses Druckes zur Bildung neuer revolutionärer Organisationen kommen wird.” (Siehe „Prawda” Nr. 119 vom 26. Mai 1926.)

 

Demnach dürften wir nicht in den „alten” Organisationen arbeiten. wenn wir die Revolution nicht „hemmen” wollen. Entweder soll das heißen, dass wir uns bereits in der Periode einer unmittelbar revolutionären Situation befinden und dass wir unverzüglich an Stelle der „alten” Organisationen, an Stelle der Gewerkschaften, auf eigene Faust proletarische Organisationen bilden müssen, was natürlich falsch und dumm wäre. Oder das soll heißen, dass wir die alten Gewerkschaften im Laufe einer „langen” Zeitspanne durch „neue revolutionäre Organisationen” ersetzen müssen.

Das ist das Signal, an Stelle der bestehenden Gewerkschaften jene „revolutionäre Arbeiterunion” zu organisieren, von der die „ultralinken” Kommunisten in Deutschland vor fünf Jahren sprachen und gegen die Genosse Lenin in seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus” entschieden auftrat. Das ist, im Grunde genommen, das Signal zur Ersetzung der gegenwärtig bestehenden Gewerkschaften durch „neue”, scheinbar „revolutionäre” Organisationen, also das Signal zum Austritt aus den Gewerkschaften.

Ist diese Politik richtig? Sie ist grundfalsch. Sie ist grundfalsch, weil sie dem Lenin schen Prinzip von der Führung der Massen widerspricht. Sie ist falsch, da die Gewerkschaftsverbände des Westens, so reaktionär sie auch sein mögen, die elementarsten, für die rückständigsten Arbeiter verständlichsten und deshalb umfassendsten Massenorganisationen des Proletariats sind. Wir können zu den Massen nicht Zugang erhalten, wir können sie nicht gewinnen, wenn wir diese Verbände ignorieren. Sich auf den Standpunkt Trotzkis stellen bedeutet den Kommunisten den Weg zu den Millionenmassen verschließen, bedeutet die Massen der Arbeiter Amsterdam[63], den Sassenbach und Oudegeest[64] ausliefern.

Die Oppositionellen haben sich hier auf Genossen Lenin berufen. Gestatten Sie auch mir, Lenin s Hinweise anzuführen.

 

„Als ein... lächerlicher, kindischer Unsinn muss uns auch das wichtigtuerische, überaus gelehrte und furchtbar revolutionäre Gerede der deutschen Linken über das Thema erscheinen, dass die Kommunisten in den reaktionären Gewerkschaften nicht arbeiten können und nicht arbeiten dürfen, dass es statthaft sei, diese Arbeit abzulehnen, dass man aus den Gewerkschaften austreten und unbedingt eine nagelneue, blitzsaubere, von sehr netten (und meistens wohl sehr jungen) Kommunisten ausgeheckte ,Arbeiterunion’ schaffen müsse.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 31/32 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 696].)

 

Und weiter:

 

„... den Kampf gegen die ‚Arbeiteraristokratie’ führen wir im Namen der Arbeitermassen und um sie für uns zu gewinnen; den Kampf gegen die opportunistischen und sozialchauvinistischen Führer führen wir, um die Arbeiterklasse für uns zu gewinnen. Diese ganz elementare, augenfällige Wahrheit zu vergessen, wäre eine Dummheit. Und gerade diese Dummheit begehen die ‚linken’ deutschen Kommunisten, die aus der Tatsache, dass die Spitzen der Gewerkschaften reaktionär und konterrevolutionär sind, den Schluss ziehen, dass ... man aus den Gewerkschaften austreten!!, die Arbeit in den Gewerkschaften ablehnen!! und neue, ausgeklügelte Formen von Arbeiterorganisationen schaffen müsse!! Das ist eine so unverzeihliche Dummheit, dass sie dem größten Dienst gleichkommt, den die Kommunisten der Bourgeoisie erweisen können.” (Ebenda, S. 34/35, russ. [S.699, deutsch].)

 

Ich denke, Genossen, Erläuterungen sind hier überflüssig.

Hier erhebt sich die Frage des Überspringens der Gewerkschaften im Westen, die ihren reaktionären Charakter noch nicht überwunden haben. Diese Frage wurde hier von Sinowjew aufs Tapet gebracht. Er berief sich auf Martow und versicherte, der Standpunkt, dass man nicht über die Rückständigkeit der Massen, über die Rückständigkeit und reaktionäre Gesinnung ihrer Führer hinweg springen darf, der Standpunkt, dass es für Marxisten unzulässig ist, darüber hinweg zuspringen - dieser Standpunkt sei menschewistisch.

Ich behaupte, Genossen, dass dieses unsaubere Manöver Sinowjews mit der Berufung auf Martow lediglich eins beweist - Sinowjews völlige Abkehr von der Linie des Lenin ismus.

Ich werde mich bemühen, das im Folgenden zu beweisen.

Können wir als Lenin isten, als Marxisten überhaupt über eine noch nicht überholte Bewegung, über die Rückständigkeit der Massen hinweg springen, können wir ihnen den Rücken kehren, sie ignorieren, oder müssen wir derartige Erscheinungen dadurch überwinden, dass wir unter den Massen unermüdlich gegen diese Erscheinungen kämpfen? Das ist eine der grundlegenden Fragen der kommunistischen Politik, eine der grundlegenden Fragen der Lenin schen Lehre von der Führung der Massen. Die Oppositionellen sprachen hier vom Lenin ismus. Gestatten Sie, dass ich mich auf die Urquelle, auf Lenin , berufe.

Es ist im April 1917. Lenin polemisiert gegen Kamenew. Lenin ist nicht einverstanden mit Kamenew, der die Rolle der kleinbürgerlichen Demokratie überschätzte. Lenin ist aber auch nicht einverstanden mit Trotzki, der die Rolle der Bauernbewegung unterschätzte und über die Bauernbewegung in Rußland „hinweg sprang”. Hier die Worte Lenin s:

 

„Der Trotzkismus sagt: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’. Das ist falsch. Das Kleinbürgertum existiert, man darf es nicht ignorieren. Aber es besteht aus zwei Teilen. Sein ärmerer Teil geht mit der Arbeiterklasse.” (Siehe Rede Lenin s, Protokolle der Petrograder Konferenz im April 1917, S. 17, russ.[65])

„Hätten wir gesagt: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Diktatur des Proletariats’ - nun, das wäre ein Sprung über das Kleinbürgertum hinweg.” (Siehe Rede Lenin s, Protokolle der Allrussischen Aprilkonferenz 1917, S. 76, russ.[66].)

 

Und weiter:

 

„Laufen wir aber nicht Gefahr, in Subjektivismus zu verfallen, in den Wunsch, über die unvollendete Revolution bürgerlich-demokratischen Charakters, die die Bauernbewegung noch nicht überholt hat, in die sozialistische Revolution ‚hinüber zu springen’? Hätte ich gesagt: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’ - so würde mir diese Gefahr drohen. Doch ich habe nicht das gesagt, ich habe etwas anderes gesagt... Ich habe mich in meinen Thesen absolut gegen jegliches Überspringen der noch nicht überholten bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung, gegen jedes Spiel mit der ;Machtergreifung’ durch eine Arbeiterregierung, gegen jedes wie auch immer geartete blanquistische Abenteuer verwahrt, denn ich habe direkt auf die Erfahrungen der Pariser Kommune hingewiesen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 24, S. 28/29, russ.)

 

Das ist doch wohl klar. Die Theorie des Überspringens einer noch nicht überholten Bewegung ist eine Theorie des Trotzkismus. Lenin ist mit dieser Theorie nicht einverstanden. Er hält sie für abenteuerlich.

Und hier noch einige Zitate, allerdings aus anderen Schriften, aus den Schriften eines „sehr prominenten” Bolschewiks, dessen Namen und Vornamen ich vorläufig nicht nennen will, der aber auch gegen die Theorie des Überspringens ins Feld zieht.

 

„In der Frage der Bauernschaft, die Trotzki fortwährend ‚überspringt’, hätten wir die größten Fehler begangen. An Stelle der Ansätze eines Zusammenschlusses zwischen Arbeitern und Bauern hätten wir jetzt gerade das Gegenteil eines Zusammenschlusses.”

 

Weiter:

 

„Das ist die ‚theoretische’ Grundlage des Parvusismus und des Trotzkismus. Diese ‚theoretische’ Grundlage wurde später in politische Losungen umgemünzt, wie zum Beispiel in die Losung: ‚Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’. Diese Losung nimmt sich jetzt - nachdem wir im Bündnis mit der Bauernschaft nach 15 Jahren die Sowjetmacht errungen haben - nicht übel aus. Weg mit dem Zaren! - das ist gut. Her mit der Arbeiterregierung - noch besser. Wenn man sich aber ins Gedächtnis ruft, dass diese Losung im Jahre 1905 aufgestellt wurde, so wird jeder Bolschewik zugeben, dass diese Losung damals die Bauernschaft völlig ‚übersprang’.”

 

Weiter:

 

„Aber die ‚Permanenzler’ wollten uns im Jahre 1905 die Losung ‚Nieder mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung’ aufzwingen. Wo bleibt aber die Bauernschaft? Sticht denn hier nicht die Tatsache des völligen Nichtverstehens und der Ignorierung der Bauernschaft in einem Land wie Rußland ins Auge? Wenn das kein ‚Überspringen’ der Bauernschaft ist, was ist es dann?”

 

Weiter:

 

„Der Trotzkismus, der die Rolle der Bauernschaft in Rußland nicht begriffen hat, der die Bauernschaft in einem bäuerlichen Lande ‚überspringt’, konnte um so weniger die Rolle der Bauernschaft in der internationalen Revolution begreifen.”

 

Sie werden fragen: Wer ist denn der Verfasser dieser gewichtigen Zitate gegen den Trotzkismus und gegen die trotzkistische Theorie des Überspringens? Der Verfasser dieser gewichtigen Zitate ist kein anderer als Sinowjew. Diese Zitate sind seinem Buch „ Lenin ismus” und dem Artikel Sinowjews „Bolschewismus oder Trotzkismus” entnommen.

Wie konnte es passieren, dass Sinowjew vor einem Jahr den anti Lenin istischen Charakter der Theorie des Überspringens verstand, jetzt aber, ein Jahr später, ihn nicht mehr versteht? Das ist ihm deshalb passiert, weil er damals, sozusagen, Lenin ist war, jetzt aber sich hoffnungslos verstrickt hat und mit einem Bein im Lager des Trotzkismus und mit dem andern im Lager Schljapnikows, im Lager der „Arbeiteropposition”[67] steht. Und nun zappelt er zwischen diesen beiden Oppositionen und sieht sich veranlasst, hier, auf dieser Tribüne, unter Berufung auf Martow aufzutreten. Und gegen wen tritt er auf? Gegen Lenin . Für wen? Für die Trotzkisten.

So tief ist Sinowjew gesunken.

Man könnte sagen, das alles betreffe die Frage der Bauernschaft, das habe nichts mit den Gewerkschaften in England zu tun. Aber das ist falsch, Genossen. Das, was ich über die Untauglichkeit der Theorie des Überspringens in der Politik gesagt habe, hat unmittelbar Bezug auf die Gewerkschaften in England und in Europa überhaupt, hat unmittelbar Bezug auf die Frage der Führung der Massen, auf die Frage, wie man die Massen von dem Einfluss der reaktionären, reformistischen Führer befreien kann. Getreu der Theorie des Überspringens, versuchen Trotzki und Sinowjew, über die Rückständigkeit der englischen Gewerkschaften, über ihr reaktionäres Wesen hinweg zu springen, und drängen darauf, dass wir den Generalrat von Moskau aus, ohne die englischen Gewerkschaftsmassen stürzen. Wir aber behaupten, dass eine solche Politik dumm und abenteuerlich ist, dass die reaktionären Führer der englischen Gewerkschaftsbewegung von den englischen Gewerkschaftsmassen selbst, mit unserer Hilfe, gestürzt werden müssen, dass wir über das reaktionäre Wesen der Gewerkschaftsführer nicht hinweg springen dürfen, sondern den englischen Gewerkschaftsmassen helfen müssen, es zu überwinden.

Sie sehen, dass zwischen der Politik im Allgemeinen und der Politik gegenüber den Gewerkschaftsmassen zweifellos ein Zusammenhang besteht.

Gibt es dazu keine Hinweise bei Lenin ? Hören Sie bitte:

 

„Zu Beginn der Entwicklung des Kapitalismus bedeuteten die Gewerkschaften als Übergang von der Zersplitterung und Hilflosigkeit der Arbeiter zu den Anfängen einer Klassenvereinigung einen riesigen Fortschritt der Arbeiterklasse. Als die höchste Form der Klassenvereinigung der Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (die ihren Namen nicht verdient, solange sie es nicht gelernt hat, die Führer mit der Klasse und mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem zu verbinden), sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren, eine gewisse zünftlerische Beschränktheit, eine gewisse Neigung zum Apolitizismus, eine gewisse Stagnation usw. Aber anders als vermittels der Gewerkschaften, durch ihr Zusammenwirken mit der Partei der Arbeiterklasse ging die Entwicklung des Proletariats nirgendwo in der Welt vor sich und konnte auch nicht anders vor sich gehen.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 32/33 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. 11, S. 697].)

 

Und weiter:

 

„Fürchtet man diese ,reaktionären Züge’, sucht man, sie zu ignorieren, über sie hinwegzuspringcn1, so ist das die größte Dummheit, denn das bedeutet, vor der Rolle der proletarischen Avantgarde zurückzuschrecken, die darin besteht, die rückständigsten Schichten und die Massen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zu schulen, aufzuklären, zu erziehen und dem neuen Leben zuzuführen.” (Ebenda, S. 33, russ. [S. 697, deutsch].)

 

So ist es um die Theorie des Überspringens auf dem Gebiet der Gewerkschaftsbewegung bestellt.

Sinowjew täte besser daran, hier nicht unter Berufung auf Martow aufzutreten. Er täte besser daran, von der Theorie des Überspringens zu schweigen. Das wäre für ihn viel besser. Sinowjew brauchte nicht auf den Namen Trotzkis zu schwören: Wir wissen auch ohnehin, dass er vom Lenin ismus zum Trotzkismus übergegangen ist.

So, Genossen, ist es bestellt um die trotzkistische Theorie des Überspringens der Rückständigkeit der Gewerkschaften, der Rückständigkeit der Gewerkschaftsbewegung, der Rückständigkeit einer Massenbewegung überhaupt.

Lenin ismus und Trotzkismus sind zwei ganz verschiedene Dinge.

Damit sind wir bei der Frage des Englisch-Russischen Komitees angelangt. Hier wurde gesagt, dass das Englisch-Russische Komitee ein Übereinkommen, ein Block der Gewerkschaften unseres Landes mit den Gewerkschaften Englands sei. Das ist völlig richtig. Das Englisch-Russische Komitee ist der Ausdruck eines Blocks, der Ausdruck eines Übereinkommens unserer Gewerkschaften mit den Gewerkschaften Englands, und dieser Block trägt auch politischen Charakter.

Dieser Block stellt sich zwei Aufgaben. Die erste Aufgabe besteht in der Herstellung der Verbindung zwischen unseren Gewerkschaften und den Gewerkschaften Englands, in der Organisierung der Einheitsbewegung gegen die Offensive des Kapitals, in der Vertiefung des Risses, der zwischen Amsterdam und der englischen Gewerkschaftsbewegung entstanden ist und den wir mit allen Mitteln vertiefen werden, schließlich in der Schaffung der Voraussetzungen, die notwendig sind, um die Reformisten aus den Gewerkschaften zu verdrängen und die Gewerkschaften der kapitalistischen Länder für den Kommunismus zu gewinnen.

Die zweite Aufgabe dieses Blocks besteht in der Organisierung einer breiten Bewegung der Arbeiterklasse gegen neue imperialistische Kriege im Allgemeinen und gegen eine Intervention (ganz besonders) der stärksten imperialistischen Macht Europas, Englands, gegen unser Land im Besonderen.

Über die erste Aufgabe wurde hier ausführlich genug gesprochen. Ich werde deshalb nicht darauf eingehen. Ich möchte hier einige Worte über die zweite Aufgabe sagen, besonders soweit sie die Intervention der englischen Imperialisten gegen unser Land betrifft. Manche Oppositionellen sagen, es lohne nicht, über die letzte Aufgabe, die Aufgabe des Blocks zwischen unseren und den englischen Gewerkschaften zu sprechen, diese Aufgabe sei unwichtig. Es fragt sich warum? Warum sollte es sich nicht lohnen, darüber zu sprechen? Ist etwa die Aufgabe, sich für die Sicherheit der ersten Sowjetrepublik der Welt einzusetzen, die zudem noch das Bollwerk und die Basis der internationalen Revolution ist, keine revolutionäre Aufgabe? Sind etwa unsere Gewerkschaftsverbände von der Partei unabhängig? Stehen wir etwa auf dem Standpunkt der Unabhängigkeit unserer Gewerkschaftsverbände: der Staat sei eins, die Gewerkschaftsverbände aber seien etwas ganz anderes? Nein, auf einem solchen Standpunkt stehen wir nicht und können wir als Lenin isten nicht stehen. Jeder Arbeiter, jeder gewerkschaftlich organisierte Arbeiter muss sich die Verteidigung der ersten Sowjetrepublik der Welt gegen eine Intervention angelegen sein lassen. Wenn die Gewerkschaften unseres Landes hierbei von den englischen Gewerkschaften, auch wenn sie reformistisch sind, unterstützt werden, ist dann etwa nicht klar, dass man das nur begrüßen kann?

Wer da glaubt, unsere Gewerkschaftsverbände könnten sich keine staatlichen Aufgaben stellen, gleitet auf den Standpunkt des Menschewismus hinab. Das ist der Standpunkt des „Sozialistitscheski Wjestnik”[68]. Wir können diesen Standpunkt nicht einnehmen. Und wenn die reaktionären Gewerkschaften Englands bereit sind, mit den revolutionären Gewerkschaften unseres Landes einen Block gegen die konterrevolutionären Imperialisten ihres Landes zu bilden - warum sollte man diesen Block nicht begrüßen? Ich betone diese Seite der Sache deshalb, damit unsere Opposition, die bemüht ist, das Englisch-Russische Komitee zu sprengen, endlich begreifen möge, dass sie Wasser auf die Mühle der Interventionisten leitet.

Also, das Englisch-Russische Komitee ist ein Block unserer Gewerkschaften mit den reaktionären Gewerkschaften Englands mit dem Ziel, erstens die Verbindungen zwischen unseren Gewerkschaften und der Gewerkschaftsbewegung des Westens zu festigen und diese zu revolutionieren, und zweitens den Kampf gegen imperialistische Kriege überhaupt, gegen eine Intervention im Besonderen, zu führen.

Aber sind überhaupt - und das ist eine prinzipielle Frage - sind überhaupt politische Blocks mit reaktionären Gewerkschaften möglich? Sind solche Blocks für Kommunisten überhaupt zulässig?

Das ist für uns eine höchst aktuelle Frage, die wir hier lösen müssen. Die einen meinen, sie seien unmöglich - das sind unsere Oppositionellen. Das Zentralkomitee unserer Partei aber ist der Meinung, dass solche Blocks zulässig sind.

Die Oppositionellen haben hier den Namen Lenin s erwähnt. Wenden wir uns Lenin zu.

 

„Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das ,reine’ Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern (und kleinen Handwerker, Heimarbeiter, kleinen Eigentümer überhaupt), vom Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht Gliederungen in mehr oder minder entwickelte Schichten, Gliederungen nach Landsmannschaften, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen usw. gäbe. Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewussten Teil, für die Kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen, Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der kleinen Besitzer zu schließen. Es kommt nur darauf an, zu verstehen, diese Taktik so anzuwenden, dass sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewusstseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit beiträgt.” (Siehe 4.Ausgabe, Bd.31, 5.55/56 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S.719/720].)

 

Und weiter:

 

„Dass die Henderson, Clynes, MacDonald und Snowden hoffnungslos reaktionär sind, stimmt. Ebenso stimmt es, dass sie in den Besitz der Macht kommen wollen (dabei aber, nebenbei bemerkt, eine Koalition mit der Bourgeoisie vorziehen), dass sie nach denselben althergebrachten bürgerlichen Regeln ,regieren’ wollen, dass sie, einmal zur Macht gelangt, sich unvermeidlich ebenso verhalten werden wie die Scheidemann und Noske. Das alles stimmt. Aber daraus folgt keineswegs, dass eine Unterstützung dieser Leute Verrat an der Revolution sei, vielmehr folgt daraus, dass die Revolutionäre aus der Arbeiterklasse im Interesse der Revolution diesen Herrschaften eine gewisse parlamentarische Unterstützung gewähren müssen.” (Ebenda, S.62, russ. [S. 726, deutsch].)

 

Also nach Lenin ergibt sich, dass politische Übereinkommen, politische Blocks der Kommunisten mit reaktionären Führern der Arbeiterklasse durchaus möglich und zulässig sind.

Mögen Trotzki und Sinowjew sich das merken.

Aber wozu brauchen wir eigentlich solche Übereinkommen?

Um zu den Arbeitermassen Zugang zu erhalten, um diese Massen über das reaktionäre Wesen ihrer politischen Führer und Gewerkschaftsführer aufzuklären, um die Teile der Arbeiterklasse, die sich im Prozess der Linksentwicklung und der Revolutionierung befinden, von den reaktionären Führern loszureißen, um somit die Kampffähigkeit der Arbeiterklasse im ganzen zu steigern.

Daher darf man sich auf solche Blocks nur unter zwei Hauptbedingungen einlassen: Wenn die Freiheit unserer Kritik an den reformistischen Führern gewährleistet ist, und wenn die für die Loslösung der Massen von den reaktionären Führern notwendigen Voraussetzungen gewährleistet sind.

Hierüber sagt Lenin folgendes:

 

„Die Kommunistische Partei schlägt den Henderson und Snowden ein ,Kompromiss’, ein Wahlabkommen vor: Wir kämpfen gemeinsam gegen das Bündnis Lloyd Georges und der Konservativen, verteilen die Parlamentssitze entsprechend der Zahl der von den Arbeitern für die Arbeiterpartei bzw. die Kommunisten abgegebenen Stimmen (nicht bei den Wahlen, sondern in einer besonderen Abstimmung), behalten uns aber die vollste Freiheit der Agitation, Propaganda und politischen Tätigkeit vor. Ohne die letzte Bedingung darf man sich natürlich nicht auf einen Block einlassen, denn das wäre Verrat: Die vollste Freiheit der Entlarvung der Henderson und Snowden müssen die englischen Kommunisten ebenso unbedingt verfechten und durchsetzen, wie die russischen Bolschewiki sie (fünfzehn Jahre lang, von 1903 bis 1917) gegenüber den russischen Henderson und Snowden, d. h. gegenüber den Menschewiki, verfochten und durchgesetzt haben.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 66/67 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 730/731].)

 

Und weiter:

 

„Die kleinbürgerlichen Demokraten (darunter auch die Menschewiki) schwanken unvermeidlich zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat, zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Sowjetsystem, zwischen Reformismus und Revolutionarismus, zwischen der Liebe zu den Arbeitern und der Furcht vor der proletarischen Diktatur usw. Die richtige Taktik der Kommunisten muss darin bestehen, dass man diese Schwankungen ausnutzt, sie aber keineswegs ignoriert; um sie auszunutzen, muss man Zugeständnisse an die Elemente machen, die sich dem Proletariat zuwenden, und zwar dann, wenn diese sich dem Proletariat zuwenden, und insoweit, wie diese sich dem Proletariat zuwenden - gleichzeitig aber muss man den Kampf gegen diejenigen führen, die zur Bourgeoisie abschwenken. Das Ergebnis der Anwendung der richtigen Taktik war, dass der Menschewismus bei uns immer mehr zerfiel und auch weiter zerfällt, wobei die verbohrten opportunistischen Führer isoliert und die besten Arbeiter, die besten Elemente aus der kleinbürgerlichen Demokratie in unser Lager geführt werden.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 56 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 720].)

 

Hier haben wir die Bedingungen für einen Block, ohne die keinerlei Blocks, keinerlei Übereinkommen mit reaktionären Gewerkschaftsführern zulässig sind.

Möge die Opposition sich auch das merken.

Es fragt sich nun: Entspricht die Politik unserer Gewerkschaften den Bedingungen, von denen Genosse Lenin spricht?

Ich bin der Meinung, dass sie ihnen durchaus entspricht. Erstens haben wir uns die volle Freiheit der Kritik an den reformistischen Führern der englischen Arbeiterklasse voll und ganz bewahrt und diese Freiheit restlos ausgenutzt, so, wie sie keine andere kommunistische Partei der Welt ausgenutzt hat. Zweitens haben wir zu den Arbeitermassen Englands Zugang erhalten und unsere Verbindungen mit ihnen gefestigt. Drittens haben wir mit Erfolg begonnen, und es ist uns auch bereits gelungen, ganze Trupps der Arbeiterklasse Englands von den reaktionären Führern loszureißen. Ich denke an die Loslösung der Bergarbeiter von den Führern des Generalrats.

Trotzki, Sinowjew und Kamenew haben hier die Frage der Konferenz der russischen und englischen Bergleute in Berlin und ihren Aufruf[69] wohlweislich umgangen. Das ist aber doch eins der wichtigsten Ereignisse der letzten Zeit. Wer sind denn die Richardson, Cook, Smith, Richards? Opportunisten, Reformisten. Die einen nennen sich Linke, die anderen Rechte. Sollen sie das! Die Geschichte wird klarstellen, wer von ihnen weiter links steht. Für uns ist es sehr schwierig, das jetzt zu klären; die Angelegenheit ist in Dunkel gehüllt. Eins aber ist klar: Wir haben diese schwankenden reformistischen Führer, denen eine Million zweihunderttausend streikende Bergarbeiter folgen, vorn Generalrat losgerissen und mit unseren Gewerkschaften zusammengebracht. Ist das etwa nicht Tatsache? Warum schweigt sich die Opposition darüber aus? Sollte sie sich etwa nicht über die Erfolge unserer Politik freuen? Und wenn Citrine jetzt schreibt, dass er und der Generalrat mit der Einberufung des Englisch-Russischen Komitees einverstanden sind, ist das nicht das Ergebnis dessen, dass es Schwarz und Akulow gelungen ist, Cook und Richardson auf ihre Seite zu ziehen, und dass der Generalrat aus Furcht vor einem offenen Kampf gegen die Bergarbeiter gezwungen war, der Einberufung des Englisch-Russischen Komitees zuzustimmen? Wer kann leugnen, dass alle diese Tatsachen von den Erfolgen’ unserer Politik zeugen, dass all das von dem völligen Zusammenbruch der Politik der Opposition zeugt?

Also Blocks mit reaktionären Führern der Gewerkschaften sind zulässig. Sie sind unter bestimmten Bedingungen notwendig. Freiheit der Kritik ist die erste Bedingung. Sie wird von unserer Partei erfüllt. Die Loslösung der Arbeitermassen von den reaktionären Führern ist die zweite Bedingung. Diese Bedingung wird ebenfalls von unserer Partei erfüllt. Unsere Partei hat Recht. Die Opposition hat Unrecht.

Es fragt sich: Was wollen Sinowjew und Trotzki noch von uns?

Sie wollen, dass unsere sowjetischen Gewerkschaften entweder mit dem Englisch-Russischen Komitee brechen oder von hier, von Moskau aus, den Generalrat stürzen. Aber das ist doch eine Dummheit, Genossen. Von uns zu verlangen, dass wir die Gewerkschaften der englischen Arbeiter übergehen, dass wir die englischen Gewerkschaftsmassen übergeben, dass wir die englischen Gewerkschaftskader übergeben, sie überspringen und von hier, von Moskau aus, den Generalrat stürzen - ist das etwa keine Dummheit, Genossen?

Sie verlangen einen demonstrativen Bruch. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass dabei nichts herauskommen wird außer Konfusion? Ist es denn so schwer zu verstehen, dass wir im Falle des Bruchs die Verbindung mit der englischen Gewerkschaftsbewegung verlieren, die englischen Gewerkschaften den Sassenbach und Oudegeest in die Arme treiben, die Grundlagen der Taktik der Einheitsfront ins Wanken bringen, dass wir den Churchill und Thomas Freude bereiten und nichts dabei gewinnen außer Konfusion?

Trotzki geht bei seiner Politik der effektvollen Gesten nicht von konkreten Menschen aus, nicht von den konkreten und lebendigen Arbeitern, die in England leben und kämpfen, sondern von irgendwelchen idealen, körperlosen Menschen, die vom Scheitel bis zur Sohle revolutionär sind. Aber ist es denn so schwer zu begreifen, dass nur Toren in der Politik von idealen, körperlosen Menschen ausgehen können?

Aus diesem Grunde sind wir der Meinung, dass die Politik der effektvollen Gesten, die Politik, durch die man den Generalrat von Moskau aus, und nur mit den Kräften Moskaus, stürzen will, eine lächerliche, abenteuerliche Politik ist.

Die Politik der Gesten ist ein Charakterzug der gesamten Politik Trotzkis, seit er bei uns in der Partei ist. Die erstmalige Anwendung dieser Politik erlebten wir zur Zeit des Brester Friedens, als Trotzki das deutsch-russische Friedensabkommen nicht unterzeichnete und das Abkommen mit einer effektvollen Geste von sich wies in der Meinung, man könne die Proletarier aller Länder mit einer Geste dahin bringen, sich gegen den Imperialismus zu erheben. Das war die Politik der Gesten. Wie teuer uns diese Geste zu stehen kam, wissen Sie sehr wohl, Genossen. Wem hat diese effektvolle Geste in die Hände gespielt? Den Imperialisten, den Menschewiki, den Sozialrevolutionären und all denen, die bemüht waren, die damals noch nicht erstarkte Sowjetmacht zu erdrosseln.

Jetzt schlägt man uns die gleiche Politik der effektvollen Gesten gegenüber dem Englisch-Russischen Komitee vor. Man verlangt einen demonstrativen und effektvollen Bruch. Aber wem würde diese effektvolle Geste zum Nutzen gereichen? Churchill und Chamberlain, Sassenbach und Oudegeest. Das wollen sie nur. Darauf warten sie nur. Sie, die Sassenbach und Oudegeest wollen nur, dass wir demonstrativ mit der englischen Arbeiterbewegung brechen und Amsterdam dadurch die Sache erleichtern. Sie, die Churchill und Chamberlain, wollen nur den Bruch, weil ihnen dadurch die Intervention erleichtert und ein moralisches Argument zugunsten der Interventionisten gegeben wird.

Da sehen wir, auf wessen Mühle unsere Oppositionellen Wasser leiten.

Nein, Genossen, wir können diesen abenteuerlichen Weg nicht beschreiten.

Aber das ist nun einmal das Schicksal der „ultralinken” Phrasendrescher. In ihren Phrasen, da sind sie links, in der Tat aber helfen sie den Feinden der Arbeiterklasse. Man geht nach links und gelangt nach rechts.

Nein, Genossen, wir werden uns auf diese Politik der effektvollen Gesten nicht einlassen, wir werden uns heute ebensowenig darauf ein-lassen, wie wir uns zur Zeit des Brester Friedens darauf eingelassen haben. Wir werden uns nicht darauf einlassen, weil wir nicht wollen, dass unsere Partei ein Spielball in den Händen unserer Feinde werde.

Zuerst veröffentlicht in dem Buch:
J. Stalin, Über die Opposition.
Artikel und Reden aus den Jahren 1921-1927.
Moskau/ Lenin grad 1928.

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