"Stalin"

Werke

Band 9

NOCH EINMAL ÜBER
DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI

Referat, gehalten am 7. Dezember

II
DIE BESONDERHEITEN
DER OPPOSITION IN DER KPdSU(B)

Gestatten Sie mir jetzt, von den Vorbemerkungen zur Frage der Opposition in der KPdSU(B) überzugehen.

Vor allen Dingen möchte ich einige Besonderheiten der Opposition innerhalb unserer Partei erwähnen. Ich meine ihre äußeren, in die Augen springenden Besonderheiten, ohne zunächst auf das Wesen der Meinungsverschiedenheiten einzugehen. Ich glaube, man könnte diese Besonderheiten auf drei Hauptbesonderheiten zurückführen. Da ist erstens die Tatsache, dass die Opposition in der KPdSU(B) eine vereinigte Opposition ist, und nicht „einfach“ irgendeine Opposition. Da ist zweitens die Tatsache, dass die Opposition versucht, ihren Opportunismus mit „linken“ Phrasen zu bemänteln, und mit „revolutionären“ Losungen protzt. Da ist drittens die Tatsache, dass sich die Opposition angesichts ihrer prinzipiellen Formlosigkeit fortwährend darüber beklagt, dass man sie nicht verstanden habe, dass die Führer der Opposition im Grunde genommen eine Fraktion der „Unverstandenen“ darstellen. (Heiterkeit.)

Fangen wir mit der ersten Besonderheit an. Wie ist die Tatsache zu erklären, dass die Opposition bei uns als eine vereinigte Opposition auftritt, als ein Block aller und jeglicher von der Partei schon verurteilter Strömungen, wobei sie nicht irgendwie „einfach“, sondern unter Führung des Trotzkismus auftritt?

Das ist durch folgende Umstände zu erklären.

Erstens dadurch, dass alle Strömungen, die sich in dem Block zusammengeschlossen haben - sowohl die Trotzkisten als auch die „neue Opposition“, sowohl die Überreste des „demokratischen Zentralismus“[5] als auch die Überreste der „Arbeiteropposition“[6] -, dass sie alle mehr oder weniger opportunistische Strömungen darstellen, die entweder seit ihrem Entstehen gegen den Lenin ismus gekämpft oder aber in letzter Zeit den Kampf gegen ihn aufgenommen haben. Es erübrigt sich zu sagen, dass dieser gemeinsame Zug ihre Vereinigung in einem Block zum Kampf gegen die Partei erleichtern musste.

Zweitens durch den Umstand, dass die gegenwärtige Periode ihrem Charakter nach eine Periode der Wende ist, dass die augenblickliche Periode der Wende aufs neue die grundlegenden Fragen unserer Revolution in aller Schärfe aufgeworfen hat, und da alle diese Strömungen in den einen oder den anderen Fragen der Revolution von den Auffassungen unserer Partei abwichen und weiterhin abweichen, so musste der Gesamtcharakter der gegenwärtigen Periode, da das Fazit all unserer Meinungsverschiedenheiten gezogen wird, natürlich alle diese Strömungen zu einem Block zusammendrängen, zu einem Block gegen die Grundlinie unserer Partei. Es erübrigt sich zu sagen, dass dieser Umstand die Vereinigung der verschiedenartigen oppositionellen Strömungen in einem gemeinsamen Lager begünstigen musste.

Drittens durch den Umstand, dass die gewaltige Kraft und die Geschlossenheit unserer Partei einerseits, die Schwäche ausnahmslos aller oppositionellen Strömungen und ihre Losgelöstheit von den Massen anderseits einen zersplitterten Kampf dieser Strömungen gegen die Partei offensichtlich hoffnungslos machen mussten, weshalb die oppositionellen Strömungen unbedingt den Weg der Vereinigung der Kräfte einschlagen mussten, um durch eine Zusammenlegung der einzelnen Gruppen deren Schwäche zu kompensieren und dadurch, wenigstens äußerlich, die Chancen der Opposition zu vergrößern.

Wodurch aber ist die Tatsache zu erklären, dass gerade der Trotzkismus an der Spitze des Oppositionsblocks marschiert?

Erstens dadurch, dass der Trotzkismus von allen bestehenden oppositionellen Strömungen die ausgeprägteste Strömung des Opportunismus in unserer Partei darstellt (der V. Kongress der Komintern hatte recht, als er den Trotzkismus als kleinbürgerliche Abweichung bezeichnete[7]).

Zweitens dadurch, dass keine einzige oppositionelle Strömung in unserer Partei ihren Opportunismus so geschickt und kunstvoll durch „linke“ und rrrrevolutionäre Phrasen zu maskieren versteht wie der Trotzkismus. (Heiterkeit.)

Es ist nicht der erste Fall in der Geschichte unserer Partei, dass der Trotzkismus an der Spitze oppositioneller Strömungen gegen unsere Partei auftritt. Ich möchte mich auf den bekannten Präzedenzfall in der Geschichte unserer Partei aus den Jahren 1910-1914 berufen, als unter Trotzkis Führung ein Block der oppositionellen parteifeindlichen Strömungen gebildet wurde, der so genannte Augustblock. Ich möchte mich auf diesen Präzedenzfall berufen, da er gewissermaßen den Prototyp des jetzigen Oppositionsblocks darstellt. Damals schloss Trotzki die Liquidatoren (Potressow, Martow u. a.), die Otsowisten (die „Wperjod“-Leute) und seine eigene Gruppe gegen die Partei zusammen. Jetzt aber machte er den Versuch, die „Arbeiteropposition“, die „neue Opposition“ und seine eigene Gruppe zu einem Oppositionsblock zusammenzuschließen.

Es ist bekannt, dass Lenin damals drei Jahre lang gegen den Augustblock gekämpft hat. Folgendes schrieb Lenin damals über den Augustblock, kurz bevor sich dieser endgültig herausbildete:

„Wir erklären daher im Warnen der Gesamtpartei, dass Trotzki eine parteifeindliche Politik treibt; dass er die Parteigesetzlichkeit sprengt, den Weg des Abenteuers und der Spaltung betritt... Trotzki verschweigt diese unbestreitbare Wahrheit, weil für die realen Ziele seiner Politik die Wahrheit unerträglich ist. Die realen Ziele aber treten immer klarer zutage und werden sogar für die am wenigsten weit blickenden Parteimitglieder offensichtlich. Diese realen Ziele sind der parteifeindliche Block der Potressow mit den Wperjod-Leuten, ein Block, der von Trotzki unterstützt und organisiert wird... Dieser Block wird natürlich Trotzkis ‚Fonds’ und die parteifeindliche Konferenz unterstützen, die von ihm einberufen wird, denn sowohl die Herren Potressow als auch die Wperjod-Leute bekommen hier das, was sie brauchen: Freiheit für ihre Fraktionen, deren Sanktionierung, die Bemäntelung ihrer Tätigkeit und deren advokatenhafte Verteidigung gegenüber den Arbeitern.

Und gerade vom Standpunkt der ‚prinzipiellen Grundlagen’ können wir nicht umhin, diesen Block als Abenteurertum im wahrsten Sinne des Wortes zu bezeichnen. Zu sagen, dass er in Potressow, in den Otsowisten wahre Marxisten, wirkliche Verfechter der prinzipiellen Grundlagen des Sozialdemokratismus sieht, das wagt Trotzki nicht. Das ist ja das Wesentliche an der Haltung eines Abenteurers, dass er sich permanent herauswinden muss... Der Block Trotzkis mit Potressow und den Wperjod-Leuten ist gerade vom Standpunkt der ‚prinzipiellen Grundlagen’ ein Abenteuer. Nicht weniger richtig ist das vom Standpunkt der parteipolitischen Aufgaben... Ein Jahr Erfahrung nach dem Plenum hat in der Praxis gezeigt, dass gerade die Gruppen Potressows, gerade die Fraktion der Wperjod-Leute diesen bürgerlichen Einfluss auf das Proletariat verkörpern... Drittens schließlich ist die Politik Trotzkis ein Abenteuer in organisatorischem Sinne, denn sie sprengt, wie wir bereits aufzeigten, die Parteigesetzlichkeit und beschreitet mit der Organisierung einer Konferenz im Namen einer Auslandsgruppe (oder im Namen eines Blocks von zwei parteifeindlichen Fraktionen, der Golos- und der Wperjod-Leute) direkt den Weg der Spaltung.“ (Siehe 4. Ausgabe, Bd. 17, S. 13, 15, 17/18, russ.)

So äußerte sich Lenin über den ersten Block der parteifeindlichen Strömungen, an dessen Spitze Trotzki stand.

Das gleiche muss im Wesentlichen, nur mit noch größerer Schärfe, von dem jetzigen Block der parteifeindlichen Strömungen gesagt werden, an dessen Spitze wiederum Trotzki steht.

Das sind die Ursachen, weshalb unsere Opposition jetzt in Form einer vereinigten Opposition auftritt, und zwar nicht „einfach“ auftritt, sondern unter Führung des Trotzkismus.

So steht es um die erste Besonderheit der Opposition.

Gehen wir zur zweiten Besonderheit über. Ich sagte bereits, dass die zweite Besonderheit der Opposition darin besteht, dass sie sich besonders bemüht, ihre opportunistischen Taten mit „linken“, „revolutionären“ Phrasen zu bemänteln. Ich halte es nicht für möglich, hier ausführlicher auf die Tatsachen einzugehen, die das ständige Auseinanderklaffen zwischen „revolutionären“ Worten und opportunistischen Taten in der Praxis unserer Opposition demonstrieren. Es genügt, allein die auf der XV. Konferenz der KPdSU(B) angenommenen Thesen über die Opposition[8] durchzulesen, um die Mechanik dieser Maskierung zu begreifen. Ich möchte nur einige Beispiele aus der Geschichte unserer Partei anführen, die zeigen, dass alle oppositionellen Strömungen in unserer Partei in der Periode nach der Machtergreifung versucht haben, ihre nichtrevolutionären Handlungen mit „revolutionären“ Phrasen zu bemänteln, indem sie die Partei und deren Politik stets „von links“ kritisierten.

Nehmen wir zum Beispiel die „linken“ Kommunisten, die in der Periode des Brester Friedens (1918) gegen die Partei auftraten. Bekanntlich kritisierten sie die Partei „von links“, als sie gegen den Brester Frieden auftraten und die Politik der Partei als opportunistisch, unproletarisch, kompromisslerisch gegenüber den Imperialisten qualifizierten. In Wirklichkeit zeigte sich aber, dass die „linken“ Kommunisten durch ihr Auftreten gegen den Brester Frieden die Partei daran hinderten, eine „Atempause“ zur Organisierung und Festigung der Sowjetmacht zu gewinnen, dass sie den Sozialrevolutionären und Menschewiki, die damals gegen den Brester Frieden waren, halfen und die Sache des Imperialismus erleichterten, der bestrebt war, die Sowjetmacht gleich in ihren Anfängen zu erdrosseln.

Nehmen wir die „Arbeiteropposition“ (1921). Bekanntlich kritisierte auch sie die Partei „von links“, als sie in jeder Weise gegen die Politik der NÖP „wetterte“ und die These Lenin s „nach Strich und Faden“ „verriss“, nach der man die Wiederherstellung der Industrie mit der Entwicklung der Landwirtschaft beginnen muss, die mit ihren Rohstoffen und Lebensmitteln die Voraussetzungen für die Industrie schafft, als sie diese These Lenin s als Nichtbeachtung der Interessen des Proletariats und als bäuerliche Abweichung „verriss“. In Wirklichkeit aber zeigte sich, dass wir ohne die Politik der NÖP, ohne Entwicklung der Landwirtschaft, die mit ihren Rohstoffen und Lebensmitteln die Voraussetzungen für die Industrie schafft, keine Industrie hätten und das Proletariat weiter im Zustand der Deklassierung geblieben wäre.. Außerdem ist ja bekannt, wohin die „Arbeiteropposition“ sich nach all dem entwickelt hat, nach rechts oder nach links.

Nehmen wir schließlich den Trotzkismus, der unsere Partei bereits seit Jahren „von links“ kritisiert und der gleichzeitig, wie der V. Kongress der Komintern richtig zum Ausdruck brachte, eine kleinbürgerliche Abweichung darstellt. Was kann es Gemeinsames geben zwischen einer kleinbürgerlichen Abweichung und wirklich revolutionärem Geist? Ist etwa nicht klar, dass die „revolutionäre“ Phrase hier nur der Deckmantel für eine kleinbürgerliche Abweichung ist?

Ich spreche schon gar nicht von der „neuen Opposition“, deren „linkes“ Geschrei nur den Zweck hat zu verhüllen, dass sie sich ganz im Banne des Trotzkismus befindet.

Was besagen alle diese Tatsachen?

Sie besagen, dass die „linke“ Maskierung der opportunistischen Sache einer der charakteristischsten Züge aller und jeglicher oppositioneller Strömungen in unserer Partei in der Periode nach der Machtergreifung ist.

Wodurch ist diese Erscheinung zu erklären?

Sie findet ihre Erklärung in dem revolutionären Geist des Proletariats der UdSSR, in den gewaltigen revolutionären Traditionen, die unserem Proletariat im Blute stecken. Sie findet ihre Erklärung in dem offenen Hass der Arbeiter der UdSSR gegen die antirevolutionären, gegen die opportunistischen Elemente. Sie findet ihre Erklärung darin, dass unsere Arbeiter einen offenen Opportunisten einfach nicht anhören werden; deshalb stellt die „revolutionäre“ Maskierung das Lockmittel dar, das, wenn auch nur oberflächlicherweise, die Aufmerksamkeit der Arbeiter anziehen und ihnen Vertrauen zur Opposition einflößen soll. Unsere Arbeiter können zum Beispiel nicht verstehen, wieso die englischen Arbeiter bis heute nicht auf den Gedanken gekommen sind, solche Verräter wie Thomas zu ertränken, sie in einen Brunnen zu werfen. (Heiterkeit.) Jeder, der unsere Arbeiter kennt, wird leicht begreifen, dass solche Leute, solche Opportunisten wie Thomas unter sowjetischen Arbeitern einfach nicht existieren könnten. Es ist aber bekannt, dass die englischen Arbeiter sich nicht nur nicht anschicken, die Herren Thomas zu ertränken, sondern sie sogar in den Generalrat wiederwählen[9], ja, sie nicht einfach, sondern direkt mit einer Demonstration wiederwählen. Es ist klar, dass es solchen Arbeitern gegenüber keiner revolutionären Maskierung des Opportunismus bedarf, denn sie sind ohnehin nicht abgeneigt, Opportunisten in ihre Mitte aufzunehmen.

Woraus aber ist das zu erklären? Das erklärt sich aus dem Fehlen revolutionärer Traditionen bei den englischen Arbeitern. Diese revolutionären Traditionen sind jetzt im Entstehen. Sie entstehen und entwickeln sich, und es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass die englischen Arbeiter in revolutionären Kämpfen gestählt werden. Solange das aber noch nicht geschehen ist, bleibt der Unterschied zwischen den englischen und den sowjetischen Arbeitern bestehen. So ist im Grunde die Tatsache zu erklären, dass es für die Opportunisten in unserer Partei eine gewagte Sache ist, ohne eine gewisse „revolutionäre“ Maskierung vor die Arbeiter der UdSSR zu treten.

Hierin also liegen die Ursachen für die „revolutionäre“ Maskierung des Oppositionsblocks.

Schließlich zur dritten Besonderheit der Opposition. Ich sagte bereits, dass diese Besonderheit in der prinzipiellen Formlosigkeit des Oppositionsblocks besteht, in seiner Prinzipienlosigkeit, in seiner Amöbenartigkeit und in den daher rührenden ständigen Klagen der Führer der Opposition darüber, dass man sie „nicht verstanden“, sie „entstellt“ habe, dass man ihnen zugeschrieben habe, was sie „nicht gesagt“ hätten usw. Fürwahr, eine Fraktion der „Unverstandenen“. Die Geschichte der proletarischen Parteien besagt, dass diese Besonderheit („man hat uns nicht verstanden!“) die gewöhnlichste und verbreitetste Besonderheit des Opportunismus überhaupt ist. Sie müssen wissen, Genossen, dass den bekannten Opportunisten Bernstein, Vollmar, Auer und anderen aus den Reihen der deutschen Sozialdemokratie Ende der 90er Jahre und zu Beginn des 20. Jahrhunderts haargenau dasselbe „passierte“, damals, als die deutsche Sozialdemokratie eine revolutionäre Partei war und als sich diese notorischen Opportunisten jahrelang darüber beklagten, dass man sie „nicht verstanden“, dass man sie „entstellt“ habe. Bekanntlich nannten damals die revolutionären deutschen Sozialdemokraten die Fraktion Bernsteins die Fraktion der „Unverstandenen“. Man kann es also keineswegs als Zufall betrachten, dass man den Oppositionsblock in die Kategorie der Fraktionen der „Unverstandenen“ einreihen muss.

Das sind die wichtigsten Besonderheiten des Oppositionsblocks.

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