"Stalin"

Werke

Band 8

ÜBER DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI

III
DIE POLITISCHEN UND ORGANISATORISCHEN
FEHLER DES OPPOSITIONSBLOCKS

Die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks sind eine direkte Weiterführung seines Hauptfehlers in der grundlegenden Frage, der Frage des Charakters und der Perspektiven unserer Revolution.

Wenn ich von den politischen und organisatorischen Fehlern der Opposition spreche, so habe ich dabei Fragen im Auge wie die Frage der Hegemonie des Proletariats beim Wirtschaftsaufbau, die Frage der Industrialisierung, die Frage des Parteiapparats und des „Regimes” in der Partei usw.

Die Partei geht davon aus, dass in ihrer Politik überhaupt und in ihrer Wirtschaftspolitik insbesondere die Industrie von der Landwirtschaft nicht getrennt werden darf, dass die Entwicklung dieser beiden wichtigsten Wirtschaftszweige auf einer Linie verlaufen muss, die zu ihrer Koordination, zu ihrem Zusammenschluss in der sozialistischen Wirtschaft führt.

Daher unsere sozialistische Methode der Industrialisierung des Landes, die mit einer ständigen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen verbunden ist, darunter auch der Hauptmasse der Bauernschaft als der wichtigsten Grundlage für die Entfaltung der Industrialisierung. Ich spreche von der sozialistischen Methode der Industrialisierung zum Unterschied von der kapitalistischen Methode der Industrialisierung, die mit der Verelendung der Millionenmassen der werktätigen Schichten verbunden ist.

Welches ist das entscheidende Minus der kapitalistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt dazu, dass die Interessen der Industrialisierung den Interessen der werktätigen Massen zuwiderlaufen, dass sich die inneren Widersprüche im Lande verschärfen, dass die Millionenmassen der Arbeiter und Bauern verelenden, dass die Profite nicht für die Verbesserung der materiellen und kulturellen Lage der breitesten Massen innerhalb des Landes verwandt werden, sondern für die Kapitalausfuhr und für die Erweiterung der Basis der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb und außerhalb des Landes.

Welches ist das entscheidende Plus der sozialistischen Industrialisierungsmethode? Sie führt zur Einheit der Interessen der Industrialisierung und der Interessen der Hauptmassen der werktätigen Bevölkerungsschichten, sie führt nicht zur Verelendung der Millionenmassen, sondern zur Verbesserung der materiellen Lage dieser Massen, nicht zur Verschärfung der inneren Widersprüche, sondern zu ihrer Abschwächung und Überwindung, sie führt zur ständigen Erweiterung des inneren Marktes und zur Vergrößerung der Aufnahmefähigkeit dieses Marktes, wodurch eine solide innere Basis für die Entfaltung der Industrialisierung geschaffen wird.

Daher die unmittelbare Interessiertheit der Hauptmassen der Bauernschaft am sozialistischen Weg der Industrialisierung.

Daher die Möglichkeit und Notwendigkeit der Verwirklichung der Hegemonie des Proletariats gegenüber der Bauernschaft beim sozialistischen Aufbau überhaupt und bei der Industrialisierung unseres Landes im Besonderen.

Daher die Idee des Zusammenschlusses der sozialistischen Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft - vor allem durch den massenhaften genossenschaftlichen Zusammenschluss der Bauernschaft, die Idee der führenden Rolle der Industrie gegenüber der Landwirtschaft.

Daher unsere Steuerpolitik, die Politik der Senkung der Preise für Industriewaren usw., eine Politik, die im Interesse der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft, im Interesse der Festigung des Bündnisses der Arbeiter und Bauern liegt.

Der Oppositionsblock dagegen geht davon aus, dass er die Industrie der Landwirtschaft entgegenstellt, und gelangt auf einen Weg, der zur Trennung der Industrie von der Landwirtschaft führt. Er begreift nicht und sieht nicht ein, dass man die Industrie nicht voranbringen kann, wenn man die Interessen der Landwirtschaft ignoriert, wenn man gegen diese Interessen verstößt. Er begreift nicht, dass, wenn die Industrie das führende Element der Volkswirtschaft ist, die Landwirtschaft ihrerseits die Basis bildet, auf der sich unsere Industrie entwickeln kann.

Daher die Betrachtung der bäuerlichen Wirtschaft als „Kolonie”, die der proletarische Staat „ausbeuten” müsse (Preobrashenski).

Daher die Furcht vor einer guten Ernte (Trotzki), die angeblich ein Faktor sei, der unsere Wirtschaft desorganisieren könnte.

Daher die eigenartige Politik des Oppositionsblocks, die auf die Verschärfung der inneren Widersprüche zwischen Industrie und Landwirtschaft, auf die Anwendung der kapitalistischen Methoden der Industrialisierung des Landes zusteuert.

Hören Sie sich doch zum Beispiel einmal Preobrashenski an, einen der Führer des Oppositionsblocks. In einem seiner Artikel führt er folgendes aus:

 

„Je rückständiger in ökonomischer Hinsicht, je kleinbürgerlicher, je bäuerlicher dieses oder jenes Land ist, das zu einer sozialistischen Organisierung der Produktion übergeht... - um so mehr wird sich die sozialistische Akkumulation auf die Ausbeutung der vorsozialistischen Wirtschaftsformen stützen müssen... Und umgekehrt, je entwickelter in ökonomischer und industrieller Hinsicht dieses oder jenes Land ist, in dem die soziale Revolution siegt... je notwendiger es für das Proletariat des betreffenden Landes ist, die Nichtäquivalenz des Austauschs seiner Produkte gegen die Produkte der Kolonien zu vermindern, das heißt, die Ausbeutung derselben einzuschränken, um so mehr wird sich das Schwergewicht der sozialistischen Akkumulation auf die Produktionsgrundlage der sozialistischen Formen hin verschieben, das heißt, um so mehr wird sich die sozialistische Akkumulation auf das Mehrprodukt der eigenen Industrie und der eigenen Landwirtschaft stützen.“ (J. Preobrashenski, Artikel „Das Grundgesetz der sozialistischen Akkumulation”, „Wjestnik Komakademii”, 1924, Nr. 8.)

 

Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass Preobrashenski auf den Weg der unversöhnlichen Widersprüche zwischen den Interessen unserer Industrie und den Interessen der bäuerlichen Wirtschaft unseres Landes, also auf den Weg der kapitalistischen Industrialisierungsmethoden hinab gleitet.

Ich bin der Meinung, dass Preobrashenski dadurch, dass er die bäuerliche Wirtschaft einer „Kolonie” gleichstellt und das Verhältnis zwischen Proletariat und Bauernschaft als Verhältnis der Ausbeutung zu gestalten trachtet, die Grundlagen jeglicher Möglichkeit einer sozialistischen Industrialisierung untergräbt, zu untergraben versucht, ohne das selbst zu begreifen.

Ich behaupte, dass diese Politik mit der Politik der Partei nichts gemein hat, die das Werk der Industrialisierung auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft gründet.

Das gleiche oder fast das gleiche gilt für Trotzki, der eine „gute Ernte” fürchtet und offenbar glaubt, eine gute Ernte sei eine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Auf dem Aprilplenum sagte er zum Beispiel folgendes:

 

„Unter diesen Verhältnissen (Trotzki spricht von der gegenwärtigen Disproportion. J. St.) kann eine gute Ernte, das heißt die potentielle Zunahme der Warenüberschüsse der Landwirtschaft zu einem Faktor werden, der das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung in der Richtung zum Sozialismus nicht beschleunigt, sondern umgekehrt die Ökonomik desorganisiert, der die Beziehungen zwischen Stadt und Land und, innerhalb der Stadt selbst, zwischen den Konsumenten und dem Staat zuspitzt. Praktisch kann eine gute Ernte - bei Mangel an Industriewaren - bedeuten, dass das Getreide in zunehmendem Maße für die Herstellung von Hausbranntwein verwandt wird und die Schlangen vor den Geschäften in der Stadt wachsen. Politisch wird das den Kampf des Bauern gegen das Außenhandelsmonopol, das heißt gegen die sozialistische Industrie bedeuten.“ (Stenographisches Protokoll der Sitzungen des Aprilplenums des ZK, Abänderungsanträge Trotzkis zu Rykows Resolutionsentwurf, S.164.)

 

Man braucht nur diese mehr als seltsam anmutende Erklärung Trotzkis mit der Erklärung des Genossen Lenin , dass eine gute Ernte die „Rettung des Staats” bedeutet[90] - eine Erklärung, die in die Zeit des größten Warenhungers fällt - zu vergleichen, um zu erkennen, wie falsch Trotzkis Erklärung ist.

Trotzki erkennt den Grundsatz offenbar nicht an, dass die Industrialisierung bei uns nur voranschreiten kann, wenn sie von einer allmählichen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen des Dorfes begleitet ist.

Trotzki geht offenbar davon aus, dass die Industrialisierung bei uns sozusagen mittels einer „schlechten Ernte” durchgeführt werden müsse.

Daher die praktischen Vorschläge des Oppositionsblocks, die Verkaufspreise zu erhöhen, den Steuerdruck auf die Bauernschaft zu verstärken usw., Vorschläge, die nicht zur Festigung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Proletariat und Bauernschaft, sondern zu ihrer Zerrüttung, nicht zur Schaffung der Voraussetzungen für die Hegemonie des Proletariats auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Aufbaus, sondern zur Zerstörung dieser Voraussetzungen, nicht zum Zusammenschluss der Industrie mit der bäuerlichen Wirtschaft, sondern zu seinem Gegenteil führen.

Einige Worte über die Differenzierung der Bauernschaft. Es ist allgemein bekannt, dass die Opposition Lärm schlägt und in Panik verfällt wegen der wachsenden Differenzierung. Es ist allgemein bekannt, dass niemand wegen des Anwachsens des privaten Kleinkapitals im Dorfe soviel Panik gemacht hat wie die Opposition. Was sehen wir aber in Wirklichkeit? Wir sehen folgendes:

Erstens geht bei uns die Differenzierung innerhalb der Bauernschaft, wie das die Tatsachen beweisen, in ganz eigenartigen Formen vor sich, und zwar nicht so, dass der Mittelbauer „weggespült wird”, sondern so, dass er erstarkt, während die extremen Pole erheblich zusammenschrumpfen, wobei solche Faktoren, wie die Nationalisierung des Grund und Bodens, der massenhafte genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauernschaft, unsere Steuerpolitik usw., der Differenzierung selbst zwangsläufig bestimmte Grenzen setzen, bestimmte Schranken auferlegen.

Zweitens - und das ist die Hauptsache - wird das Anwachsen des privaten Kleinkapitals im Dorfe durch ein so entscheidendes Moment aufgewogen und mehr als aufgewogen, wie es die Entwicklung unserer Industrie ist, die die Positionen des Proletariats und der sozialistischen Wirtschaftsformen festigt und das wirksamste Gegengift gegen alle und jegliche Formen des Privatkapitals darstellt.

Alle diese Umstände sind der „neuen Opposition” offenbar entgangen, die nach alter Gewohnheit fortfährt, über das Privatkapital im Dorfe Lärm zu schlagen und Panik zu machen.

Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein, die Opposition an die Worte zu erinnern, die Lenin hierüber gesagt hat. Genosse Lenin sagte folgendes:

 

„Jede Verbesserung der Lage der Großindustrie, die Möglichkeit, einige große Fabriken in Betrieb zu setzen, festigt die Lage des Proletariats derart, dass gar kein Grund besteht, die kleinbürgerliche Elementargewalt zu fürchten, selbst wenn sie wächst. Nicht das haben wir zu fürchten, dass Kleinbürgertum und Kleinkapital wachsen. Zu fürchten haben wir, dass der Zustand des ärgsten Hungers, der Not, des Mangels an Lebensmitteln zu lange andauert, weil dieser Zustand bereits zur völligen Entkräftung des Proletariats führt und es ihm unmöglich macht, der Elementargewalt kleinbürgerlicher Schwankungen und kleinbürgerlicher Verzweiflung zu widerstehen. Das ist viel schlimmer. Bei einer Vermehrung der Produktenmenge wird eine Entwicklung des Kleinbürgertums kein großes Minus bilden, da das zur Entwicklung der Großindustrie beiträgt.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 214, russ.)

 

Werden die Oppositionellen je begreifen, dass ihre Panik wegen der Differenzierung und des Privatkapitals im Dorfe die Kehrseite ihres Unglaubens an die Möglichkeit des siegreichen sozialistischen Aufbaus in unserem Lande ist?

Einige Worte über den Kampf der Opposition gegen den Parteiapparat und gegen das „Regime” in der Partei.

Worauf läuft der Kampf der Opposition gegen den Parteiapparat, der den führenden Kern unserer Partei bildet, in Wirklichkeit hinaus? Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dass der Kampf der Opposition auf diesem Gebiet letzten Endes auf den Versuch hinausläuft, die Parteiführung zu desorganisieren und die Partei in ihrem Kampf um die Verbesserung des Staatsapparats, um die Ausmerzung des Bürokratismus in diesem Apparat und um die führende Rolle im Staatsapparat zu entwaffnen.

Worauf zielt der Kampf der Opposition gegen das „Regime” in der Partei ab? Er zielt auf die Zersetzung der eisernen Disziplin innerhalb der Partei ab, ohne die die Diktatur des Proletariats undenkbar ist, er zielt letzten Endes auf die Erschütterung der Grundlagen der Diktatur des Proletariats ab.

Die Partei hat deshalb Recht, wenn sie behauptet, dass sich in den politischen und organisatorischen Fehlern der Opposition der Druck der nichtproletarischen Elemente auf unsere Partei, auf die Diktatur des Proletariats widerspiegelt.

Das, Genossen, sind die politischen und organisatorischen Fehler des Oppositionsblocks.

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