"Stalin"

Werke

Band 9

NOCH EINMAL ÜBER
DIE SOZIALDEMOKRATISCHE ABWEICHUNG
IN UNSERER PARTEI

Referat, gehalten am 7. Dezember

V
WOFÜR DIE FEINDE DER DIKTATUR DES
PROLETARIATS DIE OPPOSITION LOBEN

Wofür loben die Sozialdemokraten und die Kadetten die Opposition? Oder mit anderen Worten: Wessen Stimmungen spiegelt die Opposition wider?

Es wird Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass die so genannte „russische Frage“ in der letzten Zeit zu einer brennenden Tagesfrage in der sozialdemokratischen und in der bürgerlichen Presse des Westens geworden ist. Ist das Zufall? Natürlich ist das kein Zufall. Das Wachstum des Sozialismus in der UdSSR und die Entfaltung der kommunistischen Bewegung im Westen müssen größte Beunruhigung in den Reihen der Bourgeoisie und ihrer Agenten innerhalb der Arbeiterklasse, der sozialdemokratischen Führer, hervorrufen. Zwischen dem erbitterten Hass der einen und der kameradschaftlichen Freundschaft der anderen gegenüber der proletarischen Partei der UdSSR verläuft jetzt die Scheidelinie zwischen Revolution und Konterrevolution. Die gewaltige internationale Bedeutung der „russischen Frage“ ist jetzt eine Tatsache, mit der die Feinde des Kommunismus bereits unbedingt rechnen müssen.

Zwei Fronten haben sich um die „russische Frage“ gebildet: die Front der Gegner der Sowjetrepublik und die Front ihrer selbstlosen Freunde. Was wollen die Gegner der Sowjetrepublik? Sie versuchen, unter den breiten Massen der Bevölkerung die ideologischen und moralischen Voraussetzungen für den Kampf gegen die proletarische Diktatur zu schaffen. Was wollen die Freunde der Sowjetrepublik? Sie sind bemüht, in den breiten Schichten des Proletariats die ideologischen und moralischen Voraussetzungen für die Unterstützung, für die Verteidigung der Sowjetrepublik zu schaffen.

Wollen wir jetzt sehen, wofür die Sozialdemokraten und die Kadetten aus der russischen bürgerlichen Emigration unsere Opposition loben.

Folgendes sagt zum Beispiel Paul Levi, ein bekannter sozialdemokratischer Führer in Deutschland:

„Wir waren der Auffassung, dass die besonderen Arbeiterinteressen, letzten Endes des Sozialismus, mit der Existenz des bäuerlichen Besitzes in Widerspruch stehen, dass die Identität zwischen Bauern- und Arbeiterinteressen Schein sei, und dass die Weiterentwicklung der russischen Revolution diesen Gegensatz verschärfen und sinnlich wahrnehmbar darstellen werde. Die Idee von der Interessensolidarität hielten wir für eine Koalitionsidee, nur in anderer Form. Wenn der Marxismus überhaupt einen Schein von Berechtigung hat, wenn die Geschichte dialektisch arbeitet, musste dieser Gegensatz die Koalitionsidee in Rußland zerschlagen, wie sie in Deutschland schon zerschlagen ist... Für uns aber, die wir in Westeuropa die Dinge mehr aus der Ferne sehen, ist eins klar: unsere Stellung ist bei der Opposition... Die Tatsache besteht, dass in Rußland wieder eine selbständige, antikapitalistische, klassenkämpferische Arbeiterbewegung einsetzt.“ („Leipziger Volkszeitung“ vom 30. Juli 1926.)

Es ist offensichtlich, dass in diesem Zitat in der Frage der „Identität“ der Interessen der Arbeiter und Bauern Konfusion herrscht. Es ist aber ebenfalls nicht zu bezweifeln, dass Paul Levi hier unsere Opposition wegen ihres Kampfes gegen die Idee des Blocks der Arbeiter und Bauern, gegen die Idee des Bündnisses der Arbeiter und Bauern lobt.

Folgendes sagt über unsere Opposition der nicht unbekannte Dan, ein Führer der „russischen“ Sozialdemokratie, ein Führer der „russischen“ Menschewiki, die sich für die Restauration des Kapitalismus in der UdSSR einsetzen:

„Die bolschewistische Opposition bereitet durch ihre Kritik an der bestehenden Ordnung, in der sie fast wörtlich die Kritik der Sozialdemokratie wiederholt, die Geister vor... für die Aufnahme der positiven Plattform der Sozialdemokratie.“

Und weiter:

„Die Opposition zieht nicht nur unter den Arbeitermassen, sondern auch unter den kommunistischen Arbeitern Keime von Ideen und Stimmungen groß, die bei geschickter Pflege leicht sozialdemokratische Früchte tragen können.“ („Sozialistitscheski Wjestnik“ Nr. 17/18.)

Das ist wohl klar.

Das Zentralorgan der konterrevolutionären bürgerlichen Partei Miljukows aber, „Poslednije Nowosti“[18], schreibt über unsere Opposition folgendes:

„Heute untergräbt die Opposition die Diktatur, in jeder neuen Veröffentlichung der Opposition werden immer ,schrecklichere’ Worte gebraucht, die Opposition selbst macht eine Evolution durch in der Richtung immer schärferer Attacken gegen das herrschende System, und das genügt zunächst, um sie dankbar zu begrüßen als Sprachrohr breiter Schichten der politisch unzufriedenen Bevölkerung.“ („Poslednije Nowosti“ Nr. 1990.)

Und weiter:

„Der schlimmste Feind für die Sowjetmacht ist jetzt derjenige, der sich unbemerkt an sie heranschleicht, sie mit seinen Fühlern von allen Seiten erfasst und sie liquidiert, bevor sie sich dessen bewusst wird. Gerade diese, in der immer noch andauernden Vorbereitungsperiode unvermeidliche und notwendige Rolle spielt die sowjetische Opposition.“ („Poslednije Nowosti“ Nr.1983, vom 27. August d. J.)

Ich denke, dass hier jeder Kommentar überflüssig ist.

Ich beschränke mich wegen der Kürze der Zeit lediglich auf diese Zitate, obwohl man Dutzende und Hunderte derartiger Zitate anführen könnte.

Das ist es, wofür die Sozialdemokraten und die Kadetten unsere Opposition loben.

Ist das Zufall? Nein, das ist kein Zufall.

Daraus kann man ersehen, dass die Opposition nicht die Stimmung des Proletariats unseres Landes widerspiegelt, sondern die Stimmungen der nichtproletarischen Elemente, die, mit der Diktatur des Proletariats unzufrieden, gegen die Diktatur des Proletariats erbittert sind und voller Ungeduld auf deren Zersetzung, auf deren Sturz warten.

So führte die Logik des Fraktionskampfes unserer Opposition in der Tat dazu, dass sich objektiv die Front unserer Opposition mit der Front der Gegner und Feinde der Diktatur des Proletariats verschmolzen hat.

Wollte das die Opposition? Wahrscheinlich wollte sie es nicht. Aber hier kommt es nicht darauf an, was die Opposition will, sondern darauf, wohin ihr Fraktionskampf objektiv führt. Die Logik des Fraktionskampfes ist stärker als die Wünsche dieser oder jener Leute. Und gerade deshalb haben sich die Dinge so gestaltet, dass sich die Front der Opposition in der Tat mit der Front der Gegner und Feinde der Diktatur des Proletariats verschmolzen hat.

Lenin lehrte uns, dass es die Hauptpflicht der Kommunisten ist, die Diktatur des Proletariats zu verteidigen und zu stärken. Die Dinge haben aber eine solche Wendung genommen, dass die Opposition durch ihre Fraktionspolitik im Lager der Gegner der Diktatur des Proletariats angelangt ist.

Deshalb sagen wir, dass die Opposition nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis mit dem Lenin ismus gebrochen hat.

Und anders konnte es auch gar nicht sein. Das Kräfteverhältnis an der Front des Kampfes zwischen Kapitalismus und Sozialismus ist derart, dass es in den Reihen der Arbeiterklasse jetzt nur eine der beiden politischen Linien geben kann: entweder die Politik des Kommunismus oder die Politik des Sozialdemokratismus. Der Versuch der Opposition, eine dritte Position zu beziehen, musste bei der Verschärfung des Kampfes gegen die KPdSU(B) unvermeidlich damit enden, dass die Opposition durch den Verlauf des Fraktionskampfes ins Lager der Gegner des Lenin ismus geschleudert wurde.

So ist es denn auch gekommen, wie dies aus den angeführten Tatsachen zu ersehen ist.

Das ist es, wofür die Sozialdemokraten und die Kadetten die Opposition loben.

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