"Stalin"

Werke

Band 9

NOCH EINMAL ÜBER
DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI

Referat, gehalten am 7. Dezember

IV
DIE OPPOSITION AN DER ARBEIT

Gehen wir jetzt zu der Frage über, wie diese Meinungsverschiedenheiten in der praktischen Arbeit zum Ausdruck gekommen sind.

Wie zeigte sich nun unsere Opposition in ihrer praktischen Arbeit, in ihrem Kampf gegen die Partei in Wirklichkeit?

Es ist bekannt, dass die Opposition nicht nur in unserer Partei, sondern auch in anderen Sektionen der Komintern, zum Beispiel in Deutschland, in Frankreich usw. ihr Wesen trieb. Deshalb muss man die Frage folgendermaßen stellen: Wie sah die praktische Arbeit der Opposition und ihrer Anhänger sowohl in der KPdSU(B) als auch in den anderen Sektionen der Komintern in Wirklichkeit aus?

a) Die praktische .Arbeit der Opposition und ihrer Anhänger in der KPdSU(B). Die Opposition begann ihre „Arbeit“ damit, dass sie die schwersten Beschuldigungen gegen die Partei erhob. Die Opposition erklärte, dass die Partei „auf das Geleise des Opportunismus hinabgleitet“. Die Opposition behauptete, dass die Politik der Partei „der Klassenlinie der Revolution zuwiderläuft“. Die Opposition behauptete, dass die Partei entarte und dem Thermidor entgegengehe. Die Opposition erklärte, dass unser Staat „bei weitem kein proletarischer Staat“ sei. All dies wurde entweder in offenen Deklarationen und Reden der Vertreter der Opposition (Juliplenum des ZK und der ZKK 1926) oder in illegalen Dokumenten der Opposition, die von ihren Anhängern verbreitet wurden, erklärt.

Dadurch aber, dass die Opposition diese schweren Beschuldigungen gegen die Partei erhob, bereitete sie den Boden für die Organisierung neuer, paralleler Zellen innerhalb der Partei, für die Organisierung eines neuen, parallelen Zentrums der Partei, für die Schaffung einer neuen Partei. Einer der Anhänger der Opposition, Herr Ossowski, erklärte in seinen Artikeln direkt, dass die bestehende Partei, unsere Partei, die Interessen der Kapitalisten vertrete, dass man infolgedessen eine neue Partei, eine „rein proletarische Partei“, organisieren müsse, die neben der bestehenden Partei bestehen und wirken solle.

Die Opposition mag sagen, dass sie für den Standpunkt Ossowskis nicht verantwortlich sei. Das ist aber nicht wahr. Sie ist für die „Taten“ des Herrn Ossowski voll und ganz verantwortlich. Es ist bekannt, dass Ossowski sich offen zu den Anhängern der Opposition zählte, wogegen die Opposition kein einziges Mal etwas einzuwenden versuchte. Es ist weiterhin bekannt, dass Trotzki auf dem Juliplenum des ZK Ossowski gegen Genossen Molotow verteidigt hat. Es ist schließlich bekannt, dass, obwohl die Partei einmütig gegen Ossowski war, die Opposition im ZK gegen den Ausschluss Ossowskis aus der Partei gestimmt hat. All das zeugt davon, dass die Opposition die moralische Verantwortung für die „Taten“ Ossowskis übernommen hat.

Die Schlussfolgerung: Die praktische Arbeit der Opposition in der KPdSU(B) entsprach dem Standpunkt Ossowskis, seinem Standpunkt, dass es notwendig sei, in unserem Lande, parallel zur KPdSU(B) und gegen sie, eine neue Partei zu bilden.

Anders konnte es auch gar nicht sein. Denn eins von beiden ist nur möglich:

Entweder glaubte die Opposition, als sie diese schweren Beschuldigungen gegen die Partei erhob, selber nicht an die Stichhaltigkeit dieser Beschuldigungen und erhob sie nur zum Zwecke der Demonstration - und dann hat sie versucht, die Arbeiterklasse irrezuführen, was ein Verbrechen ist;

oder die Opposition glaubte und glaubt weiterhin an die Stichhaltigkeit ihrer Beschuldigungen - und dann musste sie auf die Zerschlagung der führenden Kader der Partei, auf die Bildung einer neuen Partei Kurs nehmen, was sie auch wirklich tat.

Das war das Gesicht unserer Opposition in ihrer gegen die KPdSU(B) gerichteten praktischen Arbeit im Oktober 1926.

b) Die praktische Arbeit der Anhänger der Opposition in der deutschen Kommunistischen Partei. Ausgehend von den von unserer Opposition gegen die Partei erhobenen Beschuldigungen, zogen die „Ultralinken“ in Deutschland, mit Herrn Korsch an der Spitze, ihre „weiteren“ Schlussfolgerungen und setzten das Tüpfelchen aufs i. Es ist bekannt, dass Korsch, dieser Ideologe der „Ultralinken“ in Deutschland, behauptet, unsere sozialistische Industrie sei eine „rein kapitalistische Industrie“. Es ist bekannt, dass Korsch unsere Partei als eine „kulakisierte“ Partei bezeichnet, die Komintern aber - als eine „opportunistische“ Organisation. Es ist weiterhin bekannt, dass Korsch infolgedessen die Notwendigkeit einer „neuen Revolution“ gegen die in der UdSSR bestehende Staatsmacht predigt.

Die Opposition mag sagen, dass sie für den Standpunkt Korschs nicht verantwortlich sei. Das ist aber nicht wahr. Die Opposition ist für die „Taten“ des Herrn Korsch voll und ganz verantwortlich. Das, was Korsch sagt, ist eine natürliche Schlussfolgerung aus den Voraussetzungen, die die Führer unserer Opposition ihren Anhängern in Form der bekannten Beschuldigungen gegen die Partei liefern. Denn wenn die Partei auf das Geleise des Opportunismus hinabgleitet, wenn ihre Politik der Klassenlinie der Revolution widerspricht, wenn sie entartet und dem Thermidor entgegengeht, unser Staat aber „bei weitem kein proletarischer Staat“ ist, dann kann es daraus nur die eine Schlussfolgerung geben - eine neue Revolution gegen die „kulakisierte“ Staatsmacht. Es ist außerdem bekannt, dass die „Ultralinken“ in Deutschland, darunter auch die Weddinger[17], gegen den Ausschluss Korschs aus der Partei gestimmt und damit die moralische Verantwortung für die konterrevolutionäre Propaganda Korschs übernommen haben. Nun, wer aber wüsste nicht, dass die „Ultra-linken“ für die Opposition in der KPdSU(B) sind?

c) Die praktische Arbeit der Anhänger der Opposition in Frankreich. Dasselbe gilt auch für die Anhänger der Opposition in Frankreich. Ich meine Souvarine und seine Gruppe, die sich in einer gewissen französischen Zeitschrift betätigt. Ausgehend von den Voraussetzungen, die unsere Opposition durch ihre Beschuldigungen gegen die Partei geschaffen hat, kommt Souvarine zu der Schlussfolgerung, dass der Hauptfeind der Revolution die Parteibürokratie, die führende Spitze unserer Partei sei. Souvarine behauptet, dass die „Rettung“ nur in einem bestehen könne: in einer neuen Revolution gegen die führende Spitze der Partei und der Sowjetmacht, in einer neuen Revolution vor allem gegen das Sekretariat des ZK der KPdSU(B). Dort, in Deutschland, verlangt man eine „neue Revolution“ gegen die in der UdSSR bestehende Staatsmacht. Hier, in Frankreich - eine „neue Revolution“ gegen das Sekretariat des ZK. Wie aber lässt sich nun diese neue Revolution organisieren? Kann man sie ohne eine besondere, den Zielen der neuen Revolution angepasste Partei organisieren? Natürlich kann man das nicht. Daher die Frage der Schaffung einer neuen Partei.

Die Opposition mag sagen, dass sie für Souvarines Geschreibsel nicht verantwortlich sei. Das ist aber nicht wahr. Erstens ist bekannt, dass Souvarine und seine Gruppe Anhänger der Opposition sind, insbesondere ihres trotzkistischen Teils. Zweitens ist bekannt, dass die Opposition sich noch vor kurzem mit dem Plan trug, Herrn Souvarine in der Redaktion des Zentralorgans der Kommunistischen Partei Frankreichs unterzubringen. Allerdings misslang dieser Plan. Aber er misslang nicht dank unserer Opposition, sondern trotz unserer Opposition.

Daraus folgt also, dass die Opposition in ihrer praktischen Arbeit, wenn man sie nicht so nimmt, wie sie sich selbst darstellt, sondern so, wie sie sich im Laufe der Arbeit sowohl bei uns in der UdSSR als auch in Frankreich und Deutschland zeigt - daraus folgt, wie gesagt, dass sich die Opposition in ihrer praktischen Arbeit unmittelbar die Aufgabe stellt, die bestehenden Kader unserer Partei zu zerschlagen und eine neue Partei zu bilden.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis