"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI

I
DIE ETAPPEN IN DER ENTWICKLUNG DES
OPPOSITIONSBLOCKS

Genossen! Die erste Frage, die in meinem Referat berührt werden muss, ist die Frage der Entstehung des Oppositionsblocks, der Etappen seiner Entwicklung und schließlich die Frage seines bereits begonnenen Zerfalls. Dieses Thema ist meiner Ansicht nach notwendig als Einführung in das Wesen der Thesen über den Oppositionsblock.

Bereits auf dem XIV. Parteitag gab Sinowjew das Signal zur Sammlung aller oppositionellen Strömungen und zu ihrem Zusammenschluss zu einer einheitlichen Kraft. Die Genossen Konferenzdelegierten dürften sich dieser Rede Sinowjews erinnern. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass eine derartige Aufforderung in den Reihen der Trotzkisten Widerhall finden musste, die von Anfang an die Auffassung vertraten, dass es mehr oder weniger frei stehe, Gruppierungen zu bilden, und dass diese Gruppierungen sich mehr oder weniger eng zusammenschließen müssen, um den Kampf gegen die Grundlinie der Partei zu führen, die Trotzki schon längst nicht mehr befriedigt.

Das war sozusagen die Vorbereitungsarbeit zur Formierung des Blocks.

1. Die erste Etappe

Den ersten ernstlichen Schritt zur Formierung des Blocks unternahm die Opposition während des Aprilplenums des ZK[80] im Zusammenhang mit den Thesen Rykows über die wirtschaftliche Lage. Damals herrschte noch kein volles Einvernehmen zwischen der „neuen Opposition” und den Trotzkisten, dass aber der Block im Rohbau bereits fertig war - darüber konnten schon keine Zweifel mehr bestehen. Die Genossen, die die Stenogramme des Aprilplenums gelesen haben, werden wissen, dass das absolut zutrifft. Im wesentlichen hatten sich beide Gruppen bereits geeinigt, es gab aber noch Vorbehalte, die sie bewogen, zu Rykows Thesen keine gemeinsamen, von der gesamten Opposition ausgehenden Abänderungsanträge, sondern zwei parallele Reihen von Abänderungsanträgen einzubringen. Die eine Reihe von Abänderungsanträgen stammte von der „neuen Opposition” mit Kamenew an der Spitze, während die andere Reihe von Abänderungsanträgen von der Gruppe der Trotzkisten stammte. Dass sie jedoch im Wesentlichen in die gleiche Kerbe hieben und dass das Plenum schon damals feststellte, es handle sich bei ihnen um eine Wiederherstellung des Augustblocks in neuer Form - das ist eine unbestreitbare Tatsache.

Worin bestanden damals die erwähnten Vorbehalte? Folgendes führte Trotzki damals aus:

 

„Der Mangel der Abänderungsanträge des Genossen Kamenew besteht meiner Ansicht nach darin, dass in ihnen die Frage der Differenzierung im Dorfe gewissermaßen als eine bis zu einem bestimmten Grade von der Industrialisierung unabhängige Frage behandelt wird. Die Bedeutung und das soziale Gewicht sowie das Tempo der bäuerlichen Differenzierung werden indes durch das Wachstum und das Tempo der Industrialisierung in ihrem Verhältnis zum Dorfe als Gesamtheit bestimmt.”

 

Das ist kein geringfügiger Vorbehalt.

In Erwiderung darauf machte Kamenew seinerseits einen Vorbehalt gegenüber den Trotzkisten.

 

„Es ist mir unmöglich”, sagte er, „mich ihnen in dem Teil (d. h. dem Teil der Abänderungsanträge Trotzkis zu Rykows Resolutionsentwurf) anzuschließen, der eine Einschätzung der bisherigen Wirtschaftspolitik der Partei enthält, für die ich mich hundertprozentig eingesetzt habe.”

 

Der „neuen Opposition” gefiel es nicht, dass Trotzki die Wirtschaftspolitik kritisierte, die Kamenew in der vorangegangenen Periode geleitet hatte. Trotzki wiederum gefiel es nicht, dass die „neue Opposition” die Fragen der Differenzierung der Bauernschaft von der Frage der Industrialisierung trennte.

2. Die zweite Etappe

Die zweite Etappe ist das Juliplenum des ZK[81]. Auf diesem Plenum haben wir bereits einen in aller Form zusammengezimmerten Block, einen Block ohne Vorbehalte. Trotzki hat seine Vorbehalte fallenlassen und ad acta gelegt, ebenso wie Kamenew seine Vorbehalte hat fallenlassen und ad acta gelegt hat. Sie haben jetzt bereits eine gemeinsame „Deklaration”, die, Genossen, Ihnen allen als parteifeindliches Dokument wohlbekannt ist. Das sind die charakteristischen Merkmale der zweiten Etappe in der Entwicklung des Oppositionsblocks.

Die Zusammenzimmerung und Formierung des Blocks erfolgte in dieser Periode nicht nur auf dem Boden gegenseitigen Verzichts auf Abänderungsanträge, sondern auch auf dem Boden gegenseitiger „Amnestie”. Wir besitzen aus dieser Periode eine interessante Erklärung Sinowjews, in der es heißt, die Opposition, ihr Hauptkern vom Jahre 1923, das heißt, die Trotzkisten hätten in der Frage der Entartung der Partei recht gehabt, das heißt in der Hauptfrage der praktischen Position des Trotzkismus, die sich aus seiner prinzipiellen Position ergibt. Anderseits besitzen wir die nicht weniger interessante Erklärung Trotzkis, in der es heißt, seine „Lehren des Oktober”, die speziell gegen Kamenew und Sinowjew als Vertreter des „rechten Flügels” der Partei, der jetzt seine im Oktober begangenen Fehler wiederholt, gerichtet waren, seien ein Irrtum gewesen, der Beginn der rechten Abweichung in der Partei und der Entartung der Partei sei nicht auf Kamenew und auf Sinowjew, sondern, sagen wir, auf Stalin zurückzuführen.

Folgendes sagte Sinowjew im Juli dieses Jahres:

 

„Wir sagen, dass jetzt bereits kein Zweifel darüber bestehen kann, dass der Hauptkern der Opposition von 1923, wie das die Evolution in der maßgeblichen Linie der Fraktion (d. h. der ZK-Mehrheit) gezeigt hat, mit seiner ‘Warnung vor den Gefahren der Abweichung von der proletarischen Linie und vor dem bedrohlichen Anwachsen des bürokratischen Regimes des Apparats recht hatte.“

 

Mit anderen Worten: Wenn Sinowjew unlängst behauptet hat und wenn die Resolution des XIII. Parteitags[82] festgestellt hat, dass Trotzki den Lenin ismus revidiert, dass der Trotzkismus eine kleinbürgerliche Abweichung darstellt - so ist das alles ein Irrtum, ein Missverständnis gewesen, nicht im Trotzkismus liegt die Gefahr, sondern im ZK.

Das ist eine ganz prinzipienlose „Amnestie” für den Trotzkismus.

Anderseits erklärt Trotzki im Juli:

 

„Zweifellos habe ich in den ‚Lehren des Oktober’ die opportunistischen Wandlungen in der Politik mit den Namen Sinowjews und Kamenews in Verbindung gebracht. Wie die Erfahrungen des ideologischen Kampfes im ZK beweisen, war das ein grober Fehler. Dieser Fehler erklärt sich daraus, dass ich keine Möglichkeit hatte, den ideologischen Kampf innerhalb der Siebenmannkörperschaft zu verfolgen, um rechtzeitig feststellen zu können, dass die opportunistischen Wandlungen von der Gruppe ausgingen, an deren Spitze Genosse Stalin steht und die sich im Gegensatz zu den Genossen Sinowjew und Kamenew befindet.”

 

Das bedeutet, dass Trotzki seine „Lehren des Oktober”, die viel von sich reden machten, offen preisgibt und damit Kamenew und Sinowjew „amnestiert”, als Gegenleistung für jene „Amnestie”, die ihm von Kamenew und Sinowjew gewährt wurde.

Ein direkter und unverhohlener prinzipienloser Kuhhandel.

Also Verzicht auf die im April gemachten Vorbehalte und gegenseitige „Amnestie” unter Preisgabe der Prinzipien der Partei - das sind die Elemente, die für die endgültige Formierung des Blocks als eines gegen die Partei gerichteten Blocks bestimmend waren.

3. Die dritte Etappe

Die dritte Etappe in der Entwicklung des Blocks bildeten die offenen Vorstöße der Opposition gegen die Partei in Moskau und Lenin grad Ende September und Anfang Oktober dieses Jahres; es war zu der Zeit, als die Führer des Blocks, nachdem sie sich dort, im Süden, erholt und Kräfte gesammelt hatten, ins Zentrum zurückkehrten und zum direkten Angriff gegen die Partei übergingen. Bevor sie von den illegalen Formen des Kampfes gegen die Partei zu offenen Kampfformen übergingen, erklärten sie, wie sich herausstellt, hier im Politbüro (ich war damals nicht in Moskau): „Wir werden es euch schon zeigen, wir werden in die Arbeiterversammlungen gehen, mögen die Arbeiter sagen, wer recht hat; wir werden es euch schon zeigen.” Und sie begannen, von einer Zelle zur andern zu wandern. Die Ergebnisse dieses Vorstoßes waren, wie Ihnen bekannt ist, für die Opposition kläglich. Sie wissen, dass sie eine Niederlage erlitten hat. Aus der Presse ist bekannt, dass sich der Oppositionsblock sowohl in Lenin grad als auch in Moskau, sowohl in den Industriebezirken als auch in den nichtindustriellen Bezirken der Sowjetunion bei den Massen der Parteimitglieder eine entschiedene Abfuhr geholt hat. Wieviel Stimmen die Oppositionellen erhielten, wieviel Parteimitglieder sich für das ZK aussprachen, will ich nicht wiederholen, das ist aus der Presse bekannt. Fest steht, dass der Oppositionsblock sich verrechnet hatte. Mit diesem Augenblick tritt bei der Opposition eine Wendung ein, eine Wendung in Richtung auf den Frieden innerhalb der Partei. Die Niederlage der Opposition war offenbar nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Am 4. Oktober gab die Opposition eine Friedenserklärung im ZK ab, und zum erstenmal hörten wir nach den Beschimpfungen und Anrempelungen von der Opposition Worte, wie man sie von Parteimitgliedern erwarten kann: Es sei an der Zeit, den „innerparteilichen Hader” zu beenden und eine „gemeinsame Arbeit” in die Wege zu leiten.

Die Opposition war also durch ihre Niederlage gezwungen, das zu tun, wozu das ZK sie wiederholt aufgefordert hatte - sich der Frage des Friedens in der Partei zuzuwenden.

Natürlich erklärte sich das ZK, getreu den vom XIV. Parteitag gegebenen Direktiven über die Notwendigkeit der Einheit, mit dem Vorschlag der Opposition gern einverstanden, auch wenn es wusste, dass der Vorschlag der Opposition nicht ganz aufrichtig war.

4. Die vierte Etappe

Die vierte Etappe ist die Periode, in der die bekannte „Erklärung” der Oppositionsführer vom 16. Oktober dieses Jahres ausgearbeitet wurde. Sie wird gewöhnlich als Kapitulation eingeschätzt. Ich will zu ihrer Einschätzung keine scharfen Ausdrücke gebrauchen, aber klar ist, dass diese Erklärung nicht von Siegen des Oppositionsblocks, sondern von seiner Niederlage zeugt. Die Geschichte unserer Verhandlungen will ich nicht erzählen, Genossen. Die Verhandlungen wurden mitstenographiert, und Sie haben die Möglichkeit, sich an Hand des Stenogramms einen Einblick zu verschaffen. Ich möchte nur auf einen Zwischenfall eingehen. Der Oppositionsblock schlug vor, im ersten Absatz der „Erklärung” zum Ausdruck zu bringen, dass er an seinen Auffassungen festhält, und zwar nicht schlechthin an ihnen festhält, sondern dass er „voll und ganz” auf seinem alten Standpunkt verharrt. Wir suchten den Oppositionsblock davon zu überzeugen, dass er nicht hierauf bestehen solle. Weshalb? Aus zwei Gründen.

Erstens, wenn die Oppositionellen sich mit ihrem Verzicht auf die Fraktionsmacherei zugleich auch von der Theorie und Praxis der Fraktionsfreiheit losgesagt, sich von Ossowski, von der „Arbeiteropposition”, von der Gruppe Maslow-Urbahns abgegrenzt haben, so bedeutet das, dass die Opposition sich damit nicht nur von den fraktionellen Kampfmethoden losgesagt, sondern auch gewisse politische Positionen preisgegeben hat. Kann man hiernach noch sagen, der Oppositionsblock halte „voll und ganz” an seinen falschen Auffassungen fest, er verharre auf seinem ideologischen Standpunkt? Natürlich kann man das nicht.

Zweitens haben wir der Opposition gesagt, dass es für sie selbst nicht vorteilhaft ist, in alle Welt hinauszuposaunen, dass sie, die Oppositionellen, auf ihrem alten Standpunkt verharren, ja sogar „voll und ganz” verharren, denn die Arbeiter werden mit vollem Recht sagen: „Also wollen die Oppositionellen den Kampf auch weiterhin führen, also haben sie nicht genug Prügel bekommen, also muss man sie noch weiter prügeln.” (Heiterkeit, Zurufe: „Richtig!”) Dennoch erklärten sich die Oppositionellen nicht mit uns einverstanden und nahmen nur den Vorschlag an, die Worte „voll und ganz” zu streichen, während sie den Satz, dass sie auf ihrem alten Standpunkt verharren, aufrechterhielten. Mögen sie nun die Suppe, die sie sich eingebrockt haben, selbst auslöffeln. (Zurufe: „Richtig!“)

5. Lenin und die Trage des Blocks innerhalb der Partei

Sinowjew sagte vor kurzem, das ZK habe keinen Grund, über ihren Block herzufallen, da Iljitsch Blöcke in der Partei überhaupt gutgeheißen habe. Ich muss feststellen, Genossen, dass Sinowjews Behauptung mit Lenin s Standpunkt nichts gemein hat. Lenin hat niemals jegliche beliebige Blocks in der Partei gutgeheißen. Lenin war nur für Blocks auf prinzipieller Grundlage, für revolutionäre Blocks, die sich gegen die Menschewiki, die Liquidatoren, die Otsowisten richteten. Lenin hat gegen prinzipienlose und parteifeindliche Blocks innerhalb der Partei stets gekämpft. Wer wüsste nicht, dass Lenin gegen Trotzkis Augustblock als parteifeindlichen und prinzipienlosen Block drei Jahre lang, bis zum vollständigen Sieg über ihn, gekämpft hat? Iljitsch war niemals für jegliche beliebige Blocks. Iljitsch war nur für solche Blocks innerhalb der Partei, die erstens eine prinzipielle Grundlage haben und zweitens den Zweck verfolgen, die Partei im Kampf gegen die Liquidatoren, gegen die Menschewiki, gegen die schwankenden Elemente zu stärken. Die Geschichte unserer Partei kennt die Erfahrungen eines solchen Blocks der Lenin isten mit den Anhängern Plechanows (das war in den Jahren 1910-1912) gegen den Block der Liquidatoren, als der parteifeindliche Augustblock entstand, dem Potressow und sonstige Liquidatoren, Alexinski und andere Otsowisten angehörten und an dessen Spitze Trotzki stand. Es gab somit einen parteifeindlichen Block, den prinzipienlosen, abenteuerlichen Augustblock, und es gab einen anderen Block, den Block der Lenin isten mit den Anhängern Plechanows, das heißt mit den revolutionären Menschewiki (damals war Plechanow ein revolutionärer Menschewik). Solche Blocks ließ Lenin gelten, und wir alle lassen solche Blocks gelten.

Wenn ein Block innerhalb der Partei die Kampffähigkeit der Partei steigert und die Partei vorwärts bringt, dann sind wir für ihn, dann sind wir für einen solchen Block. Nun, aber Ihr Block, verehrte Oppositionelle, steigert dieser Ihr Block etwa die Kampffähigkeit unserer Partei, hat dieser Ihr Block etwa eine prinzipielle Grundlage? Welche Prinzipien verbinden Sie zum Beispiel mit der Gruppe Medwedews? Welche Prinzipien verbinden Sie zum Beispiel mit der Souvarine-Gruppe in Frankreich oder mit der Maslow-Gruppe in Deutschland? Welche Prinzipien verbinden Sie selbst, die „neue Opposition”, die noch vor kurzem den Trotzkismus für eine Abart des Menschewismus hielt, mit den Trotzkisten, die noch vor kurzem die Führer der „neuen Opposition” für Opportunisten hielten?

Und ferner, dient etwa Ihr Block der Partei, gereicht er ihr zum Nutzen, oder ist er nicht vielmehr gegen die Partei gerichtet? Hat er etwa die Kampffähigkeit und den revolutionären Elan unserer Partei auch nur um ein Jota gesteigert? Alle Welt weiß doch heute, dass Sie während des acht oder sechs Monate langen Bestehens Ihres Blocks bemüht waren, die Partei zurückzuzerren zur „revolutionären” Phrase, zur Prinzipienlosigkeit, dass Sie bemüht waren, die Partei zu zersetzen, sie zu lähmen und zu spalten.

Nein, Genossen, der Oppositionsblock hat nichts mit dem Block gemein, den Lenin im Jahre 1910 mit den Anhängern Plechanows gegen den Augustblock der Opportunisten geschlossen hat. Im Gegenteil, der heutige Oppositionsblock erinnert im wesentlichen an den Augustblock Trotzkis, sowohl was seine Prinzipienlosigkeit als auch was seine opportunistische Grundlage betrifft.

Durch die Organisierung eines solchen Blocks haben sich die Oppositionellen von der Grundlinie abgekehrt, die Lenin durchzuführen bestrebt war. Lenin hat uns stets gesagt, dass die richtigste Politik die prinzipienfeste Politik ist. Die Opposition dagegen hat sich dadurch, dass sie sich zu einer Gruppe zusammenschloss, auf den Standpunkt gestellt, dass die richtigste Politik eine prinzipienlose Politik sei.

Daher kann die Existenz des Oppositionsblocks nicht von langer Dauer sein, seine Zersetzung und sein Zerfall sind unausbleiblich. Das sind die Etappen in der Entwicklung des Oppositionsblocks.

6. Der Zersetzungsprozess innerhalb des Oppositionsblocks

Wie lässt sich der gegenwärtige Zustand des Oppositionsblocks charakterisieren? Man könnte ihn als Zustand des allmählichen Zerfalls des Blocks, als Zustand des allmählichen Abfalls seiner Bestandteile, als Zustand der Zersetzung des Blocks charakterisieren. Nur so kann man den gegenwärtigen Zustand des Oppositionsblocks charakterisieren. Das kann auch gar nicht anders sein, denn ein prinzipienloser Block, ein opportunistischer Block kann in unserer Partei nicht lange bestehen. Wir wissen bereits, dass die Gruppe Maslow und Urbahns vom Oppositionsblock abfällt. Wir haben gestern schon gehört, dass Medwedew und Schljapnikow die von ihnen begangenen Sünden abgeschworen haben und dem Block den Rücken kehren. Bekannt ist außerdem, dass auch innerhalb des Blocks, das heißt zwischen der „neuen” und der „alten” Opposition, Unstimmigkeiten bestehen, die auf dieser Konferenz werden zum Ausdruck kommen müssen.

Es stellt sich also heraus, dass die Oppositionellen wohl einen Block gebildet, ihn mit großem Pomp gebildet haben, dass das Ergebnis aber gerade das Gegenteil davon ist, was sie von dem Block erwartet hatten. Den Regeln der Arithmetik zufolge hätten sie natürlich ein Plus erzielen müssen, denn die Addition der Kräfte ergibt ein Plus, die Oppositionellen haben aber nicht berücksichtigt, dass es außer der Arithmetik noch die Algebra gibt, dass in der Algebra nicht jede Addition der Kräfte ein Plus ergibt (Heiterkeit), denn die Sache hängt nicht nur von der Addition der Kräfte ab, sondern auch davon, welche Zeichen vor den Summanden stehen. (Anhaltender Beifall.) So kam es, dass sie, die in der Arithmetik stark sind, sich in der Algebra als schwach erwiesen und durch die Zusammenlegung ihrer Kräfte ihre Armee nicht nur nicht vergrößert, sondern sie im Gegenteil auf ein Minimum reduziert, sie an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben.

Worin bestand die Stärke der Sinowjew-Gruppe?

Sie bestand darin, dass sie einen entschiedenen Kampf gegen die Grundlagen des Trotzkismus führte. Sobald aber die Sinowjew-Gruppe auf ihren Kampf gegen den Trotzkismus verzichtete, entmannte sie sich sozusagen selbst, beraubte sie sich ihrer eigenen Kraft.

Worin bestand die Stärke der Trotzki-Gruppe?

Sie bestand darin, dass sie einen entschiedenen Kampf gegen die Fehler Sinowjews und Kamenews im Oktober 1917 und gegen ihren Rückfall in diese Fehler in der Gegenwart führte. Sobald aber diese Gruppe auf den Kampf gegen Sinowjews und Kamenews Abweichung verzichtete, entmannte sie sich selbst, beraubte sie sich ihrer eigenen Kraft.

So ergab sich denn eine Zusammenlegung der Kräfte von Kastraten. (Heiterkeit, anhaltender Beifall.)

Es ist klar, dass hieraus nichts als Blamage entstehen konnte. Es ist klar, dass die ehrlichsten Elemente der Sinowjew-Gruppe hiernach Sinowjew ebenso den Rücken kehren mussten, wie die besten Elemente unter den Trotzkisten Trotzki verlassen mussten.

7. Worauf spekuliert der Oppositionsblock?

Welches sind die Perspektiven der Opposition? Worauf spekulieren die Oppositionellen? Ich glaube, sie spekulieren auf eine Verschlechterung der Lage im Lande und in der Partei. Sie stellen jetzt ihre Fraktionstätigkeit ein, weil heutzutage „schlechte” Zeiten für sie sind. Wenn sie sich aber nicht von ihren grundsätzlichen Anschauungen lossagen, wenn sie beschlossen haben, auf ihrem alten Standpunkt zu verharren, so folgt daraus, dass sie abwarten, auf „bessere Zeiten” warten werden, wo es ihnen, nachdem sie Kräfte gesammelt haben, möglich sein wird, erneut den Kampf gegen die Partei aufzunehmen. Darüber kann es keinerlei Zweifel geben.

Vor kurzem hat einer der Oppositionellen, der auf die Seite der Partei übergegangen ist, der Arbeiter Andrejew, interessante Dinge über die Pläne der Opposition mitgeteilt, die meiner Meinung nach auf der Konferenz erwähnt werden müssen. Folgendes hat uns hierüber Genosse Jaroslawski in seinem Referat auf dem Oktoberplenum des ZK und der ZKK berichtet:

 

„Andrejew, der ziemlich lange in der Opposition arbeitete, kam schließlich zu der Überzeugung, dass er nicht länger mit ihr arbeiten könne. Zu dieser Erkenntnis gelangte er hauptsächlich dadurch, dass er von der Opposition zwei Dinge zu hören bekam: erstens, dass die Opposition bei der Arbeiterklasse auf eine ‚reaktionäre’ Stimmung gestoßen sei, und zweitens, dass die ökonomische Lage nicht so schlecht sei, wie sie es angenommen hatte.”

 

Ich glaube, dass Andrejew, der ehedem Oppositioneller war, jetzt aber zur Partei zurückgekehrt ist, das ausgesprochen hat, was die Opposition im Innersten denkt, was sie aber nicht offen auszusprechen wagt. Die Oppositionellen merken offenbar, dass die ökonomische Lage jetzt besser ist, als sie angenommen hatten und dass die Stimmung der Arbeiter nicht so schlecht ist, wie sie es gewünscht hätten. Daher die Politik der zeitweiligen Einstellung ihrer „Tätigkeit”. Es ist klar, wenn die ökonomische Lage sich später etwas zuspitzt - wovon die Oppositionellen überzeugt sind - und wenn sich im Zusammenhang damit die Stimmung der Arbeiter verschlechtert - wovon sie gleichfalls überzeugt sind - dass sie dann nicht zögern werden, ihre „Tätigkeit” zu entfalten, ihre ideologischen Positionen, die sie nicht aufgegeben haben, auszubauen und den offenen Kampf gegen die Partei aufzunehmen.

Das, Genossen, sind die Perspektiven des Oppositionsblocks, der zerfällt, aber noch nicht zerfallen ist und wohl auch nicht so bald zerfallen wird, wenn die Partei nicht einen entschiedenen und schonungslosen Kampf gegen ihn führt.

Da aber die Oppositionellen einmal zum Kampf rüsten und „bessere Zeiten” abwarten, um den offenen Kampf gegen die Partei wieder aufzunehmen, darf auch die Partei nicht untätig zusehen. Daraus erwachsen für die Partei die Aufgaben: einen entschiedenen ideologischen Kampf gegen die falschen Anschauungen der Opposition zu führen, auf denen diese beharrt, das opportunistische Wesen dieser Ideen zu entlarven, in welch „revolutionäre” Phrasen sie auch immer gekleidet werden mögen, und es dahin zu bringen, dass die Opposition gezwungen ist, sich von ihren Fehlern loszusagen, wenn sie nicht endgültig zerschlagen werden will.

weiter zu II.

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