"Stalin"

Werke

Band 8

SCHLUSSWORT ZU DEM REFERAT
„ÜBER DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI”

I
ÜBER EINIGE ALLGEMEINE FRAGEN

1. Der Marxismus ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln

Genossen! In meinem Referat habe ich gesagt, dass der Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist, dass die bekannte Formel von Engels aus den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts seinerzeit richtig war, dass sie aber jetzt nicht mehr genügt. Ich habe gesagt, dass sie deshalb durch die Formel Lenin s ersetzt werden muss, die besagt, dass unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus und des Klassenkampfs des Proletariats der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern durchaus möglich und wahrscheinlich ist.

Gegen meine Ausführungen wurden im Verlauf der Diskussion Einwände erhoben. Besonders befleißigte sich hierin Sinowjew. Ich sehe mich daher gezwungen, erneut auf diese Frage einzugehen und sie ausführlicher zu behandeln.

Ich glaube, Sinowjew hat die „Grundsätze des Kommunismus“ von Engels nicht gelesen, und wenn er sie gelesen hat, so hat er sie nicht verstanden, sonst hätte er keine Einwände erhoben, sonst hätte er der Tatsache Rechnung getragen, dass es die Sozialdemokratie ist, die sich jetzt in ihrem Kampf gegen den Lenin ismus an die alte Formel von Engels klammert, sonst hätte Sinowjew begriffen, dass man, wenn man in die Fußtapfen der Sozialdemokratie tritt, sich gewissen Gefahren der „Entartung” aussetzt.

Folgendes sagt Engels in seinen „Grundsätzen des Kommunismus”[94], in denen die einzelnen Thesen in Form von Fragen und Antworten behandelt werden:

 

„Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein?

Antwort: Nein, eben sowenig wie sich mit einem Schlag die schon bestehenden Produktivkräfte soweit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.

Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?

Antwort: Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung, und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen.“

 

Es handelt sich hier offensichtlich um den Sturz der Bourgeoisie und die Erkämpfung der Diktatur des Proletariats. Sie wissen, Genossen, dass dieser Punkt bei uns bereits verwirklicht worden ist, verwirklicht in weitestem Maße. (Zurufe: „Das stimmt!”, „Sehr richtig!”)

Ferner:

 

„Die Demokratie würde dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt würde. Die hauptsächlichsten dieser Maßregeln, wie sie sich schon jetzt als notwendige Folgen der bestehenden Verhältnisse ergeben, sind folgende:

1. Beschränkung des Privateigentums durch Progressivsteuern, starke Erbschaftssteuern, Abschaffung der Erbschaft der Seitenlinien (Brüder, Neffen usw.), Zwangsanleihen usw.”

 

Sie wissen, dass diese Maßnahmen bei uns durchgeführt worden sind, beziehungsweise in weitestem Maße durchgeführt werden. Ferner:

 

„2. Allmähliche Expropriation der Grundeigentümer, Fabrikanten, Eisenbahnbesitzer und Schiffsreeder, teils durch Konkurrenz der Staatsindustrie, teils direkt gegen Entschädigung in Assignaten.”

 

Sie wissen, dass diese Maßnahmen bei uns gleichfalls schon in den ersten Jahren unserer Revolution durchgeführt worden sind. Ferner:

 

„3. Konfiskation der Güter aller Emigranten und Rebellen gegen die Majorität des Volks.”

 

Sie wissen, dass wir bereits genug und übergenug konfisziert haben, so dass man gar nicht weiter gehen kann. (Heiterkeit.) Ferner:

 

„4. Organisation der Arbeit oder Beschäftigung der Proletarier auf den Nationalgütern, Fabriken und Werkstätten, wodurch die Konkurrenz der Arbeiter unter sich beseitigt, und die Fabrikanten, solange sie noch bestehen, genötigt werden, denselben erhöhten Lohn zu zahlen wie der Staat.”

 

Es ist bekannt, dass wir uns auf diesem Wege befinden, dass wir auf diesem Wege eine Reihe von Siegen erringen und dass dieser Punkt im Wesentlichen bereits erfolgreich verwirklicht wird.

Ferner:

 

„5. Gleicher Arbeitszwang für alle Mitglieder der Gesellschaft bis zur vollständigen Aufhebung des Privateigentums. Bildung industrieller Armeen besonders für die Agrikultur.”

 

Sie wissen, dass wir in der Periode des Kriegskommunismus durch Organisierung von Arbeitsarmeen versucht haben, diesen Weg zu gehen. Doch haben wir auf diesem Wege keine bedeutenden Ergebnisse erzielt. Wir haben dann versucht, dieses Ziel auf Umwegen zu erreichen, und es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass wir auf diesem Gebiet entscheidende Erfolge erzielen werden.

Weiter:

 

„6. Zentralisierung des Kreditsystems und Geldhandels in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und Unterdrückung aller Privatbanken und Bankiers.”

 

Auch das, Genossen, ist, wie Sie sehr wohl wissen, bei uns im wesentlichen bereits verwirklicht.

Weiter:

 

„7. Vermehrung der Nationalfabriken, Werkstätten, Eisenbahnen und Schiffe, Urbarmachung aller Ländereien und Verbesserung der schon urbargemachten, in demselben Verhältnis, in welchem sich die der Nation zur Verfügung stehenden Kapitalien und Arbeiter vermehren.”

 

Sie wissen, dass auch diese Sache bei uns verwirklicht wird und voranschreitet, wozu sowohl die Nationalisierung des Grund und Bodens, als auch die Nationalisierung der Hauptzweige der Industrie entscheidend beitragen.

Ferner:

 

„8. Erziehung sämtlicher Kinder, von dem Augenblicke an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Nationalanstalten und auf Nationalkosten.”

 

Dieser Punkt wird bei uns verwirklicht, ist aber bei weitem noch nicht restlos verwirklicht, da wir infolge der Verwüstungen durch Krieg und Intervention noch nicht in der Lage sind, die Erziehung aller Kinder im Lande auf Kosten des Staates zu übernehmen.

Ferner:

 

„9. Errichtung großer Paläste auf den Nationalgütern als gemeinschaftliche Wohnungen für Gemeinden von Staatsbürgern, welche sowohl Industrie wie Ackerbau treiben und die Vorteile sowohl des städtischen wie des Landlebens in sich vereinigen, ohne die Einseitigkeiten und Nachteile Beider Lebensweisen zu teilen.”

 

Es handelt sich offenbar um die Wohnungsfrage in großem Maßstab. Sie wissen, dass wir diese Sache vorantreiben, und wenn die Frage im Wesentlichen noch nicht gelöst ist und so bald wohl auch nicht gelöst werden wird, so aus dem Grunde, weil wir eine zerrüttete Industrie als Erbe übernommen haben und noch nicht genügend Mittel für einen groß angelegten Wohnungsbau aufgebracht haben noch aufbringen konnten.

Ferner:

 

„10. Zerstörung aller ungesunden und schlecht gebauten Wohnungen und Stadtviertel.”

 

Dieser Punkt gehört mit zum vorangegangenen Punkt, und daher gilt das, was über den vorangegangenen Punkt gesagt wurde, auch für diesen Punkt.

Ferner:

 

„11. Gleiches Erbrecht für uneheliche wie für eheliche Kinder.”

 

Mir scheint, dass diese Angelegenheit bei uns sozusagen zufrieden stellend erledigt wird.

Schließlich der letzte Punkt:

 

„12. Konzentration alles Transportwesens in den Händen der Nation.” Sie wissen, dass diese Sache bei uns bereits vollständig verwirklicht ist. Das, Genossen, ist das Programm der proletarischen Revolution, das Engels in seinen „Grundsätzen des Kommunismus” aufgestellt hat.

Sie sehen, Genossen, dass unsere Revolution dieses Programm bereits zu neun Zehntel verwirklicht hat.

Ferner:

 

„Frage: Wird diese Revolution (von der oben gesprochen wurde. J. St.) in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?

Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung soweit gleich gemacht, dass in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen Beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d. h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein.“ ... (Siehe F. Engels, „Grundsätze des Kommunismus“.)

 

So liegen also die Dinge, Genossen.

Engels sagte, dass die proletarische Revolution, die das oben angeführte Programm zu verwirklichen hat, in einem einzelnen Lande nicht vor sich gehen könne. Die Tatsachen aber beweisen, dass wir unter den neuen Bedingungen des Klassenkampfs des Proletariats, unter den Bedingungen des Imperialismus, eine solche Revolution in einem einzelnen Lande, in unserem Lande, im Wesentlichen bereits durchgeführt und ihr Programm zu neun Zehntel verwirklicht haben.

Sinowjew mag sagen, dass wir mit der Durchführung dieses Programms, mit der Durchführung dieser Punkte einen Fehler begangen haben. (Heiterkeit.) Es ist sehr wohl möglich, dass wir uns mit der Durchführung dieser Punkte eine gewisse „nationale Beschränktheit” zuschulden kommen ließen. (Heiterkeit.) Das ist sehr wohl möglich. Eins steht jedoch fest, dass das, was Engels in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, unter den Verhältnissen des vormonopolistischen Kapitalismus, für ein einzelnes Land für undurchführbar und unmöglich hielt, unter den Verhältnissen des Imperialismus, in unserem Lande, durchführbar und möglich geworden ist.

Engels würde sich, wenn er noch lebte, natürlich nicht an die alte Formel klammern, sondern er würde im Gegenteil unsere Revolution aus vollem Herzen begrüßen und sagen: „Zum Teufel mit allen alten Formeln, es lebe die siegreiche Revolution in der UdSSR!” (Beifall.)

Nicht so die Herren aus dem Lager der Sozialdemokraten. Sie klammern sich an die alte Formel von Engels und verschanzen sich hinter ihr, um sich den Kampf gegen unsere Revolution, gegen die Bolschewiki zu erleichtern. Das ist natürlich ihre Sache. Schlecht ist nur, dass Sinowjew sich befleißigt, diese Herrschaften nachzuahmen, und dabei den Weg der Sozialdemokratie beschreitet.

Wenn ich die Formel von Engels zitiert und sie ausführlich dargelegt habe, so bin ich von drei Erwägungen ausgegangen:

Erstens wollte ich durch die Gegenüberstellung der Formel Lenin s von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und der Formel von Engels, die in der extremsten und schärfsten Form den Standpunkt der Marxisten der alten Periode zum Ausdruck bringt, größtmögliche Klarheit in der Frage schaffen;

zweitens wollte ich den Reformismus und Antirevolutionarismus der Sozialdemokratie, die ihren Opportunismus mit der Berufung auf die alte Formel von Engels zu bemänteln sucht, entlarven;

drittens wollte ich beweisen, dass Lenin der erste war, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande gelöst hat.

Man muss anerkennen, Genossen, dass gerade Lenin und kein anderer es war, der die Wahrheit entdeckte, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist. Man darf Lenin nicht absprechen, was ihm zu Recht gebührt. Man darf die Wahrheit nicht fürchten, man muss den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, man muss den Mut haben, offen auszusprechen, dass Lenin der erste Marxist war, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande auf neue Art gestellt und sie in positivem Sinne gelöst hat.

Ich will damit keineswegs sagen, dass Lenin als Denker über Engels oder Marx gestanden habe. Ich will damit nur zwei Dinge sagen.

Erstens : Man darf von Engels oder Marx, so geniale Denker sie auch gewesen sind, nicht verlangen, dass sie in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus alle Möglichkeiten des Klassenkampfs des Proletariats und der proletarischen Revolution, die erst ein halbes Jahrhundert später, in der Periode des entwickelten monopolistischen Kapitalismus, zutage traten, hätten voraussehen sollen.

Zweitens: Es ist nicht zu verwundern, dass Lenin als genialer Schüler von Engels und Marx die neuen Möglichkeiten der proletarischen Revolution unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus zu erkennen vermochte und somit die Wahrheit entdeckte, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich ist.

Man muss es verstehen, zwischen Buchstaben und Wesen des Marxismus, zwischen einzelnen Lehrsätzen und der Methode des Marxismus zu unterscheiden. Lenin ist es deshalb gelungen, die Wahrheit zu entdecken, dass der Sozialismus in einem Lande siegen kann, weil er den Marxismus nicht für ein Dogma hielt, sondern für eine Anleitung zum Handeln, weil er nicht sklavisch am Buchstaben hing, sondern es verstand, das Wesentliche, das Grundlegende im Marxismus zu erfassen.

In seiner Schrift „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus” sagt Lenin darüber folgendes:

 

„Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln, pflegten Marx und Engels zu sagen, und der schwerste Fehler, das schwerste Verbrechen solcher ‚patentierten’ Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer u. a. besteht darin, dass sie das nicht begriffen, dass sie in den wichtigsten Augenblicken der Revolution des Proletariats nicht verstanden, nicht vermocht haben, diese Theorie anzuwenden.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 31, S. 52 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 716].)

 

Das ist der Weg, der Weg von Marx, Engels und Lenin , den wir gehen und den wir auch in Zukunft gehen müssen, wenn wir konsequente Revolutionäre bleiben wollen.

Der Lenin ismus hat sich als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution behauptet, weil er diesen Weg ging und diesen Weg auch weiter verfolgt. Von diesem Wege abweichen heißt in den Sumpf des Opportunismus geraten. Von diesem Wege abgleiten heißt in das Schlepptau der Sozialdemokratie geraten, was auch im vorliegenden Fall mit Sinowjew geschehen ist.

Sinowjew sagte hier, Marx und Engels hätten später die alte Formel von Engels abgeschwächt und die Möglichkeit gelten lassen, dass die proletarische Revolution auch in einzelnen Ländern beginnen könne. Er führte das Zitat von Engels an, dass „der Franzose anfangen und der Deutsche das Werk zu Ende führen werde”[95]. Das alles ist richtig. Das weiß heutzutage bereits jeder Schüler einer Partei- und Verwaltungsschule. Aber nicht darum handelt es sich jetzt. Eine Sache ist es zu sagen: Fange mit der Revolution an, in der allernächsten Zeit wird dich die siegreiche Revolution in anderen Ländern unterstützen, wobei du im Falle eines Sieges in den anderen Ländern auf den Sieg rechnen kannst. Das ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist es zu sagen: Fange mit der Revolution an und führe sie weiter in dem Bewusstsein, dass, selbst wenn der Sieg der Revolution in anderen Ländern in der nächsten Zeit ausbleibt, die Kampfbedingungen jetzt, in der Periode des entwickelten Imperialismus, derart sind, dass du dennoch siegen kannst, um dann die Revolution in anderen Ländern zu entfachen. Das ist eine andere Sache.

Und wenn ich die alte Formel von Engels zitiert habe, so habe ich das nicht getan, um an der Tatsache vorüberzugehen, dass Engels und Marx diese scharfe und extreme Formel später abgeschwächt haben, sondern

a) um durch die Gegenüberstellung der beiden gegensätzlichen Formeln Klarheit in der Frage zu schaffen;

b) um den Opportunismus der Sozialdemokratie bloßzulegen, die sich hinter der alten Formel von Engels zu verschanzen sucht;

c) um zu zeigen, dass Lenin der erste gewesen ist, der die Frage des Sieges des Sozialismus in einem Lande auf neue Art gestellt und sie in positivem Sinne gelöst hat.

Wie Sie sehen, Genossen, hatte ich Recht, als ich sagte, dass Sinowjew die „Grundsätze des Kommunismus” nicht gelesen hat, und wenn er sie gelesen hat, dass er sie nicht verstanden hat, da er die alte Formel von Engels auf sozialdemokratische Weise behandelt und somit auf den Weg des Opportunismus hinab geglitten ist.

2. Einige Bemerkungen Lenin s über die Diktatur des Proletariats

Ich sagte ferner in meinem Referat, dass wir in der Frage der Diktatur des Proletariats unter den Verhältnissen des entwickelten Imperialismus einen mehr oder minder analogen Fall haben. Ich sagte, dass Marx in der Frage der Diktatur des Proletariats, worunter die Zerschlagung des alten, bürgerlichen Staatsapparats und der Aufbau eines neuen, proletarischen Apparats zu verstehen ist, seinerzeit (in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts) eine Ausnahme gelten ließ für England und wohl auch für Amerika, wo Militarismus und Bürokratismus damals noch wenig entwickelt waren und wo damals die Möglichkeit bestehen konnte, die politische Herrschaft des Proletariats auf anderen, auf „friedlichen” Wegen zu erringen. Ich sagte, dass es damals richtig war, wenn Marx diese Ausnahme oder Einschränkung für England und Amerika gelten ließ, dass es Lenin s Ansicht nach aber falsch und unangebracht wäre, wenn man sie auch heute noch, unter den Bedingungen des entwickelten Imperialismus, da Militarismus und Bürokratie in England und Amerika ebenso ins Kraut geschossen sind wie in anderen Ländern, gelten ließe.

Gestatten Sie, Genossen, dass ich mich auf Marx berufe. In einem seiner Briefe an Kugelmann schrieb Marx im April 1871:

 

„...Wenn Du das letzte Kapitel meines ,Achtzehnten Brumaire’ nachsiehst, wirst Du finden, dass ich als nächsten Versuch der französischen Revolution ausspreche, nicht mehr wie bisher die bürokratisch-militärische Maschinerie aus einer Hand in die andre zu übertragen, sondern sie zu zerbrechen..., und dies ist die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinents. Dies ist auch der Versuch unsrer heroischen Pariser Parteigenossen.” (Ich zitiere aus dem Buch Lenin s „Staat und Revolution”, Bd. XXI, S. 394 [4. Ausgabe, Bd. 25, S. 3861387, deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 185].)

 

So schrieb Marx im Jahre 1871.

An dieses Zitat haben sich bekanntlich die Sozialdemokraten aller Schattierungen geklammert und in erster Linie Kautsky, der behauptete, dass die gewaltsame Revolution des Proletariats gar nicht die unbedingt erforderliche Methode der Entwicklung zum Sozialismus sei, dass unter der Diktatur des Proletariats nicht unbedingt die Zerschlagung des alten, bürgerlichen Staatsapparats und der Aufbau eines neuen, proletarischen Apparats zu verstehen sei, dass der friedliche Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus eben der Weg sei, für den das Proletariat kämpfen müsse.

Wie reagierte Genosse Lenin darauf? Er schrieb darüber in seinem Buch „Staat und Revolution” folgendes:

 

„Es ist von Interesse, zwei Stellen aus der angeführten Betrachtung von Marx besonders hervorzuheben. Erstens beschränkt er seine Schlussfolgerung auf den Kontinent. Das war 1871 verständlich, als England noch das Muster eines rein kapitalistischen Landes war, aber eines Landes ohne Militarismus und in hohem Grade ohne Bürokratie. Marx schloss daher England aus, wo eine Revolution und selbst eine Volksrevolution ohne die Vorbedingung der Zerstörung der ‚fertigen Staatsmaschine’ damals möglich zu sein schien und möglich war.

Jetzt, im Jahre 1917, in der Epoche des ersten großen imperialistischen Krieges, fällt diese Einschränkung von Marx fort. Sowohl England als auch Amerika, die größten und letzten Vertreter angelsächsischer ‚Freiheit’ in der Welt, im Sinne des Fehlens von Militarismus und Bürokratismus, sind vollständig in den allgemeinen europäischen, schmutzigen, blutigen Sumpf der bürokratisch-militärischen Institutionen hinab gesunken, die sich alles unterordnen, die alles erdrücken. Jetzt bildet sowohl für England als auch für Amerika die Zerbrechung, die Zerstörung der ‚fertigen Staatsmaschine’ (die dort in den Jahren 1914 bis 1917 die ‚europäische’ allgemein-imperialistische Vollkommenheit erreicht hat) die ‚Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution’.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 25, S. 387 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 186].)

 

Sie sehen, dass wir es hier mit einem Fall zu tun haben, der dem Fall mehr oder weniger analog ist, über den ich im Zusammenhang mit der alten Formel von Engels über den Sieg des Sozialismus berichtet habe.

Die Einschränkung beziehungsweise Ausnahme, die Marx für England und Amerika gelten ließ, hatte ihre Berechtigung, solange es in diesen Ländern keinen entwickelten Militarismus und keine entwickelte Bürokratie gab. Diese Einschränkung fiel Lenin s Ansicht nach unter den neuen Verhältnissen des monopolistischen Kapitalismus fort, als sich Militarismus und Bürokratie in England und Amerika nicht weniger, wenn nicht gar mehr entwickelt hatten als in den Ländern des europäischen Kontinents.

Daher ist die gewaltsame Revolution des Proletariats, die Diktatur des Proletariats, in ausnahmslos allen imperialistischen Staaten die unumgängliche und unbedingte Voraussetzung für die Entwicklung zum Sozialismus.

Daher verteidigen die Opportunisten aller Länder, die sich an die von Marx bedingt gemachte Einschränkung klammern und gegen die Diktatur des Proletariats ins Feld ziehen, nicht den Marxismus, sondern ihre eigene, opportunistische Sache.

Lenin kam zu dieser Schlussfolgerung, weil er es verstand, zwischen Buchstaben des Marxismus und Wesen des Marxismus zu unterscheiden, weil er den Marxismus nicht als Dogma, sondern als Anleitung zum Handeln betrachtete.

Es wäre sonderbar, wollte man verlangen, dass Marx alle und jegliche Möglichkeiten der zukünftigen Entwicklung des Kapitalismus und des Klassenkampfs auf Jahrzehnte hinaus hätte voraussehen sollen. Es wäre aber noch sonderbarer, wollte man sich darüber wundern, dass Lenin diese Möglichkeiten unter den neuen Entwicklungsbedingungen des Kapitalismus, als diese Möglichkeiten zutage getreten waren und sich in einem mehr als ausreichenden Maße entwickelt hatten, erkannte und verallgemeinerte.

Hier wurde, ich glaube, von Rjasanow eingeworfen, die von Marx für England und Amerika gemachte Einschränkung sei nicht nur unter den gegenwärtigen Bedingungen des Klassenkampfs falsch, sondern sie sei auch unter den Bedingungen falsch gewesen, als Marx diese Einschränkung machte. Ich bin mit Rjasanow nicht einverstanden. Ich denke, Rjasanow irrt sich. Jedenfalls ist Lenin hierüber anderer Meinung, da er ganz eindeutig erklärte, dass Marx Recht hatte, als er für das England und Amerika der 70er Jahre eine solche Einschränkung gelten ließ.

In seiner Schrift „über die Naturalsteuer” schreibt Genosse Lenin darüber folgendes:

 

„Als wir im ZEK mit Bucharin stritten, bemerkte er unter anderem: In der Frage der hohen Gehälter für die Spezialisten stehen ,wir’ ,rechts von Lenin ’, denn wir sehen hier keinerlei Abweichung von den Prinzipien, eingedenk der Worte von Marx, dass es unter gewissen Umständen für die Arbeiterklasse am zweckmäßigsten wäre, ,die ganze Bande auszukaufen’ (nämlich die Bande der Kapitalisten, d. h. bei der Bourgeoisie das Land, die Fabriken, die Werke und sonstigen Produktionsmittel auszukaufen). Das ist eine außerordentlich interessante Bemerkung.” „...Man versuche, sich in den Gedanken von Marx hineinzudenken. Die Rede war von dem England der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von der Kulminationsperiode des vormonopolistischen Kapitalismus, von einem Lande, das damals am wenigsten Militarismus und Bürokratie kannte, einem Land, in dem damals die Möglichkeit eines ,friedlichen’ Sieges des Sozialismus im Sinne des ,Auskaufs’ der Bourgeoisie durch die Arbeiter am meisten vorhanden war. Und Marx sagte: Unter gewissen Umständen werden es die Arbeiter keineswegs ablehnen, die Bourgeoisie auszukaufen. Marx band sich - und den künftigen Führern der sozialistischen Revolution - nicht die Hände in bezug auf die Formen, die Methoden, die Art und Weise der Umwälzung, denn er wusste sehr gut, was für eine Unmenge neuer Probleme dann erstehen wird, wie sich im Laufe der Umwälzung die gesamte Situation ändern, wie oft und wie stark sie sich im Laufe der Umwälzung ändern wird. Nun, und ist es denn in Sowjetrußland nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat, nach der Unterdrückung des militärischen Widerstandes und der Sabotage der Ausbeuter nicht augenscheinlich, dass einige Bedingungen sich nach der Art gestaltet haben, wie sie vor einem halben Jahrhundert in England möglich gewesen wären, wenn es damals friedlich begonnen hätte, zum Sozialismus überzugehen? Die Unterordnung der Kapitalisten unter die Arbeiter hätte damals in England durch folgende Umstände gewährleistet werden können: 1. durch das völlige überwiegen der Arbeiter, der Proletarier in der Bevölkerung, da eine Bauernschaft nicht vorhanden war (in England waren in den 70er Jahren Anzeichen vorhanden, die auf außerordentlich rasche Erfolge des Sozialismus unter den Landarbeitern hoffen ließen); 2. durch die ausgezeichnete Organisiertheit des Proletariats in den Gewerkschaften (England war damals in dieser Hinsicht das erste Land der Welt); 3. durch das verhältnismäßig hohe Kulturniveau des Proletariats, das durch die Schule einer jahrhundertelangen Entwicklung der politischen Freiheit gegangen war; 4. durch die lange Gewohnheit der ausgezeichnet organisierten Kapitalisten Englands - damals waren sie die bestorganisierten Kapitalisten der Welt (jetzt hat Deutschland dieses Primat übernommen) -, politische und wirtschaftliche Fragen durch Kompromisse zu lösen. Infolge eben dieser Umstände konnte damals der Gedanke entstehen, dass eine friedliche Unterordnung der Kapitalisten Englands unter seine Arbeiter möglich sei... Marx hatte im höchsten Grade recht, als er die Arbeiter lehrte, dass es wichtig sei, die Organisation der Großproduktion gerade im Interesse der Erleichterung des Übergangs zum Sozialismus zu erhalten, und dass der Gedanke durchaus zulässig sei, die Kapitalisten gut zu bezahlen, sie auszukaufen, wenn (als Ausnahme: England war damals eine Ausnahme) die Umstände sich so gestalten, dass sie die Kapitalisten zwingen, sich friedlich zu fügen und in kultivierter, organisierter Weise, unter der Bedingung des Auskaufs, zum Sozialismus überzugehen.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 315-317 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. II, S. 832-834].)

 

Offensichtlich hat hier Lenin Recht und nicht Rjasanow.

3. Über die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung
der kapitalistischen Länder

Ich sagte in meinem Referat, dass Lenin das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder entdeckt und begründet hat, dass Lenin , ausgehend von diesem Gesetz, ausgehend von der Tatsache der Zunahme und Verschärfung der Ungleichmäßigkeit, zur Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande gekommen ist. Trotzki und Sinowjew wandten sich gegen diesen Leitsatz. Trotzki sagte, dieser Leitsatz Lenin s sei theoretisch falsch. Und Sinowjew erklärte im Verein mit Trotzki, dass die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung früher, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, größer gewesen sei als heute, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, dass man die Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung in Zusammenhang bringen dürfe.

Dass sich Trotzki gegen Lenin s bekannten theoretischen Satz von dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung wendet, nimmt nicht wunder, denn es ist bekannt, dass dieses Gesetz Trotzkis Theorie der permanenten Revolution über den Haufen wirft.

Außerdem gleitet Trotzki hier unverkennbar auf einen philisterhaften Standpunkt ab. Er verwechselt hier die ökonomische Ungleichheit der einzelnen Länder in der Vergangenheit - eine Ungleichheit, die nicht immer eine sprunghafte Entwicklung dieser Länder zur Folge hatte und auch nicht zur Folge haben konnte - mit der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung in der Periode des Imperialismus, in der die ökonomische Ungleichheit zwischen den Ländern geringer ist, als sie in der Vergangenheit war, die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung aber unvergleichlich größer ist als früher und schärfer zutage tritt als früher, wobei diese Ungleichmäßigkeit un-bedingt und unvermeidlich zu einer Sprunghaftigkeit der Entwicklung führt, dazu führt, dass die industriell zurückgebliebenen Länder in mehr oder weniger kurzer Zeit die vorausgeeilten Länder überholen und somit zwangsläufig die Voraussetzungen für gewaltige imperialistische Kriege und für die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande geschaffen werden.

Es braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden, dass eine derartige Vermengung zweier verschiedenartiger Begriffe nicht von einem hohen „theoretischen” Niveau Trotzkis zeugt noch zeugen kann.

Ich kann aber Sinowjew nicht begreifen, der doch ein Bolschewik war und einige Ahnung vom Bolschewismus hatte. Wie kann man behaupten, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung sei früher größer gewesen als jetzt, unter den Bedingungen des monopolistischen Kapitalismus, ohne Gefahr zu laufen, in den Sumpf des Ultraimperialismus und des Kautskyanertums zu geraten? Wie kann man behaupten, die Idee des Sieges des Sozialismus in einem Lande hänge nicht mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung zusammen? Ist denn etwa nicht bekannt, dass Lenin diese Idee gerade aus dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung herleitete? Wovon zeugen zum Beispiel folgende Worte Lenin s:

 

„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.” (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 21, S. 311 [deutsch in „Ausgewählte Werke” in zwei Bänden, Bd. I, S. 753].)

 

Wovon geht das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung aus? Es geht von folgendem aus:

1. Der alte, vormonopolistische Kapitalismus hat sich zum monopolistischen Kapitalismus, zum Imperialismus, entwickelt, ist in diesen umgeschlagen;

2. die Aufteilung der Welt in Einflusssphären der imperialistischen Gruppen und Mächte ist bereits beendet;

3. die Entwicklung der Weltwirtschaft vollzieht sich unter den Bedingungen eines verzweifelten, auf Tod und Leben geführten Kampfes der imperialistischen Gruppen um Märkte, um Rohstoffe, um die Erweiterung der alten Einflusssphären;

4. diese Entwicklung geht nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft vor sich, so, dass die vorausgeeilten Mächte von den Märkten verdrängt werden und neue Mächte in den Vordergrund rücken;

5. diese Entwicklungsweise wird dadurch bedingt, dass die einen imperialistischen Gruppen die Möglichkeit haben, in schnellstem Tempo ihre Technik zu entwickeln, ihre Waren zu verbilligen und Märkte an sich zu reißen, was auf Kosten der anderen imperialistischen Gruppen geht;

6. periodische Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt werden somit zu einer absoluten Notwendigkeit;

7. diese Neuaufteilungen können somit nur auf gewaltsamem Wege vorgenommen werden, durch Überprüfung der Macht dieser oder jener imperialistischen Gruppe mittels Gewalt;

8. dieser Umstand muss zwangsläufig zu verstärkten Konflikten und zu gewaltigen Kriegen zwischen den imperialistischen Gruppen führen;

9. eine solche Lage führt unvermeidlich zur gegenseitigen Schwächung der Imperialisten und ermöglicht die Durchbrechung der imperialistischen Front in einzelnen Ländern;

10. die Möglichkeit der Durchbrechung der imperialistischen Front in einzelnen Ländern schafft günstige Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus in einem Lande.

Was ist für die Verschärfung der Ungleichmäßigkeit und die entscheidende Bedeutung der ungleichmäßigen Entwicklung unter den Bedingungen des Imperialismus bestimmend?

Zwei Hauptumstände:

erstens, dass die Aufteilung der Welt unter den imperialistischen Gruppen beendet ist, dass es auf der Welt keine „freien” Gebiete mehr gibt und dass zur Herstellung eines ökonomischen „Gleichgewichts” die Neuaufteilung des Aufgeteilten vermittels imperialistischer Kriege eine absolute Notwendigkeit ist;

zweitens, dass die noch nie dagewesene kolossale Entwicklung der Technik im weitesten Sinne des Wortes es den einen imperialistischen Gruppen erleichtert, andere imperialistische Gruppen im Kampf um die Eroberung von Märkten, im Kampf um die Besitzergreifung von Rohstoffquellen usw. zu überholen und ihnen den Rang abzulaufen.

Aber erst in der Periode des entwickelten Imperialismus gelangten diese Umstände zu voller Entwicklung und erreichten ihren Höhepunkt. Und es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn erst in der Periode des Imperialismus konnte die Aufteilung der Welt beendet werden, und die kolossalen technischen Möglichkeiten stellten sich erst in der Periode des entwickelten Imperialismus ein.

Dadurch ist auch die Tatsache zu erklären, dass, wenn früher England in industrieller Hinsicht an der Spitze aller Staaten stehen und den ersten Platz jahrhundertelang behaupten konnte, Deutschland später, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, nur etwa zwei Jahrzehnte brauchte, um damit zu beginnen, England den Rang abzulaufen, während Amerika noch weniger Zeit brauchte, um die europäischen Staaten zu überholen.

Wie kann man nach alledem behaupten, die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung sei früher größer gewesen als jetzt, die Idee der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande stehe nicht mit dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus in der Periode des Imperialismus im Zusammenhang?

Ist etwa nicht klar, dass nur theoretisierende Philister die frühere ökonomische Ungleichheit der Industrieländer mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung verwechseln können, das erst in der Periode des entwickelten monopolistischen Kapitalismus mit besonderer Kraft und Schärfe wirkt?

Ist etwa nicht klar, dass nur völlige Ignoranz auf dem Gebiet des Lenin ismus Sinowjew und seine Freunde zu den mehr als sonderbaren Einwänden gegen Lenin s bekannte Leitsätze veranlassen konnte, die mit dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder im Zusammenhang stehen?

Weiter zu II.

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