"Stalin"

Werke

Band 9

SCHLUSSWORT

13. Dezember

I
EINZELNE BEMERKUNGEN

1. Wir brauchen Tatsachen, nicht aber Erfindungen und Verleumdungen

Genossen! Gestatten Sie mir, bevor ich mich dem eigentlichen Thema zuwende, einige sachliche Richtigstellungen zu den Erklärungen der Opposition zu machen, zu den Erklärungen, die entweder die Tatsachen entstellen oder Erfindungen und Verleumdungen sind.

1. Die erste Frage betrifft das Auftreten der Opposition auf dem erweiterten Plenum des EKKI. Die Opposition erklärte, dass sie sich entschlossen habe zu sprechen, weil das ZK der KPdSU(B) nicht direkt darauf hingewiesen habe, dass ein Auftreten der Opposition die „Erklärung“ der Opposition vom 16. Oktober 1926 verletzen könne, und dass, wenn das ZK ihnen das Auftreten verboten hätte, die Führer der Opposition darauf verzichtet hätten, zu sprechen.

Die Opposition erklärte weiter, dass sie bei ihrem Auftreten hier, auf dem erweiterten Plenum, alles tun werde, um den Kampf nicht zu verschärfen, dass sie sich mit einfachen „Erklärungen“ begnügen werde, dass sie - Gott bewahre - an eine Attacke gegen die Partei nicht einmal denke, dass sie - Gott bewahre - nicht die geringste Absicht habe, irgendwelche Anklagen gegen die Partei zu erheben und gegen deren Beschlüsse zu appellieren.

Das stimmt alles nicht, Genossen. Das stimmt keineswegs mit den Tatsachen überein. Das ist Heuchelei vonseiten der Opposition. Die Tatsachen, und insbesondere das Auftreten Kamenews, haben bewiesen, dass die Reden der Führer der Opposition auf dem erweiterten Plenum keine „Erklärungen“ waren, sondern eine Attacke gegen die Partei, ein Überfall auf die Partei.

Was bedeutet es, wenn man die Partei unverhohlen einer rechten Abweichung beschuldigt? Das ist eine Attacke gegen die Partei, das ist ein Vorstoß gegen die Partei.

Hat etwa das ZK der KPdSU(B) in seinem Beschluss nicht darauf hingewiesen, dass ein Auftreten der Opposition den Kampf verschärfen, dem Fraktionskampf einen neuen Anstoß geben werde? Jawohl, es hat darauf hingewiesen. Das war eine Warnung des ZK der KPdSU(B) an die Opposition. Konnte das ZK weitergehen? Nein, das konnte es nicht. Warum? Weil das ZK der Opposition nicht verbieten konnte, zu sprechen. Jedes Parteimitglied hat das Recht, gegen einen Beschluss der Partei bei der höheren Instanz zu appellieren. Das ZK konnte dieses Recht der Parteimitglieder nicht missachten. Das ZK der KPdSU(B) hat folglich alles getan, was in seinen Kräften lag, um eine neue Verschärfung des Kampfes, eine weitere Verstärkung des Fraktionskampfes zu verhüten.

Die Führer der Opposition, die zugleich Mitglieder des ZK sind, mussten wissen, dass ihre Reden unbedingt zu einer Appellation gegen die Beschlüsse ihrer Partei, zu einem Vorstoß gegen die Partei, zu einem Überfall auf die Partei werden mussten.

Also das Auftreten der Opposition, insbesondere aber das Auftreten Kamenews - der nicht nur für sich selbst, sondern für den gesamten Oppositionsblock sprach, denn seine Rede, die er hier verlas, ist von Trotzki, Kamenew und Sinowjew unterschrieben - dieses Auftreten Kamenews ist ein Wendepunkt in der Entwicklung des Oppositionsblocks von der „Erklärung“ vom 16. Oktober 1926, in der sich die Opposition von den Methoden des fraktionellen Kampfes lossagte, zu einer neuen Phase in der Existenz der Opposition, wo sie wiederum zu den Methoden des Fraktionskampfes gegen die Partei zurückkehrt.

Die Schlussfolgerung daraus: Die Opposition hat durch die Rückkehr zu den Methoden des Fraktionskampfes gegen ihre eigene „Erklärung“ vom 16. Oktober 1926 verstoßen.

Das wollen wir festhalten, Genossen. Hier gibt es nichts zu heucheln. Kamenew hatte Recht, als er sagte, dass man die Katze eine Katze nennen müsse. (Zurufe: „Sehr richtig!“ „Und ein Schwein - ein Schwein.“)

2. Trotzki erklärte in seiner Rede, dass „Stalin nach der Februarrevolution eine falsche Taktik predigte, die von Lenin als kautskyanische Abweichung charakterisiert wurde“.

Das ist nicht wahr, Genossen. Das ist eine Verleumdung. Stalin hat keine kautskyanische Abweichung „gepredigt“. Dass nach der Rückkehr aus der Verbannung gewisse Schwankungen bei mir auftraten, habe ich nicht verheimlicht und habe darüber in meiner Broschüre „Auf dem Wege zum Oktober“ selbst geschrieben. Aber wer von uns hat nicht mal flüchtige Schwankungen gehabt? Was die Position Lenin s und seine Aprilthesen[19] aus dem Jahre 1917 betrifft - um die es sich hier gerade handelt -, so weiß die Partei sehr gut, dass ich damals in einer Reihe mit Genossen Lenin gegen Kamenew und seine Gruppe stand, die damals gegen die Thesen Lenin s den Kampf führten. Jeder, der mit dem Protokoll der Aprilkonferenz unserer Partei vom Jahre 1917 bekannt ist, muss wissen, dass ich in einer Reihe mit Lenin stand und zusammen mit ihm den Kampf gegen die Opposition Kamenews führte.

Der Trick besteht hier darin, dass Trotzki mich mit Kamenew verwechselt hat. (Heiterkeit, Beifall.)

Wahr ist, dass Kamenew damals gegen Lenin , gegen dessen Thesen, gegen die Mehrheit der Partei in Opposition stand und einen Standpunkt entwickelte, der an die Position der „Vaterlandsverteidigung“ grenzte. Wahr ist, dass Kamenew damals in der „Prawda“, zum Beispiel im März, Artikel schrieb, die so ziemlich dem Standpunkt der „Vaterlandsverteidigung“ entsprachen. Für diese Artikel kann ich natürlich in keiner Weise die Verantwortung übernehmen.

Es ist Trotzkis Pech, dass er hier Stalin mit Kamenew verwechselt hat.

Wo aber war Trotzki damals, während der Aprilkonferenz im Jahre 1917, als die Partei den Kampf gegen die Gruppe Kamenews führte? In welcher Partei er damals steckte, in einer links-menschewistischen oder in einer rechts-menschewistischen, und warum er damals nicht der Zimmerwalder Linken[20] angehörte - darüber sollte uns Trotzki, und sei es in der Presse, etwas erzählen. Dass er aber damals nicht Mitglied unserer Partei war, ist eine Tatsache, die Trotzki nicht vergessen sollte.

3. Trotzki erklärte in seiner Rede, dass „Stalin in der nationalen Frage einen ziemlich großen Fehler gemacht hat“. Was für einen Fehler, unter welchen Umständen - das hat Trotzki allerdings nicht gesagt.

Das ist nicht wahr, Genossen. Das ist eine Verleumdung. Ich habe niemals, weder mit der Partei noch mit Lenin , irgendwelche Meinungsverschiedenheiten in der nationalen Frage gehabt. Trotzki spielt hier offenbar auf einen unbedeutenden Zwischenfall an, als Genosse Lenin mir vor unserem XII. Parteitag den Vorwurf machte, dass ich eine allzu strenge organisatorische Politik gegenüber den georgischen Halbnationalisten einschlage, gegenüber Halbkommunisten vom Schlage Mdiwanis, der unlängst Handelsvertreter in Frankreich war, und dass ich sie „verfolge“. Aber die dann folgenden Tatsachen haben gezeigt, dass die so genannten „Abweichler“, Leute vom Schlage Mdiwanis, in Wirklichkeit eine strengere Behandlung verdient hatten, als ich sie ihnen in meiner Eigenschaft als einer der Sekretäre des ZK unserer Partei angedeihen ließ. Die nachfolgenden Ereignisse haben gezeigt, dass die „Abweichler“ eine sich zersetzende Fraktion des unverhülltesten Opportunismus sind. Möge Trotzki beweisen, dass das nicht stimmt. Lenin kannte diese Tatsachen nicht und konnte sie nicht kennen, da er krank war, zu Bett lag und keine Möglichkeit hatte, die Ereignisse zu verfolgen. Aber was für ein Zusammenhang kann zwischen diesem unbedeutenden Zwischenfall und dem prinzipiellen Standpunkt Stalins bestehen? Offenbar spielt hier Trotzki in verleumderischer Absicht auf irgendwelche „Meinungsverschiedenheiten“ zwischen mir und der Partei an. Ist es aber nicht Tatsache, dass das gesamte ZK, darunter auch Trotzki, einstimmig für Stalins Thesen zur nationalen Frage stimmte? Ist es etwa nicht Tatsache, dass diese Abstimmung nach dem Zwischenfall mit Mdiwani, vor unserem XII. Parteitag stattfand? Ist es etwa nicht Tatsache, dass das Referat zur nationalen Frage auf dem XII. Parteitag gerade Stalin hielt, und nicht irgendjemand anders? Wo also sind hier „Meinungsverschiedenheiten“ in der nationalen Frage, und warum war es Trotzki eigentlich daran gelegen, diesen unbedeutenden Zwischenfall zu erwähnen?

4. Kamenew erklärte in seiner Rede, unser XIV. Parteitag habe einen Fehler begangen, als er „das Feuer gegen links eröffnete“, das heißt, als er das Feuer gegen die Opposition eröffnete. Demnach kämpfte und kämpft also die Partei gegen den revolutionären Kern innerhalb der Partei. Demnach wäre also unsere Opposition eine linke Opposition und keine rechte.

Das ist alles Unsinn, Genossen. Das ist eine Verleumdung, die von unseren Oppositionellen verbreitet wird. Der XIV. Parteitag dachte nicht daran, das Feuer gegen die revolutionäre Mehrheit zu eröffnen, und konnte das auch nicht. In Wirklichkeit hat er das Feuer gegen die Rechten eröffnet, gegen unsere Oppositionellen, die eine rechte Opposition darstellen, obwohl sie sich in eine „linke“ Toga hüllen. Natürlich neigt die Opposition dazu, sich für eine „revolutionäre Linke“ zu halten. Aber der XIV. Parteitag unserer Partei stellte im Gegenteil fest, dass die Opposition sich nur mit „linken“ Phrasen maskiert, in Wirklichkeit aber eine opportunistische Opposition ist. Wir wissen, dass die rechte Opposition sich oft in eine „linke“ Toga hüllt, um die Arbeiterklasse irrezuführen. Die „Arbeiteropposition“ hielt sich ebenfalls für linker als alle anderen, in Wirklichkeit aber zeigte es sich, dass sie rechter war als alle anderen. Die jetzige Opposition hält sich ebenfalls für linker als alle anderen, aber die Praxis und die gesamte Arbeit der jetzigen Opposition beweisen, dass sie Sammelpunkt und Hort aller rechten opportunistischen Strömungen ist, von der „Arbeiteropposition“ und dem Trotzkismus bis zur „neuen Opposition“ und allen möglichen Souvarines.

Kamenew hat sich eine „kleine“ Fälschung geleistet hinsichtlich der „Linken“ und der „Rechten“.

5. Kamenew führte ein Zitat aus Lenin s Werken an, in dem es heißt, dass wir das sozialistische Fundament unserer Ökonomik noch nicht vollendet haben, und erklärte, dass die Partei einen Fehler begehe, wenn sie behauptet, wir hätten das sozialistische Fundament unserer Ökonomik bereits vollendet.

Das ist Unsinn, Genossen. Das ist eine glatte Verleumdung seitens Kamenews. Noch nie hat die Partei erklärt, dass sie das sozialistische Fundament unserer Ökonomik bereits vollendet habe. Der Streit geht jetzt durchaus nicht darum, ob wir das sozialistische Fundament unserer Ökonomik vollendet haben oder ob wir es noch nicht vollendet haben. Nicht darum geht jetzt der Streit. Der Streit geht lediglich darum, ob wir aus eigener Kraft das sozialistische Fundament unserer Ökonomik vollenden können oder nicht. Die Partei behauptet, dass wir die Möglichkeit besitzen, das sozialistische Fundament unserer Ökonomik zu vollenden. Die Opposition bestreitet das und gerät dadurch auf den Weg des Defätismus und des Kapitulantentums. Darum geht jetzt der Streit. Kamenew, der die Unsicherheit seines Standpunkts fühlt, versucht dieser Frage auszuweichen. Aber das wird ihm nicht gelingen.

Kamenew hat sich noch eine „kleine“ Fälschung geleistet.

6. Trotzki erklärte in seiner Rede, dass er „die Politik Lenin s im März-April 1917 vorweggenommen hat“. Demnach hätte also Trotzki die Aprilthesen des Genossen Lenin „vorweggenommen“. Demnach wäre Trotzki schon im Februar-März 1917 selbständig zu der Politik gelangt, die Genosse Lenin im April-Mai 1917 in seinen Aprilthesen verfocht.

Erlauben Sie mir die Feststellung, Genossen, dass das eine dumme und unanständige Prahlerei ist. Trotzki, der Lenin „vorwegnimmt“ - das ist wirklich ein Bild zum Lachen. Die Bauern haben vollkommen recht, wenn sie in solchen Fällen zu sagen pflegen: „Da hat man eine Fliege mit einem Turm verglichen.“ (Heiterkeil.) Trotzki, der Lenin „vorwegnimmt“ ... Möge sich Trotzki doch einmal hervorwagen und versuchen, das in der Presse zu beweisen. Warum hat er kein einziges Mal einen solchen Versuch unternommen? Trotzki hat Lenin „vorweggenommen“... Wodurch aber ist dann die Tatsache zu erklären, dass Genosse Lenin es von seinem Eintreffen in Rußland im April 1917 an für notwendig hielt, sich von der Position Trotzkis abzugrenzen? Wodurch ist die Tatsache zu erklären, dass der „Vorweggenommene“ es für notwendig hält, sich von drei „Vorwegnehmenden“ abzugrenzen? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Lenin im April 1917 mehrmals erklärte, er habe nichts gemein mit der Grundformel Trotzkis: „Weg mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung“? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Lenin zur gleichen Zeit mehrmals erklärte, er habe nichts gemein mit Trotzki, der versucht, die bäuerliche Bewegung, die Agrarrevolution zu überspringen?

Wie kann also hier die Rede sein von einer „Vorwegnahme“?

Die Schlussfolgerung: Wir brauchen Tatsachen, nicht aber Erfindungen und Verleumdungen, die Opposition dagegen zieht es vor, mit Erfindungen und Verleumdungen zu operieren.

2. Wofür die Feinde der Diktatur des Proletariats
die Opposition loben

Ich sprach in meinem Referat davon, dass die Feinde der Diktatur des Proletariats, die Menschewiki und die Kadetten aus der russischen Emigration, die Opposition loben. Ich sprach davon, dass sie die Opposition wegen ihrer Arbeit loben, die zur Untergrabung der Einheit der Partei und folglich zur Untergrabung der Diktatur des Proletariats führt. Ich führte eine Reihe von Zitaten an, die zeigen, dass die Feinde der Diktatur des Proletariats die Opposition gerade dafür loben, dass sie durch ihre Arbeit die antiproletarischen Kräfte im Lande entfesselt, unsere Partei und die proletarische Diktatur zu diskreditieren versucht und damit den Feinden der Diktatur des Proletariats ihr Werk erleichtert.

Als Antwort darauf berief sich Kamenew (und Sinowjew ebenfalls) anfangs auf die kapitalistische Presse des Westens, die, wie sich herausstellt, unsere Partei und auch Stalin lobt, dann berief er sich auf Ustrjalow, einen Smena-Wech-Mann[21] und Repräsentanten der bürgerlichen Spezialisten in unserem Lande, der sich mit dein Standpunkt unserer Partei solidarisiert.

Was die Kapitalisten betrifft, so bestehen bei ihnen große Meinungsverschiedenheiten über unsere Partei. So hat man zum Beispiel unlängst in der amerikanischen Presse Stalin gelobt, weil er angeblich den Amerikanern die Möglichkeit geben werde, große Konzessionen zu bekommen. Jetzt aber behauptet man, Stalin habe die Amerikaner „betrogen“, und es stellt sich heraus, dass man auf Stalin schimpft und flucht, was das Zeug hält. Einmal erschien in der bürgerlichen Presse eine Karikatur auf Stalin, wie er einen Eimer Wasser in den Händen hält und den Brand der Revolution löscht. Dann aber erschien als Widerlegung dieser Karikatur eine zweite, auf der Stalin einen Eimer, aber nicht mit Wasser, sondern mit Petroleum in den Händen hält, und es stellt sich heraus, dass Stalin den Brand der Revolution nicht löscht, sondern schürt. (Beifall, Heiterkeit.)

Wie Sie sehen, bestehen dort bei ihnen, bei den Kapitalisten, große Meinungsverschiedenheiten sowohl über den Standpunkt unserer Partei als auch über den Standpunkt Stalins.

Wenden wir uns jetzt Ustrjalow zu. Wer ist Ustrjalow? Ustrjalow ist der Repräsentant der bürgerlichen Spezialisten und der neuen Bourgeoisie überhaupt. Er ist ein Klassenfeind des Proletariats. Das lässt sich nicht bestreiten. Aber es gibt verschiedene Feinde. Es gibt Klassenfeinde, die sich mit der Sowjetmacht nicht abfinden und sie um jeden Preis zu stürzen versuchen. Es gibt aber auch Klassenfeinde, die sich so oder so mit der Sowjetmacht abfinden. Es gibt Feinde, die versuchen, Bedingungen für den Sturz der Diktatur des Proletariats vorzubereiten. Das sind die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre, die Kadetten und andere. Es gibt aber auch Feinde, die, in der Hoffnung, dass die Diktatur allmählich schwächer werden, entarten und dann den Interessen der neuen Bourgeoisie entgegenkommen werde, mit der Sowjetmacht zusammenarbeiten und den Kampf führen gegen diejenigen, die den Standpunkt des Sturzes der Sowjetmacht vertreten. Zu dieser Kategorie von Feinden gehört Ustrjalow.

Zu welchem Zweck berief sich Kamenew auf Ustrjalow? Vielleicht um zu zeigen, dass die Partei bei uns entartet sei und dass Ustrjalow deshalb Stalin beziehungsweise unsere Partei überhaupt lobe? Offenbar nicht zu diesem Zweck, denn das direkt zu sagen, wagte Kamenew nicht. Weshalb berief Kamenew sich dann aber auf Ustrjalow? Offenbar, um auf eine „Entartung“ anzuspielen.

Kamenew hat aber zu sagen vergessen, dass dieser selbe Ustrjalow noch mehr Lenin gelobt hat. Die lobenden Artikel Ustrjalows über Lenin sind unserer gesamten Partei bekannt. Was ist also los? Vielleicht ist Genosse Lenin „entartet“, oder vielleicht begann er zu „entarten“, als er die NÖP einführte? Man braucht diese Frage bloß zu stellen, um die ganze Absurdität einer solchen Annahme hinsichtlich einer „Entartung“ zu begreifen.

Also: Wofür lobt Ustrjalow Lenin und unsere Partei und wofür loben die Menschewiki und die Kadetten die Opposition - das ist die Frage, die man vor allen Dingen beantworten muss und die Kamenew mit allen Mitteln zu umgehen versucht.

Die Menschewiki und die Kadetten loben die Opposition dafür, dass sie die Einheit unserer Partei untergräbt, die Diktatur des Proletariats schwächt und damit den Menschewiki und den Kadetten ihre Arbeit zum Sturz der Sowjetmacht erleichtert. Das beweisen die Zitate. Ustrjalow aber lobt unsere Partei dafür, dass die Sowjetmacht die NÖP zugelassen, dass sie das Privatkapital zugelassen und dass sie bürgerliche Spezialisten zugelassen hat, deren Hilfe und Erfahrungen das Proletariat braucht.

Die Menschewiki und die Kadetten loben die Opposition dafür, dass sie ihnen durch ihre Fraktionsarbeit bei der Vorbereitung der Bedingungen für den Sturz der Diktatur des Proletariats hilft. Die Ustrjalow aber, die wissen, dass es unmöglich ist, die Diktatur des Proletariats zu stürzen, geben den Standpunkt des Sturzes der Sowjetmacht auf, versuchen, ein kleines Plätzchen neben der Diktatur des Proletariats zu erlangen, versuchen, sich ihr anzubiedern, und - loben die Partei dafür, dass sie die NÖP eingeführt und unter gewissen Bedingungen die neue Bourgeoisie zugelassen hat, die die Sowjetmacht für ihre Klassenziele ausnutzen will, die aber von der Sowjetmacht selbst für die Ziele der proletarischen Diktatur ausgenutzt wird.

Hierin liegt der Unterschied zwischen den verschiedenen Klassenfeinden des Proletariats unseres Landes.

Hierin liegt die Ursache dafür, dass die Menschewiki und die Kadetten die Opposition loben, die Herren Ustrjalow aber - unsere Partei.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Standpunkt Lenin s in dieser Frage lenken:

„Die soziale Ordnung“, sagt Lenin , „beruht in unserer Sowjetrepublik auf der Zusammenarbeit zweier Klassen, der Arbeiter und der Bauern, zu der jetzt noch die ‚NÖP-Leute’, d. h. die Bourgeoisie, unter gewissen Bedingungen zugelassen sind.“ ( Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 33, S. 444 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 1004].)

Gerade wegen dieser Zulassung der neuen Bourgeoisie zu einer gewissen bedingten Mitarbeit, natürlich unter bestimmten Bedingungen und unter der Kontrolle der Sowjetmacht - gerade deswegen lobt ja Ustrjalow unsere Partei, hofft er, dort anhaken und die Sowjetmacht für die Ziele der Bourgeoisie ausnutzen zu können. Wir aber, die Partei, haben andere Pläne: Wir wollen die Vertreter der neuen Bourgeoisie, ihre Erfahrungen, ihre Kenntnisse ausnutzen, um einen Teil von ihnen zu sowjetisieren, zu assimilieren, und den anderen „Teil, der sich als unfähig erweist, sich zu sowjetisieren, beiseite zu schieben.

Ist es etwa nicht Tatsache, dass Lenin einen Unterschied machte zwischen der neuen Bourgeoisie und den Menschewiki und Kadetten, dass er die erstgenannte zuließ und ausnutzte, während er die Menschewiki und Kadetten zu verhaften vorschlug?

Folgendes schrieb Lenin darüber in seiner Schrift „Über die Naturalsteuer“:

„Die Kommunisten brauchen sich nicht zu scheuen, bei den bürgerlichen Spezialisten, darunter auch bei den Händlern, den kleinkapitalistischen Genossenschaftlern und den Kapitalisten, in die ‚Lehre’ zu gehen. Sie sollen von ihnen der Form nach anders, aber im Wesentlichen ebenso lernen, wie sie von den Militärspezialisten gelernt und mit Erfolg gelernt haben. Die Ergebnisse der ,Lehre’ sollen nur an Hand der praktischen Erfahrung geprüft werden: Mache es besser als die bürgerlichen Spezialisten an deiner Seite, erzwinge auf diese und jene Weise eine Hebung der Landwirtschaft, eine Hebung der Industrie, eine Entwicklung des Umsatzes zwischen Landwirtschaft und Industrie. Knausere nicht bei der Bezahlung von ‚Lehrgeld’: Teures Lehrgeld zahlen ist nicht schade, wenn man nur ordentlich lernt.“ ( Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 32, S. 343 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 860].)

Das sagte Lenin von der neuen Bourgeoisie und den bürgerlichen Spezialisten, deren Repräsentant Ustrjalow ist.

Über die Menschewiki und Sozialrevolutionäre dagegen schrieb Lenin folgendes:

„Die ,Parteilosen’ dagegen, die in Wirklichkeit nichts anderes sind als in das Modegewand Kronstädter Parteilosigkeit verkleidete Menschewiki und Sozialrevolutionäre, muss man vorsorglich im Gefängnis halten oder nach Berlin zu Martow schicken, damit sie in Freiheit alle Herrlichkeiten der reinen Demokratie auskosten und mit Tschernow, Miljukow und den georgischen Menschewiki frei ihre Gedanken austauschen können.“ (Ebenda, S. 343, russ. [S.861, deutsch].)

Das sagte Lenin .

Vielleicht ist die Opposition nicht einverstanden mit Lenin ? Dann soll sie das offen sagen.

Dadurch erklärt sich die Tatsache, dass bei uns die Menschewiki und die Kadetten verhaftet werden, dass wir aber die neue Bourgeoisie unter bestimmten Bedingungen und mit bestimmten Einschränkungen zulassen, um, während wir sie mit Mitteln ökonomischer Art bekämpfen und sie Schritt für Schritt überwinden, gleichzeitig ihre Erfahrungen und ihre Kenntnisse für unseren wirtschaftlichen Aufbau auszunutzen.

Demnach loben also gewisse Klassenfeinde, wie zum Beispiel Ustrjalow, unsere Partei dafür, dass wir die NÖP eingeführt und die Bourgeoisie zu einer gewissen bedingten und begrenzten Mitarbeit an der bestehenden Sowjetordnung zugelassen haben, wobei wir uns das Ziel gesetzt haben, die Kenntnisse und Erfahrungen dieser Bourgeoisie für unseren Aufbau auszunutzen, was wir bekanntlich nicht ohne Erfolg tun. Andere Klassenfeinde dagegen, wie die Menschewiki und die Kadetten, loben die Opposition dafür, dass ihre Arbeit zur Untergrabung der Einheit unserer Partei, zur Untergrabung der Diktatur des Proletariats führt und den Menschewiki und Kadetten ihre Arbeit zum Sturz der Diktatur erleichtert.

Ich hoffe, dass die Opposition endlich begreift, wie groß der Unterschied ist zwischen dem Lob der ersten und dem Lob der zweiten Art.

3. Es gibt Fehler und Fehler

Die Opposition sprach hier von gewissen Fehlern einzelner Mitglieder des ZK. Einzelne Fehler sind gewiss vorgekommen. Wir haben keine absolut „fehlerfreien“ Menschen. Solche Menschen gibt es überhaupt nicht. Es gibt aber verschiedene Fehler. Es gibt Fehler, auf denen ihre Urheber nicht beharren und aus denen keine Plattformen, Strömungen, Fraktionen erwachsen. Solche Fehler werden schnell vergessen. Es gibt aber auch Fehler anderer Art, Fehler, auf denen ihre Urheber beharren und aus denen Fraktionen, Plattformen und der Kampf innerhalb der Partei erwachsen. Solche Fehler kann man nicht schnell vergessen.

Zwischen diesen beiden Kategorien von Fehlern muss man streng unterscheiden.

Trotzki sagt zum Beispiel, ich hätte einmal einen Fehler in bezug auf das Außenhandelsmonopol gemacht. Das stimmt. Ich habe wirklich zu einer Zeit, als in unseren Beschaffungsorganen Zerrüttung herrschte, empfohlen, vorübergehend einen der Häfen für die Ausfuhr von Getreide zu öffnen. Ich bestand aber nicht auf meinem Fehler und korrigierte ihn sofort nach Rücksprache mit Lenin . Ich könnte Dutzende, Hunderte solcher Fehler Trotzkis aufzählen, die dann vom ZK korrigiert wurden und auf denen er später nicht bestand. Wenn ich mich damit abgeben wollte, alle Fehler aufzuzählen, die sehr ernsten, die weniger ernsten und die wenig ernsten, die Trotzki bei seiner Arbeit im ZK begangen hat, auf denen er aber nicht beharrte und die vergessen worden sind - so müsste ich mehrere Referate darüber halten. Ich bin aber der Meinung, dass man im politischen Kampf, in der politischen Polemik nicht von solchen Fehlern sprechen sollte, sondern von den Fehlern, aus denen sich in der Folge Plattformen entwickelten und die einen Kampf innerhalb der Partei verursachten.

Trotzki und Kamenew aber haben gerade solche Fehler aufgegriffen, aus denen sich keine oppositionellen Strömungen entwickelt haben und die schnell vergessen wurden. Da nun die Opposition gerade diese Fragen angeschnitten hat, so gestatten Sie mir ebenfalls, hier an einige seinerzeit von den Führern der Opposition begangene Fehler dieser Art zu erinnern. Vielleicht wird ihnen das als Lehre dienen, und sie werden ein andermal nicht versuchen, sich an bereits vergessene Fehler zu klammern.

Es gab eine Zeit, da Trotzki im ZK unserer Partei behauptete, dass die Sowjetmacht an einem Haar hänge, dass „der Totenvogel schon gerufen hat“ und die Sowjetmacht nur noch einige Monate, vielleicht sogar nur einige Wochen zu leben habe. Das war im Jahre 1921. Das war ein sehr gefährlicher Fehler, der ein Beweis war für die gefährlichen Stimmungen Trotzkis. Das ZK aber lachte ihn deswegen aus, Trotzki beharrte nicht auf diesem seinem Fehler, und der Fehler wurde vergessen.

Es gab eine Zeit - das war im Jahre 1922 -, als Trotzki vorschlug, unseren Industriebetrieben und Trusts zu gestatten, Staatseigentum, darunter auch das Grundkapital, an Privatkapitalisten zu verpfänden, um Kredite zu bekommen. (Genosse Jaroslawski: „Das ist der Weg der Kapitulation.“) Sehr wahrscheinlich. Auf jeden Fall wäre das die Voraussetzung für eine Denationalisierung unserer Betriebe gewesen. Das ZK aber lehnte diesen Plan ab, Trotzki wollte nicht nachgeben, beharrte über dann nicht weiter auf seinem Fehler, und der Fehler ist jetzt vergessen.

Es gab eine Zeit - das war im Jahre 1922 -, als Trotzki die äußerste Konzentration unserer Industrie empfahl, eine so wahnwitzige Konzentration, dass unvermeidlich etwa ein Drittel unserer Arbeiterklasse ohne Arbeit geblieben wäre. Das ZK lehnte diesen Vorschlag Trotzkis als scholastisch, unsinnig und politisch gefährlich ab. Trotzki versuchte mehrmals dem ZK einzureden, dass man in Zukunft doch diesen Weg werde beschreiten müssen. Wir haben diesen Weg jedoch nicht beschritten. (Zwischenruf: „Dann hätte man die Putilow-Werke schließen müssen.“) Jawohl, dahin hätte das geführt. Aber in der Folge beharrte Trotzki nicht weiter auf seinem Fehler, und der Fehler wurde vergessen.

Und so weiter und so fort.

Oder nehmen wir die Freunde Trotzkis, Sinowjew und Kamenew, die gern immer wieder daran erinnern, dass Bucharin einmal gesagt hat „Bereichert euch!“, und die auf diesem „Bereichert euch!“ ständig herumreiten.

Es war im Jahre 1922, als wir die Frage der Urquhart-Konzession, der knechtenden Bedingungen dieser Konzession behandelten. Und was geschah? Ist es etwa nicht Tatsache, dass Kamenew und Sinowjew den Vorschlag machten, die knechtenden Bedingungen der Urquhart-Konzession anzunehmen, und dass sie auf ihrem Vorschlag beharrten? Das ZK aber lehnte die Urquhart-Konzession ab, Sinowjew und Kamenew beharrten nicht mehr auf ihrem Fehler, und der Fehler wurde vergessen.

Oder nehmen wir zum Beispiel noch einen Fehler Kamenews, über den ich nicht sprechen wollte, an den zu erinnern mich Kamenew jedoch zwingt, denn wir haben es satt, immer wieder an den Fehler Bucharins erinnert zu werden, einen Fehler, den Bucharin schon längst korrigiert und liquidiert hat. Ich spreche von einem Zwischenfall, der Kamenew in der Verbannung in Sibirien passierte, als er sich nach der Februarrevolution zusammen mit namhaften sibirischen Kaufleuten (in Atschinsk) an der Absendung eines Begrüßungstelegramms an den Konstitutionalisten Michael Romanow beteiligte (Rufe: „Eine Schande!“), an denselben Michael Romanow, dem der Zar nach seinem Verzicht auf den Thron „das Recht auf den Thron“ übergab. Natürlich war das ein ganz dummer Fehler, und für diesen Fehler hat Kamenew während der Aprilkonferenz im Jahre 1917 einen tüchtigen Rüffel von unserer Partei bekommen. Aber Kamenew gab seinen Fehler zu, und der Fehler wurde vergessen.

Ist es nötig, an Fehler solcher Art zu erinnern? Natürlich ist das nicht nötig, denn sie sind vergessen und schon längst liquidiert. Warum halten dann Trotzki und Kamenew denen, die in der Partei gegen sie opponieren, immer wieder diese Fehler vor? Ist es nicht klar, dass sie uns damit nur zwingen, an die zahlreichen Fehler der Führer der Opposition zu erinnern? Und wir sind gezwungen, das zu tun, und sei es auch nur, um der Opposition das Nörgeln und das Klatschen abzugewöhnen.

Aber es gibt auch Fehler anderer Art, Fehler, auf denen ihre Urheber beharren und aus denen sich in der Folge fraktionelle Plattformen entwickeln. Das sind schon Fehler ganz anderer Natur. Die Aufgabe der Partei besteht darin, solche Fehler aufzudecken und zu überwinden. Denn die Überwindung solcher Fehler ist das einzige Mittel, um die Prinzipien des Marxismus in der Partei fest zu verankern, die Einheit der Partei zu wahren, die Fraktionsmacherei zu liquidieren und eine Garantie gegen die Wiederholung solcher Fehler zu schaffen.

Nehmen wir zum Beispiel den Fehler Trotzkis zur Zeit des Brester Friedens, der sich zu einer ganzen Plattform gegen die Partei auswuchs. Muss man gegen solche Fehler offen und entschieden kämpfen? Ja, das muss man.

Oder einen anderen Fehler Trotzkis, den Fehler während der Gewerkschaftsdiskussion, der zu einer Parteidiskussion in gesamtrussischem Maßstab führte.

Oder zum Beispiel den Fehler Sinowjews und Kamenews im Oktober, der vor dem Aufstand im Oktober 1917 eine Krise in der Partei hervorrief.

Oder zum Beispiel die jetzigen Fehler des Oppositionsblocks, die zur Herausbildung einer fraktionellen Plattform und zum Kampf gegen die Partei geführt haben.

Und so weiter und so fort.

Muss man gegen solche Fehler offen und entschieden kämpfen? Ja, das muss man.

Kann man solche Fehler mit Schweigen übergehen, wenn es sich um Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei handelt? Es ist klar, dass man das nicht kann.

4. Die Diktatur des Proletariats nach Sinowjew

Sinowjew sprach in seiner Rede über die Diktatur des Proletariats und versicherte, dass Stalin den Begriff der Diktatur des Proletariats in dem bekannten Artikel „Zu den Fragen des Lenin ismus“ nicht richtig erkläre.

Das ist Unsinn, Genossen. Sinowjew versucht hier, die Schuld von sich auf andere abzuwälzen. In Wirklichkeit kann es sich nur darum handeln, dass Sinowjew den Lenin schen Begriff der Diktatur des Proletariats entstellt.

Bei Sinowjew gibt es zwei Versionen hinsichtlich der Diktatur des Proletariats, von denen keine als marxistisch bezeichnet werden kann und die einander von Grund aus widersprechen.

Die erste Version. Ausgehend von der richtigen These, dass die Partei die grundlegende führende Kraft im System der Diktatur des Proletariats ist, kommt Sinowjew zu der völlig falschen Schlussfolgerung, dass die Diktatur des Proletariats die Diktatur der Partei sei. Damit identifiziert Sinowjew die Diktatur der Partei mit der Diktatur des Proletariats.

Was aber heißt die Diktatur der Partei mit der Diktatur des Proletariats identifizieren?

Das heißt erstens, ein Gleichheitszeichen setzen zwischen Klasse und Partei, zwischen dem Ganzen und einem Teil dieses Ganzen, was absurder und purer Unsinn ist. Lenin hat niemals die Partei mit der Klasse identifiziert und konnte das auch nicht tun. Zwischen der Partei und der Klasse steht eine ganze Reihe von parteilosen Massenorganisationen des Proletariats, hinter diesen Organisationen aber steht die gesamte Masse der Proletarierklasse. Die Rolle und die Bedeutung dieser parteilosen Massenorganisationen oder gar der gesamten Masse der Arbeiterklasse ignorieren und glauben, die Partei könne die parteilosen Massenorganisationen des Proletariats und die gesamte proletarische Masse überhaupt ersetzen, hieße die Partei von den Massen loslösen, die Partei aufs äußerste bürokratisieren, die Partei als eine unfehlbare Kraft hinstellen, in der Partei „Netsdiajew-Methoden“[22] kultivieren, ein „Araktschejew-Regime“[23] errichten.

Es erübrigt sich zu sagen, dass Lenin mit einer solchen „Theorie“ der Diktatur des Proletariats nichts gemein hat.

Das heißt zweitens, die Diktatur der Partei nicht im übertragenen Sinne auffassen, nicht im Sinne der Führung der Arbeiterklasse durch die Partei, eben wie Genosse Lenin die Diktatur auffasste, sondern im strengen Sinne des Wortes „Diktatur“, das heißt im Sinne der Ersetzung der Führung durch die Gewaltanwendung der Partei gegenüber der Arbeiterklasse. Denn was heißt Diktatur im strengen Sinne dieses Wortes? Diktatur im strengen Sinne dieses Wortes ist eine Macht, die sich auf Gewalt stützt, denn ohne Elemente der Gewalt gibt es keine Diktatur, wenn man Diktatur im strengen Sinne dieses Wortes meint. Kann die Partei eine Macht sein, die sich auf Gewalt gegenüber ihrer eigenen Klasse, gegenüber der Mehrheit der Arbeiterklasse stützt? Es ist klar, dass sie das nicht sein kann. Andernfalls wäre das keine Diktatur über die Bourgeoisie, sondern eine Diktatur über die Arbeiterklasse.

Die Partei ist der Lehrer, der Leiter, der Führer ihrer Klasse, nicht aber eine Macht, die sich auf Gewalt gegenüber der Mehrheit der Arbeiterklasse stützt. Sonst wäre es sinnlos, von der Methode der Überzeugung als von der Hauptmethode der Arbeit der proletarischen Partei in den Reihen der Arbeiterklasse zu reden. Sonst wäre es sinnlos, davon zu reden, dass die Partei die breiten Massen des Proletariats von der Richtigkeit ihrer Politik überzeugen muss, dass nur in dem Maße, wie die Partei diese Aufgabe erfüllt, sie sich für eine wirkliche Massenpartei halten kann, die fähig ist, das Proletariat in den Kampf zu führen. Sonst müsste die Partei die Methode der Überzeugung durch Befehle und Drohungen gegenüber dem Proletariat ersetzen, was absurd und absolut unvereinbar ist mit der marxistischen Auffassung von der Diktatur des Proletariats.

Zu einem solchen Unsinn führt die „Theorie“ Sinowjews von der Identifizierung der Diktatur (der Führung) der Partei mit der Diktatur des Proletariats.

Es erübrigt sich zu sagen, dass Lenin mit dieser „Theorie“ nichts gemein hat.

Gegen diesen Unsinn wandte ich mich in meinem Artikel „Zu den Fragen des Lenin ismus“, als ich gegen Sinowjew auftrat.

Es dürfte vielleicht nicht überflüssig sein zu erklären, dass dieser Artikel geschrieben und in Druck gegeben wurde mit völliger Zustimmung und Billigung der führenden Genossen unserer Partei.

So steht es mit der ersten Sinowjewschen Version der Diktatur des Proletariats.

Und nun die zweite Version. Während die erste Version eine Entstellung des Lenin ismus in der einen Richtung darstellt, ist die zweite Version eine Entstellung in einer völlig anderen, der ersten direkt entgegengesetzten Richtung. Diese zweite Version besteht darin, dass Sinowjew die Diktatur des Proletariats nicht als Führung durch eine Klasse, die Klasse der Proletarier, definiert, sondern als Führung durch zwei Klassen, durch die Arbeiter und die Bauern.

Sinowjew sagt hierüber folgendes:

„Jetzt liegt die Führung, das Steuer, die Lenkung des staatlichen Lebens in den Händen zweier Klassen - der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.“ (G. Sinowjew, „Das Bündnis der Arbeiter und Bauern und die Rote Armee“, Verlag „Priboi“, Lenin grad 1925, S. 4.)

Kann man bestreiten, dass gegenwärtig bei uns die Diktatur des Proletariats besteht? Nein, das kann man nicht. Worin besteht die Diktatur des Proletariats in unserem Lande? Nach Sinowjew besteht sie, wie sich herausstellt, darin, dass zwei Klassen das staatliche Leben unseres Landes leiten. Ist das zu vereinbaren mit der marxistischen Auffassung von der Diktatur des Proletariats? Es ist klar, dass das nicht zu vereinbaren ist.

Lenin sagt, dass die Diktatur des Proletariats die Herrschaft einer Klasse, der Klasse der Proletarier, ist. Bei Bestehen des Bündnisses zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft findet die Alleinherrschaft des Proletariats ihren Ausdruck darin, dass die führende Kraft in diesem Bündnis das Proletariat, seine Partei ist, die die Führung des staatlichen Lebens mit einer anderen Kraft oder mit einer anderen Partei nicht teilt und nicht teilen kann. Das alles ist so elementar und unbestreitbar, dass kaum eine Notwendigkeit besteht, diese elementaren Dinge zu erklären. Nach Sinowjew aber bedeutet die Diktatur des Proletariats die Führung zweier Klassen. Weshalb dann aber eine solche Diktatur als Diktatur des Proletariats bezeichnen und nicht als Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft? Und ist es etwa nicht klar, dass wir bei der Sinowjewschen Auffassung von der Diktatur des Proletariats die Führung zweier Parteien haben müssten, entsprechend den zwei Klassen, die am „Steuer des staatlichen Lebens“ stehen? Was kann es Gemeinsames geben zwischen dieser „Theorie“ Sinowjews und der marxistischen Auffassung von der Diktatur des Proletariats?

Es erübrigt sich zu sagen, dass Lenin mit dieser „Theorie“ nichts gemein hat.

Die Schlussfolgerung: Sinowjew entstellt offenkundig die Lenin sche Lehre von der Diktatur des Proletariats, ganz gleich, ob wir es mit der ersten Version der Sinowjewschen „Theorie“ zu tun haben oder mit der zweiten.

5. Die orakelhaften Aussprüche Trotzkis

Ich möchte ferner bei einigen doppelsinnigen Erklärungen Trotzkis verweilen, die im Grunde genommen den Zweck haben, die Menschen irrezuführen. Ich möchte nur einige Tatsachen anführen.

Die erste Tatsache: Auf die Frage, wie Trotzki zu seiner menschewistischen Vergangenheit steht, antwortete er nicht ohne eine gewisse Pose:

„Schon allein die Tatsache, dass ich in die bolschewistische Partei eintrat..., schon diese Tatsache allein beweist, dass ich an der Schwelle der Partei all das abgelegt habe, was mich bis dahin vom Bolschewismus trennte.“

Was bedeutet es „an der Schwelle der Partei all das ablegen“, was Trotzki „vom Bolschewismus trennte“? Remmele hatte recht, als er darauf den Zwischenruf machte: „Wie kann man solche Dinge auf die Schwelle der Partei abladen.“ Und in der Tat, wie kann man solchen Unflat auf die Schwelle der Partei abladen? (Heiterkeit.) Diese Frage ist dann auch von Trotzki nicht beantwortet worden.

Außerdem, was bedeutet es, wenn Trotzki an der Schwelle der Partei seine menschewistischen Überreste ablegt? Hat er diese Dinge an der Schwelle der Partei abgelegt als Reserve für künftige Kämpfe in der Partei, oder hat er sie einfach verbrannt? Es sieht ganz so aus, als ob Trotzki sie an der Schwelle der Partei als Reserve abgelegt hat. Denn wodurch könnte man sonst Trotzkis permanente Meinungsverschiedenheiten mit der Partei erklären, die kurze Zeit nach dem Eintritt Trotzkis in die Partei begannen und bis heute fortdauern?

Urteilen Sie selbst. 1918 - Trotzkis Meinungsverschiedenheiten mit der Partei in der Frage des Brester Friedens und Kampf innerhalb der Partei. 1920/21 - Trotzkis Meinungsverschiedenheiten mit der Partei über die Gewerkschaftsbewegung und Diskussion im gesamtrussischen Maßstab. 1923 - Trotzkis Meinungsverschiedenheiten mit der Partei in den Grundfragen des Parteiaufbaus und der Wirtschaftspolitik, Diskussion in der Partei. 1924 - Trotzkis Meinungsverschiedenheiten mit der Partei in der Frage der Einschätzung der Oktoberrevolution und der führenden Rolle der Partei, Diskussion in der Partei. 1925/26 - Meinungsverschiedenheiten Trotzkis und seines Oppositionsblocks mit der Partei in den Grundfragen unserer Revolution und der Tagespolitik.

Sind das nicht gar zu viele Meinungsverschiedenheiten für einen Menschen, der „an der Schwelle der Partei all das abgelegt hat, was ihn vom Bolschewismus trennte“?

Kann man sagen, dass diese permanenten Meinungsverschiedenheiten Trotzkis mit der Partei ein „zufällig vorgefallener Zufall“ seien, nicht aber eine gesetzmäßige Erscheinung?

Das kann man wohl kaum sagen.

Welches Ziel kann dann diese mehr als doppelsinnige Erklärung Trotzkis verfolgen?

Ich glaube, nur ein Ziel: den Hörern Sand in die Augen zu streuen und sie irrezuführen.

Eine weitere Tatsache: Es ist bekannt, dass die Frage der „Theorie“ Trotzkis von der permanenten Revolution vom Standpunkt der Ideologie unserer Partei, vom Standpunkt der Perspektiven unserer Revolution keine geringe Bedeutung hat. Es ist bekannt, dass diese „Theorie“ Anspruch darauf erhob und weiter erhebt, mit der Theorie des Lenin ismus in der Frage der Triebkräfte unserer Revolution zu konkurrieren. Es ist deshalb durchaus begreiflich, dass an Trotzki wiederholt die Frage gerichtet wurde, wie er jetzt, im Jahre 1926, zu seiner „Theorie“ der permanenten Revolution steht. Welche Antwort aber gab Trotzki in seiner Rede auf dem Plenum der Komintern? Eine mehr als doppelsinnige Antwort. Er sagte, dass die „Theorie“ der permanenten Revolution einige „Lücken“ aufweist, dass einige Seiten dieser „Theorie“ von unserer revolutionären Praxis nicht bestätigt worden sind. Das soll heißen, dass, wenn auch einige Seiten dieser „Theorie“ „Lücken“ aufweisen, es auch andere Seiten dieser „Theorie“ gibt, die keine „Lücken“ aufweisen und folglich in Kraft bleiben müssen. Wie kann man aber einige Seiten der „Theorie“ der permanenten Revolution von den anderen Seiten dieser „Theorie“ trennen? Ist denn die „Theorie“ der permanenten Revolution nicht ein geschlossenes System von Anschauungen? Kann man denn die „Theorie“ der permanenten Revolution wie einen Kasten betrachten, von dem zwei Ecken, sagen wir, verfault, die übrigen beiden Ecken aber ganz und erhalten geblieben sind? Und dann, kann man sich denn hier mit einer einfachen und zu nichts verpflichtenden Erklärung über „Lücken“ im allgemeinen begnügen, ohne zu sagen, welche „Lücken“ Trotzki meint und welche Seiten der „Theorie“ der permanenten Revolution er für falsch hält? Trotzki spricht von einigen „Lücken“ der „Theorie“ der permanenten Revolution, aber welche „Lücken“ er meint und welche Seiten dieser „Theorie“ er für falsch hält - darüber hat er kein Wort gesagt. Deshalb muss man Trotzkis Erklärung zu dieser Frage als ein Ausweichen vor dieser Frage ansehen, als einen Versuch, sich mit der doppelsinnigen Phrase von den „Lücken“ herauszureden, einer Phrase, die Trotzki zu nichts verpflichtet.

Trotzki machte es hier so wie in alter Zeit gewisse schlaue Orakelpriester, die den Fragestellern doppelsinnige Antworten erteilten, wie zum Beispiel: „Beim Übergang über den Fluss wird ein großes Heer geschlagen werden.“ Über welchen Fluss, wessen Heer geschlagen werden wird - das verstehe, wer kann. (Heiterkeit.)

6. Sinowjew in der Rolle eines Schuljungen, der Marx, Engels
und Lenin zitiert

Ich möchte ferner einige Worte sagen über die besondere Manier, wie Sinowjew die Klassiker des Marxismus zitiert. Ein charakteristischer Zug dieser Sinowjewschen Manier besteht darin, alle Perioden und Daten durcheinander zu bringen, sie auf einen Haufen zu werfen, einzelne Leitsätze und Formeln von Marx und Engels aus ihrem lebendigen Zusammenhang mit der Wirklichkeit herauszureißen, sie in ausgehöhlte Dogmen zu verwandeln und auf diese Weise die Hauptforderung von Marx und Engels zu verletzen, die darin besteht, dass der „Marxismus kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist“.

Hier einige Tatsachen.

1. Die erste Tatsache: Sinowjew führte in seiner Rede das bekannte Zitat aus Marx’ Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ an, das besagt, dass „die Aufgabe des Arbeiters (es handelt sich um den Sieg des Sozialismus. J. St.) ... nirgendwo gelöst wird innerhalb der nationalen Wände"[24]

Sinowjew führte ferner folgendes Zitat aus einem Brief von Marx an Engels (1858) an:

„Die schwierige question (Frage) für uns ist die: auf dem Kontinent ist die Revolution imminent (bevorstehend) und wird auch sofort einen sozialistischen Charakter annehmen. Wird sie in diesem kleinen Winkel nicht notwendig gecrusht (erdrückt) werden, da auf viel größerem Terrain das movement (die Bewegung) der bürgerlichen Gesellschaft noch ascendant (im Aufsteigen) ist)“ (Siehe K. Marx und F. Engels, „Briefe“, S. 74/75[25].)

Sinowjew führt diese Zitate von Marx aus der Zeit der vierziger und fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts an und gelangt zu der Schlussfolgerung, dass damit die Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern für alle Zeiten und Perioden des Kapitalismus negativ beantwortet ist.

Kann man behaupten, dass Sinowjew Marx, dessen Standpunkt, dessen Grundlinie in der Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern verstanden hat? Nein, das kann man nicht behaupten. Im Gegenteil. Aus diesen Zitaten ersieht man, dass Sinowjew Marx überhaupt nicht verstanden hat, dass er den grundlegenden Standpunkt von Marx entstellt hat.

Folgt aus den Zitaten von Marx, dass der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern unter allen Bedingungen der Entwicklung des Kapitalismus unmöglich ist? Nein, das folgt nicht daraus. Aus den Worten von Marx folgt lediglich, dass der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern nur in dem Falle unmöglich ist, wenn „die Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft noch im Aufsteigen ist“. Was aber tritt ein, wenn die Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit durch den Lauf der Dinge ihre Richtung ändert und beginnt, in absteigender Linie zu verlaufen? Aus den Worten von Marx ergibt sich, dass unter solchen Bedingungen kein Grund mehr vorliegt, die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern zu verneinen.

Sinowjew vergisst, dass sich die Zitate von Marx auf die Periode des vormonopolistischen Kapitalismus beziehen, als sich der Kapitalismus in seiner Gesamtheit in aufsteigender Linie entwickelte, als das Wachstum des Kapitalismus in seiner Gesamtheit nicht von dem Fäulnisprozess eines kapitalistisch so entwickelten Landes wie England begleitet war, als das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung noch nicht einen so gewaltigen Faktor der Zersetzung des Kapitalismus darstellte und nicht darstellen konnte wie in der Folge, in der Periode des monopolistischen Kapitalismus, in der Periode des Imperialismus. Für die Periode des vormonopolistischen Kapitalismus sind die Worte von Marx, dass die Lösung der Hauptaufgabe der Arbeiterklasse in einzelnen Ländern unmöglich ist, vollkommen richtig. Ich sagte bereits in meinem Referat auf der XV. Konferenz der KPdSU(B), dass die Frage des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern früher, in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, negativ beantwortet wurde und dass das vollkommen richtig war. Jetzt aber, in der gegenwärtigen Periode des Kapitalismus, wo der vormonopolistische Kapitalismus in den imperialistischen Kapitalismus umgeschlagen ist - kann man da behaupten, dass sich der Kapitalismus in seiner Gesamtheit in aufsteigender Linie entwickelt? Nein, das kann man nicht behaupten. Lenin s Analyse des ökonomischen Wesens des Imperialismus zeigt, dass sich in der Periode des Imperialismus die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit in absteigender Linie bewegt. Lenin hat vollkommen Recht, wenn er erklärt, dass der monopolistische Kapitalismus, der imperialistische Kapitalismus, sterbender Kapitalismus ist. Genosse Lenin sagt darüber folgendes:

„Es ist begreiflich, warum der Imperialismus sterbender Kapitalismus ist und den Übergang zum Sozialismus bildet: das aus dem Kapitalismus hervor wachsende Monopol ist schon das Sterben des Kapitalismus, der Beginn seines Überganges in den Sozialismus. Die gewaltige Vergesellschaftung der Arbeit durch den Imperialismus (das, was seine Apologeten, die bürgerlichen Ökonomen, ‚Verflechtung’ nennen) bedeutet dasselbe.“ (Siehe Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 23, S. 96, russ.)

Der vormonopolistische Kapitalismus, der sich in seiner Gesamtheit in aufsteigender Linie entwickelte, ist etwas ganz anderes als der imperialistische Kapitalismus, da die Welt bereits unter den kapitalistischen Gruppen aufgeteilt ist, da die sprunghafte Entwicklung des Kapitalismus Neuaufteilungen der bereits aufgeteilten Welt, und zwar auf dem Wege kriegerischer Zusammenstöße erfordert, da die Konflikte und Kriege zwischen den imperialistischen Gruppen, die auf dieser Grundlage ausbrechen, die Weltfront des Kapitalismus schwächen, sie leicht verwundbar machen und die Möglichkeit schaffen, diese Front in einzelnen Ländern zu durchbrechen. Damals, unter den Bedingungen des vormonopolistischen Kapitalismus, war der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern unmöglich. Jetzt, in der Periode des Imperialismus, in der Periode des sterbenden Kapitalismus, ist der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern bereits möglich geworden.

Darum handelt es sich, Genossen, und das ist es, was Sinowjew nicht begreifen will.

Sie sehen, dass Sinowjew Marx zitiert wie ein Schuljunge, der sich, ohne Marx’ Standpunkt zu berücksichtigen, an einzelne Zitate von Marx klammert, diese Zitate aber nicht wie ein Marxist anwendet, sondern wie ein Sozialdemokrat.

Worin besteht die revisionistische Manier des Zitierens von Marx? Die revisionistische Manier des Zitierens von Marx besteht in der Verfälschung des Standpunkts von Marx durch Berufung auf Zitate aus einzelnen Thesen von Marx, die aus dem Zusammenhang mit den konkreten Bedingungen einer bestimmten Epoche herausgerissen werden.

Worin besteht die Sinowjewsche Manier des Zitierens von Marx? Die Sinowjewsche Manier des Zitierens von Marx besteht in der Verfälschung des Standpunkts von Marx durch Berufung auf den Buchstaben, auf Zitate von Marx, die aus dem lebendigen Zusammenhang mit den Bedingungen der Entwicklung in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts herausgerissen und in ein Dogma verwandelt werden.

Ich glaube, ein Kommentar ist hier überflüssig.

2. Die zweite Tatsache. Sinowjew zitiert die Worte von Engels aus den „Grundsätzen des Kommunismus“[26] (1847), dass die Arbeiterrevolution „nicht in einem einzigen Lande allein vor sich gehen kann“, stellt diese Worte von Engels meiner Erklärung auf der XV. Konferenz der KPdSU(B) gegenüber, dass wir in der UdSSR bereits neun Zehntel der von Engels aufgestellten zwölf Forderungen verwirklicht haben, und zieht daraus zwei Schlussfolgerungen: erstens, dass der Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern unmöglich ist, zweitens, dass ich in meiner Erklärung die gegenwärtigen Verhältnisse in der UdSSR in zu rosigen Farben schildere.

Was die Engels-Zitate betrifft, so muss man sagen, dass Sinowjew hier bei der Auslegung der Zitate denselben Fehler begeht wie in bezug auf Marx. Es ist klar, dass Engels in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus, in einer Periode, als sich die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit in aufsteigender Linie entwickelte, zu einer negativen Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einzelnen Ländern kommen musste. Diese These von Engels, die im Hinblick auf die alte Periode des Kapitalismus aufgestellt wurde, mechanisch auf die neue Periode des Kapitalismus, auf die imperialistische Periode übertragen - heißt den Standpunkt von Engels und Marx entstellen um des Buchstabens willen, um eines einzelnen Zitats willen, das aus dem Zusammenhang mit den realen Bedingungen der Entwicklung in der Periode des vormonopolistischen Kapitalismus herausgerissen wird. Ich sagte bereits in meinem Referat auf der XV. Konferenz der KPdSU(B), dass diese Formel von Engels seinerzeit die einzig richtige Formel war. Aber man muss doch begreifen, dass man die Periode der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als keine Rede sein konnte von einem sterbenden Kapitalismus, nicht auf eine Stufe stellen kann mit der gegenwärtigen Entwicklungsperiode des Kapitalismus, mit der Periode des Imperialismus, wo der Kapitalismus in seiner Gesamtheit sterbender Kapitalismus ist. Ist es etwa schwer, zu begreifen, dass das, was damals als unmöglich galt, jetzt, unter den neuen Bedingungen des Kapitalismus, möglich und notwendig geworden ist?

Sie sehen, dass Sinowjew auch hier in Bezug auf Engels, genauso wie in Bezug auf Marx, seiner revisionistischen Manier, die Klassiker des Marxismus zu zitieren, treu geblieben ist.

Was nun die zweite Schlussfolgerung Sinowjews betrifft, so hat er Engels in Bezug auf die zwölf Forderungen beziehungsweise Maßregeln der Arbeiterrevolution direkt entstellt. Sinowjew stellt die Sache so hin, als gäbe Engels in seinen zwölf Forderungen ein ausführliches Programm des Sozialismus bis einschließlich der Aufhebung der Klassen, der Beseitigung der Warenproduktion und folglich der Abschaffung des Staates. Das trifft aber keineswegs zu. Das ist eine völlige Entstellung der Auffassung von Engels. In den zwölf Forderungen von Engels ist weder über die Aufhebung der Klassen noch über die Beseitigung der Warenwirtschaft, noch über die Abschaffung des Staates, noch über die Abschaffung aller und jeglicher Formen des Privateigentums auch nur ein einziges Wort enthalten. Im Gegenteil: Die zwölf Forderungen von Engels gehen von dem Bestehen der „Demokratie“ aus (Engels verstand damals unter „Demokratie“ die Diktatur des Proletariats), vom Bestehen der Klassen und der Warenwirtschaft. Engels erklärt direkt, dass seine zwölf Forderungen den direkten „Angriff auf das Privateigentum“ (nicht aber dessen völlige Abschaffung) und „die Sicherstellung der Existenz des Proletariats“ (nicht aber die Aufhebung des Proletariats als Klasse) zum Ziele haben. Hier die Worte Engels’:

„Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist... Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung, und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen ... Die Demokratie würde dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt würde. Die hauptsächlichsten dieser Maßregeln, wie sie sich schon jetzt als notwendige Folgen der bestehenden Verhältnisse ergeben, sind folgende.“

Dann folgt die Aufzählung der bereits bekannten zwölf Forderungen beziehungsweise Maßregeln. (Siehe Engels, „Grundsätze des Kommunismus“.)

Sie sehen also, dass es sich bei Engels nicht um ein ausführliches Programm des Sozialismus bis einschließlich der Aufhebung der Klassen, der Abschaffung des Staates, der Beseitigung der Warenproduktion usw. handelt, sondern um die ersten Schritte der sozialistischen Revolution, um die ersten Maßnahmen, die notwendig sind, um den unmittelbaren Angriff auf das Privateigentum zu führen, die Existenz der Arbeiterklasse sicherstellen und die politische Herrschaft des Proletariats festigen zu können.

Die einzige Schlussfolgerung: Sinowjew hat Engels entstellt, als er seine zwölf Forderungen als ausführliches Programm des Sozialismus charakterisierte.

Worüber sprach ich in meinem Schlusswort auf der XV. Konferenz der KPdSU(B)? Ich sprach davon, dass neun Zehntel der Engelsschen Forderungen beziehungsweise Maßregeln, die die ersten Schritte der sozialistischen Revolution darstellen, bei uns in der UdSSR bereits verwirklicht sind.

Heißt das, dass der Sozialismus bei uns bereits verwirklicht ist? Es ist klar, dass es das nicht heißt.

Sinowjew hat also, getreu seiner Manier zu zitieren, eine „kleine“ Verdrehung in Bezug auf meine Erklärung auf der XV. Konferenz der KPdSU(B) vorgenommen.

Dahin gelangt Sinowjew mit seiner spezifischen Manier, wie er Marx und Engels zitiert.

Die Sinowjewsche Manier des Zitierens erinnert mich an eine recht lustige „Geschichte“ von den Sozialdemokraten, die uns ein schwedischer revolutionärer Syndikalist in Stockholm erzählte. Es war im Jahre 1906 während des Stockholmer Parteitags unserer Partei. Dieser schwedische Genosse schilderte in seiner Erzählung recht belustigend die haarspalterische Manier einiger Sozialdemokraten, Marx und Engels zu zitieren, und wir Parteitagsdelegierten bogen uns vor Lachen beim Zuhören. Der Inhalt dieser „Geschichte“ war folgender: Die Sache spielt sich in der Krim ab, während des Aufstands der Flotte und der Infanterie. Es erscheinen Vertreter der Flotte und der Infanterie und sagen zu den Sozialdemokraten: Ihr habt uns in den letzten Jahren zum Aufstand gegen den Zarismus aufgerufen, wir haben uns überzeugt, dass ihr mit eurem Aufruf recht habt. Wir, Matrosen und Soldaten, sind übereingekommen, uns zu erheben, und wenden uns an euch um Rat. Die Sozialdemokraten wurden unruhig und antworteten, dass sie die Frage des Aufstands nicht ohne eine besondere Konferenz entscheiden könnten. Die Matrosen gaben ihnen zu verstehen, dass die Sache keinen Aufschub dulde, dass schon alles bereit sei und dass, wenn sie keine klare Antwort von den Sozialdemokraten bekämen und die Sozialdemokraten die Führung des Aufstands nicht übernähmen, die Sache schief gehen könne. Die Matrosen und Soldaten entfernten sich in Erwartung von Direktiven, die Sozialdemokraten aber beriefen eine Konferenz ein, um die Frage zu beraten. Man nahm den ersten Band des „Kapitals“, man nahm den zweiten Band des „Kapitals“, man nahm schließlich den dritten Band des „Kapitals“. Man sucht Hinweise auf die Krim, Sewastopol, auf einen Aufstand in der Krim. Aber kein einziger, buchstäblich kein einziger Hinweis findet sich in den drei Bänden des „Kapitals“, weder auf Sewastopol noch auf die Krim, noch auf einen Aufstand der Matrosen und Soldaten. (Heiterkeit.) Man blättert in anderen Werken von Marx und Engels, sucht nach Hinweisen, aber alles vergebens - kein einziger Hinweis ist zu finden. (Heiterkeit.) Was nun? Die Matrosen sind aber bereits da und warten auf Antwort. Und was geschah? Die Sozialdemokraten mussten zugeben, dass sie bei einer solchen Sachlage nicht imstande wären, den Matrosen und Soldaten irgendwelche Anweisungen zu geben. „Auf diese Weise scheiterte der Aufstand der Flotte und der Infanterie“, schloss der schwedische Genosse seine Erzählung. (Heiterkeit.)

Zweifellos enthält diese Erzählung starke Übertreibungen. Aber nicht zu bezweifeln ist auch, dass diese Erzählung recht gut die Hauptkrankheit der Sinowjewschen Manier des Zitierens von Marx und Engels trifft.

3. Die dritte Tatsache. Es handelt sich um Zitate aus den Werken Lenin s. Was hat Sinowjew nicht alles angestellt, um einen ganzen Berg aus dem Zusammenhang gerissener Zitate aus Lenin s Werken zusammenzutragen und die Hörer „zu verblüffen“. Sinowjew glaubt offenbar, je mehr Zitate, desto besser, wobei er wenig berücksichtigt, was die Zitate besagen und was aus ihnen folgt. Und wenn man sich dann in diese Zitate vertieft, so wird man unschwer erkennen, dass Sinowjew kein einziges Zitat aus Lenin s Werken angeführt hat, das auch nur im Geringsten für den jetzigen Kapitulantenstandpunkt des Oppositionsblocks spricht. Man muss feststellen, dass Sinowjew aus irgendeinem Grunde eins der grundlegenden Zitate aus Lenin nicht angeführt hat, das Zitat, das besagt, dass die Lösung des „ökonomischen Problems“ der Diktatur, der Sieg des Proletariats der UdSSR bei der Lösung dieses Problems, als gesichert anzusehen ist.

Sinowjew führte ein Zitat aus Lenin s Schrift „Über das Genossenschaftswesen“ an, in dem es heißt, dass wir in der UdSSR alles haben, was notwendig und hinreichend ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten. Er hat aber nicht den geringsten Versuch gemacht, wenn auch nur andeutungsweise die Frage zu stellen, was sich aus diesem Zitat ergibt und für wen es spricht, für den Oppositionsblock oder für die KPdSU(B).

Sinowjew versuchte zu beweisen, dass der Sieg des sozialistischen Aufbaus in unserem Lande unmöglich sei, führte aber als Beweis für diese These Zitate aus Lenin s Werken an, die Sinowjews These vollkommen umstoßen.

Hier zum Beispiel eins dieser Zitate:

„Ich habe schon mehr als einmal gesagt: Im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern hatten es die Rußen leichter, die große proletarische Revolution zu beginnen, es wird ihnen aber schwerer werden, sie fortzusetzen und bis zum endgültigen Sieg im Sinne der vollständigen Organisierung der sozialistischen Gesellschaft durchzuführen.“ (Siehe Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 29, S. 284 [deutsch in „Ausgewählte Werke“ in zwei Bänden, Bd. II, S. 552].)

Sinowjew hat nicht einmal überlegt, dass dieses Zitat nicht für den Oppositionsblock spricht, sondern für die Partei, denn in diesem Zitat ist nicht die Rede von der Unmöglichkeit der Errichtung des Sozialismus in der UdSSR, sondern von den Schwierigkeiten seiner Errichtung, wobei die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in der UdSSR in diesem Zitat als etwas Selbstverständliches anerkannt wird. Die Partei hat immer gesagt, dass es in der UdSSR leichter sein werde als in den westeuropäischen kapitalistischen Ländern, die Revolution zu beginnen, aber schwerer, den Sozialismus zu errichten. Ist die Anerkennung dieser Tatsache etwa gleichbedeutend mit der Verneinung der Möglichkeit, den Sozialismus in der UdSSR zu errichten? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Aus dieser Tatsache ergibt sich nur die Schlussfolgerung, dass die Errichtung des Sozialismus in der UdSSR durchaus möglich und notwendig ist, trotz der Schwierigkeiten.

Fragt sich nur: Zu welchem Zweck brauchte Sinowjew solche Zitate? Offenbar zu dem Zweck, die Hörer durch einen Berg von Zitaten zu „verblüffen“ und Verwirrung zu stiften. (Heiterkeit.)

Jetzt ist jedoch, denke ich, klar, dass Sinowjew sein Ziel nicht erreicht hat und dass seine mehr als lächerliche Manier, die Klassiker des Marxismus zu zitieren, ihn auf die eindeutigste Weise hereingelegt hat.

7. Der Revisionismus nach Sinowjew

Schließlich einige Worte über die Sinowjewsche Auslegung des Begriffs „Revisionismus“. Nach Sinowjew wäre jede Verbesserung, jede Präzisierung der alten Formeln oder einzelner Lehrsätze von Marx oder Engels, umso mehr aber ihre Ersetzung durch andere, den neuen Bedingungen entsprechende Formeln, Revisionismus. Es fragt sich, weshalb? Ist denn der Marxismus nicht eine Wissenschaft, und entwickelt sich die Wissenschaft nicht, indem sie sich durch neue Erfahrungen bereichert und die alten Formeln verbessert? Da nun aber „Revision“ „Überprüfung“ bedeutet, eine Verbesserung und Präzisierung der alten Formeln jedoch nicht ohne eine gewisse Überprüfung dieser Formeln vorgenommen werden kann, so wäre also jede Präzisierung und Verbesserung der alten Formeln, jede Bereicherung des Marxismus durch neue Erfahrungen und neue Formeln Revisionismus. Das alles ist natürlich lächerlich. Was kann man aber tun, wenn Sinowjew sich selbst lächerlich macht und sich dabei noch einbildet, einen Kampf gegen den Revisionismus zu führen?

Hatte zum Beispiel Stalin das Recht, seine eigene Formel vom Sieg des Sozialismus in einem Lande (1924) in voller Übereinstimmung mit den Hinweisen und der Grundlinie des Lenin ismus abzuändern und zu präzisieren? Nach Sinowjew hatte er dazu kein Recht. Weshalb? Weil die Änderung und Präzisierung der alten Formel eine Überprüfung dieser Formel ist, Überprüfung aber im Deutschen mit Revision gleichbedeutend ist. Ist es da nicht klar, dass Stalin in Revisionismus verfallen ist?

Danach hätten wir also ein neues, ein Sinowjewsches Kriterium des Revisionismus, das den marxistischen Gedanken, will man nicht des Revisionismus beschuldigt werden, zu völliger Erstarrung verurteilt.

Wenn Marx beispielsweise Mitte des vorigen Jahrhunderts sagte, dass bei aufsteigender Linie der Entwicklung des Kapitalismus der Sieg des Sozialismus innerhalb der nationalen Wände unmöglich ist, Lenin aber im fünfzehnten Jahr des 20. Jahrhunderts erklärte, dass bei absteigender Linie der Entwicklung des Kapitalismus, unter den Bedingungen des sterbenden Kapitalismus, ein solcher Sieg möglich ist, so würde daraus folgen, dass Lenin in Bezug auf Marx in Revisionismus verfallen ist.

Wenn Marx beispielsweise Mitte des vorigen Jahrhunderts sagte, dass eine sozialistische „Umwälzung der national-ökonomischen Verhältnisse in jedem Lande des europäischen Kontinents, auf dem gesamten europäischen Kontinente ohne England, der Sturm in einem Glase Wasser ist“[27], Engels dagegen unter Berücksichtigung der neuen Erfahrungen des Klassenkampfes in der Folge diese These änderte und erklärte, dass die sozialistische Revolution „der Franzose anfangen und der Deutsche zu Ende führen werde“, so würde daraus folgen, dass Engels in Bezug auf Marx in Revisionismus verfallen ist.

Wenn Engels sagte, dass der Franzose die sozialistische Revolution anfangen und der Deutsche sie zu Ende führen werde, Lenin dagegen unter Berücksichtigung der Erfahrungen des Sieges der Revolution in der UdSSR diese Formel änderte, sie durch eine andere ersetzte und erklärte, dass der Russe die sozialistische Revolution angefangen hat und der Deutsche, der Franzose, der Engländer sie zu Ende führen werden, so würde daraus folgen, dass Lenin in Bezug auf Engels und noch mehr in Bezug auf Marx in Revisionismus verfallen ist.

Lenin schreibt zum Beispiel dazu folgendes:

„Die großen Begründer des Sozialismus, Marx und Engels, die im Laufe einer Reihe von Jahrzehnten die Entwicklung der Arbeiterbewegung und das Anwachsen der sozialistischen Weltrevolution beobachteten, sahen klar, dass der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus lange Geburtswehen, eine lange Periode der Diktatur des Proletariats, das Zerschlagen der ganzen alten Ordnung, die erbarmungslose Vernichtung aller Formen des Kapitalismus, das Zusammenwirken der Arbeiter aller Länder erfordert, die alle ihre Anstrengungen vereinigen müssen, um den endgültigen Sieg davonzutragen. Und sie haben erklärt, dass am Ende des 19. Jahrhunderts ‚der Franzose anfangen und der Deutsche das Werk zu Ende führen werde’. Der Franzose werde den Anfang machen, weil er im Laufe von Jahrzehnten der Revolution in sich jene heldenhafte Initiative in der revolutionären Aktion entwickelte, die ihn zum Vortrupp der sozialistischen Revolution gemacht hat.

Wir sehen jetzt eine andere Kombination der Kräfte des internationalen Sozialismus. Wir sagen, dass die Bewegung am leichtesten in den Ländern anfangen kann, die nicht zu den Ausbeuterländern, denen es leichter ist zu rauben und die imstande sind, die Oberschicht ihrer Arbeiter zu bestechen, gehören... Die Dinge sind anders gekommen, als Marx und Engels erwartet haben. Uns, den russischen Werktätigen und ausgebeuteten Klassen, ist die ehrenvolle Rolle des Vortrupps der internationalen sozialistischen Revolution zugefallen, und wir sehen jetzt ganz klar, wie weit die Entwicklung der Revolution gehen wird. Der Russe hat den Anfang gemacht, der Deutsche, der Franzose, der Engländer werden das Werk zu Ende führen, und der Sozialismus wird den Sieg davontragen.“ (Siehe Lenin , 4. Ausgabe, Bd. 26, S. 428/429, russ.)

Sie sehen, dass Lenin hier Engels und Marx direkt „überprüft“ und somit, nach Sinowjew, in „Revisionismus“ verfällt.

Wenn zum Beispiel Engels und Marx die Pariser Kommune, die bekanntlich von zwei Parteien geführt wurde, von denen keine eine marxistische Partei war, als Diktatur des Proletariats definierten, Lenin aber unter Berücksichtigung der neuen Erfahrungen des Klassenkampfes unter den Bedingungen des Imperialismus später erklärte, dass eine einigermaßen entwickelte Diktatur des Proletariats nur verwirklicht werden kann, wenn eine Partei, die Partei des Marxismus, die Führung hat, so würde daraus folgen, dass Lenin in Bezug auf Marx und Engels in offenen „Revisionismus“ verfallen ist.

Wenn Lenin in der Periode vor dem imperialistischen Krieg sagte, dass die Föderation ein unannehmbarer Typus der Staatsordnung ist, im Jahre 1917 aber unter Berücksichtigung der neuen Erfahrungen aus dem Kampf des Proletariats diese Formel abänderte, sie überprüfte und erklärte, dass die Föderation der zweckmäßige Typus der Staatsordnung beim Übergang zum Sozialismus ist, so würde daraus folgen, dass Lenin in Bezug auf sich selbst und auf den Lenin ismus in „Revisionismus“ verfallen ist.

Und so weiter und so fort.

Nach Sinowjew darf sich also der Marxismus nicht durch neue Erfahrungen bereichern, ist jede Verbesserung einzelner Lehrsätze und Formeln des einen oder des anderen Klassikers des Marxismus gleichbedeutend mit Revisionismus.

Was ist der Marxismus? Der Marxismus ist eine Wissenschaft. Kann der Marxismus als Wissenschaft erhalten bleiben und sich entwickeln, wenn er sich nicht durch die neuen Erfahrungen des Klassenkampfes des Proletariats bereichert, wenn er diese Erfahrungen nicht vom Standpunkt des Marxismus, unter dem Gesichtswinkel der marxistischen Methode verarbeitet? Es ist klar, dass er das nicht kann.

Ist es danach nicht klar, dass der Marxismus eine Verbesserung und Bereicherung der alten Formeln unter Berücksichtigung der neuen Erfahrungen bei Aufrechterhaltung des Standpunkts des Marxismus, bei Aufrechterhaltung seiner Methode erfordert, während Sinowjew das Gegenteil tut, sich an den Buchstaben klammert und den Standpunkt des Marxismus, seine Methode durch den Buchstaben einzelner Lehrsätze ersetzt.

Was kann es Gemeinsames geben zwischen dem wirklichen Marxismus und der Ersetzung der Grundlinie des Marxismus durch den Buchstaben einzelner Formeln und durch Zitate aus einzelnen Lehrsätzen des Marxismus?

Kann man etwa daran zweifeln, dass das kein Marxismus, sondern eine Karikatur auf den Marxismus ist?

Marx und Engels hatten gerade solche „Marxisten“ wie Sinowjew im Auge, als sie sagten: „Unsere Lehre ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“

Es ist Sinowjews Pech, dass er Sinn und Bedeutung dieser Worte von Marx und Engels nicht begreift.

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